Expl0514: Kinder und Smartphones

Eigentlich bin ich ja kein early adopter. Aber 2007, das iPhone – das musste ich sofort haben! Und auch jetzt ist es immer dabei. Auch zum Leben heutiger Jugendlicher gehört ein Smartphone. Ist das schlimm, wie uns immer wieder gesagt wird? Oder doch nicht? Eine subjektive Meta-Metaanalyse.


Download der Episode hier.
Musik: „I Don’t need an iPhone (2012)“ von Some Desperate Glory / CC BY-NC-SA 3.0


[toggle title=”Skript zur Sendung”]
Diese „digitale Demenz“, wie sie nach einem erfolgreichen Bestseller heißt, ist irgendwie einfach nicht aus der Welt zu schaffen. Herr Spitzer versteigt sich da in abenteuerliche Aussagen: „Meiden Sie digitale Medien. Sie machen tatsächlich dick, dumm, aggressiv, einsam, krank und unglücklich.“ (S. 325) Das Werk war übrigens 2012 eines der Top-Ten-eBooks in Deutschland.

Jetzt hat also der Spiegel ‘mal wieder in der Sommerpause nachgelegt mit einer umfangreichen Titelstory. „Legt doch ‘mal das Ding weg“ steht da schön auf dem Titel. Und natürlich geht es wieder einmal darum, wie z.B. Smartphones unsere Kinder und Jugendlichen verdummen. Klar.

Und der bekannte Autor und eben Lehrer Arne Ulbricht träumt sich in einem Kommentar auf Spiegel Online gleich zurück in eine Welt, wo Kinder und Jugendliche wieder erkennen, dass ein Leben ohne Smartphone besser ist. Er schreibt: „Sie werden mehr Zeit haben und deshalb weniger gestresst sein. Sie werden wieder lernen, sich miteinander zu beschäftigen. Sie werden manch ein unvorhersehbares Alltagsabenteuer erleben. Und dann werden sie das Smartphone im Unterricht einfach in der Tasche lassen.“

Das ist sie, die altbekannte Angst vor den Schäden durch die moderne Kommunikation. Und eine ganze Generation netz-affiner Eltern oder Erzieher, Pädagogen und Psychologen hält auch dagegen. „Das haben die Leute schon immer gesagt!“, „Bücher waren am Anfang auch verboten – Romane seien gefährlich hieß es noch zu Goethes Zeiten!“ und „Das sind nur die Alten, die sich nicht an die neue Welt gewöhnen wollen!“

Ist ja nicht falsch. In meiner Jugend wurde Tom & Jerry zensiert, weil es zu brutal war. Kennt ihr den Song vom „Rosaroten Panther?“ Stammt aus dieser Zeit. „Machst ja manchmal schlimme Sachen, über die wir trotzdem lachen. Denn du bist, wir kennen dich, doch nur Farb- und Pinselstrich.“ Eine direkte Antwort des ZDF auf diese Tom-und-Jerry-Diskussion. Und das Comics blöd machen und meine Generation wegen „Zack“, „Primo“ und „Kobra“ nie richtig das Lesen lernen wird: Eh’ klar!

Aber als Gegenargument ist diese Retourkutsche nicht genuf, denn es könnte sich ja beim Smartphone um ein völlig anderes Problem handeln.

Zu beiden Positionen – der Angst und der Sorglosigkeit – lassen sich zahlreiche Studien finden. Wobei man ehrlich sagen muss, dass die Fraktion „Angst“ im allgemeinen die deutlich weitere Verbreitung findet. Ich habe mich bei der Recherche hierfür durch Artikel klicken müssen, die eigentlich nie ein menschliches Auge lesen sollen müsste. Handystrahlung erzeugt bei Babys im Gehirn Autismus, sollen Forscher da belegt haben. Wenn die Mutter viel mit dem Handy telefoniert, wird das Kind im Bauch autistisch. Das ist natürlich ausgewachsener Bullshit.

Ich habe also viele, viele Studien angekuckt. Mit Argumenten für beide Seiten. Diese kleine, höchst persönliche Meta-Analyse der Meta-Analyse kam dabei zu dem Ergebnis: Die Wissenschaft ist noch nicht soweit, uns da hilfreiche Antworten geben zu können. Der müssen wir schon sechs, sieben Jahre geben, um da erste Ergebnisse zu haben. Wie soll man denn zum Beispiel Langzeitfolgen des iPads beurteilen können, wenn es das erst seit acht Jahren gibt?

Wie ist also so ungefähr der Stand der Forschung bei den gängigen Vorurteilen gegenüber den Smartphones – laut Spiegel also dem „Feind in meiner Hand“.

Da wäre auf der obersten Ebene der direkte, physische Einfluss. Verstrahlen Handys die Hirne unserer Kinder? Werden die Daumen durch’s Wischen und Klicken arthritisch? Bekommen Kinder durch das Smartphone schlechte Augen?

Da kann man pauschal Entwarnung geben. Die Strahlung der modernen Handys scheint keinerlei Gefahr darzustellen. Noch dazu, weil Smartphones praktisch nicht mehr ans Ohr gehalten werden. Selbst ich alter Sack bin immer wieder überrascht, wenn mein iPhone ‘mal klingelt. Telefonieren ist die unwichtigste Anwendung für die modernen Geräte. Auch die anderen Nebenwirkungen auf den Körper sind nicht nachzuweisen. Hätten wir das schon einmal.

Bleibt der Rest. Vereinsamen unsere Kinder durch das Smartphone? Nehmen die sozialen Interaktionen ab? Eine der schwierigsten Fragen. Die beste Meta-Analyse zu diesem Thema ist schon etwas veraltet. Tendenziell aber ist eher das Gegenteil zu beobachten. Sich zu verabreden oder sich zu treffen wird durch soziale Medien und Apps eher erleichtert. Aber der Effekt ist eher klein.

Werden unsere Kinder und Jugendlichen unpolitisch? Engagieren sie sich nicht mehr in der Gesellschaft. Auch hier schlägt das Pendel eher in die andere Richtung. Aber die Aktivierung findet nicht mehr in Gewerkschaften und Parteien statt, sondern eben auch in den Medien. Während des Attentats in München hat sich auf Twitter z.B. sofort ein Hashtag #OffeneTüren gebildet, wo Menschen Fremden Unterschlupf gewährten – das verstehen vielleicht Parteien nicht, aber das ist sehr wohl gesellschaftliches Engagement.

Macht das Smartphone seine Benutzer unglücklich? Stresst es unseren Nachwuchs? Unglücklich macht es nicht, es kann im Gegenteil sogar ein gewisser Schutz vor Depressionen sein. Jugendliche zwischen 13 und 16 klagen einer Studie zufolge über den Stress, denn die sozialen Medien für sie bedeuten. Aber das dürfte daran liegen, dass sich eben auch ein Großteil der sozialen Diskussion dorthin verschoben hat. Man könnte ganz vorsichtig behaupten, 14 Jahre alt zu sein war schon immer Stress…

Die ganzen neuen Medien machen die Menschen passiv, faul und dick! Und siehe da! Es stimmt! Für ein Bildschirm-Medium gibt es tatsächlich diesen Effekt! Und zwar für den guten alten Fernseher. Je mehr Mensch fernsieht, desto eher hat er Übergewicht! Ist hier irgendwer überrascht. Für Computerspiele und Smartphones gibt es diesen Effekt übrigens nicht.

Lernen am Computer bringt nichts! In der Schule sollten die Smartphones in der Tasche bleiben!
Da gibt es sehr, sehr deutliche Indizien dagegen. Beim Alleinelernen am Handy oder Smartphone kommt es auf die Inhalte an – da ist das Ergebnis uneinheitlich. Aber Mischformen zwischen dem klassischen Unterricht mit Lehrer, sozialer Interaktion mit Mitschülern und Diskussion führen unter Zuhilfenahme von Smartphone, Tablets oder Laptop nachweislich zu besseren Ergebnissen. Und einer einfachereren Integration auch lernschwächerer Schüler obendrauf. Wird halt von deutschen Lehrern nicht gemocht.

Die können ja alle nicht mehr richtig schreiben, nur noch ROFL, LOL und HDL und die blöden Emojis! Stimmt auch nicht. Im Mittel über alle sozialen Schichten sorgt die Digitalisierung bisher für eine deutliche Verbesserung der Schriftkompetenz. Die meisten Inhalte werden eben immer noch gelesen oder geschrieben. Aber hier bleibt die weitere Entwicklung abzuwarten.

Gewalthaltige Computerspiele machen aggressiv! Auch hier ist die Forschungslage sehr schwierig. Ich würde aber mittlerweile – entgegen meiner ursprünglichen Einschätzung – behaupten, dass es diesen Effekt tatsächlich gibt. Entsprechende Computerspiele können, genauso wie manche Bücher oder Filme, Menschen mit einer bestimmten seelischen Disposition zu Gewalttaten triggern. Das sollten wir nicht einfach jedes Mal abbügeln, wenn die Diskussion aufkommt.

Das war jetzt vielleicht ein wenig zu wenig aussagestark, aber so wird das immer, wenn man eine Sache ‘mal genauer anschaut. I’m sorry. Bleibt mir nur noch eines zu sagen, ganz subjektiv.

Ich verstehe die Sorgen junger Eltern. Wir hatten bei unseren Kindern – das war vor Smartphones – ähnliche Diskussionen. Damals ging es aber noch um Lokalisten und Facebook. Und wieviel da wohl die richtige Menge ist. Klingt heute lächerlich.

Ich verstehe das wirklich. Wir reden da ja immer von Medienkompetenz. Aber ich denke, die sollten erst einmal die Eltern haben. Und die Lehrer. Wenn ich so auf Kinderspielplätze kucke, wo die Kinder ab und zu ‘mal Gassi hingeführt werden, dann sollten vielleicht erst einmal die Mütter und Väter ihre Smartphones abschalten und sich miteinander unterhalten. Sorry, klingt altmodisch, gell?

Erziehung ist nämlich eine wirklich dumme Sache. Da kann man Strafen und Belohnen, Bestechen und Erpressen, so viel man will. Am Ende machen einen die Kinder einfach nach. Und meistens können die das eine oder andere dann bald sogar besser.

Heutigen Jugendlichen kann man das Smartphone nicht mehr abnehmen, dass gehört zu ihrem Leben bereits dazu. Verteufeln hilft nichts. Es stimmt, unsere Kinder und Jugendlichen sind von dieser Technologie abhängig. Richtig.

So wie die Generation der Eltern auch. So wie wir. Und unsere Gesellschaft insgesamt. Der moderne Kapitalismus hat das Smartphone erfunden und gestaltet und kommt nicht mehr ohne aus.
So wie auch nicht ohne Strom, Heizung, Kühlung für Lebensmittel, Telefon oder Bücher, Kino oder Fernsehen.

Aber die nächste Technologie, die unsere Probleme mit Smartphones lächerlich aussehen lassen wird, die wird gerade eben irgendwo entwickelt. So viel ist auf jeden Fall sicher.
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