Expl0505: Die Odyssee des toten Banditen

Der wahrscheinlich schusseligste Bandit Oklahomas begann seine Berühmtheit erst nach dem Tod zu erlangen. Als gruseliges Ausstellungsstück. Eine Horrorgeschichte aus der Geschichte, über die wir uns als moderne Menschen aber vielleicht trotzdem nicht zu sehr wundern sollten.


Download der Episode hier.
Opener: „Intro – Six Million Dollar Man“ von Francis Ordonez
Closer: „I AM AFRAID OF MUMMIES“ von bryoq2
Musik: „Trains (2015)“ von The Willing / CC BY-SA 3.0


[toggle title=”Skript zur Sendung”]
Hach, ich liebe ja Serienintros aus den Siebzigern! Das Intro zu „Straßen von San Francisco z.B. das ist so richtig funky. Aber das hier ist auch nett, das ist vom „Sechs-Millionen-Dollar-Mann“. Großartige Serie, so richtig hübsch cheesy Seventies. Lee Majors spielt da einen Cyborg.

Heute steht aber nicht Film auf dem Programm, heute ist Geschichte. Und die heutige Geschichte hat mit diesem Vorgänger des Terminators zu tun. Beziehungsweise mit dem Filmteam. Die filmten nämlich in Long Beach, Kalifornien eine Folge dieser Serie in einer Geisterbahn. Um Platz zu machen für die Kameras wollte einer der Requisiteure diese abstossend hässliche Puppe eines Gehängten aus dem Weg räumen.

Und hatte auf einmal deren Arm in der Hand. Kaputt gemacht, die hässliche Puppe, die auch noch mit roter, phosphoreszierender Farbe angemalt war. Komisch war nur, dass aus dem Arm ein menschlicher Knochen ragte. Weil das gar keine Puppe war, sondern ein Kadaver. Eine sechzig Jahre alte Mumie.

Aber so erzählt man eigentlich Geschichten nicht. Fangen wir also weiter vorne an. In Bangor, Maine, so um das Jahr 1896 herum. Sadie McCurdy hat gerade ihrem Neffen Elmer ein umfassendes Geständnis abgelegt. Sie hat ihm endlich die Wahrheit gesagt. Denn seine Mutter, Helen, das… war gar nicht seine Mutter. Sondern seine Tante. Sie hatte Klein-Elmer nur adoptiert, weil sie selber bei seiner Geburt noch minderjährig war. Und keine Ahnung hatte, wer sein Vater ist. Wahrscheinlich ihr Cousin. Eine Schande, das alles.

Das ist für einen Teenager keine leichte Sache. Der Mann, der für ihn sein Papa war, war in Wirklichkeit sein Onkel. Seine ersten 16 Lebensjahre hatte ihm seine komplette Familie ein Schmierentheater vorgespielt. Mama, Papa, Opa. Alles Lug und Trug. Aber, wer Sorgen hat, hat auch Likör, so heißt es. In Elmers Fall ist es natürlich Whiskey und der Beginn einer Sucht, die ihn sein Leben lang nicht mehr loslassen wird.

Aber die Dinge sollten schlimmer werden. Mit 18 verliert er seinen Job als Klempner, als er zwanzig wird, stirbt Sadie, seine Mutter und Monate darauf sein Großvater. Ohne Familie hält Elmer nichts mehr in Maine und er tingelt durch’s Land und schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch. Als Klempner eben oder als Bergarbeiter.

Aber sein Saufen macht es ihm unmöglich, irgendeinen Job länger zu halten. Es wiederholt sich der immer gleiche Ritus: Neuer Ort, neuer Anfang, neuer Job. Dann wieder Alkohol, Schlägereien, Gepöbel, Knast. Und auf zum nächsten Städtchen, wo sich alles wiederholt.

Alleine bei der Armee kann er sich eine Zeit fangen. Er dient drei Jahre lang in Fort Leavenworth als Maschinengewehrschütze. Er macht dort auch einen Lehrgang, wie man mit Nitroglyzerin umgeht. Das gefällt ihm sehr. Wahrscheinlich hat er hier schon eine gewisse Idee…

1910 wird er aus der Armee entlassen. Und zwar am 7. November. 12 Tage später sitzt er wieder im Knast. Er und ein Kumpel waren aufgefallen, weil sie so seltsame Dinge wie Brecheisen, Geldsäcke, Nitroglyzerin, Meißel und Brecheisen horteten. Ein Narr, wer Böses dabei denkt. Meint auf jeden Fall die Jury und lässt den braven Ex-Soldaten frei. Elmer hatte beteuert, dass er nur an einer neuartigen Fuß-Steuerung für Maschinengewehre arbeite. Für das Wohl des Vaterlands. Selbstverständlich.

Nach diesem Gerichtsverfahren beginnt seine Karriere als Bandit. Als nicht so erfolgreicher Bandit. Als einer der schusseligsten Räuber der Geschichte des Westens.

Im Iron Mountain-Missouri Pacific-Zug am 11. März 1911 sei in einem der Waggons ein Safe. So flüstert man. Und darin befänden sich 4000 $. Also heuert Elmer kurzentschlossen drei Komplizen an. Es gelingt dem Quartett auch tatsächlich, den Zug zu stoppen. Und den Safe zu finden. Und eine Ladung Nitro anzubringen. Und den Safe zu sprengen… Und alles Geld gleich mit. Ihre Beute sind ganze 450 Dollar geschmolzene Silberdollar. Weil die aber mit dem Safe verschmolzen waren, müssen sie diesen mitschleppen und das Edelmetall zu Hause mühsam abklopfen.

Aber Elmer hat gelernt aus diesem Vorfall. Meint er. Im September versucht er eine Bank auszurauben. Ein Mann steht Schmiere und Elmer und ein Kollege gehen in die Bank. Zuerst ist die Tür zum Tresorraum dran. Die sprengt er auch ordentlich. Und zwar quer durch die ganze Bank indurch, raus auf die Straße. Die zweite Ladung für die Safetür zündet aber um Teufels Willen nicht. Und wegen des Lärms und dem Loch in der Wand bleibt keine Zeit für weitere Versuche. Die Beute ist dieses Mal $ 150,- Wechselgeld, die in einer Schale offen rumlagen.

Also doch wieder ein Zug. Nachdem er sich von mehreren Wochen Dauerrausch einigermaßen erholt hat, erfährt er von diesem besonderen Zug. Der 400.000 $ Reparationszahlungen an die Osage-Indianer enthielt. Damit würde endlich alles gut gehen. Das würde sein letztes großes Ding sein.

Und wieder gelingt es, den Zug anzuhalten. Aber weit und breit ist kein verdammter Safe zu finden! Stellt sich heraus: Sie waren ja nicht im Zug mit der Nummer 23, sonder in dem mit der Nummer 29. Die Beute dieses Mal: $ 46,- aus der beförderten Post, ein Revolver, ein schöner Mantel, die Uhr des Schaffners und zwei Krüge Whiskey. Die nimmt sich Elmer mit und leert sie daheim.

Darum ist er am Morgen des siebten Oktober noch sturzbetrunken, als vier Hilfssheriffs in stellen. Denn mittlerweile gab es eine Belohnung von $ 2000,- auf seinen Leichnam. Nach einer kurzen Schießerei stirbt der arme Elmer. Und damit beginnt seine zweite Karriere. Als Mumie.

Joseph L. Johnson heißt der Bestattungsunternehmer in Pawhuska, Oklahoma, zu dem der Tote gebracht wird. Und er macht das, was damals üblich war, wenn keine Angehörigen aufzufinden sind. Er rasiert den Leichnam und balsamiert ihn mit Arsen. Das tötet alle Bakterien und Pilze und mumifiziert den Kadaver nachhaltig.

Niemand kommt. Keiner will Elmer beerdigen. Also hat der findige Mr. Johnson eine Idee. Er zieht der Mumie wieder Straßenklamotten an, gibt ihm ein Gewehr in die Hand uns stellt ihn, in einem Sarg, in seinem Laden auf. Draußen verkündet ein Schild. „Seht den Banditen, der nicht aufgeben wollte!“ Eintritt: Fünf Cent. Der Laden brummt. Elmers toter Körper und die frei erfundene Geschichte von Oklahomas berühmtesten Outlaw werden im ganzen Bundesstaat bekannt.

Man fragt sich heute, warum das wohl so ist. Aber irgendwie gruseln wir uns wohl gern. Heute haben wir dafür die Tagesschau, den amerikanischen Wahlkampf, die Pegida und natürlich Horrorfilme. Und lasst uns besonders nicht die plastifizierten Leichen des Professor Gunther von Hagens vergessen, bevor wir aufgeklärt den Kopf schütteln.

Damals hatte man eben nur bärtige Damen, Freakshows und Behinderte zum Gruseln. Siehe den berühmten Elefantenmenschen.

Plötzlich taucht aber Elmers Bruder bei Mr. Johnson auf und ist tief betroffen. Aver, so nennt sich der Fremde, zahlt einen hübschen Betrag, um endlich seinen Bruder beerdigen zu können. Und so landet Elmer in einem Zug nach San Francisco. Und das, obwohl er nie einen Bruder hatte.

Aver heißt eigentlich auch anders. Nämlich James Patterson. Besitzer der „Great Patterson Carnival Show“. Einem Zirkus, würden wir sagen. Bloß, dass in Amerika da eben auch Buden stehen, die man besuchen kann. Mit Freaks, Krüppeln, Muskelmännern und eben nun auch mit unserem Elmer.

1922 wechselt er den Besitzer, aber seine Karriere als gruseliges Ausstellungsstück ändert das nicht. Manchmal ist er der „Oklahoma Outlaw“, manchmal auch der „Rätselhafte Mann mit den vielen Identitäten“.

Eine Zeitlang wird er sogar neben der Leiche von Jesse James ausgestellt. Bloß, dass letzterer eine Fälschung aus Wachs ist. 1933 steht er dann in einem Kinosaal. Als typische Leiche eines Drogenabhängigen und um dem Film „Narcotic!“ zu promoten. Ein Schmierenstück über die Tücken des Drogenkonsums.

Nach Jahren in der Lagerhalle – Freakshows waren aus der Mode gekommen – wird er an den Filmemacher David Friedman verliehen und hat einen kurzen Auftritt als Requisite in dessen Billig-Horror-Film „She Freak“ von 1967.

In den Siebzigern wird er noch einmal in einem Wachsfigurenkabinett als Requisite benutzt und zwar am Mount Rushmore. Bis er dann, arg ramponiert und eingeschrumpelt, als Geisterbahnfigur endete und dem Sechs-Millionen-Dollar-Mann im Weg war.

Indentifiziert wurde der geschundene Körper an mehreren Indizien. 1920 hatte man z.B. aufgehört Arsen zu verwenden. Ein Penny in seinem Mund war von 1924. Und letztlich fand sich, auch in seinem Mund, ein abgerissenes Ticket von „Louis Sonney’s Museum of Crime“, einem seiner Aussteller, dessen Sohn ihn identifizierte.

Am 22. April 1977 fand endlich die jahrelange Odyssee des Elmer McCurdy durch die gesamte USA ein Ende.

Damit er für immer in Frieden ruhen kann und nicht ausgebuddelt wird, liegt er nun in seinem Sarg unter 60 cm Beton. 300 Menschen waren bei seiner Beerdigung. Der erfolgloseste Outlaw Oklahomas hatte sich einen Ehrenplatz neben einem richtigen Banditen verdient. Neben Bill Doolin, dem Chef des berühmten „Wild Bunch“. Als Leiche war der arme Elmer berühmter geworden wie als Lebender.
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