Das älteste Kino der Welt & der Explikator

Gabriel Theater München
Photo von der Website des Gabriel-Theaters

In meinem Viertel gibt es eine Einrichtung, auf die ich schon ein bisserl stolz bin: Das älteste, noch existierende Kino der Welt, nämlich das Gabriel Filmtheater! Am 21. April 1907 wurde es als “The American Bio-Cie – Carl Gabriels Theater lebender Bilder“ eröffnet. Die Wiedergabe von Filmen in Orten Schaubuden und Cafés war erst kurz zuvor, nämlich 1895, durch eine Erfindung der Gebrüder Lumière möglich geworden – dem ‘Réversible’. Dieses Gerät war ein erschwinglicheres Modell ihres Cinematographen und erlaubte sowohl Aufnahme als auch Wiedergabe.

Gezeigt wurden im Gabriel zu dieser Zeit die üblichen Kurzfilme in ewiger Rotation. Der Eintritt betrug nur ein paar Pfennige und es gab Wurstsemmeln und Schokolade zu kaufen. Praktischerweise befand sich ein Korb an der Rückenlehne des Vordersitzes, so daß die Gäste die nebenan erworbene Maß Bier bequem abstellen konnten.


“L’arrivée d’un train en gare de La Ciotat”

Heute, im Zeitalter von THX Surround und 3D, mag man es sich nicht mehr so richtig vorstellen können, aber auch das Betrachten von bewegten Bildern ist eine zu erwerbende Kulturtechnik. Das ungeübten Publikum des berühmten “L’arrivée d’un train en gare de La Ciotat” (siehe oben) war so erschrocken, dass es regelmäßig zu Angstschreien und diversen Fluchtreaktionen kam. Na ja, so lautet jedenfalls ein alter Gründungsmythos des Kinos. Doch schwer beindruckt waren die Betrachter wohl schon, denn Carl Gabriel eröffnete bald zwei weitere seinerKinos in München.

Mit ein Geheimnis des Erfolgs mag auch der Explikator gewesen sein. Das war eine Art von Conferencier, der dem Publikum noch einmal in Worten beschrieb, was es da auf der Leinwand zu sehen gab, später Dialogtexte sprach und als Claquer und Zwischenrufer für die richtige Stimmung sorgte.
In meine Jugend aber war das “Neue Gabriel”, wie es damals firmierte, aber deutlich auf den Hund gekommen und nur noch eines der Pornokinos, wie sie in allen Städten in der Zeit vor YouPorn um die Hauptbahnhöfe wucherten. Hans Walter Büche, der in der dritten Generation diesen Familienbetrieb führte, ist es zu verdanken, dass ab 1993 diese Episode ein Ende fand. Zu verdanken ist das zum Teil auch dem großen Erfolg von ‘Forrest Gump’. Jetzt zeigt das Gabriel in der Regel die anspruchsvollere Seite des Mainstreams und kann sich so noch der Konkurrenz der Innenstadt-Multiplexe erwehren. Das Bier gibt’s hier immer noch im Glas und hat man zehn Vorführungen auf seiner Stempelkarte gesammelt, gibt’s die elfte umsonst! Also, Münchner, geht in unsere alten Kinos und nicht ins Matthäser oder ins Cinemaxx!
Ach ja, zum Schluß noch etwas: Dem ausgestorbenen Berufsstand des Explikators sind diese Seiten gewidmet. Mögen sie eine ähnliche Funktion erfüllen, nämlich informieren und unterhalten. Prost!

Link zu der Homepage des ältesten Kinos der Welt: Gabriel Filmtheater
Link zu einem Artikel über’s Gabriel in der SZ: “Das älteste Kino der Welt”
Spiegel-Artikel von Hellmuth Karasek zu “L’arrivée d’un train en gare de La Ciotat”: “Lokomotive der Gefühle”

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