Doch noch Priester geworden, Dude!

Dudeismus Priesterweihe Urkunde

Ich wollte Pfarrer werden. Dieser Beschluss hat damals immerhin für ein Semester Theologie gereicht. Um evangelischer Pfarrer zu werden, muss man Theologie studieren. Das Studium umfasst nicht nur das Erlernen von Latein, Hebräisch und Altgriechisch, sondern die fünf Hauptfächer Altes Testament, Neues Testament, Kirchengeschichte, Systematische Theologie und Praktische Theologie. Darauf folgt das Vikariat und der Probedienst. Wer das in acht Jahren schafft, hat sich beeilt.

Die Weihe zum Priester des Dudeismus war deutlich einfacher. In dem einem Textfeld habe ich meinen Namen eingetragen, in ein zweites meine Email-Adresse, dann habe ich ein Captcha dechiffriert und auf „Submit“ geklickt. War spirituell gut zu bewältigen. Die schöne Urkunde oben habe ich dann noch für ein paar Dollar dazu bestellt – hat einen gravierten, goldenen Folienaufkleber! Jetzt darf ich in den USA Menschen verheiraten, taufen oder beerdigen. Denn dort ist der Dudeismus als Religion anerkannt.

Um zu erklären, was für eine Art Religion das ist, muss man Jeff Lebowski kennen. Er ist der Protagonist im Kultfilm „The Big Lebowski“ von 1998, einem Werk der Coen-Brüder. Konstruiert ist der Film wie ein klassischer film noir und handelt episodenhaft an verschiedenen Orten in verschiedenen sozialen Schichten. Und erzählt sich gemütlich so vor sich hin, den Plot zu verstehen wird dabei ähnlich unwichtig wie beim großen Vorbild „The Big Sleep“, 1946 nach einem Roman von Raymond Chandler gedreht.

Obwohl er ursprünglich ein Flop am Boxoffice war, hat dieses Epos mittlerweile schon längst Kultstatus erreicht. Das liegt vor allem am „Dude“ selber. Jeff Bridges spielt diesen Antihelden mit sehr sparsamen Mitteln und mit feiner Komik und ordentlich Selbstironie. Der Dude ist ein Alt-Hippie, völlig muskelfrei, eher mollig, faul und schlampig gekleidet, hat eine etwas heruntergekommene Wohnung, ein kaputtes, altes Auto und keinen festen Job. Er ist faul.

Google-Bildersuche "Dude"
Die ersten Ergebnisse der Google-Bildersuche für “Dude”

Wir haben alle brav gelernt und verinnerlicht, dass es eine ausgemachte Schande ist, faul zu sein. Es gilt, im Leben etwas zu erreichen, Ziele anzuvisieren, Pläne zu haben und für eine gesicherte Existenz vorzusorgen. Der Dude würde dazu sagen: „O.k., das ist aber nur Deine Meinung.“ Er ist das perfekte Symbol einer bescheidenen Zufriedenheit in einer hysterisch-kapitalistischen Leistungsgesellschaft. Eine Scheibe Dude täte den meisten von uns gut. „Dude“ hätte ich früher mit „Typ“ übersetzt, heute gefiele mir wohl „Alter“ besser.

Er verbringt seine Zeit mit einem Joint ab und an, einem Glas „White Russian“, gerne in der Badewanne, wobei er Walgesänge hört. Oder auf der Bowling-Bahn mit seinen Freunden. Alles in gehörigem Maße und in Ruhe, keine Aufregungen oder Exzesse. Damit ist er völlig zufrieden und versucht nicht, dem Leben etwas abzutrotzen oder gar in den Augen anderer Anerkennung zu finden. Tatsächlich kursierte in Zen-Kreisen schon bevor Oliver Benjamin den Dudeismus erfunden hatte, das Bonmot, Jeff Lebowski wäre eine gelungene Darstellung eines klassischen Zen-Meisters. In der Zen-Geschichte gibt es durchaus einige Charaktere vom Typ „tiefenentspannter Rebell“.

Der Dudeismus versucht nun daraus eine Art von Religion zu bauen. Auf der Website der am „langsamsten wachsenden Weltreligion“ sind viele einprägsame Parolen zu finden, wie „Take it easy, don’t try so hard“ oder „Be alive, while you’re alive.“ Dudeismus strebt angeblich ein harmonisches, ausgeglichenes Leben an, indem man „mit dem Strom fliesst“, gelassen bleibt und alles nicht zu ernst nimmt.

Das ist gar keine schlechte Idee und – wenn man etwas tiefer in die Website eintaucht – nicht weit vom guten, alten Taoismus entfernt, dabei angenehmerweise von aller Metaphysik entrümpelt. Viele Menschen empfinden sich und ihre Aktivitäten als ungenügend und haben das Gefühl, sie müssten den Mitmenschen deswegen ständig etwas vorspielen. Mit einem Vorbild wie dem Dude dürfte dieser Druck deutlich nachlassen. Und je älter ich werde, desto mehr habe ich das Gefühl, dass es wirklich einfache Dinge wie z.B. die Badewanne sind, die das Leben lebenswert machen. Es ist auch kein schlechtes Rezept, die eigenen Ansprüche für Zufriedenheit etwas zu verschlanken, dann erreicht man den Zustand vielleicht auch ab und an.

Ist der Dudeismus also eine richtige Religion? Das ist die Gretchenfrage hier und meiner Meinung nach reicht’s nicht so ganz. Ich würde Religion definieren als eine Praxis, die das Verhältnis des Individuums zur Transzendenz zum Inhalt hat. Das fehlt dem Dudeismus völlig. O.k., das ist aber nur meine Meinung.

Auf der anderen Seite ist das Anliegen des Gründers, Oliver Benjamin, eben nicht nur eine satirische Scheinreligion zu sein, wie die „Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters“. In den Interviews mit ihm, die man auf YouTube so findet, macht er einen durchaus aufrichtigen und engagierten Eindruck. Er hat da was für sich entdeckt. Und, wenn wir alle ein bisschen mehr „Dude“ wären und weniger „Walter“, dann wäre die Welt sicher ein bequemerer Platz!

Mir persönlich ist das aber schon wieder zu anstrengend. Dieser Text ist so lang und „-ismen“ mag ich eigentlich eh’ nicht – ich glaube, ich lasse mir erst mal ‘ne Badwanne ein. Relaxthe Dude abides!

 

2 thoughts on “Doch noch Priester geworden, Dude!

    1. Hier der Link: http://dudeism.com/
      Ja, das hat Rechtsgültigkeit. Du kannst Dich bei zahllosen Sekten direkt im Internet ordinieren lassen. Dann darfst Du Heiratsurkunden oder Taufscheine unterschreiben.
      Die nahmen das mit der Glaubensfreiheit vor zweihundert Jahren mal sehr genau in den USA:

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