Leb’ wohl, Annik Rubens

Annik Rubens ist wahrscheinlich die allererste Podcasterin in Deutschland gewesen. Zumindest in meiner Wahrnehmung. In zehn Jahren hat sie es mit ihrer Sendung „Schlaflos in München“ auf sagenhafte 673 Folgen geschafft. Dieses „SiM“ war ein sehr persönlicher, privater Podcast. Und hat sicher viel Energie gekostet. Ich veröffentliche meinen Abschiedsbrief an Annik hier im Blog. Erstens, weil es ohne SiM auch den Explikator wahrscheinlich nicht geben würde. Und zweitens für alle, in deren Leben SiM nicht stattgefunden hat. Das tut mir leid für euch – aber so erfahrt ihr etwas über einen der wichtigsten Podcasts in Deutschland. Der mir sehr am Herzen lag. Selbst wenn ich (fast) nie einen Kommentar geschrieben hatte. Bisher.

Liebe Annik Rubens!

Ich habe gerade erfahren, dass Du auf unbestimmte Zeit verreisen willst. Nach Diktat sozusagen. Und „unbestimmt“ könnte heißen, dass ich Dich gar nicht mehr hören werde. Ich habe nicht wirklich alle Folgen SiM gehört, aber doch fast alle. Und ich war schon ganz, ganz früh dabei.

Zu Deinem Entschluß muss ich – ganz egoistisch – sagen, dass mich das schon ganz schön traurig macht. Denn Deine Stimme war 2005 für mich die Verkörperung des Radios der Zukunft. Etwas ganz anderes. Etwas Neues! Etwas Frisches! Damals waren wir im Internet ja alle voller Optimismus und Energie – mittlerweile gibt’s in diesem Netz ja auch einige sehr schattige Seiten. Es war aber sehr aufregend, einen deutschen Podcast zu entdecken!

„Schlaflos in München also. Aha. Moment? Was: München? Aus meiner Heimatstadt? Das muss ich hören!“

Der erste Podcast war zwar gar nicht so richtig schlaflos, denn eigentlich wurde er ja um 10:00 Uhr veröffentlicht. Und die Möglichkeit des zeitversetzten Hörens hat zumindest bei mir dazu geführt, dass ich die jeweils neue Folge SiM nie schlaflos gehört habe. Und ich habe mir das in Deinem Schrank – wo Dein privates Aufnahmestudio war – immer ganz kuschelig vorgestellt.

Was waren das für aufregende Zeiten, oder? Podcasting war 2006 das Internet-Thema in den Medien. Das Radio wurde gleich für tot erklärt. Jeder könne sich nun selbst quasi einen Radiosender basteln. Bald würde sich die Vision von Bertolt Brecht bewahrheiten – jeder sendet, jeder empfängt! Demokratisches Radio! Man kann hören, was einen interessiert! Und, bei einem so privaten Podcast auch: Wer einen interessiert.

Und wie haben sie Dich ‘rumgereicht! Zwischendurch sah’ es so aus, als könnte SiM sogar irgendwann einmal Dein Broterwerb werden – das hattest Du gehofft, oder? Aber dann kamen ja bald schon die Auftragsproduktionen, Ikea und so weiter. Um so besser – das hat mich gefreut. So konnten wir unsere Annik – mit der durchaus fertigen Stimme – für uns behalten. Es blieb sozusagen weiter kuschelig zwischen Dir und mir und den 10.000 anderen Hörern.

Podcasting ist ja etwas sehr Intimes. Auch wenn’s natürlich sehr einseitig ist: Ich weiß einiges aus Deinem Leben aus den letzten 10 Jahren. Was Dich so geärgert hat und was Dich gefreut hat. Was Tiger, Deutschlands einzige Podcastkatze so treibt. Und wie er klingt!

Und dann gab’s auch noch Deutschlands Podcastbaby! Die Sensation! Und aus dem Schrank wurde dann öfter ‘mal das Auto oder – eigentlich – das Bügelzimmer. Und die Folgen unregelmäßiger. Wofür Du Dich jedes Mal entschuldigt hast – wir waren Dir keine Sekunde böse! Ich habe mich einfach gefreut, wenn eine neue Folge im Podcatcher auftauchte.

Und Du hattest mein vollstes Verständnis. Meine Frau und ich haben auch zwei Kinder und ganz schön Schwierigkeiten gehabt, alles zu organisieren, alles so hinzudeichseln, dass es so einigermaßen lief.

Aber speziell SiM hatte in mir den Wunsch geweckt, auch einmal zu podcasten. Besonders auch, weil – wie Du in der letzten, allerletzten Folge richtig bemerkt hast – die meisten alten Münchner Podcasts alle nicht mehr so richtig da sind. Also die „Couchpotatoes“, oder „Blick über den Tellerrand“ oder „Chicks on Tour“.

Ich habe dann lange überlegt, welches Format für meinen Podcast das richtige sein könnte. Und letzten Endes kam die Gelegenheit erst, als meine Kinder erwachsen waren und ich meine zeitintensiven Ehrenämter alle niedergelegt hatte. Und aus dem Speckgürtel, wo gerade Dein Bügelschrank steht, wieder in die Stadt gezogen bin.

Darum gebe ich trotzdem die Hoffnung nicht ganz auf, dass irgendwann – in vielleicht wieder zehn Jahren – plötzlich wieder eine Folge „Schlaflos in München“ auf meinem Smartphone auftaucht.

Vielen Dank, liebe Annik Rubens, für 673 Folgen mit Stückchen aus Deinem Leben, die Du mit uns geteilt hast. Das war sehr großzügig! Und ein nicht unwichtiger Teil in meinem Leben.

Viel Glück auf Deiner Reise! Ich und die anderen 10.000 Hörer werden immer mit einem warmen Gefühl im Bauch an diese 10 Jahre mit Dir zurückdenken. Das ist vielleicht nicht das Beste, was Du mit Deiner Sendung hättest erreichen können. Aber es ist doch sehr, sehr gut. Verdammt gut!

Ach, Annik, bevor Du endgültig in den Flieger steigst: Sag’ Doch der Larissa, wenn sie ‘mal in die Maxvorstadt kommt, steht hier immer eine Tasse Kaffee oder Tee bereit. O.k.? Danke!

Leb’ wohl, Annik Rubens!

Dein Explikator

P.S.: Noch sind viele Folgen online zu hören. Und zwar hier, bei „Schlaflos in München“. Und den Kinderwahnsinnpodcast mit Oliver von den Couchpotatoes macht wohl die Larissa weiter, die ganz genau die gleiche Stimme hat wie die Annik.

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