Expl0516: Stephen Fry

Nachdem ich über „Das Leben des Brian“ Montyh-Python-süchtig wurde, brauchte ich bald Nachschub. Und so bin ich in den Neunzigern auch auf „A Bit of Fry and Laurie“ gestoßen. Und auf Stephen Fry, der bei uns – genau wie diese Serie – nicht bekannt genug ist.


Download der Episode hier.
Beitragsbild: By Freedom Fry — “Happy birthday to GNU” film crew, especially Matt Lee and Andrew Sampson – The image is taken from the short film Freedom Fry — “Happy birthday to GNU” which is licensed under CC-BY-ND. I sent Matt Lee, the Executive Producer and writer of the film an email and he mailed me back this image with the permission to use it under the GNU FDL and CC-BY-SA 3.0. You can find a copy of the (GPG signed) email here, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4682893
Opener: „A Bit Of Fry And Laurie S02E02“ von Wendy Fran
Closer: „Dot Co Dot UK (Stephen Fry Podcast)“ von elrubio75
Musik: „All we gotta do 2.0“ von thereallalablue


[toggle title=”Skript zur Sendung”]
Das gerade war das Intro zur zweiten Staffel einer meiner Lieblingssendungen aller Zeiten. Die hieß „A Bit of Fry and Laurie“. Und ist leider nie im deutschen Fernsehen gelaufen. Wie überhaupt viele wirklich gute britische Serien es nie über den Kanal geschafft haben.

In Deutschland könnte man den Eindruck gewinnen, dass der britischen Humor am besten durch „Monty Python“ und „Mr. Bean“ illustriert wird. Klar waren die Pythons Pioniere und Idolee, aber viele sind ihnen gefolgt. Und Rowan Atkinson auf Mr. Bean zu reduzieren, ist auch wirklich traurig, aber in Deutschland lief eben auch „Blackadder“ nicht.

Weil in Deutschland Comedy eben heißt: Alles Atze, Bully & Rick oder Ritas Welt und Menschen wie Mario Barth, Cindy aus Marzahn oder Oliver Pocher für Satiriker gehalten werden. Gäbe es nicht Pastewka und den Tatortreiniger, dann gäbe es gar keine Hoffnung für unser Vater- und Mutterland.

Aber zurück zu Stephen Fry. Der wird mittlerweile in Großbritannien als „National Treasure“ eingestuft. Was ihm nicht so richtig in den Kram passt, momentan ist er mit seinem Gatten nach Amerika geflohen, um für CBS eine neue Sitcom zu drehen. Die heißt „The Great Indoors“ und macht sich hauptsächlich über die Millennials lustig. Wir nennen das Generation Y.

Mr. Fry verfügt über einen Lebenslauf, den es so in Deutschland auch nicht geben könnte. Das beginnt mit dem britischen Klassensystem. Einer der Nachteile, wenn man einen Krieg gewinnt, ist es ja, dass man nicht gezwungen ist, irgend etwas in der Gesellschaft zu verändern. Hat sich ja gerade bewiesen. Und so bewahrte sich in Britannien ein Kastensystem, dass noch in den Siebzigern schwierig zu überwinden war.

Das mag für jemanden, der hochintelligent und einigermaßen sensibel ist, eine echte Krux sein. Selbst, wenn man der Upper Class entstammt wie Stephen Fry. Darum rebellierte er auf seine eigene, bescheidene und höchst individuelle Art und Weise. Er scheiterte aus Absicht. Nachdem er von mehreren teuren Privatschulen geflogen war, landete er mit 18 Jahren im Knast. Er hatte Freunden seiner Eltern die Kreditkarte gemopst und eine teure Sause veranstaltet.

Das schien ihm aber die Augen geöffnet zu haben. Nach seiner Knastzeit in Pucklechurch Prison… Ein drolliger Name für ein Gefängnis, fällt mir da auf. „No biscuits for you, Mr. Fry. You just don’t use the Lord’s name in vain!“. (hüsteln) Abschweif. Für Stephen Fry war es eine harte Zeit, der Name ist wohl irreführend.

Nach dieser Zeit fällt er nicht nur nicht mehr in der Schule auf, sondern schafft es, die Aufnahmeprüfung für Cambridge zu meistern. Dort wird er gute Freunde finden. Die da Emma Thompson heißen und Hugh Laurie. Wegen der Importschwierigkeiten britischen Humors ist Letzterer bei uns hauptsächlich als Dr. House bekannt. Wo er, mit amerikanischem Akzent, einen amerikanischen Arzt spielt. Denn für Amerika gelten die Humoreinfuhrschranken leider nicht.

Nachdem er einen Abschluss in Anglistik mit etwas geschafft hatte, was wir „magna cum laude“ nennen würden, ging es für das Trio fast übergangslos ins Fernsehen weiter. Die satirischen Leistungen, die sie in Cambridge mit ihrem „Footlights Club“ erreicht hatten, entgingen dem Fernsehen nicht.

Nach einem ersten gloriosen Scheitern, dem „Crystal Cube“ 1983, bekamen Fry und Laurie 1986 noch einmal die Chance, mit einer eigenen Fernsehserie zu tun, was sie nur wollten. Die Serie lief in drei Staffeln sehr erfolgreich auf BBC2. So erfolgreich gar, dass es in der vierten Staffel auf BBC1 weiterging. Aber da passte die Show nicht hin. Auf einmal hatte man ein älteres, spießigeres Publikum und der Sender begann sich in das Format einzumischen.

Überschattet wurde diese Staffel auch von Meldungen, Stephen Fry hätte einen Nervenzusammenbruch erlitten und würde die Serie nicht mehr fortsetzen können. Im Jahre 2006 haben wir als Zuseher dann aber erfahren, dass das nicht irgendein Nervenzusammenbruch war, sondern eine bipolare Störung, an der er schon länger leidet. Das ist der modernere und genauere Begriff für etwas, dass man lange manisch-depressiv nannte.

Wir erfuhren dass, weil Mr. Fry seine Karriere als Dokumentarfilmer mit „Stephen Fry: The Secret Life of the Manic Depressive“ begann. Wo er ganz offen über seine Symptome sprach. Ich habe dabei auf jeden Fall viel gelernt und schätze auch alle anderen Dokumentationen, die er seitdem produziert hat, sehr.

In den letzten Jahren führte er im englischen Fernsehen als Host durch die amüsante Quizshow „QI“, kurz für „Quite Interesting“. Dieses Jahr hat er, nachdem man im Alphabet beim Buchstaben „M“ angekommen war, dort leider das Handtuch geschmissen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es ohne ihn die gleiche Sendung sein kann.

Vor ein paar Tagen ist er 59 Jahre alt geworden, aber man könnte ihn trotzdem einen digital native nennen. Seine erste Homepage war noch richtiger Eigenbau, so mit HTML und Frames und kann in der Wayback-Machine von archive.org bewundert werden. Bekannter aber ist er für seinen mächtigen Einfluss auf Twitter. Da twittert er regelmäßig und höchstpersönlich seit 2008 und hat – ich hab’ eben nachgeschaut – 12,2 Millionen Follower.

Momentan hat er wieder eine Phase, in der er auf Twitter sauer ist und postet eigentlich nur Werbung für die oben genannte Fernsehserie. Aber wer ihm länger folgt, weiß, dass sich das in der Regel wieder legt.

Das sind nur ein paar Blitzlichter von vielen, vielen Dingen, die Mr. Fry in seinem Leben auf die Beine gestellt hat. Wer mehr über ihn erfahren will, ist auf YouTube ganz gut aufgehoben. Kamerascheu ist er nicht und auch bereit, für seine Meinung deutlich und rhetorisch überzeugend jederzeit einzustehen.

Ich möchte nicht sagen, dass ich Stephen Fry verehre. Das liegt mehr fern, ich habe ihn ja nie kennengelernt. Es ist eher so, dass es ein romantisches Verhältnis ist. Nicht mit ihm als Person. Sondern mit der gesellschaftlichen Rolle, die er in Großbritannien erfüllt.

Denn Mr. Fry hat Oscar Wilde nicht nur im Film dargestellt. Und schätzt ihn. Sondern er steht in einer Tradition mit Wilde oder Bertrand Russell. Lebt in der gleichen ökologischen Nische. Kritische, hochintelligente Denker, die aber auch in der Gesellschaft Gehör finden. Deren Meinung respektiert wird. Und deren Einfluss sogar in gewissen Kreisen gefürchtet wird.

Diese gesellschaftliche Rolle nennt man „Der Intellektuelle“. Ich bin mir nicht sicher, ob wir in der Bundesrepublik – also nach dem Krieg – das in dieser Form überhaupt entwickelt haben. Vielleicht irgendwann zwischen der APO-Zeit und der Einführung des Privatfernsehens. Das Ranking der deutschen Intellektuellen, dass die Cicero – selber ein eher fragwürdiges Blatt – regelmäßig veröffentlicht, enthält außer beinahe keine Frauen vor allem auch beinahe keine Intellektuellen. Es versammelt eher Journalisten, Autoren oder Wissenschaftler, die in Talkshows auftreten. Ein intellektueller Diskurs findet aber in diesem Medium schon lange nicht mehr statt.

Es ist eben diese Intellektualität, die eine Comedy-Show wie „A Bit of Fry and Laurie“ ausgezeichnet hat. Und von den meisten deutschen Produktionen unterscheidet. Klar, die waren auch manchmal nur albern. Das ist ja auch gut und wichtig. Man kann aber so oder so albern sein. In allen Sketchen und allen Wortspielen schimmerte bei Fry and Laurie immer durch, dass die beiden ihrem Publikum durchaus zutrauten, selber zu denken.
Und auch in allen herrlichen Songs von Hugh Laurie, muss man auch erwähnen.

Das bedeutet halt dann nicht Schenkelklopfen oder lautes Wiehern, so wie es so viele der Mr-Bean-Fans gerne haben. Nichts gegen Mr. Bean. Aber Fry and Laurie war eben nie einfach nur Schadenfreude, sondern viel mehr. Klar, so eine Show mit so vielen Folgen ist immer ein Flickenteppich. Vieles klappt auch nicht so gut. Und manchmal, wenn sie sich verrannt hatten, lösten sie das Problem einfach in dem sie offen mit den Zusehern redeten. Breaking of the fourth wall. Das ist, oft eingesetzt, ein bisschen einfach.

Aber auch „Monty Pythons Flying Circus“ hatte nur eine Trefferquote knapp über 50%. Doch das ist eben – zumindest in meinen Aufzeichnungen – der Rekord.

Ich hoffe, die beiden tun sich noch einmal zusammen, denn sie sind für mich eines der Top-Five-Komikerduos aller Zeiten. Über die anderen erzähle ich wann anders.

Also, dringende YouTube-Empfehlung, besonders wenn man’s noch nicht kennt, aber Monty Python schätzt: „A Bit of Fry and Laurie“!
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