Das Märchen von der Gluten-Unverträglichkeit

Glutenfrei-Sticker
Sollten Sie im Laden auf einen dieser Sticker stoßen und nicht an Zöliakie leiden, dann können Sie unbesorgt auf die billigere Alternative mit Geschmack ausweichen.

Glutenfreie Lebensmittel sind auch bei uns im Vormarsch. In den USA geben bereits 30% der Verbraucher an, sie wollten sich gerne glutenfrei ernähren – so wie Gwyneth Paltrow, Lady Gaga, Miley Cyrus es schon tun, die diese Ernährungsform für die ultimative und gesunde Diät halten. Warum ist das so?

Vorab erst einmal ein paar Definitionen. Fangen wir mit Gluten ein, einer lateinischen Vokabel, die römische Zimmerleute verwendeten, wenn sie wollten, dass ihnen der Lehrling den Leim reicht. Wir meinen damit aber ein Stoffgemisch, das hauptsächlich aus zwei Proteinen besteht und in Weizen, Roggen und Dinkel natürlich vorkommt. Im Mehl verbindet es sich beim Kneten und unter Wasserzugabe zu langen, extrem dehnbaren Eiweißketten. Wenn nun Backtriebmittel wie Hefe, Sauerteig oder Backpulver ihre Arbeit tun und Kohlenstoffdioxid produzieren, kann das Klebereiweiß Blasen darum bilden und der Teig wird locker, sprich das Brot ist kein hartes Brett, sondern hat eine luftige Krume. (Ich hab’ auf einmal Hunger…)

Zweite Definition: Die Gluten-Unverträglichkeit aus der Überschrift. Es gibt eine seltene, genetische Veranlagung, die Zöliakie heisst. Sie ist bestens erforscht und nachgewiesen und bewirkt, dass der Körper auf Gluten mit einer chronischen Entzündung der Darmschleimhaut reagiert. Menschen, die davon betroffen sind, müssen ihr Leben lang diesen Stoff meiden, denn die Symptome können im schlimmsten Fall lebensbedrohlich sein. Wieviele Menschen davon betroffen sind, ist ziemlich unklar, die Quellen sind hier sehr schwankend, die Deutsche Zöliakie-Gesellschaft gibt einen Wert von 1:200 an, also immerhin 0,5%.

Auch gibt es eine echte Weizen-Allergie, die noch seltener vorkommt als die Zöliakie. Das darf man nicht verwechseln, denn der Allergiker kann ja durchaus Roggenbrot essen, reagiert aber auf die restlichen Weizeneiweiße, die auch in glutenfreien Lebensmitteln stecken. Es ist eine komplizierte Welt!

Bleibt als drittes die umgangssprachliche Gluten-Unverträglichkeit oder idiopathische Glutensensitivität. Mittlerweile setzt sich hier die aus den USA stammende Abkürzung NCGS durch, übersetzt Nicht-Zöliakie-bedingte Glutensensitivität.

Die Diagnose geht so: Der Patient klagt über bestimmte Symptome, hauptsächlich Blähungen, Unwohlsein aber auch Kopfschmerz, wird auf eine glutenfreie Ernährung umgestellt und es geht ihm nach eigenen Angaben besser. Kann man nun in weiteren Untersuchungen die Zöliakie ausschliessen, bleibt eben NCGS.

Wobei „idiopathisch“ einfach bedeutet, dass es keine Erklärung für diesen Effekt gibt. Um das zu illustrieren: Sie gehen zum Arzt, weil sie an unerklärlichen Kopfschmerzen leiden. Nach einem Diagnosemarathon kann man alle denbkbaren Erkrankungen ausschliessen. Dann lautet die Diagnose : Idiopathische Zephalgie. Klingt besser als: “Keine Ahnung”, oder?

monash

Die einzige Studie, die immer wieder als Beleg für diese Erkrankung dient, ist von 2011 und stammt von Professor Peter Gibson, Gastroenterologe an der Monash University in Melbourne, Australien. Das Ergebnis dieser Studie ließ ihm aber keine Ruhe, letztendlich war er mit dem Design seiner Untersuchung unzufrieden. Also startete er von vorne!

37 Menschen, die nach eigenem Bekunden alle an NCGS litten und bei denen eine eventuelle Zöliakie ausgeschlossen wurde, bekamen über Wochen zu jeder Mahlzeit ihre Ernährung von der Universität zur Verfügung gestellt. Regelmäßige Stuhl- und Urinproben wurden untersucht. Die Ernährung war ohne Laktose, Zusatzstoffe, FODMAPs oder Konservierungmittel, um Störfaktoren auszuschliessen. Jede Person erhielt eine Woche lang Mahlzeiten ohne jegliches Gluten, eine Woche Mahlzeiten mit zugesetzten 16 Gramm Gluten (hochkonzentriert) und eine Woche mit 4 Gramm Gluten (niedrigkonzentriert). Alle Probanden rotierten durch alle drei Arten von Gluten-Cocktails, keiner wusste vom Einsatz der Placebos.

Alle Probanden klagten bei allen Mahlzeit-Typen über eine Verschlechterung ihrer Symptome und beschrieben auch, wenn sie sich, ohne es zu wissen, glutenfrei ernährten, über Blähungen, Schmerz und Schwindel. Das deutet auf einen sogenannten Nocebo-Effekt hin und veranlasste die Untersucher zum Fazit: „Im Gegensatz zu unserer ersten Studie konnten wir keinerlei spezifischen Reaktionen auf Gluten finden.“

Warum berichten dann soviele Menschen, dass es ihnen ohne Gluten so viel besser geht? Das kann durchaus der Fall sein, denn erstens geht es uns ja immer besser, wenn wir glauben, wir tun etwas Gutes für unseren Körper. Zweitens bedeutet glutenfreie Ernährung auch den Abschied von Tiefkühlpizza, Big Mac und Spaghetti Bolognese, die ja in der urbanen Single-Ernährung wichtig sind. Das hat aber beides zwangsläufig nichts mit Gluten zu tun.

Auch kann man es niemandem verdenken, wenn er sich nach all’ den zum Teil bizarren Lebensmittelskandalen verunsichert fühlt und im Zweifelsfall lieber auf etwas verzichtet. Gluten-FREI, Zucker-FREI, Laktose-FREI – ach, schön diese Freiheit! Und klingt auch besser als „geschmacklos“, „staubtrocken“ oder „doppelt so teuer“.

Gesund und fit zu sein ist in unserer Leistungsgesellschaft eben das oberste Ziel. Eine bewusste Ernährung ist ja schon wichtig, um sich von diesen proletarischen Fast-Food-Essern zu unterscheiden! Mein Körper ist schließlich ein Tempel. Und ich höre nach all’ dem Yoga so gekonnt in mich hinein, dass ein kleiner Pups eben schon besorgniserregend ist. „Morbus Google“ nennen das Ärzte.

Den Trend zur übersensiblen Ernährung hat die Industrie natürlich erkannt. Hatten wir ihr als deutsche Gesellschaft doch gerade verboten, diese teuren und ungesunden Diabetesprodukte zu verkaufen! Ich kann nicht anders, als mir irgendwo in Deutschland einen Club dicker, alter Männer mit Zigarren im Mund und einem uralten Weinbrand in der Hand vorzustellen, die sich aufgrund unserer unerklärten Beschwerden ins Fäustchen lachen. In den USA erwirtschaftete man letztes Jahr schon 10 Milliarden Dollar mit glutenfreien Produkten, denn dort hat es die Werbeindustrie einfacher, dem Verbraucher vorzugaukeln, dass FREI-Produkte einfach immer gesünder sind.

Auch hierzulande kann man schon Mineralwasser, Essig, Öl, Käse oder Schokolade mit „Glutenfrei“-Sticker kaufen. Ist ja auch richtig, denn diese Produkte enthalten mit oder ohne Aufkleber von Haus aus keinen Weizenkleber.

Wer darauf besteht, möglichst fit und damit besser auszubeuten zu sein, muss aber nicht unbedingt bei Gluten, Histaminen, Laktose oder Farbstoffen im Essen beginnen. Vielleicht macht es ja kranker, wenn man ständig mit sich, seinem Körper und seinen Lebensumständen unzufrieden ist? Es kann auch nicht schaden, auf Alkohol, zu viele Tabletten und Zigaretten zu verzichten, alles wissenschaftlich bewiesene Übeltäter für den Körper. Schlafhygiene und regelmäßige Bewegung sind dafür wahrscheinlich ziemlich wichtig. Lässt sich halt leider alles nicht im Supermarkt kaufen, sorry. Und genau das will der imaginäre Club der dicken Männer aber sooo gerne, denn die mögen ihr Geld ganz besonders.

Sollten Sie nach Lektüre dieses Artikels denken: „Aber bei mir hat der Verzicht auf glutenhaltige Lebensmittel so viel gebracht“, dann fühlen Sie sich bitte nicht missverstanden oder gar veräppelt, sondern lassen Sie sich gratulieren. Ich freue mich mit Ihnen, dass es Ihnen nun besser geht. Wirklich. Es gibt durchaus den Reizdarm als Problem heutzutage. Ich glaube bloß nicht, dass Gluten ihr Problem war. Vielleicht waren es aber durchaus andere Wirkstoffe, auf die sie nun auch verzichten. Die FODMAPs z.B. sind noch nicht richtig untersucht.

Links:
Erste Studie von Professor Gibson, die NCGS beweist
Zweite Studie, die obiges Ergebnis korrigiert
Artikel in der NY TImes: Food Industry Wagers Big on Gluten Free
Der Glutenfrei-Supermarkt online: Für glutenfreie Produkte wie Käse, Schokolade oder Essig
Artikel in der Zeit über Lebensmittelunverträglichkeiten: Bauchgrimmen
Artikel auf RealClearScience: Non-Celiac Gluten Sensitivity May Not Exist

 

Flattr this!

6 thoughts on “Das Märchen von der Gluten-Unverträglichkeit

  1. Wenn ich Ihren geschätzten Artikel lese, so tönt es so als es keione Zöliakie oder Glutenunverträglichkeit geben würd.

    1. Waum? Da steht: “Es gibt eine seltene, genetische Veranlagung, die Zöliakie heisst. Menschen, die davon betroffen sind, müssen ihr Leben lang diesen Stoff meiden, denn die Symptome können im schlimmsten Fall lebensbedrohlich sein. Wieviele Menschen davon betroffen sind, ist ziemlich unklar, die Quellen sind hier sehr schwankend, die Deutsche Zöliakie-Gesellschaft gibt einen Wert von 1:200 an, also immerhin 0,5%.”
      Die Deutsche Zöliakie-Gesellschaft ist eine Selbsthilfeorganisation Betroffener und eine Solidargemeinschaft. Trotzdem steht sie auf dem Boden naturwissenschaftlicher Erkenntnis.

  2. Eben drum: Es ist doch sehr wahrscheinlich das man wenn man auf eine ganze Palette von Produkten verzichtet vielleicht auch den Übeltäter dabei hat, der für Bauchgrimmen sorgt. (Wie die genannte Pizza und co)
    Es kann aber auch gut sein, dass wie bei einer angeblichen Laktoseintoleranz es nur die Menge ist, die man zu sich nimmt, die zu Beschwerden führt.

    Wenn ich mein Lieblingseis dreimal am Tag esse, suchen mich auch Zustände heim, die ich mit einer generellen Nahrugsmittelintoleranz beschreiben würde 🙂

    das selbe gilt für andere Lebensmittel die in kleineren Mengen nie ein Problem darstellen. Aber es gibt viele die bei der nächsten Studie wiederum komplett ihr Leben umstellen und von da an eine Aura der Missmutigkeit mit sich herum schleppen.

    Mein Gedankengang dazu ist ja folgender: Sind es die paar Jahre wirklich wert die man mit einer “vermeintlich” gesunden Ernährung länger lebt, wenn sie angefüllt sind von Wut auf alle, die essen was sie wollen?

  3. @ Lukas

    Es geht den wenigsten darum ein paar Jahre länger zu leben, sondern in den meisten Fällen darum, aktuelle beschwerden die hier und jetzt die Lebensqualität verschlechtern zu verringern oder dafür zu sorgen, dass diese ganz verschwinden.

    Die wenigsten Menschen kommen auf die Idee etwas an ihrer Ernährung zu ändern, wenn sie keine gesundheitlichen Beschwerden haben und sie sich wohl, energiegeladen und gesund fühlen.

  4. Ich hatte noch nie von Glutenunverträglichkeit/sensitivität usw. gehört bis ich mir vor lauter belastenden Symptomen (Kopfschmerzen, extreme Müdigkeit, Bauchschmerzen, Herzrythmusstörungen,…) nicht mehr zu helfen wusste. Nach 1 Jahr war ich für eine Woche im Krankenhaus. Ergebnis: nichts! Und ich hatte mich davor nicht von Fast-Food und TK-Ware ernährt, sondern von selbstgebackenem Vollkornbrot und Gemüse.
    Als ich dann von einer Ärztin den Tipp bekam, einmal auf herkömmliches Weizen zu verzichten musste ich Verbesserungen verzeichnen.
    Gerne würde ich das alles als Lug und Trug bezeichnen – wüsste ich einen anderen Weg um auf die genannten Symptome verzichten zu müssen. Welchen Weg schlagen denn Sie in diesem Fall vor?

    1. Das ist nicht alles Lug und Trug. Ärgerlich ist ja nur, dass Gesunde zu der Überzeugung gebracht werden, Gluten sei an und für sich des Teufels.
      Und da gibt es schon etwas in der Bevölkerung. Ärzte diagnostizieren das mit der Ausschlussdiagnose “Reizdarmsyndrom”.
      Doch nicht in allen Fällen ist es eben eine sogenannte Gluten-Unverträglichkeit. Viele Ärzte raten bei diesem RDS zu einer FODMAP-Diät.
      Siehe hier: https://de.wikipedia.org/wiki/FODMAP

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

 verfügbare Zeichen.