Wenn Einwanderer nach einer langen Überfahrt im Hafen von New York endlich die Freiheitstatue erblickt haben, dann wussten sie: „Ich hab’s geschafft. Ich bin in Amerika!“ Darum hat dieses Kunstwerk eine hohe emotionale Bedeutung. Und eine interessante Hintergrundgeschichte. Denn eigentlich sollte sie ja eine Muslima werden…


Download der Episode hier.
Opener: „IVAN PARKER — STATUE OF LIBERTY“ von La Amor
Closer: „WHY IS THE STATUE OF LIBERTY GREEN?“ von HeyThatsHolly
Musik: „Miss Liberty“ von Saint Jayne / CC BY-SA 3.0



Beim Versuch einen Einstieg in das heutige Thema zu finden, da wurde mir das 18te Jahrhundert in Europa ein bisschen zuwider. Ich glaube, es ist nicht komplett unhistorisch, wenn man behauptet, dass wir da einhundert Jahre lang einen ununterbrochenen Krieg in Europa hatten. Und den auch schon weltweit durchgeführt haben.

Da gab es zum Beispiel den sogenannten Siebenjährigen Krieg. Wieder einmal haben sich die europäischen Mächte zu neuen Koalitionen zusammengerauft und sich in Indien, Afrika und Nordamerika auf die Mütze gegeben. Und in Europa sowieso. Wieder einmal war danach mehr oder weniger alles beim alten. Die Engländer haben sich einige Kolonien schnappen können und die Franzosen einige abgegeben. Vor allem in Nordamerika. Neu-Frankreich war Geschichte. Das war das damalige Kanada und ungefähr das, was man heute den Bible-Belt nennt.

Das hat den Franzosen echt weh getan und sie sannen auf Rache. Als die Amerikaner gegenüber den Briten aufmüpfig wurden, da hörte Paris ganz genau zu. Und als die Milizen sich dann eine ganze britische Armee geschnappt hatten, traten sie in den Krieg ein.

Und versorgten Washington mit Truppen, Waffen, Schiffen und Soldaten. Ohne diese Unterstützung wäre der amerikanische Unabhängigkeitskrieg sicher gescheitert. Das hatte mehrere Konsequenzen. Die eine ist, das wir in Europa so auch Menschenrechte und Demokratie bekommen haben.

Denn dieser Krieg kostete Frankreich ein Vermögen und ruinierte die Wirtschaft. Und da waren plötzlich diese heimkommenden Soldaten. Jetzt arbeitslos. Und die kamen aus einem Land ohne Adel. Und ihre amerikanischen Kameraden hatten immer von Freiheit und Menschenrechten gefaselt. Das wollten die dann auch ganz gerne.

Und die andere Konsequenz war, dass jetzt die Freiheitsstatue in New York steht. Statt in Ägypten.

Aber eines nach dem anderen. Die Freiheitsstatue ist ein Geschenk Frankreichs an die USA. Als Symbol des Sieges gegen die Briten. Der Freiheit vor… na ja, den Briten. In Frankreich hielt man den Unabhängigkeitskrieg nämlich – nicht ganz unberechtigt – für eine gemeinsame Anstrengung.

Und die größte Bronzestatue der Welt ist ja auch kein schlechtes Geschenk. Da sagte man in Amerika nicht „Nein“. Oder doch. Fast. Mit der Planung fing man 1870 an. Beide Länder waren gleichberechtigt beteiligt. Aber man brauchte alleine fünf Jahre, um die Aufgabenverteilung hinzukriegen.

Ihr Amerikaner baut das Podest und stellt die Insel zur Verfügung, wir Franzosen liefern rechtzeitig die Statue. Oui? Comprenez-vous?

Leider war dann zum Jahrestag die Statue noch nicht gaaanz fertig. Eigentlich nur der rechte Arm mit der Fackel und der Kopf. Das stellte man dann die nächsten acht Jahre aus. Während den Amerikanern das Geld für den Sockel ausging. 1885 wäre das Ganze fast eingeschlafen. Wenn nicht Joseph Pulitzer, der mit dem Preis, eine Spendenkampagne gestartet hätte, um das doch noch zu einem glücklichen Ende zu bringen.

Und so stelle Gustave Eiffel, der mit dem Turm die Statue fertig, die in Einzelteilen verschifft und dann in New York verschraubt wurde. Bei der Einweihung wurde übrigens die Konfettiparade eingeführt. Der Bronzeanteil der Liberty ist 46 Meter hoch, mit Sockel sind es 93 Meter. Ärgerlich für mich als Münchner, denn vorher war die Bavaria die größte Bronzeskulptur der Welt. Mit 18,5 Metern. Hübscher finde ich die immer noch. Denn die Miss Liberty ist mir zu streng neoklassizistisch. Aber das ist Geschmackssache.

Entworfen hat die Freiheitsstatue Frédéric Auguste Bartholdi. Doch der wollte eigentlich ja eine Muslima als Symbol der Freiheit. 1855 war er durch Ägypten bereist, wo er erst auf den Geschmack gekommen ist. Für monumentale Statuen, meine ich.

Und es bot sich eine Gelegenheit, so ein Riesenprojekt umzusetzen. Denn der Suez-Kanal würde bald fertig sein. Keine Kleinigkeit für einen Agrarstaat, einen fast 200 km langen Kanal zu bauen. Der Asien auf kurzem Weg mit Nordeuropa verband. Man musste nicht mehr Afrika umschiffen.

Die Briten waren da nicht begeistert, das würde ihre See- und Handelshoheit bedrohen. Aber wie schon oben in Amerika, schafften sie es auch hier nicht, ihre Interessen durchzusetzen.

Und pünktlich zu Eröffnung dieser neuen geographischen Grenze zwischen Asien und Afrika, sollte auch die Freiheitsstatue eingeweiht werden. In Port Said. Mit der Fackel in der Hand. Als Symbol für die Freiheit von, naja, den Briten halt. Alle Schiffe aller Nationen sollten zu allen Zeiten den Suez-Kanal befahren dürfen. Wie es heute noch ist.

Ein ägyptische Fellachin, eine Bäuerin, die Asien das Licht der Freiheit brachte. Verhüllt, mit Schleier übrigens. Klar, denn diese Freiheit war eine Muslima, keine Frage.

Aber der Kanalbau war wirklich teuer gewesen. Isma’il Pasha, der herrschende Khedive lehnte die Statue ab. Zu teuer. Stattdessen baute man den berühmten Leuchtturm. Enttäuscht packte Bertholdi also seine Entwürfe einer muslimischen Miss Liberty ein und fuhr zurück nach Paris.

Während des langen Entwurfsprozess war aus der Bäuerin so langsam eine Göttin gewachsen. Und als er dann, 15 Jahre später, um einen Entwurf für die heutige Freiheitsstatue gebeten wurde, da musste er nicht mehr viel machen. Den Schleier wegradieren, vielleicht.

Offiziell heißt die Miss Liberty „Die Freiheit erleuchtet die Welt“. Statt „Ägypten erleuchtet Asien.“
Kleine Korrektur.

Wenn man aber ganz genau darüber nachdenkt, welche Religion die Miss Liberty hat, dann ist sie wahrscheinlich polytheistisch. Denn sie ist ja die Verkörperung der Libertas.

Und die Libertas haben die Römer im zweiten punischen Krieg zur Göttin erklärt. Also eine Verwandte von Jupiter, Neptun und Pluto. Vorher war sie nur die Verkörperung einer Tugend. Aber die kannten sich halt auch schon mit Propaganda aus, diese Römer.

Und keine Angst: So wichtig war den Römern die Freiheit nicht. Die hatte nur kurz einen Tempel. Auf dem Grundstück von Cicero. Für die allermeiste Zeit des römischen Reichs war die römische Miss Liberty nur eine kleine Statue auf dem Forum Romanum.

Fazit: Miss Liberty ist ganz sicher keine Christin.
Wenn sie schon keine Muslima ist, dann auf jeden Fall eine Heidin.

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