Verkannte Meisterwerke: Ishtar (1987)

„Ishtar“ ist bei Filmkennern immer noch der Inbegriff einer Produktion, die aus dem Ruder läuft und dann bombt. In den USA ist er, wohl aus Scham aller Beteiligten, immer noch nicht als DVD erhältlich. Im Vergleich zu vielen anderen Hollywood-Komödien der 80er ist er aber gut nachgereift und richtig unterhaltsam.

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Die Handlung

Die Handlung des Films ist, ohne viel zu spoilern, leicht zu umreissen. Lyle Rogers (Warren Beatty) und Chuck Clarke (Dustin Hoffmann) träumen von einer Karriere als Simon & Garfunkel reloaded. Als sie sich kennenlernen, fliegen die kreativen Funken und bald ist ihr erstes Meisterwerk geschrieben. Es heisst ‘Dangerous Business’ und beherbergt in seinen Lyrics Perlen wie diese:

„Telling the truth can be dangerous business; / Honest and popular don’t go hand in hand. / If you admit that you play the accordion, / No one will hire you in a rock ‘n’ roll band.“

Das, was jetzt noch zum Durchbruch fehlt, ist nur ein Agent. Tatsächlich findet sich in Marty Freed (Jack Weston) ein etwas abgehalftertes Exemplar dieser Gattung, das auch gute Tipps bereit hat: „ I’ll tell you what I told Tony Bennett. Sing songs people already know. That way they’ll still have something to applaud.“ Ihm gelingt es für das Duo einen lausig bezahlten Gig in Marokko zu buchen.

In Afrika geht dann alles wild durcheinander und die beiden geraten in die Schusslinien einer Auseinandersetzung zwischen der CIA und einer linken Rebellenfraktion, die um das Schicksal des fiktiven Nachbarlands Ishtar ringen. Auftritt von Shirra Assel (Isabel Adjani), taffe Freiheitskämpferin und begeisterter Fan des unmusikalischen Sängerpaars.

Das klingt noch nicht nach der Champagnerklasse der Comedy, aber die war in den 80ern genauso dünn gesät wie heute. Trotzdem ist ‘Ishtar’ ein richtig unterhaltsamer Film, der zu seiner Zeit einfach falsch rezipiert wurde.

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Die Produktion

Beatty („Heaven can wait“ und „Bonnie + Clyde“) und Hoffmann („Tootsie“ & „Kramer vs. Kramer“) waren Mitte der Achtziger auf der Höhe ihres Ruhms und hatten gerade legendäre Blockbuster abgeliefert. Sie konnten in Hollywood praktisch schalten und walten wie sie nur wollten. Also wurde ein gemeinsames Projekt gestartet, um sich bei der gemeinsamen Freundin Elaine May zu bedanken, die beiden durch Not-Umschreiben von Drehbüchern beträchtlich zum jeweiligen Erfolg verhalf.

Also schrieb sie das Drehbuch zu ‘Ishtar’, das tatsächlich voller witziger Dialoge ist und viele One-Liner versteckt hält, die es verdient hätten, Klassiker geworden zu sein. Kein Meisterwerk, sicher, aber doch überdurchschnittliches Handwerk. Allerdings bestand sie als Regisseurin auch darauf, den Film auch wirklich in Marokko zu drehen und das ist immer ein Problem. Man hätte nur George Lucas (Star Wars) oder Steven Spielberg (Indiana Jones) fragen müssen, deren Projekte hier beinahe gescheitert wären.

Es gibt zahlreiche Anekdoten zu dem nun folgenden Desaster, das zu guter Letzt dazu führte, dass das geplante Budget von 27 Millionen Dollar sich mehr als verdoppelte. (Zum Vergleich: ‘Raiders of the Lost Ark’, also der erste Indiana Jones wurde fünf Jahre vorher für 18 Mio. $ gedreht.) Inflationsangepasst ist das also eine Summe, für die heute ein typischer Marvelfilm gedreht wird und für damals üblichen Investitionssummen eine unvorstellbare Menge Geld.

Nachdem die ersten drei Probescreenings prima gelaufen waren und alle dachten, sie hätten ihren nächsten Blockbuster in der Tasche, setzte Columbia noch eine Riesenwerbetrommel oben drauf. Und tatsächlich war ‘Ishtar’ die geplante Nummer Eins. Doch die Kritiken waren vernichtend und eine Woche später stürzte der Film ab und verdiente in den USA insgesamt nur magere 14 Mio. Dollar. Noch 2014 taucht ‘Ishtar’ in einer Liste der 20 teuersten Flops aller Zeiten in der LA Times auf.

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Der Flop

Was aber war das Problem? Zum einen waren die Gerüchte von der katastrophalen Produktion längst in Hollywood angekommen. Regisseurin May und Produzent Beatty redeten nicht mehr miteinander und die finanziellen Probleme standen in den meisten Reviews absolut im Vordergrund. Kein Karma der Welt hätte gereicht, um das negative Image dieser Komödie noch irgendwie blank zu polieren.

Viel spannender aber ist es zu lesen, dass viele Kritiker einfach den Humor in diesem Film nicht verstanden haben. Heutzutage sind wir an die Geschmacksrichtung namens Fremdschämen gewöhnt, vor dreißig Jahren war das noch zu Avantgarde. Das Wallstreet Journal z.B. beschwerte sich, dass die Hauptdarsteller wohl kein musikalisches Gehör hätten und im New Yorker ergänzte man hämisch, sie bewegten sich mechanisch, phrasierten unmusikalisch und hielten die Tonart nicht.

Tja, das ist eben genau der Witz, sehr geehrte Damen und Herren! ‘Ali G.’ kann gar keine Interviews führen, ‘Napoleon Dynamite’ nicht wirklich gut tanzen und Ricky Gervais im echten „The Office“ kann keinen Witz erzählen. Und das ist lustig – sozusagen geistiger Slapstick.

Ähnlich unverständlich reagierte wohl auch das Publikum; “Ishtar” verschwand 30 Jahre in der Versenkung und niemand in Hollywood wollte darüber reden. Obwohl dieser Film nicht wirklich in meiner persönlichen Top Ten der besten Filme aller Zeiten ist, hätte er doch einen Ehrenplatz in der Riege der besseren 80er Jahre-Komödien verdient. So gut wie ‘Twins’ oder ‘Caddyshack’ ist er allemal, mit ‘Blues Brothers’ oder ‘A Fish called Wanda’ kann er nicht wirklich mithalten.

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