Expl0513: Haarlose Affen

Das Seltsamste an Haaren? Erst sind sie Teil des eigenen Körpers und können so hübsch sein. Dann fischt man sie aus dem Abfluss und sie sind ekelhaft. Gott sei Dank haben wir nicht am ganzen Körper Fell, oder? Aber warum eigentlich nicht? Und wann ist das passiert?


Download der Episode hier.
Musik: „Cooking (2010)“ von Shanel / CC BY-NC-SA 3.0


[toggle title=”Skript zur Sendung”]
Angenommen, es gelingt Außerirdischen irgendwann die Erde zu besuchen. Dann können wir davon ausgehen, dass sie uns technologisch weit überlegen sind. Denn unsere Kenntnisse der Physik erlauben momentan keine sinnvollen Reisen zu anderen Sonnensystemen oder Galaxien.

Auch der neueste Kandidat, der wieder ‘mal als neue Erde oder Erde 2.0 gehandelt wird, Proxima Centauri B, ist über 4 Lichtjahre weit weg. Wenn wir beim Stand unserer heutigen Technik Bilder von diesem Planeten haben wollen, müssten wir eine Raumsonde schicken. Das wäre dann in frühestens schlappen 32.000 Jahren.

Sorry, kurze Abschweifung. Wie gesagt, die Aliens sind uns also weit überlegen. Hypothetisch. So weit, dass sie uns der Tierwelt unseres Planeten zurechnen. Was wäre wohl für sie am auffälligsten? Wenn sie Homo sapiens so ein eine Reihe mit den anderen Säugetieren stellen? Oder nur mit unseren nächsten Verwandten?

Da stehen also die üblichen Verdächtigen an einer Wand. Ein Gibbon, ein Orang Utan, ein Gorilla und ein Schimpanse. Und ein Mensch, so wie die Evolution ihn schuf. Was fällt wohl zuerst auf? Gepflegtere Zähne? Weniger Mundgeruch? Stellt die ganze Zeit Fragen, ob er jetzt von Aliens entführt wurde und oh, mein Gott, daheim wird mir das keiner glauben?

Letzteres vielleicht, aber vor allem haben wir Homo sapiens keine nennenswerte Körperbehaarung. Auch nicht Tom Selleck oder Burt Reynolds, um zwei Beispiel zu erwähnen, als Männer im Gorilla-Look noch als sexy galten. Wir sind für die Aliens haarlose Affen.

Ist ja auch tatsächlich eine seltsame Sache. Alles, was wir von einem prächtigen Fell noch übrig haben, tragen wir Menschen auf dem Kopf. Über alle Alter und Ethnien hinweg ungefähr noch 100.000 Haare im Durchschnitt, die uns übrig geblieben sind. Ich persönlich habe noch nicht nachgezählt, aber das ist wohl bald keine große Zeitverschwendung mehr.

Körper- und Schambehaarung lassen wir hier einmal weg, bevor sich unsere Primaten-Verwandten über uns lustig machen. Denn mit Fell hat DAS nichts mehr zu tun.

Warum aber haben wir kein Fell mehr? Fell ist ja sichtlich praktisch, sonst hätten ja nicht 99,9999% aller Säugetiere sich dafür entschieden. Fell isoliert prima, weswegen wir Menschen ja T-Shirts, Pullis und Duffle-Coats erfunden mussten. Es schützt die Haut, die nicht so gerne der Sonne ausgesetzt ist. Weswegen wir Sonnenschutzcreme mit dem Faktor 50 erfinden mussten. Und es kann auch eine prima Tarnung sein, man kann sich dann besser vor Raubtieren schützen. Weswegen wir… äh… die leider ausrotten mussten.

Aber wir haben kein Fell. Herr Darwin, Sie waren ja der Erste, der uns erklärt hat, dass unsere nächsten Verwandten Affen sind und nicht Engel. Warum haben wir kein Fell? „Keiner hegt den Verdacht, dass die Nacktheit der Haut irgendeinen Vorteil für die Menschen bietet. Deswegen kann der Verlust des Haarkleids nicht auf natürlicher Selektion beruhen.“

Wie bitte? Herr Darwin? Was sonst? Na, tun wir ‘mal so, als hätten wir das nicht gehört. Denn seit Herrn Darwins Ableben 1882 haben wir da schon eine gängige Theorie entwickelt. Und einige Funde gemacht. Wir verfolgen ja unsere Ahnenreihe zurück bis auf Lucy, eine sehr alte Dame der Gattung Australopithecus afarensis. Die dürfen wir uns noch in voller Fellpracht vorstellen, aber schon meistens aufrecht gehend.

Ihr Skelett ist dem schon deutlich angepasst, aber noch nicht so richtig. Joggen hätte ihr keinen Spaß gemacht. Wie unsere Primaten-Verwandschaft wird sie bei sonnigem Wetter im Schatten der Bäume abgewartet haben, bis die Sonne sich ausgetobt hat.

Aber ein paar Schritte weiter haben wir schon den Homo erectus. Erectus bezieht sich in diesem Fall auf den ganzen Körper und nicht nur auf einen prominenten Teil der männlichen Physis. Denn der hatte schon komplett auf den aufrechten Gang umgestellt. Ein Klimawandel hatte unsere Vorfahren aus dem Wald und in die Savanne gelockt. Wahrscheinlich.

Homo erectus war körperlich schon bestens für den nächstbesten Stadt-Marathon geeignet. Er hatte sich zu einer Art Raubtier gewandelt. Zu einem Jäger. Genau genommen zu einem Hetzjäger. Klar, Geparden sind viel schneller als Menschen, aber – hey, soll uns einmal jemand die Ausdauer nachmachen. Joggen liegt uns in den Genen. Vor dem Rechner sitzen leider noch nicht.

Wenn man nun aber aufrecht durch die Savanne joggt, dann ist Fell eher hinderlich. Denn die gute Isolierung führt dazu, dass der Körper überhitzt. Und dann funktioniert dieses brandneue Großhirn nicht mehr richtig. Abgesehen davon braucht man ja auch nicht mehr überall Fell, denn eigentlich scheint die Sonne ja jetzt nur noch so richtig auf die Birne.

Darum haben wir das Fell gegen Schweißdrüsen getauscht. Wichtig in unserer Evolution war nicht nur das Sich-Nakisch-Machen, sondern auch die Fähigkeit zu schwitzen. Weil der Schweiß beim Verdunsten kühlt.

Und wir können wirklich toll schwitzen. Hunde sind uns bei diesem Wetter auf jeden Fall neidisch, so viel ist sicher. Unsere Schweißdrüsen, Glandulae sudoriferae, können bis zu 12 Liter Schweiß am Tag produzieren. Das klingt beeindruckend, wenn man sich das in 12 Milchtüten vorstellt. Und auch ein bisschen eklig…

Soweit die Theorie. Und das klingt ja auch höchst plausibel. Vom beeren- und wurzelkauenden Waldbewohner zum Speer-werfenden Jogger-Jäger. Wenn es da nicht noch diese Zeiten gäbe, in denen die Sonne nicht da ist, umgangssprachlich Nacht genannt. Weil Savannen keine Isolierung haben, kühlen sie nachts völlig aus und es wird lausekalt. Jetzt hättste Dein Fell gerne wieder, Homo erectus, ‘was?

Das ist jetzt auch keine kleine Lücke in der Theorie. Denn erfahrungsgemäß ist es das halbe Jahr Nacht. Und in der Savanne rücken die Temperaturen dann in den Wintermonaten recht nah an den Gefrierpunkt. Es hilft dem haarlosen Jogger-Jäger wenig, dass er mehr Antilopen nach Hause bringt, wenn er am Morgen selber gefriergetrocknet ist. Denn das behindert die Fortpflanzung nachhaltig.

Eine große Lücke also. Dávid-Barrett und Robin Dunbar haben da im Mai im „Journal of Human Evolution“ eine Studie präsentiert, die das erklären könnte. Um solche Temperaturen auszugleichen, muss der menschliche Körper viele Kalorien verbrennen. Und das kann er, wenn er sein Essen kocht. Kochen oder Backen oder Grillen ist wie eine Vorverdauung. Fleisch kann dann mit einem viel höheren Nutzungsgrad verarbeitet werden.

Abgesehen davon bedeutet dass, Homo erectus konnte es sich nachts am Lagerfeuer bequem machen. Das leuchtet ein. Lücke geschlossen. Richard Wrangham aus Harvard hat schon 2009 in seinem Buch „Catching Fire: How Cooking Made Us Human“ diese These aufgestellt. Homo erectus konnte sein Fell abwerfen, weil er kochen konnte.

Die blieb damals aber nicht ohne Widerspruch. Denn es gibt da immer noch ein kleines Problem. Wir wissen, dass unsere haarlosen Vorfahren vor ungefähr 2 Millionen Jahren durch die Savanne joggten. Aber das älteste Lagerfeuer, dass wir gefunden haben, ist nur 500.000 Jahre alt.

Schon wieder eine Lücke! Natürlich haben wir keinen verbindlichen Katalog aller Lagerfeuer, die alle Homini je gemacht haben. Es könnte also sein, dass wir eben noch gründlicher suchen müssen. Aber das kann sich hinziehen. Gibt es nicht eine andere Methode, das irgendwie belegen zu können?

Lausige Forschung. Z.b von David Reed, Jessica Light, Julie Allen and Jeremy Kirchman, veröffentlicht 2007 in Biomed Central. Lausige Forschung hilft uns da weiter. Denn die Läuse, die wir Menschen haben, haben sich auf uns haarlose Affen spezialisiert. Die eine Gattung, die sich mit Vorliebe in der Schambehaarung tummelt, hat sich aus Läusen entwickelt, die sonst nur Gorillas kennen. Die andere haben wir von Schimpansen geerbt. Das sind die Läuse, die auch heute noch dafür sorgen, dass Kindergärten geschlossen werden.

Und diese Läuse, Pthiri und Pediculi genannt, haben sich den haarlosen Affen vor 1,2 Millionen Jahren angepasst. Zu dieser Zeit müssen die aufrechten Jäger also schon Behaarung gehabt haben wie wir. Und die eiskalten Nächte in der Savanne überlebt haben.

Zugegeben. Sind immer noch 800.000 Jahre Lücke. Aber wir sind der Sache dank der Läuse nun doch schon viel näher.

Wenn wir also davon ausgehen, dass wir die Haarlosigkeit nur entwickelt haben, weil wir gleichzeitig Feuer bewahren konnten und Nahrung kochen, dann…

Dann wäre unsere Nacktheit, unsere Haut, unsere Fell-Losigkeit die erste Anpassung, die nur durch unsere Erfindungen möglich wurde. Erst als wir mit unseren Erfindungen begannen, die Umwelt zu verändern, wurden wir zu Menschen. Beinahe an der Wurzel der Gattung „Homo“ stünde also Technologie. Vor 2 Millionen Jahren.
[/toggle]