Expl0504: Wut ist gut

Tausende Stunden Meditation später ist da in mir immer noch ein Kern, der wütend ist. Dabei sollte ich längst lächelnd wie der Dalai Lama durch die Welt schreiten. Werd’ ich aber nicht tun. Denn Wut ist wichtig. Weil alle Gefühle wichtig sind.


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Beitragsbild: By U3096855 (Own work) [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons
Closer: Hulk – “I’m Always Angry” von 5teveHxC Gaming
Musik: C`est La Vie von NaTta / CC BY-NC-SA 3.0


[toggle title=”Skript zur Sendung”]
Einen Dreck liebt Dich das Universum!
Oh, sorry, das ging zu früh los. Tut mir leid. Äh…
Hallihallo und verdammt noch einmal willkommen beim Explikator!
Tut mir leid. Wo war ich stehen geblieben? Ach ja, ich wollte sagen: (lieblich) Einen Dreck liebt Dich das Universum. Tut mir echt leid.

Was soll das denn auch eigentlich bedeuten? Das Universum ist fucking riesengroß, es breitet sich mit Lichtgeschwindigkeit aus und ist, über den Daumen gepeilt, zu 98% entweder zu scheissekalt um da zu leben und zu einem Prozent zu heiß. Da ist nichts, was Dich liebt! Tut mir leid.

Keine aufgestiegene Meisterin einer anderen Dimension steht da mit einem futuristischen iPad und liest auf ihrer heutigen To-Do-List: Heute Katja Brezelmaiers Wunsch nach einem Parkplatz vor der Uni erfüllen. Ach so, wisst ihr vielleicht nicht: Wir müssen uns die Dinge nur vom Universum wünschen, dann werden sie wahr.

Diese Vorstellung, die mittlerweile in esoterischen Kreisen so richtig dicke Mainstream ist, diese Vorstellung kann nur Menschen in der westlichen Welt so richtig einleuchten. Eben uns. Die wir hier in Europa sitzen und keinen Hunger leiden müssen und seit siebzig Jahren keinen Krieg hatten. Wo Babies allerallermeistens die ersten Jahre überleben und selbst schwierige Krankheiten behandelt werden können.

Wir, hier, deren Hauptproblem es ist, nicht zu fett zu werden für die lächerlichen Schönheitsideale der Werbeindustrie. Wir, hier, die mehr als 30% unserer Lebensmittel wegwerfen, während 600 Millionen Menschen am Verhungern sind. Wir, wir können ganz prima glauben, dass das Universum perfekt ist. Und dass es uns liebt. Alles paletti.

Denn, wenn man auf so einer Esoterikmesse rumläuft und ganz, ganz aufmerksam im Hier und Jetzt den neuesten Eso-Mist kauft, dann ist man ja unter Freunden. Die Obdachlosen und Bettler auf dem Weg vom Hauptbahnhof zum Löwenbräukeller, die hat man geflissentlich übersehen, da hatte die Aufmerksamkeit gerade Pause.

Denn nicht einmal hier, in diesem fetten Land mit den fetten Leuten ist alles in Ordnung. Selbst hier sterben Neugeborene an Krebs, werden Mütter von Besoffenen totgefahren und Flüchtlingsheime angezündet. Fragt mal so eine Geflohene, ob sie denkt, dass das blöde Universum sie liebt!

Und überhaupt. Ich als religiöser Mensch, ich als Christ, ich als Mystiker, ich finde: Scheiss auf die Liebe! Jawohl! Ich habe alleine den Ausdruck schon satt. Liebe, Liebe, Liebe. Alles ist erfüllt von Liebe. Das Universum liebt Dich. Gott liebt Dich. Jesus liebt Dich. Ich liebe Dich und Du liebst mich. Das größte Geheuchele aller Zeiten! An allen Ecken und Enden!

Es gibt auf Amazon 4.837.278 Treffer für „Liebe“ und 11.364 für „Wut“. 420:1 für die Liebe. Und wenn man jetzt noch berücksichtigen würde, dass die meisten der 11.364 wütenden Treffer davon handeln, wie man die Wut bewältigt, dann sähe es noch viel mieser aus für eines der vier Grundgefühle der menschlichen Psyche.

Denn Wut ist genauso normal jedes andere Gefühl. Wut gehört zu einer normalen Psyche genauso wie eben auch Trauer oder Angst. Noch so zwei Kandidaten, die keiner mag.

Wer mag schon Menschen, die eher traurig sind als fröhlich? Ruiniert doch die Grillparty. Wer respektiert Personen, die durch ihre Ängste gelähmt sind? Und wer kann schon mit der Wut seiner Mitmenschen umgehen?

Nein, wir, wir müssen uns alle ständig freuen, weil es uns ja auch so verdammt gut geht. Wir pinseln uns die Welt in Rosa und geben uns alle erdenkliche Mühe im Freundeskreis gelassen und fröhlich zu wirken, selbst, wenn uns innerlich schon längst die Aggression die Magenwand zerfrisst.

Wir sind so in Kontrolle über unser Leben, dass wir depressiven Menschen helfen wollen, in dem wir ihnen aufzeigen, wie gut es ihnen doch eigentlich geht. Das sie sich freuen sollten, dass sie A, B oder C haben. Und vor allem D. Schau Dir X an oder Y, die haben kein D. So wie Du! Es gibt so viele, denen es schlechter geht. Also, komm, sei nicht mehr traurig, steig aus dem Bett und lass uns ein Eis essen! Hmm? Wie wär’s?

Und Ängste, klar. Die hat man. Aber die kann man ja überwinden! Das ist gar kein großes Problem. Schau einmal, der ganze Platz ist voller Menschen und keiner schaut Dich an, keiner will ‘was von Dir – da gibt es doch keinen Grund, sich zu fürchten! Und Deine Flugangst: Behandelbar. Da gibt’s sogar Schnelltherapien auf Flughäfen. Halbe Stunde und die ist wech.
Man muss sich nur seinen Ängsten aussetzen, dann kann man sie meistern. Also, mach’ ‘mal!

Immer nur positiv denken. Ein hysterisches Mantra, das alles andere verdecken soll in unserem Inneren. Immer daran denken, dass das Scheiss-Universum Dich liebt! Jede Zelle Deines Körpers ist glücklich, piep, piep, piep, wir haben uns alle lieb. Aber in Wirklichkeit brauchst Du das Universum, dass Dich liebt. Denn wir tun es nicht. Wir geben das nur vor. Alles gelogen.

Wollen wir aber nur irgendwie mit unserem Gefühlsleben zurecht kommen, dann müssen wir anerkennen, dass wir alle, alle, alle eben auch alle Gefühle haben. Kein gesunder Mensch hat nicht irgendwann Angst, zum Beispiel um die Zukunft. Kein gesunder Mensch trauert nicht, wenn er einen geliebten Menschen verliert. Und kein gesunder Mensch ist niemals wütend. Wut ist verdammt wichtig und verdammt gut.

Wut beendet ungesunde Beziehungen, Wut veranlasst Veränderungen, Wut zerschlägt falsche Illusionen. Wut gibt uns Kraft. Wut kann das einzige Schutzschild für unsere Ängste sein. Wut kann für uns Konflikte austragen, die die eigene Unsicherheit eigentlich nicht erlauben würde. Wut stürzt Diktatoren, Wut führt zu Gerechtigkeit.

Wir sollten alle endlich viel wütender sein, denn bisher wird der Planet immer noch schlecht verwaltet. Das ist nicht die Welt, die die meisten Menschen sich wünschen würden. Ich will keine Welt, in der Flüchtende mit Hass konfrontiert werden, in der sich halb Europa von der Demokratie abwendet und ganze Länder von Europa. Ich will keine Welt, in der Menschen hungern und wir Lebensmittel wegwerfen, damit der Profit stimmt. Und ich will keine Welt, in der nichts gegen den Klimawandel getan wird.

Keine Welt, wo Esoteriker glauben sich ihre seelische Gesundheit im Shop kaufen zu können, von der Liebe des Universums schwafeln und davon und gleichzeitig davon, wie toll es im letztzen Sommerurlaub wieder einmal in Indien war. Um ganz ehrlich zu sein, will ich nicht einmal eine Welt in der Leute behaupten, ein koffeinfreier Frappucino mit Vanillearoma aus dem Pappbecher sei ein Kaffee. O.k., jetzt bin ich zu weit gegangen. Sorry.

Wut ist gut. Weil auch Angst gut ist und Trauer auch gut ist. Und eben auch Freude. Wut heißt nicht, dass man rumschreien muss oder jemanden eins auf die Nuss geben. Das sollte man nicht verwechseln. Wut heißt nicht, dass ich anderen Menschen Leid zufügen muss. Wut heißt, dass ich mir mal anschauen muss, was gerade in meinem Leben passiert. Und wenn ich das tue, werde ich da eine Reihe von Gefühlen entdecken. Eifersucht vielleicht oder Trotz. Tiefe Verletztheit oder einfach die Tatsache, dass ich mein Leben ändern muss.

Klar ist Liebe auch gut. Logisch. Ist prima. Klasse. Toll. Aber ich habe schon einige Menschen kennengelernt, die aus Liebe in eine Ko-Abhängigkeit gefallen sind. Ihren schlagenden Partner noch im Krankenhaus verteidigt haben. Oder auf andere Weise verblendet gelebt haben. Die sich selber bis zum völligen Zusammenbruch verausgabt haben. Das ist aber falsch, grundfalsch.
Liebe hat ihre Schattenseiten, Liebe kann verdammt gefährlich sein.

Kein Gefühl ist schlecht. Wir haben sie alle zu erleben. Trauer muss durchschritten werden, Angst muss ertragen werden, Freude muss erlebt werden und Wut eben auch. Und meistens ist das, was wir empfinden, ein Gemisch aus all diesen vieren.

Es ist nicht ein Zeichen seelischer Gesundheit, wenn man immer nur gelassen und zufrieden den ganzen Tag wie eine Kuh grinst und die ganze Welt liebt. So wie diese Karikatur vom Dalai Lama, die wir uns hier im Westen gezeichnet haben. Oder eben wie all’ diese Besucher auf den Esoterik-Messen. Wird wieder hier sein, im Löwenbräukeller, Anfang November. Ich gehe sicher hin.

Fazit: Das blöde Universum liebt Dich nicht. Dem Universum bist Du einfach scheissegal. Völlig wurst. Die gute Nachricht: Es hasst Dich dafür auch nicht. Immerhin.

Wenn wir aber alle immer nur positiv denken und uns alle immer furchtbar lieb haben, dann wird sich genau gar nichts verändern. Dann können die Macher, wer auch immer, mit uns machen, was sie wollen. Die Chefs und die Verwalter, die Politiker und die Werber, die Kapitalisten und die Demagogen.

Vieles ist gut, also freuen wir uns. Vieles ist furchtbar, also fürchten wir uns. Vieles ist für immer vorbei, also trauern wir. Und vieles gehört verändert, also lasst uns wütend sein.
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