Das Leben im Jahr 2018: Rollerball (1975)

„In nicht allzu ferner Zukunft wird es keine Kriege mehr geben. Aber dann gibt es Rollerball…“

2018: Die Menschheit hat den Krieg überwunden. Die gesamte Welt wird von riesigen Corporations beherrscht, die das Leben aller regeln und kontrollieren. Die leitenden Angestellten führen ein privilegiertes Leben mit Privathubschraubern, Mätressen und jeglichem Luxus. Die Masse der Menschen wird mit der Droge „Soma“ und ständigem Fernsehen ruhig gestellt.

Im Fernsehen läuft vor allem eines: Rollerball. Das ist eine rasante Mischung aus Rollerskating, Flipper und Vollkontakt-Kampf. Die Städte der Welt treten in einer Art Weltliga ständig gegeneinander an. Das befriedigt aggressive Triebe und steht symbolisch auch dafür, dass der Einzelne wertlos ist und nur mannschaftliche Zusammenarbeit zum Ziel führt.

Doch „Jonathan E.“ – etwas hölzern dargestellt von James Caan – scheint mit seiner Mannschaft unbezwingbar und wird zum Helden der Zuschauer und sogar einiger Executives. Das ist den Corporations ein Dorn im Auge und sie wollen ihn zum Abdanken zwingen.

 

Rollerball - Jonathan
“Und, Schatz, wie war Dein Arbeitstag so?” – “Ach, wie immer…”

Jonathan hingegen hat es seinen Chefs sehr übel genommen, dass sie ihm seine Lieblingskonkubine weggenomen haben und weigert sich, so einfach das Handtuch zu werfen. Um ihn aber auszuschalten, ändern die hohen Herren einfach die Regeln des Spiels, das dann auf einmal sehr blutig wird. Es kommt schließlich zum entscheidenden Death Match…

Rollerball, geschrieben von William Harrison und mit Norman Jewison als Produzent und Regisseur, war 1975 eine große Sache und erzählt dem geneigten Betrachter von heute viel über die Siebziger, über Ästhetik und Zusammenleben in einer Gesellschaft zwischen Hippie-Bewegung und dem Beginn von Punk.

 

Rollerball - BMW-Turm
Finster droht das BMW-Firmengbäude über Houston…

Die Macher hatten sich viel vorgenommen und haben auch einiges erreicht – vieles wiederum nicht. Der Film beginnt mit einer Viertelstunde Action, in der wir einem Rollerball-Spiel zusehen, als würden wir die Sportschau von 2018 schauen. Der Schnitt ist rasant und – hat man erst einmal ein Gefühl für das Spiel bekommen, in der Rollerskater und Motorradfahrer miteinander um einen faustgroßen Flipperball kämpfen – man fiebert richtig für Houston und Jonathan E. mit.

Rollerball sollte gnadenlos brutal und blutig wirken, um in den Zweistünder die damals notwendige Sozialkritik unterzubringen. Aber zum einen funktionierte das Spiel so großartig, dass es Cast und Stuntmen, sehr zum Ärger von Jewison, in Drehpausen zum Spaß weiterspielten. Und zum anderen kam es beim für die Kämpfe eingeladenen Münchner Publikum so gut an, dass es Überlegungen gab, tatsächlich eine Liga einzurichten, was den Autoren entsprechend entsetzte.

 

Rollerball - BMW-Museum
Das alte BMW-Museum – in München “die Salatschüssel” genannt.

Ja, dieser Film ist hauptsächlich in München gedreht und hat hier auch für großes Interesse gesorgt. Das Hauptgebäude der Energy Corporation, den Herrschern von Houston, ist das BMW-Gebäude, die Bibliothek ist das alte BMW-Museum, das Olympiadorf dient ein paar Mal als Hintergrund und die Matches wurden in der Rudi-Sedlmayer-Halle gedreht. Diese war zur Olympiade 1972 das Basketballstadion und heisst jetzt „Audi Dome“.

Und – damals war ich 10 Jahre alt – „Rollerball“ war für uns mit einer spannenden Atmosphäre von Hollywood, Action und Blut umgeben. „Boah, hast Du schon Rollerball gesehen? Das ist so brutal, ey!“ Wahrscheinlich hat aber nicht einmal Volker, der alte Angeber, den Streifen gesehen, denn die Altersfreigabe war „Ab 18“! Beinahe vierzig Jahre später wirkt „Rollerball“ gar nicht mehr brutal, man stumpft anscheinend tatsächlich ab. Liebe Regisseure, bitte lasst das. Ihr glaubt, dass wir das wollen. Aber ihr irrt euch!

 

Rollerball - Soma, Sofa
Liegelandschaften der Siebziger: Soma, Sofa, Sex.

Um das auszugleichen ist der Film stellenweise unerträglich langatmig und zu bewusst auf Arthouse und Gesellschaftskritik gebürstet. Jewison hat auf der DVD-Version auch zugegeben, dass er sich stark an Kubrick und „2001“ orientiert hat, dies sieht man deutlich an den nervigen Zooms, den kühlen, futuristischen Sets und an der Verwendung klassischer Musik. Ja, Kinder, es gab eine Zeit, da war Bachs „Toccata und Fuge in D-moll“ noch nicht kaputt genudelt!

Anscheinend hat man bei der Produktion aber zu sehr das Augenmerk auf die Action gelegt. So ist „Rollerball“ auch der erste Film, der im Abspann die Stuntmen namentlich erwähnt. Die Schauspielerei kommt dagegen zu kurz. James Caan, der nur einfach keine Miene verzieht, ist damit richtig wohltuend, seine sonstigen Kollegen spielen meist so überdreht, als wäre im „Soma“, das jeder im Jahre 2018 schluckt, in Wirklichkeit Kokain.

 

Rollerball - Supercomputer Zero
Und das, liebe Kinder, ist ein Supercomputer aus den Siebzigern. Hat ca. so viel Rechenpower wie ein Tamagotchi…

Obwohl er nur ein mittelmäßiger Erfolg war, hat dieser Streifen aber doch zu einer ganzen Subgattung von Nachahmern geführt, zu nennen wären da „Death Race 2000“ und „Death Sport“. Das Thema von institutionalisierter Gewalt in Massenmedien taucht natürlich auch immer wiederauf, wie z.B. in „Running Man“ oder zuletzt in der Hunger-Games-Reihe. Das Rollerblade-Remake von 2002 ist in weitem Bogen zu meiden. Eine dumme, oberflächliche Kopie!

Trotzdem ist der Film es wert angeschaut zu werden. Er verrät uns in jedem Detail so viel über diese Epoche wie kaum ein anderer Streifen. Über das Verhältnis von Mann und Frau vor der Emanzipation, über die Mode, menschliche Beziehungen und über Computer. Das ist besonders interessant, denn vor der Homecomputer-Revolution mussten Rechner halt Schränke sein und natürlich musste Jewison, wie sein Vorbild eine komplett überflüssige Szene mit einem sprechenden Supercomputer einbauen – heute einfach zum Kringeln!

Fazit: Von zeitgeschichtlichem und kulturellem Interesse, Hollywood-Kulturerbe. Nicht so grandios wie seine großen Brüder aus den Siebzigern, „Star Wars“ und „2001 – A Space Odyssee“ aber zusammen mit Afri-Cola, Eierlikör, Schleckmuscheln und einem Käse-Igel durchaus für eine sehr amüsante Siebziger-Kino-Nacht geeignet!

Links:
Homepage bei MGM: Rollerball
Affiliate-Link zu Amazon (5% für den Explikator): Rollerball

 

 

Flattr this!

4 thoughts on “Das Leben im Jahr 2018: Rollerball (1975)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

 verfügbare Zeichen.