Expl0400: Meine TV-Serie entsteht

Da hat man einmal eine Lieblingsserie gefunden, sich in die Charaktere verknallt, kennt jedes Bühnenbild auswendig und – zack – wird sie nicht fortgesetzt. Wie in den USA Serien entstehen und produziert und vermarktet werden ist ein hochkomplizierter Prozess. Den wir uns einmal anschauen.


Download der Episode hier.
Beitragsbild: „TV Series“ von Kim Støvring / CC BY 3.0
Musik: „TV“ von Titanic Swim Team / CC BY-SA 3.0


[toggle title=”Skript zur Sendung”]
Also ich hab’ da ja eine tolle Idee für eine Sitcom. Da ist diese junge Frau, die ist voll der Computernerd. Mit weißem Hemd und Kulis in der Brusttasche. Und da ist dieser reiche Banker, der aber ein Zombie ist. Und ein Geist. Die eine Sklavin im Civil War war. Und zuletzt ein Androide von einem anderen Planeten. Mit einer Zwangsstörung. Und die teilen sich eine WG in Los Angeles. Voll witzig, oder? Das muss unbedingt ins Fernsehen, oder? Wird besser als Big Bang Theory, oder? Wie läuft das jetzt ab, bis die Millionen auf mein Konto kommen?

Es scheint ein guter Rat zu sein, sich erst einmal einen Agenten zu suchen. Und einen guten Agenten auch noch, wenn’s geht. Wieviel der verdient, ist in Kalifornien geregelt, bei 25% meiner Millionen wäre nach oben Schluss. Dem schicke ich mein Exposé. Welches die tolle Idee in zwei Sätzen zusammenfasst. Die müssen echt gut sein, denn das ist der Text, den alle lesen. Alles andere nur Spezialisten. Die Charakterbeschreibung von oben reicht nicht. Was ist das Ziel des Piloten, was ist das Ziel der Serie? Welche Art von Humor wird bedient, welche Zielgruppe angesprochen? Das muss da rein.

Wenn ich den Agenten überzeugen konnte, für mich rumzutelefonieren, dann wird der mir erst einmal ein Studio suchen. Das ist heutzutage so üblich. Also bei den großen Sendern – Netflix, Amazon und Kabel spielen das Spiel ein bisschen anders. Aber ich will ja zu NBC. Während er sucht, schreibe ich die allererste Folge. Die Pilotfolge.

Das folgt stark standardisierten Regeln. Drehbücher sind mehr durchformatiert wie Masterarbeiten an der Uni. Es gibt ein Haufen Fachbegriffe und Abkürzungen zu kennen. Und eine Seite Drehbuch muss einer Minute Fernsehen entsprechen. Sitcoms sind Halbstünder. Also eigentlich 24-Minüter. Also sollte mein Pilot 24 Seiten umfassen.

Und ich muss schon die Breaks für die Werbepausen einbauen. Wenn der Werbebreak kommt, muss es gerade interessant sein. Oder sehr lustig. Damit die Zuschauer auch die Werbung kucken. Denn Geld ist alles, um was es geht.

Ein Studio im Rücken zu haben, signalisiert dem Network, das wir suchen – jeder Sender in den USA ist ja eigentlich mehrere Sender – das wir die Umsetzung hinkriegen könnten. Das Studio schlägt das jetzt also dem Network vor. Sagen wir, ich bin – dank meines Agenten – bei Warner Brothers gelandet – schlagen die meine Serie „The CW“ vor. Ihrem Stamm-Network.

Das kann Wochen gehen. Wenn man nicht JJ Abrams heißt. Und findet alles rituell im Juni und Juli statt. Aber ich habe Glück und darf vor den Managern von CBS pitchen. „The CW“ hatte sein Recht auf first refusal genutzt. Sie durften als erste ablehnen. Unsere Präsentation dauert zehn Minuten und ich muss dort verkaufen, verkaufen, verkaufen. Aber es läuft prima.

Jetzt kommt das Notening. Die Phase, an der jeder an meinem Drehbuch rumschrauben darf. Und ich muss das in einer Tour immer neu schreiben. Denn das Studio und das Network haben verschiedene Interessen. Für das Network ist meine Humor nicht schwarz genug. Aber das Studio will mehr familienfreundliche Gags – das lässt sich besser international verkaufen. Im Endeffekt entscheidet aber das Network. Die zahlen ja schließlich. Und Geld ist alles, worauf es ankommt.

Das hat jetzt alles bis Ende September gedauert und ein Outlining musste ich auch noch schreiben. Wo noch einmal dezidiert drinsteht, wo jeder mit der Serie so hinwill. Mein Agent sagt zwar, das interessiert keinen. Aber wenn die Serie ein Erfolg wird, dann hat man Grundlagen zum Streiten.

Im November bekomme ich ein Go: CBS hat den Piloten von mir geordert. Das heißt, dass ich den noch einmal schreiben muss. Auf die Notes und das Outlining eingehen muss. Und auf die neuen Notes auch noch. Aber mit der Order bedeutet das: Wir kriegen wenigsten Geld dafür.

Es ist Ende Januar, da kommt die SMS. CBS ordert eine Pilotfolge! Hurra! Früher haben die Sender so 24 bis 30 Piloten im Jahr geordert, mittlerweile nur noch 10 bis 12. Fernsehen verdient seit 2012 mehr Geld als Kino und Geld ist alles, worauf es ankommt. Bedingt durch diesen Erfolg sind aber die Produktionen aufwendig und teuer geworden.

Auch mein Pilot kostet die Produktionsfirma, die wir gefunden haben, wahrscheinlich eine Million. Was für eine Sitcom normal ist. Das Studio z.B. berechnet uns die Bühne mit 4000 Dollar und jede Kamera – wir brauchen drei – noch einmal mit 1500. Am Tag.

Jetzt muss ich nicht nur den Piloten noch einmal schreiben, das Studio ist auch am Casten wie doof. Ich habe auf einmal drei Autoren in einem Raum sitzen, die auch Episoden für meine Serie schreiben werden. Das war mir neu. Aber sind alles nette Menschen und man hat viel Spaß. Bei den 14 bis 16 Stunden, die wir in diesem Raum verbringen werden, ist das auch ganz gut.

Mein Agent hat gefragt, ob ich noch einen Piloten in der Tasche hätte. Komische Frage…

Mein Traum wird wahr! Das Filmen fängt an! Einige bekannte Gesichter sind unter den Schauspielern, das ist superwichtig. Denn das gefällt den Werbekunden. Und die haben das Geld und Geld ist alles, worauf es ankommt. Der Pilot wird fertig. Mal schauen, ob CBS das zum Angeben hernehmen wird.

Und auch hier haben wir Glück! Das Telefon klingelt es ist mittlerweile Mitte Mai: Wir dürfen zum Upfrontening! D.h. in New York hat sich jemand für uns interessiert. Und da müssen wir in 12 Stunden auch alle sein. Hauptdarsteller, Showrunner, Produzent, mein Agent und ich. Das bedeutet vor allem auch, das unsere Pilotfolge ausgestrahlt werden wird!

Da sitzen wir also alle an einem Tisch und vor uns die Werbeagenturen New Yorks. Mit ihren wichtigsten Kunden. Und ausgewählte Journalisten. Wir werden ganz schön ausgequetscht. Es geht darum zu erklären, warum die Serie ausgerechnet bei den Zielgruppen erfolgreich sein wird, die momentan am ehesten Kohle für Produkte ausgeben wollen. Damit das Geld unserer Zuschauer zu den Werbern und in die Industrie fließt. Und Geld ist alles, worauf es ankommt.

CBS ordert den ersten Stack. D.h. 13 Episoden, die jetzt ruckizucki von meinen Autoren und mir geschrieben werden müssen. Es werden noch einmal Darsteller und Regisseure ausgetauscht. Und auch Schreiber gefeuert und neue an Bord geholt. Alle sind sehr aufgeregt! Und arbeiten wie die Bienen. Mitte Juli haben wir eine Präsentation auf der Comicon, um unsere Show vorzustellen! Das ist sehr wichtig – die Fans haben den Piloten gesehen und löchern uns mit Fragen.

Aber wir wissen nicht viel zu sagen. Während die Hauptdarsteller, der Showrunner und ich hier Fragen beantworten, wird die zweite Folge ja erst gedreht! Es gilt also, sich geschickt durch zu lavieren. Vor allem dem Studio ist es wichtig, dass wir die Serie gut verkaufen hier. Denn diese Fans, das sind die Leute, die dann den Merchandise kaufen. Und die DVDs. Und Geld ist alles, worauf es ankommt.

Jetzt ist schon Anfang August. Ich bin schon anderthalb Jahre in diesem Karusell. Und während wir gerade die dritte Folge drehen, ruft mein Agent an. CBS hat die Order widerrufen. Nein, das sei durchaus normal. Aber zu wenig Agenturen haben Sendeplätze gekauft – vielleicht hätte ich nicht sagen sollen, dass unsere Show eine clevere Satire auf den Kapitalismus ist.

Und er fragt, ob ich noch einen Piloten habe. Dann könnte ich nächstes Jahr noch einmal mein Glück versuchen. Denn eigentlich ist es für einen Anfänger supergut gelaufen. Und die Fans hätten’s ja auch gemocht. Und er würde mich auch lieben. Das wären gute Karten für die nächste Runde.

Na ja. Alles schön und gut. Ich bin aber trotzdem ein bisschen traurig. Auf der anderen Seite: Ich hatte meine Idee ja gar nicht mehr wieder erkannt. Am Ende war die Show über drei schwule, männliche Cheerleader, die entdecken, dass sie Superkräfte haben.

Ach, was – das war eh’ alles viel zu stressig. Bleibe ich halt Podcaster!
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