Sind Superheldencomics sexistisch?

Das könnte ein kurzer Beitrag werden. Denn es gibt eine eindeutige Antwort auf diese Frage: Ja.

Ich kann überhaupt nicht verstehen, dass man darüber überhaupt diskutieren kann. Als langer, treuer Fan des Genres, aus dem einige Klassiker der modernen Comicskultur stammen, lese ich mittlerweile nur noch ganz wenige Titel, die breite Masse ist unerträglich geworden.

Bestehen wirklich Zweifel? Dann wollen wir mal ein Blick auf die gängigsten Superheldinnen der beiden großen Verlage DC und Marvel werfen:

Superheldinnen

Im Vergleich dazu die männlichen Counterparts:

Superhelden

Eigentlich könnte man an diesem Punkt die Diskussion beenden. Wer nach diesen Bildern – die alle offiziell von den Verlagen stammen und alle recht zeitnah sind – ernsthaft bestreiten möchte, dass diese Kunstform sich mittlerweile lächerlich macht, hat irgendeine seltsame Art von Wahrnehmungsstörung. Alle Heldinnen räkeln sich und zeigen ihre Milchdrüsen, alle Helden drohen den Betrachter sofort zu beissen und zeigen ihren Bizeps. Obwohl alle die gleiche Jobbeschreibung haben – Bösewichtern auf die Nase hauen, vorzugsweise mit Fäusten.

Teen Titans
Teen Titans #1 – Der Stein des Anstoßes

Möchte man meinen, aber in den USA läuft genau diese Diskussion seit dem 11. April dieses Jahres auf hoher Umdrehungszahl. Wie kam’s? Alles begann mit dem Cover von „Teen Titans #1“, die neue Version eines Teams von pubertierenden Superheroen, in den USA vor allem bekannt durch eine populäre Zeichentrickserie. Janelle Asselin, eine ehemalige Lektorin bei DC, hat dann über dieses Cover eine tiefgehende Analyse namens „Anatomie eines schlechten Covers“ auf Comic Book Ressources gepostet. Einer ihrer Kritikpunkte war, neben vielen anderen (Zitat nicht entstellend zusammengeschraubt aus zwei Stellen):

„Aber der bei weiten schlimmste Teil dieses Bilds sind ihre („Wondergirl“) Brüste. Das Problem ist nicht unbedingt, dass sie eine Teenagerin mit Brüsten so groß wie ihr Kopf ist. Das Problem ist, dass dies nicht der natürliche Brustkorb einer Frau mit großen Brüsten ist. Das sind Implantate. Bei einer Superheldin im Teenager-Alter.“

Ab hier nahm dann das Übel seinen Lauf und die Liste mit Gegenbeweisen zur „Schwarm-Intelligenz“ war um ein ekliges Beispiel reicher. Die übelriechenden Details lassen wir hier ‘mal weg, Janelle Asselin hat in ihrem Blog einiges selber konserviert und kommentiert. Mehrere Vergewaltigungsdrohungen und auch der allgemein frauenfeindliche Ton der Diskussion hätten alleine schon gereicht, um darzustellen, dass die Comicbook-Industrie in Amerika sehr wohl ein Problem mit Sexismus hat.

Doch leider gibt’s noch ein trauriges Kapitel. Auf der Pressetour der „Television Critics Association“ liessen es sich die Granden Michael Kantor, Todd McFarlane, Len Wein und Gerry Conway leider nicht nehmen, auf diese Vorwürfe einzugehen. Und das Ergebnis ist so deprimierend flach, dass ich wohl die Macher dieser Hefte allgemein überschätzt habe. Schauen wir uns einige der dümmlicheren Antworten ‘mal genauer an:

„Ist doch alles Fantasy, tut doch keinem weh.“

Das stimmt leider nicht. Geschichten machen die Realität. Wir erklären uns gegenseitig die Welt, in dem wir Geschichten erzählen. Es hat durchaus einen Grund, warum es auf großen Cons immer wieder zu sexuellen Übergriffen gegenüber Cosplayerinnen kommt. Und die Darstellung gehört dazu. (Siehe z.B. die Facebookseite „Cosplay is NOT Consent!“)

„Wenn’s Frauen nicht gefällt, sollen sie halt ihre eigenen Comics machen!“

Tscha, tun ja auch viele. Ziemlich gute Comics noch dazu. Und auch viele männliche Autoren erfinden weibliche Figuren, die Tiefe haben und mit denen sich Leserinnen identifizieren können. Aber die großen Companies entscheiden sich immer wieder dazu, lieber ihr jugendliches, männliches Kernpublikum mit Onaniervorlagen zuzuschütten. Weil das, bei stetig schwindenden Auflagenzahlen, wie das kommerziell vielversprechendste Modell erscheint.

„Einige meiner besten Figuren sind Frauen.“

Was? Im Ernst? Darf man dieses Argument wirklich noch bringen? Einige meiner Freunde auf Facebook sind Comicmacher, ändert aber nichts daran, dass Du dumm bist, oder?

„Männer in den Comics haben auch übertriebene Phantasiekörper.“

Ja, stimmt. Und das ist auch über die Jahre unerträglich geworden. Hier z.B. einer der Helden, der seine Wurzeln im Golden Age hat, im Zeitraffer – von den Anfängen in den Dreissigern bis zu seiner heutigen Leni-Riefenstahl-Ästhetik:

The Flash

“Die Comics folgen der Gesellschaft, sie führen sie nicht an.“

Das ist genau das Problem. Mit solchen Statements macht sich jemand, der im angelsächsichen Sprachgebrauch „Künstler“ genannt wird, öffentlich zum machtlosen Instrument jeglicher gesellschaftlicher Fehlentwicklung. Das ist eine kreative Bankrotterklärung.

So what?

Mit Superhelden und Superheldinnen erzählen wir uns die Göttergeschichten der Postmoderne. Tatsächlich waren sie schon immer diskriminierend und haben gesellschaftliche Zustände überhöht abgebildet. Weswegen Lois Lanes Daseinszweck eben ist, vorzugsweise von Hochhäusern zu fallen. Um vom „Übermann“ („Superman“ übersetzt) rechtzeitig aufgefangen zu werden und diesen dann anzuschmachten. Das diese Frau angeblich hochintelligent ist und eine Pulitzer-Preisträgerin wird zwar immer wiederholt, glaubt aber eh’ keiner. Und im Rückblick finden wir ihr Gezicke als „Superman’s Girl Friend“ sogar drollig. So wie „Mad Man“ halt. Bloß ohne Nikotin.

Lois Lane
Lois Lane testet Supermans Gefühle.

Das Beunruhigende ist aber, dass die Sexualisierung der Comics in den letzten Jahren immer intensiver betrieben wird. Und es ist bei weitem nicht nur die Darstellung, mit der der Playboy in den 60er Jahren wahrscheinlich Probleme bekommen hätte. Wenn Autoren wie Mark Millar Vergewaltigung in seinen Werken als normales Plot-Device abtun, dann ist für mich auch inhaltlich eine Grenze überschritten.

Die Comicautoren und Künstler werden zu Helfern einer Industrie, die in Panik auf die immer gleichen Rezepte zugreift. Eine Todespirale von Busen, Po und Muskel! Erst werden die Leser ausbleiben. Dann werden die Geschichten ausgehen, die man der momentanen Cash Cow, dem Kino leihen kann. Und vielleicht verlassen dann, nach hundert Jahren Herrschaft, meine alten Jugendfreunde unseren Planeten wieder komplett und wir erzählen uns ganz neue Geschichten. Die sind schon da und warten nur darauf gelesen zu werden! (Tipps beim Autoren abzuholen!)

Links:
Janelle Asselins Post: „Anatomy of a bad cover!
Ihr Blogeintrag zu den Reaktionen: “Let’s talk about how some men talk to women in comics“
Ein Artikel über die oben erwähnte Pressekonferenz: „Legendary Comics Creators Dismiss Sexism Critiques“
Mark Millar zur Benutzung von Vergewaltigungsszenen in „Kick Ass 2“: „I don’t think it matters“
Facebookpage: „Cosplay is NOT consent!“
Laien zeichnen Superhelden, meistens Hawkeye in Posen von Superheldinnen: „The Hawkeye Initiative“
Klasse tumblr zum Thema: „Loving comics doesn’t mean ignoring their problems“

 

5 thoughts on “Sind Superheldencomics sexistisch?

  1. sehr interessanter artikel – wie bist du nur auf diese idee gekommen?

    ich werde in zukunft comics mit anderen augen ansehen 🙂

  2. Guter Artikel – aber wie, da ist jemand echt wütender, als ich es normalerweise bei dem Thema bin 😉
    Tatsächlich finde ich, dass die Debatte zur Zeit an einem interessanten Punkt ist. Viele Verlage geben sich inzwischen Mühe, auch andere Lesergruppen anzusprechen. Image hat viele tolle Serien (und damit immer erfolgreichen) und selbst Marvel hat inzwischen Serien, die man auch als Frau vollauf genießen kann (Ms Marvel z.B.). Aber ja, es muss noch viel geschehen. Sowohl was Sexismus als auch Rassismus angeht. Die “Fanboys” müssen lernen, dass sie nicht ihr Hobby verlieren, wenn die Serien nicht mehr die Welt vor 50 Jahren wiedergeben (alles weiß und männlich).
    Wird sich was ändern? Wahrscheinlich. Tut es ja auch im Fernsehen. Aber sehr, sehr langsam. Da werden wir alle vorher noch viele Artikel zu den Thema schreiben müssen.

    1. Danke für den Kommentar! Ich finde eben, DC & Marvel arbeiten in die falsche Richtung. Klar gibt es auch in deren Programm Lichtblicke.
      Aber die wirkliche Bewegung findet halt jenseits des Mainstreams-Marketings statt.
      Wenn Du eine Tochter hast/hättest, welches DC- oder Marvelcomic würdest Du ihr empfehlen?
      BTW: Jean schreibt ein tolles Comicblog: http://comicleben.wordpress.com/

  3. erstmal ein ganz großes Lob an den Explikator, den ich erst vor kurzem entdeckt habe. Deine interessanten und vor allem auch optimistischen Beiträge sind in einer Art und Weise gehalten, an der man in jedem Alter Freude haben kann.

    Jetzt zu den Comics. Ich finde die Darstellungen von weiblichen Superhelden furchtbar. Es gibt leider noch zu wenige Ausnahmen, aber drei möchte ich ganz besonders hervorheben

    die muslimische Miss Marvel, Squirrel Girl (Beides Marvel)

    und Faith, als Beispiel einer ganz und gar anderen Superheldin.
    bei comixology.

    Gerade in Film und Serie sind Superhelden ja gerade stark vertreten. Hier dürfen Frauen zwar durchaus stark sein (siehe bspw Argent Carter), aber wiederum ist das alles an eine Körpernorm gebunden.

    Normalgebaute Männer dürfen öfter durchaus Superkräfte besitzen, bei Frauen ist das prinzipiell nicht der Fall. Das ist sehr schade. Gerade im Fantasy und Science-Fiction Genre ist der Sexismus leider so gut wie an jeder Ecke vertreten und es ist schon ein Stück weit traurig das viele Künstler nicht einmal über eine Welt fabulieren können, die das nicht beinhaltet.

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