Expl0508: Das leere Gehirn

Ach, wie wäre es doch nett, wenn die Schlagzeilen recht hätten. Dann könnten wir in vierzig Jahren unser Bewusstsein in einen Computer downloaden und würden dann ewig leben. Wenn ich mir dolle Mühe gäbe, könnte ich das vielleicht noch schaffen. Aber leider ist das völliger Unsinn.


Download der Episode hier.
Beitragsbild: „Child Head“ von Charly W. Karl Follow / CC BY-ND 3.0
Closer: „Data is fully functional“ von Lily
Musik: „PoSiTiVe (2015)“ von Ezdrash / CC BY-NC-ND 3.0


[toggle title=”Skript zur Sendung”]
Manchmal, wenn ich diese Sendung produziere, hinterlässt so eine Folge Explikator eher einen fahlen Nachgeschmack. Irgendetwas stimmt dann nicht so richtig. Vor zwei Wochen z.B. habe ich eine Sendung veröffentlicht, die erklärt, wie unser Gedächtnis so funktioniert.

Die Sendung bildet ungefähr ab, wie so der Kenntnisstand der Wissenschaft gerade ist. Wohin uns die Hirnforschung gebracht hat. Was wir uns gerade so vorstellen können. Wie wir uns unser Bewusstsein erklären. Denn tatsächlich basiert das Bewusstsein ja auf Erinnerung.

Wie wir die Welt wahrnehmen, wie wir Schlüsse aus dem Erlebten ziehen, wie unser Verhältnis zu anderen Menschen ist, was wir glauben, was wir wollen und was wir planen – all’ das basiert darauf, dass wir uns erinnern. Das wir bereits Erlebtes wieder erinnern und neue Erfahrungen damit abgleichen.

Ohne Erinnerung hätten wir keine Identität, keine Rezepte, wie wir auf die Umwelt reagieren können, kein Wachstum. Wir wären jeden Tag wie ein Neugeborenes und selbst diese Metapher hinkt, denn selbst Neugeborene haben schon Erinnerungen. Erfahrungen gemacht.

Hinter der Vorstellung des Gedächtnisses, wie ich sie vor zwei Wochen präsentiert habe, steht die Idee, dass unser Gehirn so ähnlich funktioniert wie ein Computer. Das ist ein Narrativ, dass wir alle zutiefst verinnerlicht haben. Das wir alle glauben, egal ob Laien oder die meisten Forscher.

Es ist ganz einleuchtend: Unser Gehirn ist wie ein Computer, wie eine CPU, ein Chip, der Informationen verarbeitet. Und diese werden dann abgespeichert wie auf einer Festplatte. Und wenn wir so eine Erinnerungsdatei brauchen, dann rufen wir sie einfach ab.

Das ist die Metapher, die sich durchgesetzt hat. Das Hirn funktioniert wie ein Computer. Da gibt es Informationen, Daten, Routinen und Subroutinen, Speicher, Algorithmen, Dekodierer, Kompressoren, Abbildungen, ja, wir gehen sogar soweit, psychische Erkrankungen als Viren oder Programmierfehler zu beschreiben.

Mittlerweile können weder Laien noch Forscher die Vorgänge im Hirn beschreiben, ohne die Analogie zu Computern zu benutzen. Daher kommen auch die Idee, das wir bald die Unsterblichkeit erreichen. Denn bald sind unsere Computer soweit, dass wir uns anstöpseln können und unser Bewusstsein auf eine Maschine übertragen können. Das dauert höchstens noch 40 Jahre, so heißt es.

Sagt z.B. Ray Kurzweil. Oder Elon Musk, der sich nicht zu schade ist, Sätze zu sagen wie: „Die Wahrscheinlichkeit, dass wir NICHT in einer ausgefuchsten Computersimulation existieren, ist eine Milliarde zu eins.“ Oder meint auch Stephen Hawking. Warum frägt man eigentlich einen Astrophysiker überhaupt, wie unser Bewusstsein funktioniert?

Daher auch die Angst, es könnte bald zur Singularität kommen. Das die Computer ein Bewusstsein erreichen. Ein Selbs-Bewusstsein. Und uns dann einfach abschalten. Das glauben auch sehr viele Forscher, wie z.B. die Drei von gerade eben.

Die EU hat vor drei Jahren deswegen auch 1,2 Milliarden Euro in die Hand, um das sogenannte Human Brain Project zu finanzieren. Wie einst bei der DNA hofft man, wenn nur alle fleißig zusammenhelfen, das Hirn zu enträtseln können wir z.B bald eine funktionierende Hirnsimulation bauen. Klappt übrigens nicht besonders gut gerade.

Wir haben die Wissenschaft so weit gebracht, dass unsere Vorstellungskraft nicht mehr zur Beschreibung reicht. Wir können uns nicht wirklich vorstellen, was ein Quantenobjekt ist. Wir wissen nicht, was diese Dunkle Energie ist, die das Universum immer schneller vergrößert. Wir können uns auch nicht die Stringtheorie oder deren 11 Dimensionen vorstellen. Nicht einmal die Raumzeit und die ist seit 100 Jahren einigermaßen wasserdicht belegt.

Und genauso wenig verstehen wir das Gehirn. Und das Modell „Computer“, dass wir zur Erklärung blenutzen, ist nur eine Metapher. Die aber so einleuchtend ist, dass auch klügere Köpfe das komplett verinnerlicht haben. Aber diese Metapher ist falsch und führt uns in die Irre. Die Milliarde kannst Du aber bestimmt von der Steuer absetzen, liebe EU.

Ein Computer speichert natürlich Informationen. Wenn wir ihm z.B. zeigen wollen, wie ein Zwanzigeuroschein aussieht, dann scannen wir den, schreiben dazu noch ein Haufen Metadaten und speichern das ab. Das liegt dann vielleicht Jahre ‘rum und wenn wir diese Datei abrufen, dann ist sie immer noch frisch wie im Mai.

Aber unser Hirn? Lieber Zuhörender, Du hast wahrscheinlich im Leben schon hunderte Male einen Euroschein in der Hand gehabt – und hiermit entschuldige ich mich schon vorab, alle Schweizer zu exkludieren – was ist da drauf? Wie schaut der aus?

Ja, richtig er ist blau. Und stimmt, da steht 20 drauf. Und sonst? Welches Bild ist auf der Vorderseite, welches auf der Rückseite? Wie oft steht da 20 drauf? Weißt Du nicht? Ich schon, aber nur, weil ich gerade einen vor mir liegen habe. Wir können keine Datei abrufen in unserem Gehirn, nirgends ist gespeichert, dass auf der einen Seite Fake-gotische Kirchenfenster sind und zweimal „20“ gedruckt ist und auf der anderen Seite ein Fake-Äquadukt plus einmal die „20“.

Und das liegt daran, dass unser Gehirn nichts „speichert“, das ist das falsche Wort.. Es verarbeitet auch keine Informationen und wir können auch nicht Erinnerungen abrufen. Es gibt nichts in einer menschlichen Zelle, wo Informationen abgelegt werden können. Das Gehirn ist sozusagen leer. Das klingt provokant, aber das liegt daran, dass wir alle diese Computer-Metapher verinnerlicht haben. Laien wie Forscher.

Solche Bilder aber können dem Fortschritt der Wissenschaft schaden. Als der Mensch in der Antike die Hydraulik entwickelte, bastelte er sich auch gleich eine hydraulische Metapher vom Menschen. Die Vier-Säfte-Lehre. Es war bis in Renaissance allen klar: Wenn jemand krank ist, dann ist der Kreislauf einer der vier Säfte gestört. Egal ob schwarze Galle,gelbe Galle, Schleim oder Blut. Das führe zu Behandlungsmethoden, über die wir heute lachen.

Dann entwickelten wir die Mechanik. Federn, Getriebe, Zahnräder, Pleuel und die Unruhe. Die Taschenuhr holt die Zeit in die Hose. Bald, so glaubte man ab dem achtzehnten Jahrhundert, können die Mechaniker den Menschen nachbauen. Eine mechanistische Physiologie. Ein Bestseller noch aus den Siebzigern hieß „Biomaschine Mensch“.

Und mittlerweile haben wir Computer. Jetzt ist unser Hirn die Hardware, unser Bewusstsein die Software. Und wenn wir einen Rechner bauen, der nur komplex genug ist, dann wird der von selber ein Bewusstsein entwickeln. Logisch. Aber falsch. Und es führt die Forschung in die Irre.

Wir wissen nicht wirklich, wie wir uns etwas merken. Wir wissen, dass eine Erinnerung in uns ein Erregungsmuster erzeugt, dass der ursprünglichen Erfahrung ähnelt. Ein komplexes neuronales Netz, dass wahrscheinlich mehr Bereiche des Hirns benutzt, als wir heute im MRT sichtbar machen können. Wohin die Erinnerung dann geht? Wissen wir nicht. Die Art, wie so ein Netzwerk Reize verarbeitet, wird dauerhaft verändert. Leitungen werden verstärkt oder angeschwächt.

Das Gehirn selber ändert sich mit jedem einzelnen Eindruck. Jede Sekunde unseres Lebens wird das Gehirn dem Erlebten angepasst. Und selbst durch das Erinnern eines Eindrucks verändert sich das Gehirn und damit auch diese einzelne Erinnerung – die es eben nicht als unveränderliche Datei gibt.

Die Analogie mit dem Computer ist grundfalsch. Das Gehirn ist nicht die Hardware und unser Bewusstsein nicht die Software. Ein Neuron ist keine Speichereinheit und Ganglien sind keine Schaltkreise. Ein Computer ändert sich nicht wirklich durch die Dateneingabe. Die CPU bleibt immer unverändert und frisch.

Um das Gehirn wirklich zu simulieren, müssten wir eine Momentaufnahme aller 86 Milliarden Hirnzellen machen und der 100 Billionen Nervenverbindungen und derer individueller Erregungskapazität und der 1000 verschiedenen Proteine an jeder Synapse und des Salzhaushalts des Hirns. Dann müssten wir noch analysieren, wie jede einzelne Aktivität das gesamte System beeinflusst.

Wollen wir dann, nach diesem Schnappschuss, Vorhersagen machen, wie das Gehirn auf den nächsten Reiz reagieren wird, müssten wir im Prinzip die Geschichte aller Reize vorher kennen. Oder die Lebensgeschichte genau dieses Gehirns. Genau genommen des Menschen in dem dieses Gehirn steckt, denn außerhalb des Körpers, der diese Erfahrungen gesammelt hat, ist das Gehirn wertlos.

Denn jedes Gehirn ist völlig anders. Es gibt keine Erfahrung, keinen Eindruck, den Du und ich gleich verarbeiten würden. Nicht einmal die Hand auf der Herdplatte wird in Deinem Hirn, oh Hörender, genau so empfunden wie in meinem Hirn.

Die Computer-Metapher führt uns in die Irre, wenn wir das Gehirn verstehen wollen. Computer und Hirn sind grundverschiedene Systeme. Wir werden unser Bewusstsein nicht abspeichern können und wahrscheinlich wird kein Computer so bald ein Bewusstsein erreichen, wie wir es besitzen.

Die Analogie besteht nicht. Stephen Hawking, Elon Musk, Bill Gates und das Human Brain Project sind auf der falschen Fährte. Es scheint sich in der Bewusstseins-Forschung eher ein neuer Ansatz abzuzeichnen, der sich Enaktivismus nennt oder anti-representasional cognition.

Und wie jedes Mal, wenn sich ein Paradigmenwechsel abzeichnet, werden die Hirnforscher belächelt, die diesen Ansatz verfolgen. Mit so Argumenten wie: „Aber die meisten Forscher sagen, dass das nicht so ist.“ Da kommt mir doch gleich die schwarze und die gelbe Galle hoch.

Wir sind nicht Hard- und Software, wir sind keine Computer. Das ist eine falsche Metapher. Wir sind Organismen. Es wird Zeit, dass diese Analogie aus unserem Bewusstsein zu löschen. „Löschen“? Oh, Mist, schon wieder drauf reingefallen…
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