Es ist banal, aber trotzdem wahr. Noch mit 30 Jahren dachte ich: „Sterben. Das ist etwas, was andere so erleiden. Ich fange mit dem Scheiß gar nicht erst an!“ Jetzt – zwanzig Jahre später – ertappe ich mich schon dabei, zu schätzen, wie viele Sommer ich wohl noch so habe. Denn alles Leben endet, alles stirbt. Bis auf…


Download der Episode hier.
Inspiriert von „Everything Dies, Right?“ von Robert Krulwich
Beitragsbild: „Mikrofoto.de-Hydra 15“ von Frank Fox – http://www.mikro-foto.de. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 de über Wikimedia Commons.
Opener: „The Animal That Wouldn’t Die“ von Skunk Bear: Science From NPR
Closer: „Highlander – “There Can Be Only One” von RobNYYankees
Musik: „I want you“ von Tamara Laurel / CC BY-NC-ND 3.0



Es ist ein ehernes Naturgesetz. Alles, alles stirbt. Und zwar bei lebendigem Leibe. Der Tod ist uns eingebaut und sozusagen die andere Seite der Medaille. Ohne Tod gäbe es auch kein Leben, oder? Der Tod ist sozusagen nicht das Gegenteil des Lebens, sondern einer der beiden Punkte, an dem man Leben überhaupt festmachen kann. Ach ja. Bla bla bla..

Aber, moment Mal – Winterdepression hin oder her: Das ist hier am Montag ja ein Wissenschaftspodcast. Also lasst uns diese These erst einmal genau überprüfen. Das alles stirbt. Vielleicht könnten wir dazu ja irgendwelche Tiere beobachten. Das wäre geschickt. Am besten kleine Tiere, denn das spart uns Kosten.

Gott sei Dank ist unser Süßwasser ja voller kleiner Lebewesen. Da picken wir jetzt einmal zwei Spezies raus und vergleichen die. O.k? Und dann schreiben wir da ein Paper drüber.

Also: Eine Flasche Flusswasser geholt und die Lupe in die Hand. Und dann viel Geduld. Die erste Gattung, die uns da auffällt ist der, die, das Bauchhärling. Oder auch Flaschentierchen genannt. Was schön anschaulich ist, denn diese ca. 1.5 mm großen Tiere in unserem Wasser schauen ein bisschen aus wie lange, dünne Flaschen. Na ja, Designerflaschen vielleicht.

Also, sie fangen oben kugelig an, dann werden sie dünner und dann kommt eine Verdickung. Schon ein bisschen flaschig. Bloß, dass sie dann unten noch kleine Zehen haben, die auch noch klebrig sind. Um sich halt irgendwo dranzukleben. Und der ganze Körper ist voll kleiner Haare, die sie bewegen können. So können sie sich durch’s Wasser manövrieren.

Und wie praktisch die für die Untersuchung sind! Denn, kaum geboren sind sie nach drei Tagen fortpflanzungsfähig. Und das machen sie dann auch. Sich fortpflanzen, meine ich. So richtig mit Ei und Sperma oder im Notfall auch als Jungfrauengeburt. Denn viele Flaschentierchen sind gleichzeitig Männchen und Weibchen. Praktisch. Und da ist schon die nächste Generation zur Untersuchung.

Und kaum haben sie sich fortgepflanzt, da verschrumpeln Mama und Papa schon und sterben. 5 Tage lebt so ein Flaschentierchen. Er wird nie erleben, wie seine Kinder die erste Freundin nach Hause bringen, zum ersten Mal in die Ecke kotzen, den ersten Liebeskummer haben, ihr erstes Auto zerschrotten oder selber Kinder haben. Ein Flaschentierchen wird nie Oma. Oder Opa.

Das mit Opa und Oma, das ist sowieso eine große Ausnahme in der Biologie. Großelterliche Gefühle sind der Evolution im Prinzip… scheißegal. Wenn man sich fortgepflanzt hat und die Brut versorgt ist, dann beginnt man entbehrlich zu werden.

Es gibt da sozusagen ein Naturgesetz. Lebensdauer ist mit dem Erreichen der Geschlechtsreife verknüpft. Wenn die X-Achse die Lebenserwartung ist und die Y-Achse das Erreichen der Geschlechtsreife, dann zeichnet dieses Gesetz eine Gerade als Funktion.

Wir Menschen sind eigentlich so mit 30, 35 Jahren für die Evolution völlig überflüssig. Wenn man diese Formel anwendet. Die für alle Tiere zu gelten scheint. Und darum war das ja auch die längste Zeit in der Geschichte der Menschen so. Aber dann haben sich ein paar Homo sapiens zusammengesetzt und ‘mal richtig offen miteinander diskutiert. Und dabeidie Zivilisation erfunden.

Aber wir wollte ja mehrere Spezies vergleichen. Wie das ein guter Wissenschaftler halt so macht. Was haben wir denn da noch so in unserer Süßwasserprobe? Da ist so ein komisches Tier. Wie eine Koralle. Oder wie ein kleiner Polyp. Aber deutlich größer als diese Flaschentierchen. Eher so 2 oder 3 cm groß. Cool! Da brauchen wir die Lupe gar nicht mehr. Diese Tierchen heißen Süsswasserpolypen. Beobachten wir die einmal.

Nehmen wir uns einmal zwei dieser Tierchen isoliert in ein Mini-Aquarium. Und füttern die. Mit winzigen Krebsen, Wasserflöhen, Larven, Wassermilben, Plankton und anderem Kleinkram. Ein Raubtier, dieser kleine Polyp. Was einmal an einem der Tentakel kleben bleibt, wird gefressen.

Und so sind unsere kleinen Polypen gut genährt und bekommen frisches Wasser. Mal schauen, was so passiert. Und so warten wir also. Vielleicht sprosst ja irgendwas. Oder die haben heißen Sex. Oder teilen sich. So was halt. Und dann wissen wir, wann die sich fortpflanzen und können mit unserer Generalformel die für alle Tiere gilt, genau berechnen, wann die kleinen Tierchen sterben.

Na ja, was soll ich euch sagen. Das war der Versuchsaufbau und ich habe gewartet und gewartet. Und was ist passiert? Genau nichts. Null. Keine Sprossung. Kein Sex. Nüscht. Monatelang.
Und dann war diese Party. Und ich hatte ein Gläschen zuviel. Oder zwei. Und weil mir sooo langweilig war, habe ich mein Polypenpärchen in der Mitte durchgeschnitten. Irgendwie war ich enttäuscht. Kein Kleintierporno weit und breit.

Und, was soll ich sagen: Aus den vier halben Süßwasserpolypen sind vier ganz normale Individuen gewachsen. Das habe ich natürlich immer wieder versucht. Klappt immer. Wenn man von einem Süßwasserpolypen ein 200stel abschneidet, dann wird aus diesem 200stel ein neuer Polyp.

Klar, die haben auch Sex. Und auch nicht. Sprossen tun sie nämlich auch. Das hab’ ich auch noch rausgefunden. Aber nur, wenn’s nicht genug zu essen gibt. Das war der Fehler im Versuchsaufbau.

Das Rätsel der Fortpflanzung war also gelöst. Jetzt galt es nur herauszufinden, wann die Viecher endlich sterben. Und, na ja, bis jetzt ist die reine, pure, naturwissenschaftliche Erkenntnis folgende: Süßwasserpolypen sterben nicht. Also nicht eines natürlichen Todes. Und auch schwerlich eines nicht natürlichen Todes. Wenn ihr so einen Polypen durch einen gewöhnlichen Küchensieb drückt, dann habt ihr danach ein paar Dutzend unsterbliche Polypen. Man muss die schon fressen oder austrocknen.

Glaubt ihr nicht? Dann fragt mal Daniel Martinez. Der beschloß nämlich irgendwann Ende der Neunziger, ein ähnliches Experiment zu machen.

Und das tat er dann. Für Wochen. Für Monate. Das College ging zu Ende. Immer noch war kein Polyp gestorben. Also bastelte er einen Koffer und nahm sie mit auf seine Reise – was man so zwischen College und Universität halt so macht. Er hatte seine Polypen dabei. Fütterte sie. Wechselte das Wasser. Kühlte sie oder wärmte sie.

Aus Monaten wurden Jahre. Zwei Jahre. Drei Jahre. Vier Jahre. Und dann veröffentlichte er ein Paper. „Mortality Patterns Suggest Lack of Senescence in Hydra.“

Hydra heißen diese Polypen auf englisch. Oder Latein. Und frei übersetzt heißt das Paper: „Süßwasserpolypen sind unsterblich, denn sie altern nicht.“

Und das ist kein Scherz. Oder Messfehler. Für alle Tiere gilt: Geschlechtsreife und Tod sind verkoppelt. Für die Süßwasserpolypen nicht. Die knospen und haben Sex ein Leben lang. Die kann man zerstückeln, wie man will, die überleben.

Mittlerweile wissen wir ein bisschen mehr, warum das so ist. Die Polypen beschäftigen sich überhaupt nicht damit, irgendwas in ihren Körpern zu reparieren – die Hauptbeschäftigung unseres menschlichen Immunsystems. Die produzieren einfach kontinuierlich Stammzellen. Die sind im Prinzip komplett aus Stammzellen gebastelt. Innerhalb von fünf Tagen ist jede Zelle im Körper eines Süßwasserpolypen ausgetauscht.

Sogar die Nervenzellen. Was sie einmalig im Tierreich macht. Diese winzigen, kleinen Tierchen tragen das Geheimnis der Unsterblichkeit in sich.

Und ohne die Idee eines Schülers, eben ohne Daniel Martinez, wäre das nie jemandem aufgefallen. Dieser Schüler ist mittlerweile Assesor am Pomona College in Claremont, Kalifornien. Keine 50 km von Los Angeles. Seinen Hydra, seinen Süßwasserpolypen, geht es immer noch prima!
Live long and prosper!

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