Expl0510: Der menschenfressende Baum

Es gab Zeiten, da war der Dschungel das Symbol für die unbezwingbare Natur. So verwenden wir diesen Ausdruck ja auch heute noch. Und man konnte sich durchaus vorstellen, dass es in diesem düsteren Urwald auch Bäume gab, die Menschen fressen. Und darum glaubte man das dann auch einfach. Heute also eine verdammt gut erfundene Gruselgeschichte aus Kaiser Wilhelms Zeiten.


Download der Episode hier.
Opener: „Der Dschungel ist wieder da!“ von Ich bin ein Star – Holt mich hier raus
Closer: „Despicable Me 2 | Minions Banana Song“ von moviemaniacsDE
Musik: „Tree (2011)“ von Thoola / CC BY-NC-SA 3.0


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Wenn mein Smartphone schon wieder meldet, dass der Speicher voll ist, dann befällt mich manchmal eine gar bleierne Wehmut. Während ich mich schweren Herzens durch meine Dateien lösche, beginne ich von einfacheren Zeiten zu träumen.

Zeiten, in denen unsere Landkarten noch weiße Flecken hatten. Wo Menschen der Gattung Homo sapiens mit besonders viel Melanin noch „Neger“ genannt wurden. Wo der Dschungel noch eine düstere Bedrohung für europäische Imperialisten war und keine Geldquelle. Wo noch an allen Ecken und Enden Monster lauern konnten. Weil gerade ‘mal vier Tierarten klassifiziert waren. Nämlich Hund, Katze, Maus und Kuh.

Geistesabwesend stiere ich auf die Banane auf meinem Tisch und finde ich mich im Geiste wieder in den Zeiten des guten, alten Kaisers Wilhelm. Im Jahre 1874 zum Beispiel. Da erschien in der „New York World“ ein Artikel über eine neu entdeckte Pflanzenart namens „Crinoida Dajeeana“. Der Reporter berichtet darin aus Europa. Der bekannte Botaniker Karl Leche und sein Kollege Dr. Omelius Friedlowsky hätten da einen Artikel veröffentlicht. Und zwar in Graefe and Walthers Magazin, das in Karlsruhe verlegt wird. Klingt schon einmal gut.

Karl Leche beschreibt da seine seltsamen Erlebnisse in Afrika. Wo er auf einen gar garstigen Stamm von Wilden traf, die gefürchteten Mdokos. Diese Neger begannen seine Expedition zu verfolgen, bis der gesamte Tross endlich eine Lichtung erreichte. Dort stand ein seltsamer, bleicher Baum.

Stumpf und zylindrisch mit wenigen langen, dünnen Blättern, die bis auf den Boden hingen. An der stumpfen Spitze des Baums – stumpfe Spitze! Deutsch ist toll – bildete er ein kleines Becken, in dem eine eiterähnliche Flüssigkeit gesammelt war.

Mit ihren Speeren zwangen die Wilden eine Frau aus ihrer Mitte, diesen bedrohlichen Baum zu erklettern. Alle skandierten „Tepe! Tepe!“ Was die halbnackte Primitive dann auch machte. Geschickt, wie diese unzivilisierten Urmenschen so sind, erreichte sie schnell das Eiterbecken.

Nun riefen alle Mdokos wie wild „Tsik! Tsik!“ Das, so sagt uns Karl Leche, heißt „Trink! Trink!“. Das macht die Unfreiwillige dann auch. Plötzlich heben sich die langen Blätter und umfangen das arme Opfer wie die Tentakel eines riesigen Tintenfischs. Und drücken zu, bis die Schreie in einem blutigen Röcheln verstummen.

Das Blut der jungen Wilden mischt sich mit der ekelhaften Flüssigkeit des Baumes. Worauf die Neger alle zum Stamm des Baumes hasten, um das teuflische Gemisch von der Rinde zu lecken, während die grausame Pflanze derweil das Menschenopfer verdaut.

Ach, das ist eine typische Geschichte aus diesem Zeitabschnitt der Geschichte. Sie besitzt viele typische Eigenschaften des Zeitalters, dass wir viktorianisch nennen. Wo eine Legende glaubhaft war, die Namensgeberin – Königin Viktoria – ließe angeblich auch die Tischbeine im Palast verdecken, weil die zu anstößig seien.

Da hätten wir den Horror – auch eine Neuentdeckung dieser guten, alten Zeit. Und die bedrohliche, unheimliche Natur, der Gott-gegebene Feind des europäischen Kolonialisten. Dazu eine ordentliche Portion schwülstige Erotik, wenn barbusige Negerinnen Bäume erklimmen. Das alles verpackt in einen Teigmantel aus dumpfem Rassismus. Und nicht zuletzt ein wichtiges Detail: Natürlich ist die ganze Geschichte frei erfunden.

1888 erscheint in der „Current Literature“ eine gut recherchierte Analyse aller Elemente dieses kleinen Schauerromans. Natürlich gibt es keinen Botaniker namens Karl Leche und auch keinen mit dem Namen Omelius Friedlowsky. Es gibt zwar ein Magazin, dass von einem Karl Ferdinand von Graefe und einem Philipp Franz von Walther einst verlegt wurde. Aber das hieß: „Journal der Chirurgie und Augenheilkunde“. Und die letzte Ausgabe war 24 Jahre vor der Lügengeschichte erschienen.

Aber die ganze Story hatte schon längst ein Eigenleben gewonnen. Gut erfunden ist eben auch halb wahr. Magazin um Zeitung und Journal erzählten die Geschichte nach. Mit immer gruseligeren Details und immer expliziteren Zeichnungen zu den seltsamen Nahrungsgewohnheiten des menschenfressenden Baums von Madagaskar.

Wohingegen sich der Artikel von Frederick Maxwell Somers, der die Lügengeschichte so schön seziert hatte, keinerlei Verbreitung fand. Wen wundert es also, dass sich tatsächlich nicht wenige echte Expeditionen aufmachten, um die fleischfressende Pflanze zu finden.

Da wäre als erster Chase Salmon Osborn, ehemaliger Gouverneur von Michigan, der Madagaskar auf- und absucht. Um 1924 seine Erfahrungen in dem Buch: „Madagaskar – das Land des Menschefresserbaums“ zu sammeln. Gefunden hat er ihn natürlich nicht, aber viele Gerüchte darüber gehört. Aber ist ja auch wurst. Er gibt im Vorwort ganz unumwunden zu, dass er den reißerischen Titel nur gewählt hat, um die Leser für Madagaskar zu interessieren. Jaa… Und vielleicht auch, um mehr Exemplare dadurch zu verkaufen.

Im Jahre 1932 machte sich dann z.B. ein Mitglied der Royal Geographic Society auf die Suche. Mit dem eindrucksvollen Namen Captain de la Motte-Hurst. „Ich habe von vielen Häuptlingen auf der Insel von diesem Baum gehört und zweifele nicht im geringsten an seiner Existenz. Aber, weil die Eingeborenen ihn verehren, haben sie Bedenken, seinen Standort zu verraten.“

Ausgerüstet mit Filmkameras machte sich die Expedition auf den Weg, um endlich dieses grausame Geheimnis der Natur zu lüften. Doch dann hörte man nie wieder von der Expedition. Moment, dramatischer Soundeffekt. Könnte aber auch daran liegen, dass sie nie aufgebrochen ist…

Und dann wäre dann noch Willy Otto Oskar Ley, ein bekannter Autor, bemüht um die Geschichte der Wissenschaft und großer Raketenfreund. Und Freund von Wernher von Braun oder Hans Haber. Ley war 1936 vor den Nazis nach Amerika geflüchtet und hatte ab 1936 mit seinen Büchern den Weg für die Weltraumexpeditionen geebnet. Ein Krater auf der dunklen Seite des Mondes trägt seinen Namen.

Ley war nicht dumm, also bestand seine Expedition nicht aus Trägern, die mit ihm durch den Dschungel ziehen und Macheten schwingen. Sondern er betrieb einfach eine intensive Recherche von seinem Schreibtisch aus, um die Quelle dieser Gruselgeschichte zu finden.

Das gelang ihm nicht ganz, er identifizierte nur einen Nachdruck aus dem Jahre 1881. Aber immerhin kommt er zu dem Schluss, dass die ganze Sache frei erfunden sein muss. Das es den Stamm der Mdokos nicht gibt. Das sich niemand in Madagaskar solche Geschichten erzählt, denn es gibt nicht eine einzige Quelle dazu. Ley vermutet einen Scherz. Und dass all’ die ergebnislosen Expeditionen aus Scham lieber darüber schwiegen.

Eine frei erfundene Geschichte, die aber trotzdem weite Verbreitung fand und noch bis in die Fünfziger geglaubt wurde. Siebzig Jahre menschenfressender Baum. Es mussten sich erst die Zeiten ändern, bis der Spuk vorbei war.

Denn eine Geschichte kann so absurd sein, wie sie will. Wenn nur die richtigen Elemente des Zeitgeists enthalten sind, dann wird sie geglaubt. Das ist damals so gewesen, das ist heute so.

Kennt ihr die Geschichte von den Düsenflugzeugen, die im Auftrag der Regierung Chemikalien versprühen, um uns zu verdummen? Denn Kondensstreifen, die gibt’s in Wirklichkeit gar nicht!

Na ja, jetzt habe ich wieder ein Gigabyte Speicher auf dem Smartphone frei. Aber irgendwie habe ich jetzt gar keine Lust mehr auf Banane…
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