Expl0511: Columbo

In meiner Kindheit hatte keiner meiner Kumpels einen eigenen Fernseher. Wir mussten mit den Eltern kucken. Und Krimis gab es da nicht. Bis auf Columbo. Der war in Ordnung. Heute also über meinen Lieblingskrimi, der so lange lief, dass ich praktisch mit ihm erwachsen wurde.


Download der Episode hier.
Die Schnipsel der Synchronsprecher hat jemand hier gesammelt: Erste Deutsche Columbo-Homepage
Opener: „Columbo – This Old Man Theme“ von Suhlesturm
Closer: Columbo and “Just One More Thing” von stndrds79
Musik: „No Fun (2014)“ von Uniform Motion / CC BY-NC-SA 3.0


[toggle title=”Skript zur Sendung”]
Heute soll es um meinen Lieblings-Detektiv gehen. Um Lt. Columbo. Der beste Detective des LAPD, Abteilung Mord. Der es während der ganzen Serie nicht zu einer einzigen Beförderung geschafft hat. Und das bedeutet immerhin in 35 Jahren Berufsleben. Als bester Detective. Na ja, typisch Columbo, wahrscheinlich hat er Beförderungen abgelehnt, weil er so ganz zufrieden war.

Das im Intro ist die kleine Melodie, die am ehesten so etwas ist wie ein Columbo-Themesong. Denn im Vergleich zu den anderen Krimiserien seiner Zeit hatte er kein immer wiederkehrendes Motiv am Anfang. Nur dieses Kinderlied taucht immer wieder ‘mal auf. Manchmal sogar gepfiffen von Columbo. Und auch das ist typisch. So etwas Reißerisches mit Funkgitarren, Trompeten und fetter Bass-Line, das würde gar nicht passen zu Columbo.

Als seine Karriere im Fernsehen anfing, da waren die Polizisten und Detektive alles harte Männer. Ihr Vorbild war am ehesten Phillip Marlowe aus den Romanen von Raymond Chandler. Sie hießen Joe Mannix in „Mannix“, Steve McGarret in „Hawai Fünf-Null“ oder Detective Steve Carella in „Polizeirevier 87“. Ganz klar Alphamännchen, die besser Autofahren konnten und besser schießen konnten und besser Uppercuts austeilen konnten als die Bösen. Und die Bösen, das waren diese typischen Gaunervisagen aus der Unterwelt. Wenn sie Anzug trugen, dann waren es meistens Mafiosi.

In dieser Testosteron-geschwängerte Atmosphäre betritt ein kleiner Mann mit graurosa Anzug und zerknittertem Trenchcoat die Bühne. Schlecht frisiert, schlecht rasiert. Noch dazu schusselig und schlampig. Auf den ersten Blick ein Loser. Er raucht genau fünf Zigarren am Tag und hinterlässt am Tatort überall die Asche. Er hat einen lethargischen Bassett als Hund, der den kreativen Namen „Hund“ trägt. Verfolgungsjagden kann er sich mit seinem Schrottauto nicht erlauben, denn das ist ja schon am Anfang der Serie 1968 ein verrosteter Oldtimer, über den sich alle lustig machen.

Im Unterschied zu den Machos vor ihm ist er kein Superheld, sondern so wie Du und ich. Tagsüber ernährt er sich gerne von Chilli, an der immergleichen Imbißbude. Aber wir können ihn auch ‘mal einen Burger oder ein Hot Dog essen sehen. Er wirkt schrullig, verschroben und ein bisschen trottelig. Aber er löst jeden Fall.

Auch die Tatorte unterscheiden sich von denen anderer Krimis. Denn Columbos Bösewichte sind nicht in dunklen Gassen oder in schäbigen Hafenkneipen zu finden, sondern in Villen. Es sind die Stars, die Reichen, die Mächtigen. Ärzte, Anwälte, Geschäftsleute, berühmte Schriftsteller oder Dirigenten, feinsinnige Kunstkritiker, Schachgroßmeister, hochrangige Militärs, legendäre Musiker, hochverehrte Schauspieler oder gar Diplomaten. Die Oberschicht eben.

Und die töten kalt und brutal. Ihre Motive sind dabei meist Geldgier oder Neid, Ehrgeiz oder einfach der Wunsch einen Konkurrenten auszuschalten. Es ist schon klar, wenn man da oben angekommen ist, wo sich diese Menschen ‘rumtreiben, dann ist man korrumpiert, dann ist wohl irgendwas in einem kaputt gegangen.

Wir wissen deshalb so genau, wie die Creme dé la Creme mordet, weil auch das Format von Columbo ein völlig Neues ist. Als Columbo im Fernsehen startet, war zuvor erst Nigel Stock als Sherlock Holmes abgetreten. Holmes-Krimis sind klassische Whodunnits. Wer ist der Täter? So heißt die Frage. Eine Columbo-Sendung besteht in der Regel aus drei Akten. Und im ersten Akt, im ersten Drittel sehen wir der Hautvolee beim Morden zu. Wir kennen den ganzen Plan und alle Umstände, wenn Columbo zum ersten Mal in der Villa des Täters auf die Jahrhunderte alten Teppichböden ascht.

Denn diese Serie ist ein Howcatchem. Wie kommt er dem Täter auf die Spur? Was haben die Bösewichter übersehen?

Im zweiten Akt taucht also der schmuddelige kleine Mann auf. Und die Täter sind erleichtert, dass ausgerechnet so ein Trottel die Ermittlungen leitet. Jemand, der so schusselig ist und so ergeben und übertrieben höflich, so beeindruckt von den Großkopferten. „Ach, übrigens, Miss Columbo ist ein ganz großer Fan ihrer Arbeit. Ich habe ja davon keine Ahnung. Aber wenn sie mir ein Autogramm geben könnten?“

Am Ende des zweiten Akts haben sie aber begriffen, dass jeder Smalltalk, jede Bemerkung und jedes „Ach, was ich beinahe vergessen hätte, Sir, tut mir leid, dass ich so lästig sein muss, ist auch nur eine Kleinigkeit für die Akten“ – das jeder dieser Manierismen in Wirklichkeit Teil eines Verhörs ist. Dass Columbo nicht wirklich dumm ist, sondern hochintelligent, von enormer Auffassungsgabe und konzentrierter Aufmerksamkeit.

Im dritten Akt sind die Berühmten und Reichen dann schon völlig entnervt von diesem kleinen Mann mit dem Glasauge, der ihnen an den Hacken klebt und nicht loslässt. So dass sie nervös werden und unruhig. Und dann oft einen großen Fehler machen oder sich in eine clevere Falle locken lassen.

Dann werden sie von dem unscheinbaren Kriminaler festgenommen. Und meistens ist das Geständnis dann eine Erleichterung. Zur Festnahme braucht Columbo niemals Fäuste, er weigert sich eine Schusswaffe zu tragen und er erhebt nur in einer der 69 Folgen seine Stimme.

Columbo war für mich tatsächlich ein Idol. Klug, gewitzt, einfühlsam, voller Mitgefühl, friedfertig und auf seine ganz eigene Weise die Verkörperung des Individualisten schlechthin. Er ist für mich ein Erleuchteter, dem es völlig egal ist, welchen Eindruck er auf andere macht. Der mit dem Leben, dass er führt völlig zufrieden ist. Der seinen Platz gefunden hat. Der genau da steht, wo er hingehört. Der eins ist mit der Rolle, die er seinen Tätern da vorzuspielen scheint.

Genauso wie Peter Falk mit der Rolle zufrieden war. Für Columbo hatte er als vierzigjähriger Schauspieler eine erst beginnende Karriere als Schauspieler an den Nagel gehängt. Seine ersten zwei Filmrollen hatten ihm gleich zwei Oscar-Nominierungen eingebracht.

Aber die Macher von Columbo Richard Levinson und William Link hatten nicht nur dieses neue Genre erfunden, sie waren so verzweifelt dabei, einen Darsteller zu finden für ihren Detektiv, dass sie Falk alle Freiheiten ließen, die Rolle so zu gestalten, wie er wollte. Der seltsame Anzug und der zerknitterte Trenchcoat stammen aus der Privatgarderobe von Peter Falk.

Und die Serie war schon mit der ersten Folge ein großer Erfolg und das weltweit. Alle wollten den schlampigen, verschrobenen Polizisten sehen. Columbo funktionierte in Südamerika und Europa prima, in Asien wurde er geliebt, selbst in Afrika lief er mit Erfolg und er war eine der wenigen US-Serien, die auch im Ostblock manchmal zu sehen war – klar, er klopft ja den Kapitalisten und Ausbeutern auf die Finger.

Fünf Emmys hat Peter Falk bekommen für Columbo, und sieben weitere Male war er nominiert. Seine Chance für einen Oscar hatte er aber damit natürlich verwirkt. Falk war eins mit Columbo, dass er hauptsächlich Nebenrollen bekam, auch wenn er eigentlich im Durchschnitt nur zwei Folgen im Jahr Columbo drehte und Zeit gehabt hätte. Eine rühmliche Ausnahme ist dabei vielleicht „The In-Laws“, eine ziemlich perfekte Komödie von 1979. Hieß bei uns „Zwei in Teufels Küche“. Und die deutsche Übersetzung ist in diesem Fall wirklich nicht gut – das Original zu wählen ist dieses Mal kein angeberischer Hipster-Tipp.

Das führt uns zu einem anderen kleinen Problem mit Columbo. Mit der deutschen Synchronisation von Columbo. Der hatte das Glück, gleich von mehreren erstklassigen deutschen Synchronsprechern eingesprochen zu werden.

Das ist Columbo im Original. /Clip

Und das ist die einzig wahre, richtige deutsche Synchronstimme: /Clip Die von Klaus Schwarzkopf.

Und natürlich macht auch Claus Biederstadt das toll. /Clip
Oder Horst Sachleben. /Clip
Oder der noch bekanntere Uwe Friedrichsen. /Clip

Das sind alles richtig gute Sprecher, aber…
Mich, als Kind oder Jugendlicher hat das immer wahnsinnig gemacht! Ich habe das gehasst!

Egal. Also, eine meiner wenigen Krimiempfehlungen: Wenn ihr noch nicht alle Folgen kennt: Kuckt den erleuchteten Columbo, den Detective mit der Hippie-Philosphie!
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