Man nehme 500 gr Nachgeburt…

Unlängst stiess ich auf ein Buch mit dem Namen „25 Placenta Recipes“. In der Hoffnung, auf ein Meisterwerk angelsächsischer Satire zu stoßen, habe ich auf Amazon den „Look Inside“ angeklickt. Bald stellte sich heraus, dass es eine bierernste Rezeptsammlung war. Vorgeschlagene Zubereitungsarten wären Plazenta-Geschnetzeltes, Plazenta-Kebab, ein Chilli, ein Curry, ein Hackbraten, eine Spaghettisauce, Tacos, Fajitas und besonders feinschmecklerisch “Plazenta Bourgignon”. Guten Apettit, kann ich nur sagen.

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Eine menschliche Plazenta.

Der Mythos um diesen Teil der Gebärmutter ist, wie jemand ausgerechnet auf dem etwas altmodischen Börsenportal „Avira“ im Forum erklärt:

„Wenn die Frauen die Plazenta essen, sind sie energiegeladen, stehen am selben Tage auf, machen ihre Hausarbeit, sind äußerst rege. Ebenso scheint die Milchbildung angeregt zu werden.“

(Lieber User DSM2005: Hör’ auf mit Aktien zu spielen und hilf’ Deiner Frau den Urinstein in der Toilette abzukratzen!)

Woher kommt das? Stimmt das? Ist die Plazenta voller Vitamine und Hormone, wie es heißt? Für die Nachgeburtsküche sprechen tatsächlich eine Reihe von Argumenten:

  1. Die Plazenta reichert keine Schwermetalle oder Giftstoffe an, die sich nicht vorher schon im Kreislauf der Mutter befanden.
  2. Kein menschliches Organ ist zarter, besitzt also eine geringere Konzentration an straffem Bindegewebe.
  3. Sie produziert während der Schwangerschaft vor allem drei Hormone: Choriongonadotropin, Progesteron und Plazentalaktogen. Nummer eins sorgt überhaupt erst für den Aufbau eines Mutterkuchens, zwei kennt man von der Antibabypille, Progesteron sorgt vor allem dafür den Körper von der Menstruation abzuhalten und Nummer drei ist verantwortlich dafür die Brüste auf’s Stillen vorzubereiten. Das erstgenannte Hormon wird aber zum Ende der Schwangerschaft nicht mehr gebildet und dürfte auch nicht enthalten sein.
  4. Aber die Vitamine! Was die Plazenta überdurchschnittlich an Vitaminen aufweist ist Vitamin B7 oder Biotin. Dieses Vitamin spielt eine wichtige Rolle für den Kohlenhydrat-, den Eiweiß- und den Fettstoffwechsel. Es wird zum Teil im Körper gebildet und muss zum Teil zugeführt werden. Eine Mangelerkrankung ist gefährlich, aber auch äußerst selten. Wenn man übrigens als Mann seinen B7-Haushalt aufbessern wollte, sollte man entweder eine schöne Scheibe der eigenen Leber essen, oder aber einfach auf die eigenen Fäkalien zurückgreifen. Da Biotion von Bakterien im Darm gebildet wird, ist das ein heisser Tipp.

Tscha, das erklärt alles nicht den magischen Muntermacheffekt. Oder kommt der einfach vom Protein? Oder weil 500 Gramm Eigenfleisch halt auch ordentlich Kalorien mit sich bringen? Das wissenschaftliche Fazit wäre meiner unwissenschaftlichen Recherche zufolge am ehesten: Einige der Wirkungen sind vorstellbar, andere nicht. Eine ungesunde Ernährung ist es aber wohl nicht.

Nun zum gastronomischen Teil: Die Plazenta schaut aus wie auf dem obigen Foto, hat am ehesten die Konsistenz von Leber und muss noch ein bisschen behandelt werden. Zum Beispiel muss man die Nabelschnur entfernen und eventuelle Verkalkungen entfernen. Erst dann darf man sein eigenes Organ fröhlich häckseln und in der Pfanne brutzeln lassen. Dieses Gruselvideo erklärt das ganz hübsch:

Zugegeben: Ich finde das Ganze eklig. Zu grübeln gibt mir auch, dass die Plazenta ja nicht nur ein Organ der Mutter ist, sondern ebenso aus Gewebe des gerade geborenen Babys besteht. Aber Ekel ist ein sehr kulturspezifisches, hochgradig individuelles und ziemlich diffuses Gefühl. Moralisch oder ernährungstechnisch scheint nichts dagegen zu sprechen, auch wenn ich die Erhitzung für ein Problem halte. Will man wirklich an die volle Power von Hormonen und Vitaminen kommen, scheint mir der in den USA wohl üblichere Plazenta-Smoothie sinnvoller. Hier also ein einfaches Rezept:

Vanille-Mutterkuchen-Smoothie

1 Becher Joghurt
1 Banane
3 frische Erdbeeren
Eine Tüte Vanillezucker
100 Gramm Plazenta
Ein paar Tropfen Honig

Einfach alles in den Mixer geben und trinken! Prost!
(Das war das seltsamste Rezept, das ich je geschrieben habe…)

Links:
Das erwähnte Buch. Leider nur für Kindle erhältlich: 25 Placenta Recipes – Easy and Delicious recipes for cooking with placenta!

 

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