40 Jahre Überraschungsei: Ein deutsches Kulturgut.

Zu diesem Thema gibt es zeitgleich auch den Podcast. Ausser einer kleinen, persönlichen Anekdote gehe ich genauer auf die Phänomene rund um das Ü-Ei-Sammeln ein.

Spannung, Spiel und Schokolade! Die Idee von Michele Ferrero, billiges Spielzeug in Kinderschokolade-Eier zu hüllen, hat zu einer ganzen Subkultur von Sammlern geführt. Obwohl der Verband der Briefmarkensammler immer noch eine Million Philatelisten in Deutschland vermutet, könnten die kleinen Plastikfiguren die Briefmarken bereits überholt haben. Denn 300.000 Männer und Frauen wiegen, schütteln und klopfen rituell in Supermärkten die neuesten Lieferungen Kinderüberraschung ab, um außer an 30 Gramm Kinderschokolade auch an die begehrten Figuren zu kommen.

Der wichtigste Katalog, der Ü-Ei-A, erscheint jährlich und verkauft für € 19,90 zehntausende Exemplare, denn man muss auf dem Laufenden bleiben, gibt es außer mehr als 200 Serien mit jeweils 10 Figuren einerseits viele Fälschungen und andererseits die begehrten Fehler-Exemplare.

Ein „Nachtwächter-Schlumpf“ mit weißer Farbe auf dunkelblauem Grund ist die gesuchteste aller Figuren, da sie weniger als zehn Mal gesichtet wurde und hat einen steilen Katalogwert von € 12.000,- Aber es gibt auch legendäre Pumuckls, Pinocchios, Happy Hippos, Drolly Dinos, Tapsy Törtels oder Funny Fanten. Da kann so ein Flohmarktbesuch schon zur Jagd auf verlorene Schätze werden und der Sammler zum Indiana Jones.

So umfangreich ist mittlerweile die Zahl der Figuren und die Menge an Varianten, dass sogar eine eigene Software zum Verwalten der eigenen Kostbarkeiten auf dem Markt ist und sich – außerhalb der ca. 70 Ü-Ei-Börsen im Jahr – Dutzende von Webseiten dem schwunghaften Handel mit dem Kunststoffspielzeug widmen.

Ferrero weiß um seine Stammkunden und belohnt Deutschland mit vier bis fünf Serien jährlich, während andere Sammlernationen wie Japan, Holland, Russland oder die Schweiz nur zweimal im Jahr mit Nachschub versorgt werden.

 

Ferdi Fallobst & Neros Lastenwagen
Zum Zeitpunkt der Recherche (14.8.2014) waren sowohl “Ferdi Fallobst” (links) als auch “Neros Lastenwagen” (rechts) auf eBay für jeweils € 2499,- im Angebot.

Warum sammeln aber die Deutschen so besonders gerne? Ist das einfach ein Relikt aus der Zeit der Jäger und Sammler? Sind die Crazy Cocos ein Hortgut, ein Geldersatz in Zeiten des bargeldlosen Zahlungsverkehrs?

Fragen wir also, wie es sich als Bildungsbürger gehört, erst einmal Sigmund Freud. Der leidenschaftliche Sammler, heißt es da, ist ein Analcharakter. Er ist sozusagen noch in einer Entwicklungsphase seiner Psyche stecken geblieben, wo der Mensch Lust verspürt am Zurückhalten des Stuhlgangs. Hmm. Ratlosigkeit. Ich erlebe bei den meisten Haushalten die Toilette nicht als zugiges Plumpsklo, sondern für viele Familienmitglieder als den abschließbaren Rückzugspunkt vom Trubel des Familenlebens. Oft findet sich die bessere Literatur – auf jeden Fall die wirklich gelesene – auf dem WC und nicht im Wohnzimmerregal.

Ich vermute drei andere Motive, die erklären könnten, warum sich auffallend gut genährte Exemplare unserer Mitbürger die Wochenenden mit dem Handel und dem Fachgespräch über kleinteiliges Spielzeug um die Ohren hauen.

Werte schaffen.
Es ist heute, bei den breiten Produktpaletten von Amazon und Co., sowie in Kaufhäusern und Spezialgeschäften, völlig unmöglich, intuitiv zu verstehen, welcher Artikel welchen Wert besitzt. Vom Nutzwert völlig gleiche Produkte, wie z.B. Seifen oder Schokoladen liegen in so vielen Preislagen vor, dass niemand erklären kann, wie das Preis-Leistungs-Verhältnis de facto gestaltet ist. Wir alle haben – aus gutem Grund – das Gefühl oft für die Gestaltung der Verpackung oder das Image einer Marke zu zahlen, aber nicht für den reellen Nutzen. Für die kleine Welt der Ü-Ei-Figuren aber liegen verlässliche Tabellen vor, die die Grundlage des Handelns sind. Das, was uns einst als Kindern so wichtig war, ist somit wertvoller, als die Produkte, die wir erwerben müssen, ohne zu wissen, wofür wir unser Geld – unsere Arbeitszeit – ausgeben.

Ordnung schaffen.
Gibt es eine besondere deutsche Sehnsucht der Deutschen an der Ordnung? Auf jeden Fall gibt es nirgends so viele Museen, Sammlungen, Ausstellungen, Ausstellungsvitrinen, Privatmuseen und Kataloge wie bei uns. Sammeln macht Ordnung in das empfundene Chaos des Lebens. Sammeln folgt einem übersichtlichen Satz an Regeln, schafft bewältigbare Aufgaben und ist schlüssig zu erklären. Sammeln ist ein Schutzverhalten, das oft darin mündet, dass das Sammelgut als beseelt empfunden wird. Wie Amulette, Bilder, Skulpturen oder gar Reliquien lassen Pumuckls und Hippos diese Übertragungsleistung ohne Hemmschwellen zu.

Status schaffen.
Wenn sich Menschen treffen, um zu handeln, hat dies immer auch eine soziale Funktion. Es ist gar nicht so einfach Millionär, Spitzenpolitiker oder Dschungel-Camp-König zu werden. Vor allem, wenn es der böse Vorgesetzte oder die böse Gesellschaft nicht will. Aber eine Sammlung an Pinky Piggies, Bingo Birds oder Teeny Tapsy Törtels aufzubauen liegt im Bereich des Möglichen. Und dann gar eines der legendären Sammlerstücke zu besitzen, das kann auf so einer Sammelbörse schon für Gesprächsstoff sorgen. Wie das Kuscheltier, an das sich das verängstigte Kleinkind in der Nacht klammert, mildert auch ein Marylin-Monroe-Hippo die Angst vor dem Alleinsein.

 

Ü-Ei-Sammler
Ein Collage aus den ersten Google-Ergebnissen zu “Ü-Ei-Sammler”

Wie im Podcast gesagt, hat für mich der übergewichtige Ü-Ei-Sammler mit seiner Lupe, der so stolz ob seiner Pumuckl-Figur ist, keine tragischen Züge, sondern heldenhafte und schöpferische. Aus Plastikmüll schafft er Status, Ordnung und Werte. Er ist Teil einer Bewegung, die dem Leben Sinn abringt, ein Sisyphos, ein Anti-Zyniker, ein Künstler gar. Ist ja auch kein Wunder, denn nach Sigmund Freud ist der Künstler per se schließlich auch ein Analcharakter, der die kindliche Lust am Verschmieren von Kot mit seinen Farben sublimiert. Prost.

(Wenn dann endlich die Happy-Hippo-Edition mit Sigmund Freud, C.G. Jung, Alf Adler und Konsorten auf den Markt kommt, steige ich auch wieder ein!)

Zwei Randbemerkungen noch:

Pinke Mädcheneier
2012 kamen Extra-Eier für Mädchen auf den Markt, was zu auf- und angeregten Diskussionen führte. Ferrero ließ damals verlautbaren: „Erkenntnisse in der Marktforschung besagen, dass sich Mädchen heutzutage nicht mehr in nur eine Schublade stecken lassen. Pink und Ponyhof sind ihnen genau so wichtig wie Fußball und Frauenpower“. Nun solle genau diese Bandbreite abgedeckt werden, um „Mädchen mädchengerecht anzusprechen und deren Individualität zu förden.“ Die Emma reagierte darauf mit: „Rosa macht Mädchen dümmer. Zum Wohl ihrer Profitraten vermüllt die Pink-Industrie den kleinen Mädchen das Gehirn. Heraus kommen Prinzessinnen, die nur eins im Kopf haben: Konsum.“

Die meisten Menschen reagierten darauf eher mit einem „Viel heiße Luft um nichts.“ Die Mädchen könnten sich ja frei entscheiden, welches Ei sie kaufen wollten, oder?

Der Haken ist aber, wie schon Antje Schrupp damals bloggte, dass Jungs genau diese freie Wahl nicht haben. Es handelt sich also um einen pinken Warnaufkleber.
Mal ehrlich: Wenn die Tochter sich für das Nicht-Pink-Ei entscheidet, ist das für alle im Supermarkt o.k. Soll sie halt Bagger basteln oder Rennautos! Aber wenn der Bub zielsicher zur rosa Edition mit dem Feen-Geglitzer greift, ist das seltsam, oder?

Macht dies das Problem am Rumgendern im Süsswaren- und Spielzeugangebot deutlich?

Und natürlich: Die ganzen Feen, Ringe und das pinke Gedöns dient nicht der Förderung der Mädchen-Psyche, sondern alleine den Umsätzen in Zeiten des demographischen Wandels. Jede Wette, dass das Ergebnis der zitierten Marktforschung einfach ist, dass viel mehr Jungs als Mädchen Überraschungseier mögen. So einfach.

Ü-Ei-Website

Die Kinder-Überraschungs-Website
„Wir sind der Meinung, dass Kinder unter 12 Jahren generell nur in Begleitung ihrer Eltern Zugang zu Werbung erhalten sollten.“ Wie bitte? Könntest Du das noch einmal wiederholen, Website? „Wir sind der Meinung, dass Kinder unter 12 Jahren generell nur in Begleitung ihrer Eltern Zugang zu Werbung erhalten sollten.“ Tatsächlich.

Liebe Familie Ferrero! Das Geschäftsmodell der Ü-Eier fällt in den Bereich, den man im Marketing „Quengelware“ nennt. Ein nicht unbeträchtlicher Anteil eures Umsatzes basiert auf entnervten Eltern, die einen Heulkrampf vor der Supermarktkasse verhindern wollen. Das wisst ihr, oder? Und dass eure Fernsehspots vor 20:00 Uhr laufen und mit Zeichentrick und drolliger Sprache genau für die Unter-Zwölf-Jährigen gestaltet sind auch, oder? Der korrekte moraltheoretische Begriff in diesem Zusammenhang ist „Heuchlerei“.

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