Expl0507: Das Bücherparadies

Eine Zeitlang hatte ich mir das Lesen richtig abgewöhnt. Also das stundenlange Schmökern in einem guten Buch. Ich war nur die kurzen Texte aus dem Internet gewöhnt. Gerade bringe ich mir das wieder bei. Sollte dieser Kunde im heutigen Hörspiel auch machen, wenn er schon im „Bücherparadies“ ist, oder?


Download der Epsiode hier.
Musik: „Ersatz (2014)“ von The Easton Ellises / CC BY-NC-SA 3.0


[toggle title=”Skript zur Sendung”]
K: Hallo, Sie da.
V: Ah! Hallo! Und willkommen bei uns im Bücherparadies!
K: Äh ja. Genau. Ich, ich war hier schon einmal.
V: Das ist schön! Sind Sie ein Stammkunde?
K: Nein, nein. Aber ich war hier schon einmal.
V: Dann also schon ihr zweiter Besuch!
K: Ja, genau. Mein zweiter Besuch!
V: Na, Donnerwetter, sind Sie eine Leseratte?
K: Eine was? Eine Ratte? Nein, ich bin ein ganz normaler Mensch.
V: Äh. Ja. Klar. Das war metaphorisch gemeint.
K: Metaphorisch? Was haben denn Ratten mit dem Wetter zu tun?
V: Mit dem Wetter? Ach so! Klar, verstehe. Nein, metaphorisch heißt nur „bildhaft“.
K: Was? Sie, sie verwirren mich. Ich.. ich habe eine Reklamation!
V: Gut. Was gibt es denn zu reklamieren?
K: Ich war ja, wie schon gesagt, schon einmal hier. Und das war gestern. Gestern war ich hier und habe etwas gekauft. Und zwar diese DVD.
V: Aha. „Fifty Shades of Grey“. Ist aber keine DVD. Das ist ein Buch. Das hat sich hier eine Zeitlang verkauft wie warme Semmeln.
K: Warme Semmeln? Sie verkaufen auch Lebensmittel? Egal. Das hier ist auf jeden Fall eine Mogelpackung!
V: Na ja, es ist wirklich nicht so toll, wie seine Verkaufszahlen vermuten lassen.
K: Weil, das ist nur das dickste Booklet, dass ich jemals zu einer DVD gesehen habe.
V: Das ist kein Booklet, das ist ein Buch.
K: Und da ist keine DVD drin. Sehen Sie selber!
V: Das brauche ich mit gar nich anzuschauen. Da gehört auch keine DVD rein. Weil das ein Buch ist.
K: Da kann auch gar keine DVD rein, weil da ist nicht einmal ein Fach für eine DVD. Die könnte man da gar nicht reintun, weil die würde immer rausfallen1
V: Das stimmt wohl. Das liegt daran, dass das keine DVD ist, sondern ein Buch.
K: Aber „Fifty Shades of Grey“ ist ein Film. USA 2015, Regie: Sam Taylor-Johnson. Die hat 1999 auch schon „Nowhere Boy“ gemacht, mit ihrem Mann Aaron Taylor-Johnson in der Hauptrolle. In „Fifty Shades of Grey“ spielt die Hauptrolle Dakota Johnson, das ist die Tochter von Don Johnson und Melanie Griffith. Cool, gell?
V: Wow! Sie haben ja ein richtig enzyklopädisches Wissen!
K: Entsi- Klo?
V: Sie kenne sich ja mit Filmen toll aus, soll das heissen. Was aber überhaupt nichts an der Tatsache ändert, dass das, was sie da in der Hand halten, ein Buch ist. Das vor dem Film kam. Der Film ist aus diesem Buch entstanden.
K: Wie? Das hier ist also das Drehbuch für „Fifty Shades“?
V: Nein. Nicht das Drehbuch. Es ist das komplette Buch. Die ganze Geschichte. Und da steckt viel mehr drin als in den 90 Minuten Film.
K: 125 Minuten.
V: …steckt viel mehr drin als in den 125 Minuten Film, vielen Dank für die Korrektur.
K: Verstehe. Das ist also sozusagen das Drehbuch und das Making-Of und der Kommentar des Regisseurs in einem, oder?
V: Das ist eine nette Analogie. Aber auch nicht richtig. Der Film und das Buch, haben nur wenig miteinander zu tun. Bei einem Buch, da wird alles genau beschrieben. Wo die Figuren sind, warum sie da sind, was ihre Motivation ist und was sie empfinden. Die Geschichte ist umfangreicher und detaillierter. Und meistens ist das von einem einzelnen Menschen ausgedacht.
K: Das klingt ausgesprochen zeitraubend.
V: Na ja, das Buch hat über 600 Seiten. Das ist natürlich nicht in 125 Minuten zu schaffen. Haben Sie es denn gelesen?
K: Was? Gelesen? Nein. Andere Frage: Sie haben dahinten den „Herrn der Ringe“ stehen und „Die Tribute von Panem“ und „Harry Potter“ und „Das Parfüm“ und „The Green Mile“ und „Forrest Gump“ und „Charlie und die Schokoladenfabrik“ und „Vom Winde verweht“ und „Die Chroniken von Narnia“ und „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ und „Brokeback Mountain“ und „Das Schweigen der Lämmer“ und „Fight Club“ und „Einer flog über das Kuckucksnest“ und „Dracula“ und „Der Name der Rose“ – das sollen alles Bücher sein?
V: Klar sind das Bücher. Wir verkaufen hier keine DVDs.
K: Sie verarschen mich! Das sind alles Filme – die meisten habe ich schon gesehen. Das sind keine Bücher!
V: Das waren alles zuerst Bücher. Und jemand hat sie gelesen und es hat ihm oder ihr gefallen und dann hat man erst den Film daraus gemacht.
K: Aber wer soll das denn alles lesen! Das ist ja lächerlich! Was für eine Zeitverschwendung!
V: Das ist nur ihre Meinung.
K: Warum sollte ich auf weiße Seiten mit schwarzen Buchstaben starren, wenn ich das ganze auch als Film haben kann. Mit Bildern. Bewegung. Und Dolby Surround! Hat meine Anlage zuhause nämlich.
V: Sie sind nicht zufällig Analphabet?
K: Anal-phabet? Was soll das heißen? Meinen Sie, ich bin schwul?
V: Nein, ich meine bloß, ob sie je schon ein Buch gelesen haben?
K: Warum das denn? Wenn es das ganze Zeug ja auch auf Film gibt!
V: Na ja, wenn sie so ein Buch lesen, dann entsteht ja auch so eine Art Film.
K: Sie verarschen mich schon wieder! Wenn ich meine Schulbücher gelesen habe, ist in mir immer nur Langeweile entstanden.
V: Nein, nein. Wissen Sie, Schriftsteller können Dinge so beschreiben, dass ein Film in ihrem Kopf entsteht. Sie sehen dann die Figuren in ihrem Kopf.
K: In meinem Kopf? Das ist ja eine Horrorvorstellung! Die trampeln dann auf meinem Hirn rum?
V: Nein, nein. Sie sehen dann auch die Kulisse mit. Bloß ohne Kamerateam, halt wie im echten Leben.
K: Kulisse?
V: Den Hintergrund, den Drehort. Das Set. Das macht alles ihr Hirn für Sie. Und die Bilder, die sie dann sehen, das sind dann nur ihre. Wenn ich das Buch lese, dann stelle ich mir das wahrscheinlich ganz anders vor. Die Imagination ist unendlich!
K: Imagination?
V: Die Vorstellungskraft. Haben Sie den „Herrn der Ringe“ gesehen?
K: Aber natürlich! Ich habe die ganze Box. Blue Ray – Extended Edition!
V: Gut. Der Frodo in meinem Kopf sieht z.B. ganz anders aus als im Film. Und erst der Balrog! Der war in meinem Hirn viel schrecklicher! Und meine Lieblingsfigur – Tom Bombadill – kommt nicht einmal in der Extended Version vor. „
He, Tom Bombadil! Tom Bombadonne!
Hör den Ruf, eile bei, bei Feuer, Mond und Sonne!
Komm, bei Wasser, Wald und Flur, steh uns nun zur Seite!
Komm, bei Weide, Schilf und Ried, aus der Not uns leite!´´
K: Ach. Na ja, das klingt ja alles nett. Aber auch furchtbar anstrengend. Ich will lieber chillen. Und nicht selber imiganieren. Auch keine Kilusse oder so. Über Bücher weiß ich gar nichts, nur bei Filmen hab’ ich ein ent-klo-päderastisches Wissen.
V: Ach, gäbe es nur eine Methode, um ihr Vokabular aufzubessern…
K: Was? Egal. Auf jeden Fall will ich diese DVD…
V: Dieses Buch.
K: …dieses Buch in einen anderen Film umtauschen.
V: Sie können das nur in ein anderes Buch umtauschen. Vielleicht hätten sie selber darauf kommen können, das es hier Bücher gibt, denn wir heißen ja Bücher-Paradies. Das hier ist nicht das DVD-Paradies.
K: Oh. Mist. Was können Sie mir denn empfehlen? Was für Anfänger?
V: Warten Sie… Kennen Sie das?
K: Klar! Erstverfilmung 1974, Regie Gustav Ehmck, Titelrolle Gert Fröbe. Neuverfilmung 2006, Regie Gernot Roll, Titelrolle Armin Rohde. Habe ich aber beide nicht gesehen.
V: Umso besser! Dann nehmen Sie doch einmal das Buch mit, aufgrund dessen die beiden Filme überhaupt erst gemacht worden. Das ist auch ein hervorragender Schriftsteller.
K: „Der Räuber Hotzenplotz“. Na gut.
V: Eine Frage noch. Was hat Sie denn überhaupt zu uns geführt?
K: Das war meine Freundin. Die sagte, ich soll hierherkommen.
V: Warum?
K: Sie meinte, ich wäre ein ungebildeter Idiot.
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