Orte gibt’s, die gibt’s gar nicht! Und ich meine jetzt nicht Osgiliath oder Utopia oder Lilliput. Sondern sogenannte Phantomstädte. Doch da gibt es diese eine Stadt, die es nicht gab. Und dann doch. Und dann nicht mehr. Und dann wieder. Und dann nicht mehr. Ach, um da zu erklären, bräuchte ich eine ganze Sendung!


Download der Episode hier.
Die große Explikator-Umfrage geht weiter!
Opener: „See Before You Buy Video: There’s a Map on My Lap!“ von Appysmarts
Closer: „MIss South Carolina in Billy Madison“ von ladder09
Musik: „Kisses“ von Weightless / CC BY 3.0



„Hallihallo“

Halt! Moment? Was ist das denn? Willst Du mich arbeitslos machen?

„JA!“

Was? Nix da! Lass’ mich an das Mikro – das ist meine Sendung!

„Immer noch?“

Ja, immer noch!

Also, wo war ich? Ach ja:

Hallihallo!

Wird wohl die Generation nach uns noch Landkarten lesen können? Oder überhaupt nur eine Ahnung davon haben, wie einen die Falk-Patentfaltung zur Verzweiflung treiben konnte? Weil alle wichtigen Informationen genau im Knick waren? Oder man dauernd hin und her knicken musste?

Wahrscheinlich nicht, Smartphones machen das irgendwie einfacher. Hier an meiner U-Bahnstation sieht man oft verzweifelte Touristen die Pinakotheken suchen. Und ich würde schätzen, nur noch 20% – höchstens – machen das mit Karten aus totem Baum. Der Rest kuckt auf sein Handy.

Landkarten zu machen, das war früher eine sehr aufwendige Sache. Also bevor es Satelitenbilder gab. Oder Luftaufnahmen. In Europa gab es dafür das Trigonometrische Netz 1., 2. und 3. Ordnung. Mit in Sichtweite stehender Dreiecke, die feste Punkte in der Landschaft waren, oft z.B. Kirchtürme waren, konnte man per Winkelberechnung die Längen zwischen diesen Punkten berechnen. Damit hatte man feste Koordinaten für die Eckpunkte dieser Dreiecke. Dann zog ein Kartograph per Stange und Theodolit los und vermaßen jeden einzelnen Punkt einzeln.

Diese Instrumente sieht man immer noch im Einsatz, z.B. bei Baumaßnahmen im Straßenverkehr.
Es war also höllisch viel Arbeit. Und deswegen war so eine Landkarte ziemlich teuer in der Entwicklung.

Aber trotzdem leicht zu fälschen. Wenn man einfach eine verbreitete Landkarte nahm und nachzeichnete, dann hatte man sein eigenes Produkt. Wenn einen dann der Richter böse anschaut, sagte man einfach: „Aber wieso? Diese Orte, Straßen und Punkt sind doch da draussen! Die darf jeder vermessen und eine Karte basteln! Weisen Sie mir das erst einmal nach!“

Und wahrscheinlich bekam man dann auch noch Recht. Das war natürlich ärgerlich für die Firma, die die ganzen Landvermesser losgeschickt hat. Das dachten sich, Anfang der Dreissiger, auch Otto G. Lindberg, Chef der General Drafting Co., und sein Assistent, Ernest Alpers. Die gerade an der Entwicklung einer Karte für den Staat New York waren.

Und so nahmen sie die ersten Buchstaben ihrer Namen und schufen den Ort Agloe in New York und zeichneten ihr erfundenes Dorf in ihre Karten. Sollte jetzt ein Konkurrent mit einer Karte auf den Markt kommen, wo Agloe auch verzeichnet war, dann war das der schlüssige Beweis, dass das von ihrer Karte geklaut hatte.

Und wie es manchmal so läuft: Rand McNally, ein bedeutender Verlag für Kartenmaterial veröffentlichte nicht viel später eine eigene Karte des Staates New York. Und genau an der gleichen Stelle, mit genau den gleichen Buchstaben fand sich da der Ort „Agloe“. Den es ja nicht gab.

„Piraterie!“ schrien die Anwälte der General Drifting Company und zerrten die McNallys vor Gericht. Und rieben sich wahrscheinlich schon die Hände. Und stellten schon einmal den Sekt kühl.

Ein gefundenes Fressen, möchte man meinen. Doch es kam anders: Die Anwälte von McNally konnten nachweisen, dass sie wirklich Landvermesser herumgeschickt hatten. Und genau an dem Ort, den die Karte beschreibt, befand sich ein Laden. Der „Agloe General Store“ – der Gemischtwarenladen von Agloe. Also musste es Agloe auch geben, oder?

Das sah der Richter auch so und die Klage wurde abgewiesen. Was aber war da passiert?

Tja. Die Besitzer des „Agloe General Stores“ hatten, als sie sich einen Platz für ihren Kramerladen suchten einen Esso-Strassenatlas zu Hand. Esso hatte die Rechte für das Kartenmaterial offiziell bei General Drifting gekauft. Weswegen also offiziell der Laden in Agloe stand. Dachte sich der Besitzer. Und nannte sein Geschäft folgerichtig den „Agloe General Store“. Logisch.

Allerdings gab es den Laden nicht allzulang. Warum, das habe ich nicht herausbekommen. Aber vielleicht liegt es daran, dass es in einem Dorf das es nicht gibt, auch nur potentielle Käufer gibt, die es nicht gibt? Könnt ihr mir folgen?

Aber Kartenmaterial alterte früher langsam. Noch langsamer als Google Street View heutzutage. Und so fand sich Agloe bis in die Neunziger hinein immer noch in den Karten von Esso und Exon. Und dann hörte es komplett auf zu existieren.

Bis es wieder in Google Maps auftauchte! Bis 2014 konnte man Agloe, New York dort noch finden. Wie die Mädels und Jungs wohl zu ihrem Kartenmaterial kamen? Oder war das Urheberrecht für diese Erfindung – der erfundene Ort Agloe – abgelaufen?

Wenn man jetzt bei Google nach Agloe sucht, dann findet man nur den „Agloe General Store“. Den es auch nicht mehr gibt. Aber es gibt ein Schild, dass darauf hinweist, dass die Phantomstadt eine Zeit lang einen Gemischtwarenhandel hatte.

Man muss aber auch sagen, dass man bei Google sowieso alle denkbaren Orte der Welt findet. Egal, ob’s diesen Ort gibt oder nicht. „Bielefeld“ z.B., dass – wie jeder weiß ja gar nicht existiert – liegt laut Google ganz nah bei Gütersloh. „Die verlorene Stadt Carcosa“ aus dem „König in Gelb“ von Robert Chambers z.B. liegt in Malaysia. „Narnia“ liegt mitten in Brooklyn. Und wenn ihr auf Google Maps nach dem Weltraumhafen „Mos Eisley“ sucht, dann werdet ihr in Stuttgart fündig.

Ja, der Milennium Falcon ist nicht unweit der U-Bahnstation „Rotebühlplatz“ gestartet.
Das, ja das wissen wirklich wenige!

Flattr this!