Manchmal tun mir die Schauspieler in Hollywood ja schon leid. Ich glaube, es muss ganz furchtbar sein, eine dieser klassischen Sexszenen zu drehen. Mit einem fremden Menschen. Und einem Dutzend Zuschauer. Vielleicht ist das der Grund, dass der typische Sex in Hollywood so wenig mit dem im echten Leben zu tun hat.


Download der Episode hier.
Opener: „Pornosonic – Laying Pipe“ von Dipflow
Closer: „Realistic Hollywood Sex-Scene“ von CollegeHumor
Musik: „La Moustache“ von Vivoux, DPA Records / CC BY-NC-SA 3.0



So alt wie der Film, so alt ist auch die Diskussion darüber, wie er auf uns wirkt. Und unterschiedliche Meinungen dazu, was Film so zeigen darf und was denn nicht.

In den Anfängen des Films gab es erst einmal keine Regelung, was gezeigt werden darf und was nicht. Trotzdem kam es zu keinen direkten Darstellungen von Geschlechtsverkehr im Mainstream.

Dann kam in den Dreissigern der sogenannte Hayes-Code, dem sich die Studios unterordneten. Da waren dann viele Dinge verboten. Statt Küssen gab’s nur noch Bussis. Maximal zweieinhalb Sekunden! Selbst Ehepaare schliefen in zwei separierten Betten, Spitze und Reizwäsche waren nicht zu zeigen, natürlich keine Nacktheit – nicht einmal als Schattenriss!

Das funktionierte bis tief in die Fünfziger hinein – siehe jeden Doris-Day-Film. Aber dann ließ man die Zügel langsam schleifen. Denn man musste die Leute wieder ins Kino kriegen, die blieben sonst glatt vor der Glotze sitzen. Die war ein neuer und gefährlicher Gegner.

In den Siebzigern war Nacktheit dann kein Grund einen Film zu verbieten. Ein neues System war gefunden, dass dann sicherstellen sollte, das die Filme nicht von unter Sechzehnjährigen gesehen werden können.

Und es war bald auch durchaus gang und gäbe Beischlafszenen in die Handlung einzubauen. Noch in den Achtzigern kamen selbst Actionfilme kaum ohne aus. Auch wenn das manchmal sehr reingebastelt wirkte, siehe z.B. Road House.

Es stellt sich also die Frage, ob das uns Menschen beeinflusst. Werden wir geprägt von der Darstellung von Sexualität in Filmen oder nicht? Da tobt die Diskussion weiter hin und her.
Das reicht von der sogenannten Kultivationshypothese bis zur Katharsistheorie.

Die einen glauben belegen zu können, dass unser Unbewusstes Filme als real empfindet und so ein verändertes Bild der Realität entsteht. Da gibt’s sogar ein Syndrom dazu. Das „Gemeine-Welt-Syndrom“. Wer viel Filme sieht, denkt in der Welt herrscht viel mehr Gewalt, als es in Wirklichkeit der Fall ist. Und hat deswegen Angst.

Die Anhänger der Katharsis-Theorie sagen, dass z.B. Jugendliche, die Sex und Gewalt in den Medien ausgesetzt sind, dadurch einen psychisch reinigenden Nutzen ziehen. Wer also z.B. in einem Ego-Shooter viele Gegner niedermetzelt ist danach weniger aggressiv.

Die Wahrheit wird, wie immer, irgendwo in der Mitte liegen. Aber dass Filme auf uns wirken, daran gibt’s doch keinerlei Zweifel, oder? Natürlich ist die Darstellung von Sex erregend – das kennt doch jeder. Das ist eine ganze Industrie!

Filme und Computerspiele sind die modernen Mythen. Die modernen Märchen. Wissen wurde schon immer in Form von Geschichten transportiert. Vorbilder und Rollenvorstellungen wurden so genauso vermittelt wie Handlungsempfehlungen und moralische Leitsätze.

Das beginnt weit vor dem Gilgamesch-Epos und endet – nirgends.

Und das kann doch auch jeder aus seinem Lebenslauf berichten, oder?. Ich hab’ als Grundschüler regelmäßig mit meinen Mitschülern die letzte „Raumschiff Enterprise“-Folge nachgespielt. Oder versucht so lässig, selbstbewusst zu gehen wie Cary Grant. Oder so cool eine zu rauchen wie Humphrey Bogart.

Und genauso ist das natürlich mit Sex und Liebe. Das hat unsere Generation – die erste, die in der Kindheit mit einem Fernseher aufgewachsen ist – natürlich auch geprägt. Und so wirkt das auch auf die nächste oder die übernächste Generation.

Bevor ich eine echte Frau geküsst habe, hatte ich natürlich schon unzählige Filmküsse gesehen. Und vor dem ersten Sex natürlich auch schon unzählige Sex-Szenen. Und klar hatte das eine Wirkung! Wer das komplett abstreitet, der lügt sich in die Tasche. Auf der anderen Seite waren das natürlich auch nicht die einzigen Prägungen. Da gab’s genauso Freunde, Eltern und Gerüchte, die so die Runde machten. Und Doktor Sommer nicht zu vergessen!

Aber das echte Leben hatte mit der Filmwelt meist nicht viel zu tun. Es gibt da mittlerweile einige Hollywood-Stereotypen und völliger Schwachsinn sind.

Wobei mein Blick auf diese Prägung durch Filme natürlich der eines heterosexuellen Mannes ist, das nur vorab. Und Pornografie war in meiner Generation nicht besonders prägend, da kamen wir so schwer ran! Wenn wir uns ‘mal nachts ins Autokino schlichen, dann liefen da Filme wie „Auf der Alm, da gibt’s koa Sünd.“ Ja, ist ein deutscher Porno. Der vielleicht sogar dadurch gewonnen hat, dass wir natürlich keinen Ton dazu hatten. Ohne Auto.

Also, 10 Mal Lebenserfahrung versus Hollywood.

Erstens. Sex im Stehen. Gibt’s in Hollywood dauernd. Ist wohl besonders leidenschaftlich. Und zeigt schön, wie kräftig der Held gebaut ist. Denn das muss er auch sein, denn wer hebt schon – sagen wir einmal – 65 Kilo – mehrere Minuten ohne zu ermüden? Macht weder ihr noch ihm Spaß.

Zweitens. Sex in der Dusche. Muss auch ganz toll sein. In echt aber sind Duschen klein und eng. Einem ist es immer entweder zu heiß oder zu klat. Und glitschig sein mag ja erotisch wirken, ist aber in echt ziemlich unpraktisch.

Drittens. Singles haben mehr Sex. Oder, stärker: Einmal verheiratet, ist es mit dem Sex vorbei. Das ist natürlich Unsinn. Schon ‘mal drüber nachgedacht, was das Wort „Single“ eigentlich so bedeutet? Und wie praktisch es ist, einen potentiellen Sex-Partner nebenan im Bett liegen zu haben?

Viertens. Männer wollen immer. Frauen nie. O.k., ist jetzt vielleicht etwas zugespitzt, aber so in der Art. Auch das ist natürlich völliger Humbug. Ich habe schon einige Männer jammern hören, dass sie daheim zu viel performen müssen. Einfach erst gar nicht glauben.

Fünftens. Sex zählt nur als Sex, wenn’s einen Orgasmus dabei gibt. Gehört immer dazu. Für sie und ihn. Ist dann ja auch praktisch, dass das nach fünf Minuten immer so klappt im Kino. Und immer gleichzeitig. In echt ist das aber gaaanz anders.

Sechstens. Das erste Mal Sex mit einem neuen Partner ist entweder göttlich & himmlisch oder aber eine komplette Katastrophe. In Wirklichkeit ist es nur eines: Nervlich sehr, sehr anstrengend. Sex heisst halt: Üben, üben, üben.

Das waren die großen Ärgernsisse. Und dann gibt es natürlich noch andere störende Kleinigkeiten.

Siebtens. Man verwendet im echten Leben schon einmal ein Kondom. Diese Errungenschaft der Kunststoff-Industrie ist in Hollywood noch nicht angekommen. Überhaupt: Es macht Sinn vor dem Sex über die Verhütung zu sprechen, denn Sex macht Babies! Echt jetzt.

Achtens. Man braucht auch keine Soul-Musik als Hintergrundbeschallung. Oder Trip-Hop.

Neuntens. Vorspiel ist wichtig. Für beide. Gibt’s in Hollywood nicht. T-Shirt aus und ab geht die Post.

Und das größte Geheimnis: Man muss kein Sixpack haben oder Model-Maße, um guten Sex zu haben! Alle machen das. Und, mein Verdacht: Die ganz, ganz hübschen Menschen – so wie die Schauspieler aus Hollywood – die haben im echten Leben gar nicht so richtig Spaß dabei.

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