Expl0512: Der Kern von dem Pudel

Ist es wirklich schlau in der Schule schon die Klassiker zu behandeln? Ich habe auf jeden Fall lange gebraucht, bis ich erkannt haben, wie genial „Faust“ ist. Was das mit der heutigen Folge zu tun hat und mi Leahs Pudel? Hört selbst…


Download der Episode hier.
Opener & Closer: „Goethe – Faust – Gustav Gründgens – Der Pakt – Des Pudels Kern (Will Quadflieg, Gustaf Gründgens)“ von Filme und Politik
Musik: „Devil’s Drop (2013)“ von Hamish Gannett / CC BY-NC-SA 3.0


[toggle title=”Skript zur Sendung”]
Berlin Prenzelberg. Eine luxussanierte Dreizimmerwohnung. Im Kinderzimmer spielt heiter die Dreijährige mit ihren Playmobil-Bauarbeitern. In der Küche schwitzen Dinkel-Haferflocken-Plätzchen im Ofen. Mama sitzt an ihrem Macbook und holt sich Anregungen für ihren Mama-Blog. Von all’ den anderen Mama-Blogs der anderen Mamas und Papas, die auch in Prenzelberg wohnen.

Während die Kleine selbstvergessen vor sich hinspielt, drückt sich ein weißer Pudel durch die angelehnte Tür des Kinderzimmers.

Leah: Oh, hallo! Du bist aber ein schöner Hund!

Der Pudel antwortet nicht. Auch als er hingebungsvoll geherzt und gedrückt wird. Plötzlich macht es leise Puff. Oder Bäng. Oder so. Rauchwolken. Leichter Schwefelduft. Ein erwachsener Mann steht anstelle des Pudels im Zimmer.

Leah: Warum ist der Hund weg?
Mephisto: Äh, wie bitte? Wer? Ich bin ein Teil…
Leah: Du bist der Wauwau, gell? Oder? Wer bist’n Du wirklich?
Mephisto: Wauwau? Ah, gut, dass Du fragst! Ich bin vorbereitet!
Ich bin ein Teil von jener Kraft,
Die stets das Böse will und stets das Gute schafft.
Ich bin der Geist, der stets verneint!
Und das mit Recht; denn alles, was entsteht,
Ist wert, daß es zugrunde geht;
Drum besser wär’s, daß nichts entstünde.
So ist denn alles, was ihr…
Leah: Duhuu?
Mephisto: Äh. Was? Ja, bitte?
Leah: Warum bist Du so weiß im Gesicht?
Mephisto: Bin ich? Wirklich? Also heute früh im Spiegel… Na, wir haben auf Arbeit einfach nicht das richtige Licht. Meinst Du, ich bin zu blass?
Leah: Ganz weiß bist Du. Das ist nicht gut für Deinen Vitamin-D-Haushalt.
Mephisto: Vitamin was? Haushalt?
Leah: Und warum trägst Du Strumpfhosen?
Mephisto: Strumpfhosen? Das sind doch ganz normale Hosen. In meiner Abteilung haben sie gesagt, dass sei die ganz normale Tracht im 16ten Jahrhundert in Deutschland. Steht mir das nicht? Passt nicht zu meiner Figur, gell? Habe ich auch gesagt. Schaut das irgendwie komisch aus?
Leah: Ja, sehr komisch. Bist Du ein Superheld?
Mephisto: Superheld? Nein. Glaube ich zumindest nicht. Held, also Held auf jeden Fall nicht. Aber…
Ich bin ein Teil von jener Kraft,
Die stets das Böse will und stets das Gute schafft.
Ich bin der Geist…
Leah: Du bist ein Geist? Ein richtiges Gespenst?
Mephisto: Was? Gespenst? Nein…
Leah: Bist Du tot? Kommst Du von Burg Eulenstein? Kennst Du das kleine Gespenst?
Mephisto: Eulenstein? Nie gehört. Ich bin kein Gespenst.
Leah: Wer bist Du dann?
Mephisto: Ich bin ein Teil von jener Kraft,
Die stets das Böse will…
Leah: Du bist also böse?
Mephisto: Was? Könnte ich einmal ausreden, bitte?
Leah: Böse Leute mag ich nicht.
Mephisto: Das tut mir aber leid, Heinrich! Dann hättest Du mich nicht rufen sollen!
Leah: Ich bin die Leah! Nicht der Heinich!
Mephisto: Leah? Leah Faust? Du bist eine Frau?
Leah: Nein, ich bin ein Mädchen. Ich gehe in den Arschtritt-Lindgren-Kindergarten. In die Bullerbü-Gruppe.
Mephisto: Moment, bin ich nicht in Wittenberg?
Leah: Nein, das ist Bretzelberg.
Mephisto: Bretzelberg? Welches Jahr schreiben wir?
Leah: Ich kann noch nicht Zahlen schreiben. Nur die Drei. Die geht so… Du kuckst ja gar nicht zu!

Die Mutter betritt mit den dampfenden Plätzchen das Kinderzimmer. Der Anblick eines erwachsenen, bleichen Mannes mit ungesundem Teint überrascht sie in hohem Maße. Es entsteht für Sekunden eine gespenstische Stille. Die Plätzchen verrutschen. Man kann das hören.

Mama: Wer… Wer… Was wollen sie von meiner Tochter? Wer sind sie?
Mephisto: Ah, eine Erwachsene, endlich. Gute Fragen, meine Holde. Höret!
Ich bin ein Teil von jener Kraft,
Die stets das Böse will und stets das Gute schafft.
Ich bin der Geist, der stets verneint!
Und das mit Recht…
Mama: Mit Recht? Wie sind Sie hier hereingekommen? Was wollen Sie hier?
Leah: Mama, das ist doch nur mein Pudel.
Mephisto: Äh, die Balkontür… Und…
Mama: Sind Sie ein Perverser? Wollen Sie meine Tochter belästigen, Sie Widerling?
Mephisto: Äh, was? Nein, ich glaube, dass ist alles ein großer…

Doch mit Leahs Mama spaßt man nicht. Ein schwungvoller Tritt in das Gemächt, ein paar Stöße mit dem Knie in die Magengrube, eine Hammerfaust auf dem Hinterkopf und ein Backblech hinterher sorgen dafür, dass der ungewünschte Eindringling nicht mehr zu Wort kommt.

Mama: So! Das werden wir ja sehen! Krav Maga, Baby! Also wirklich, dieses Viertel geht wirklich langsam vor die Hunde…
Leah: Mama, warum hast Du den lustigen Pudel kaputt gemacht!
Mama: Was? Pudel?
Leah: Ja, mein süßer Pudel. Der war ein Gespenst und der konnte toll reimen! Kann ich den Pudel behalten, Mama?
Mama: Das ist ein ausgewachsener Mann, Leah. Mit Hörnchen auf… Moment… Hörnchen?

Die Mutter durchsucht den Bewusstlosen und findet tatsächlich eine Visitenkarte.

Mama: „Mephistopheles. Unterteufel dritten Rangs. Abteilungsleiter Intellektuelle und Wissenschaftler. Modern-Talking-Straße 58956, 66 666 Hölle.“ Das kommt mir irgendwie bekannt vor…

Cut. Auf dem Polizeirevier sehen wir Leahs Mama mit Leah auf dem Schoß an einem Schreibtisch sitzen. Nebenan sitzt Mephisto und hält sich den Kopf.

Polizist: Also. Der Verdächtige hat ohne ihr Wissen am 26. August gegen 15:15 h das Kinderzimmer ihrer Tochter betreten.
Leah: Und er ist ein Pudel.
Polizist: Wie bitte?
Leah: Ein Pudel. Der Mann ist der Kern von dem Pudel.
Mephisto: (leise, zu sich selbst) Kern vom Pudel. Keine 500 Jahre und die Menschen haben den Genitiv vergessen. O tempora, o mores
Polizist: Sie sind bitte ruhig, Herr Verdächtiger. Zu Ihnen komme ich gleich.
Mama: Leah sagt, der Mann sei erst ein Pudel gewesen.
Polizist: Das kann ich hier im Formular nicht ankreuzen. Hm.. Ich schreibe einfach als Geburtsname „Pudel“. Herr Pudel, wer sind Sie noch einmal?
Mephisto: Ich habe es doch schon hundert Mal zu Protokoll gegeben:
Ich bin ein Teil von jener Kraft,
Die stets das Böse will und stets das Gute schafft.
Ich bin der Geist, der stets verneint!
Und das mit Recht; denn alles, was entsteht,
Ist wert, daß es zugrunde geht;
Drum besser wär’s, daß nichts entstünde.
So ist denn alles, was ihr Sünde,
Zerstörung, kurz, das Böse nennt,
Mein eigentliches Element.
Polizist: Dafür ist auf dem Formular beim besten Willen kein Platz.
Mama: Er heißt Mephistopheles.
Polizist: Ah, sind sie griechischer Abstammung?
Mephisto: Ich bin nicht griechischer…
Mama: Wenn ich ihn anzeige, was droht ihm dann als Strafe?
Polizist: Pfft. Gute Frage. Also hier im Rechner finden sich keine Vorstrafen für einen Mephistopheles Pudel. Also ist er ein Ersttäter. Je nach Richter und Prozessverlauf entweder eine Haftstrafe auf Bewährung oder einen Haufen Stunden Sozialdienst.

Leahs Mama schaut den Polizisten an. Und denn Abteilungsleiter aus der Hölle. Und ihre Tochter.

Cut: Ein Spielplatz mitten in Prenzelberg.

Mutter, andere: Ich bin ja so früh für Dich und die Kleine, dass die Leah keine Tierhaarallergie hat.
Mama: Ja, da sind wir auch froh, Bärbel.
Mutter, andere: Das kann ja wirklich schlimm sein. Der Bruno-Hugo-Louis, der kann ja nicht einmal in die Nähe von Meerschweinchen, schon fängt er an, so zu husten und die Augen tränen und sein Näschen läuft. Das ist eine Tragödie, die Kinder sollen ja irgendwie auch ein Verhältnis zur Natur haben, aber mit so einer Allergie…
Mama: Bärbel, das kann ich voll verstehen. Aber die Leah liebt unser neues Haustier.
Mutter, andere: Wo habt ihr nur so einen gehorsamen Hund her? Es kommt einem ja vor, als würde er jedes Wort verstehen! Das muss das intelligenteste Tier sein, dass ich je gesehen habe. Die Annemarie und der Clemens, die haben ja einen Golden Retriever. Aber der ist so dumm! Passt zu denen. Ich war da am Donnerstag zu Besuch…
Mama: Bärbel, tut mir leid, wir müssen jetzt gehen. Leah, Mephisto – wir müssen los! Erst zum Spanisch-Unterricht und dann zum Hundefriseur! Leah will einen pinkfarbenen Pudel! Also, tschüss, Bärbel – und ach, wegen des Pudels: Der ist uns einfach zugelaufen. Tschüssi!
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