Expl0517: Der Erwin-Fernsehpreis

Es ist ja schon lächerlich, wie wir in Deutschland bei jeder Preisverleihung die Oscars nachahmen. Besonders, wenn man dann noch einen „echten“ Star aus Hollywood einfliegt. Und dann immer diese Dankesreden! Na ja, es gibt eine Ausnahme. H.D. Hengstler 2016 beim „Erwin“. Hörspiel.


Download der Episode hier.
Intro: „After Effects Project Award Ceremony“ von Dmitry Keybal
Musik: „Televisions Home (2016)“ von The Vow / CC BY-NC-SA 3.0


[toggle title=”Skript zur Sendung”]
Moderator: „Willkommen zurück aus der Werbepause, liebes Publikum daheim an den Schirmen! Willkommen zurück bei der 12. Verleihung des Erwin-Fernsehpreises hier live auf RTL 2. Der Abend ist schon weit fortgeschritten und wir nähern uns einer heiß umkämpften Kategorie. Es geht jetzt um nichts Anderes als um den besten männlichen Nebendarsteller einer deutschen Comedy-Serie auf RTL 2, die nach 0:00 h läuft. Und nominiert sind:

Alfons Schuhbein als kreativer Koch und habgieriger Chef in der beliebten Serie: „Alfons’ Currybude am Sürther Leinpfad“, der uns nun schon in der fünften Staffel bewiesen hat, dass auch Salmonellen und eitriger Krupphusten niemanden davon abhalten können, seine Träume wahr werden zu lassen.

Hansi Hinternseher in unserer nagelneuen Serie „Auf der Alm, da gibt’s koan Scherz“, wo er hingebungsvoll den blinden und tauben Jäger Alois spielt, der von allen Wilderern im Oberland gefürchtet wird. Und von allen Einheimischen und Touristen ebenso.

Und – last, but not least – Hans-Dieter Hengstler, aus der Serie „Das letzte Postamt in der alten Bundesrepublik“. Seit bereits sieben Jahren gibt er den Hausmeister Knullke, der nicht nur gegen Spinnweben und Spermaflecken kämpft, sondern auch mit seinen sarkastischen Kommentaren für mindestens einen oder zwei Lacher gesorgt hat.

Und der Gewinner ist… Hans-Dieter Hengstler!

(Pause)

(ins Off:) Regie, ihr müsst jetzt den Applaus einspielen!

Und der Gewinner ist… Hans-Dieter Hengstler!
Hans-Dieter, komm’ doch bitte ‘mal hoch zu mir und Tatjana!“

HD: „Danke, vielen Dank, Danke! Danke! Das ist doch nicht nötig! Das ist… unbeschreiblich! Vielen Dank! Danke!

(Applaus legt sich.)

Tja, was soll ich sagen? Ich bin sprachlos! Das ist der größte Moment in meiner ganzen Karriere! Das werde ich nie vergessen! Vielen Dank! Danke!
Dafür habe ich nun über dreißig Jahre hart gearbeitet. Das eine oder andere Mal war ich wirklich am Ende und hätte beinahe alles hingeworfen. Z.B. als meine Frau mit den Kindern und meinem besten Freund durchgebrannt ist und unser kleines Häuschen abgebrannt hat. Und die Katzen vergiftet. Und meinen kleinen Bruder verhauen hat. Und die Gartenzwergsammlung meines Vater mit einem Schrotgewehr pulverisiert hat. Aber da konnte sie eigentlich nichts dafür, dass waren nur die Drogen, die sie genommen hat. Auf jeden Fall, da war ich kurz davor, alles hinzuwerfen und wieder im Baumarkt an der Kasse zu arbeiten.
Aber ich habe mir gesagt: Hans-Dieter, nein! Hab’ ich mir gesagt. Hans-Dieter, das kannst Du nicht machen. Hab’ ich mir gesagt. Wenn die Nacht am tiefsten ist, Hans-Dieter, dann ist der Tag aber so echt ‘mal vorbei, hab’ ich mir gesagt. Du darfst Deinen Traum nicht aufgeben, bloß weil Jasmin mit Andreas und dem Kokain abgehauen ist.
Und so hab’ ich’s dann gemacht. Und schaut! Ich hab’s geschafft!

Moderator: Danke, H.D., das war sehr ergreifend! Wir kommen jetzt…
HD: Einen Moment noch, Sascha! Ich habe ja noch gar nicht Danke gesagt.
Moderator: Ich habe achtmal gezählt…
HD: Aber natürlich habe ich das nicht aus eigener Kraft geschafft. Ich möchte hier ganz besonders meinem Agenten danken. Fred Meier, ihr kennt ihn alle als Rocco. Ich kenne ihn vom Kiosk. Der hat immer an mich geglaubt. Ohne ihn hätte ich das nie geschafft. Immer wieder hat er zu mir gesagt: „Hans-Dieter, bei Deiner Qualifikation musst Du Dich nach oben schlafen!“ Und das habe ich dann auch gemacht. Allerdings war ich schon 12 Jahre lang Schlafmittel-abhängig, bis ich kapiert habe, was er damit meinte. Danke, Rocco! Ohne Dich hätte ich diesen… diesen…
Moderator: Erwin.
HD: Erwin-Fernsehpreis niemals gewonnen!

Moderator: Sehr schön!
HD: Und ich danke auch meinen Eltern! Ohne die wäre ich nicht der, der ich jetzt bin. Liebe Mama, wenn Du das siehst, danke, dass Du mich all’ die Jahre durchgepäppelt hast! Ohne Deine Liebe und Deine Küche hätte ich das nie geschafft! Wer hätte gedacht, dass dreimal am Tag Reiswaffeln aus mir so einen starken Mann gemacht haben! Und Papa, Dir auch vielen Dank! Du warst nicht nur mein Fels in der Brandung, aber durch Deine liebevolle und strenge Hand habe ich gelernt, was es ist ein Mann zu sein. Und ich meine jetzt nicht Deine Art, wie Du mich immer mit Stromschlägen bestraft hast, wenn ich ‘mal wieder zu früh aufgestanden bin. Sondern, wie Du mir das mit dem X- und dem Y-Chromosom hast anschauen lassen bei der Sendung mit der Maus! Danke, ohne Dich wäre ich nie so weit gekommen!

Moderator: Hans-Dieter, wir freuen uns alle mit Dir. Aber die Sendung ist nur…
HD: Und ich möchte auch meiner Ex-Frau Jasmin danken! Jasmin, wo Du auch bist mit Andreas und unserem Kind, ich weiß, dass es auch für Dich nicht leicht war! Aber ich bin Dir immer noch unendlich dankbar! Du hast mir soviel beigebracht! Ohne Dich hätte ich nie die Freuden der Liebe kennengelernt! Ich hätte nie erfahren, dass es auch als Geschlechtsverkehr zählt, wenn wir beide am Telefon gleichzeitig das Wort „Sex“ sagen. Oder ich hätte nie erfahren, dass auch zwei weiße Eltern ein schwarzes Baby bekommen können. Oder, dass es Lust bereiten kann, jemand anders zu demütigen. Ach, wie Dir das immer Spaß gemacht hat! Wir hatten wirklich eine tolle Ehe! Es waren die schönsten Tage für mich. Alle dreißig!

Moderator: Die nächste Kategorie, meine lieben Zuschauer…
HD: Und vielen Dank auch an Fluffy! Das können Sie nicht wissen, aber Fluffy ist mein kleiner Hund! Eine Mischung aus Ratte und Fledermaus, hat meine Jasmin immer gesagt. In den letzten 24 Jahren war er mir ein treuer Freund, das einzige Wesen, das immer an meiner Seite war. Morgens, mittags und abends. Und nachts in meinem Bett. Und beim Baden. Und bei jedem Dreh. Früher war er schon ein bisschen ein schwieriges Tier gewesen. Er hat schon manchmal gebissen. Aber er wollte immer nur spielen. Und er konnte ja nicht wissen, dass das Kind von den Nachbarn so allergisch gegen Bisse in den Nacken war. Aber seit diesem Tag, als ich ihn nach dem Einschläfern ausstopfen ließ, hat er nie mehr einen Menschen auch nur angeknurrt! Ohne seinen Beistand könnte ich diesen Preis nicht hier vor ihnen abküssen. (Küssgeräusche)

Moderator: Also, H.D., wir müssen jetzt wirklich weiter…
HD: Und ich möchte auch noch der Kaiserin Aggripina danken! Die kam nämlich auch hier aus dem Rheinland und hat dann den Kaiser Claudius geheiratet. Denn, wenn die nicht veranlasst hätte, dass die Ubier-Siedlung im Jahre 50 nach Chr. Zur Stadt erhoben worden wäre, dann gäbe es unser schönes Köln gar nicht! Das muss man sich ‘mal vorstellen! Dann hätten wir hier in der Aula des Hansa-Gymnasiums gar nicht diese schöne Preisverleihung! Und dann würden sie alle nicht auf Stühlen sitzen, sondern im Schlamm, denn draussen regnet’s. Das verdanken wir nur dieser Frau aus Köln!

Moderator: Wenn Du jetzt nicht aufhörst, H.D., dann muss ich die Security…
HD: Das heißt aber natürlich auch, dass ich an dieser Stelle auch Gaius Julius Cäsar danken möchte, der ungefähr 38 v. Chr. den Rhein überquerte und den Stamm der Ubier besiegte. War für ihn ein Kinderspiel. Damals waren wir ja noch nicht so viele Rheinländer hier. Und der hat dann angeordnet, dass wir hier, wo jetzt Köln ist, siedeln sollen und nicht mehr auf der anderen Seite des Rheins. Das ist unglaublich, oder? Wenn es Julius Cäsar nicht gegeben hätte, dann würde ich jetzt wahrscheinlich ganz alleine in Kerben im Bruch stehen und keiner hätte mir den schönen Preis hier gereicht! Mitten in der Nacht! In Kerben! Bei Regen!

Moderator: (ins Off) Security! Hier! Den Spinner hier!
HD: Und, wenn man so darüber nachdenkt, dann sollten wir auch Paris danken! Ohne Paris kein Köln! Und keinen Preis für mich! Ich hätte nie diese tolle Statue bekommen! Ohne Paris. Hätte der nicht die Helena gestohlen, dann hätten die Griechen sich einen anderen Grund ausdenken müssen, ihren reichen Nachbarn zu überfallen. Und dann hätten sie nicht ein Pferd gebastelt und die Trojaner im Schlaf schlachten können. Und dann hätte Aeneas nie mit seiner Familie fliehen müssen und durch das Mittelmeer irren. Und die hätten dann nie Rom gegründet und die Familie der Julier wäre nie eine Patrizierfamilie geworden…
Hey – was soll das? Lasst mich los! Was? Wo bringt ihr mich hin?

Und ich möchte auch noch Adam und Eva danken. Denn, wenn die nicht plötzlich Lust auf Obst bekommen hätten, damals im Garten Eden, dann hätte es nie Kain und Abel gegeben. Und ohne Kain gäbe es auch keine weiteren Menschen. Die beiden wären immer noch alleine im Garten Eden. Die hätten nicht einmal einen Fernseher. Ach ja, der Fernseher. Ich möchte auch dem Erfinder des Fernsehens danken. Ich weiß nicht, ob Philo Farnsworth oder Kalman Tihany oder…

Moderator: Äh ja. Unser Hans-Dieter. Hans-Dieter Hengstler. Dem noch niemand gesagt hat, dass „Das letzte Postamt in der alten Bundesrepublik“ abgesetzt worden ist. Nun gut. Kommen wir also zur nächsten Kategorie. Das ist der Preis für die beste Umsetzung eines Podcast-Formats in eine Sendung bei RTL2 zwischen 14:00 und 17:00 Uhr. Nominiert sind…
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