Expl0518: Hurricanes und ihr Geschlecht

Von Deutschland aus blicken wir ja immer mit einem bisschen Grusel nach Amerika, wenn da jedes Jahr die Saison der Hurricanes startet. Und oft Tausende das Leben kostet. Das es aber tatsächlich einen Unterschied macht, ob ein Hurricane einen weiblichen oder einen männlichen Vornamen trägt, das verwundert umso mehr.


Download der Episode hier.
Opener: „The Simpsons – The Hurricane“ von letsbepandas
Closer: „Weather Songs – The Hurricane Song“ von vektorgt
Musik: „hurricane (2011)“ von strangeways / CC BY-NC-SA 3.0


[toggle title=”Skript zur Sendung”]
Während ich an der Folge arbeite, sind in Meck-Pomm die Wahllokale geöffnet. Es ist anzunehmen, dass die AfD da wohl einen Triumph verbuchen wird. Ich habe lange darüber nachgedacht, ob es an dieser Bewegung auch Positives zu finden gibt. Zwei Dinge sind mir eingefallen. Eines davon ist, dass deren Wahlprogramm niemanden intellektuell überfordert. Man denke nur „Deutschland in den frühen Fünfzigern“, dann ist man auf der richtigen Fährte.

So fordert die AfD auch, endlich mit diesem „Genderwahnsinn“ Schluss zu machen. Markig heißt es da: „Ein Mann ist ein Mann, eine Frau ist eine Frau.“ Wie immer, wenn der erste Satz der Logik angewendet wird, kann man hier kaum widersprechen. A ist nun mal gleich A. Dienst ist nun einmal nicht Schnaps und Schnaps ist nicht Dienst. Und Life is Life. Na na na na naah…

Menschen kommen zu 99,9% entweder mit zwei X-Chromosomen oder einem X- und einem Y-Chromosom auf die Welt. Das kann man Frau und Mann nennen, wenn man will. Aber beim Genderwahnsinn geht es ja eigentlich nicht darum, diesen Fakt zu ändern. Weil das gar nicht geht.

Es geht darum, die gesellschaftlichen Voraussetzungen zu schaffen, damit ein jeder selber entscheiden kann, welche Rollenbilder er akzeptiert und welche nicht. Und das macht Sinn, weil unsere Gesellschaft sich verändert.

In den USA ist schon in 40% der Partnerschaften die Frau die Versorgerin der Familie. Auch bei uns arbeiten in der Regel beide Partner, also sollten sich auch beide um den Haushalt kümmern und um den Nachwuchs. Klappt noch nicht wirklich, aber ist ja irgendwie zwingend logisch. Rollenbilder aus den Fünfzigern funktionieren halt nicht mehr.

Aber in unseren Köpfen stecken die immer noch fest. Was sich normalerweise schwer nachweisen lässt. Aber diese Woche habe ich eine Studie gefunden, die diesen sogenannten „Gender Bias“ sehr plastisch belegt. Es geht dabei um Hurricans oder Hurrikane. Darf man laut Duden beides sagen.

Klären wir erst einmal den Begriff. Das gehört sich ja so. Ein Hurricane ist ein tropischer Wirbelsturm. Der tritt meistens im Spätsommer im Atlantik auf. Passiert dieser Sturm woanders auf der Welt, dann hat er einen anderen Namen. Im Pazifik heißen die z.B. im Süden Zyklone und im Norden Taifune. Es gibt sogar den Ausdruck Medicane. Das ist ein Hurricane im Mittelmeer. Aber ob das Sinn macht, bleibt zu diskutieren.

Da liegt also z.B. der Atlantische Ozean vor uns. Alles ruhig. Unten ist es heiß, in Richtung Atmosphäre wird es gleichmäßig kühler. Weil es Sommer ist, erwärmt die Sonne das Wasser an der Oberfläche. Wenn das eine Temperatur von über 26,5 Grad erreicht hat, dann beginnt es zu verdunsten. Und der Wasserdunst steigt dann schnell auf und bildet Wolken. Weil das so zügig geht, entsteht über der Wasseroberfläche ein Unterdruck, warme Luft fließt nach. Schneller und immer schneller.

Dann kommt noch die Coriolis-Kraft ins Spiel. Die rührt von der Erddrehung her. Das ist eine äußerst seltsame Kraft. Man kann sie verstehen, wenn man sich vorstellt, auf so einem Karusell-Brett zu sitzen, die es auf manchen Kinderspielplätzen gibt. Wenn man da, auf der drehenden Scheibe von der Mitte zum Rand geht, gibt es eine Kraft, die einen nach draußen schubst.

Das ist die Zentrifugalkraft. Aber, wer das schon einmal gemacht hat, spürt auch eine Kraft, die zur Seite drückt. Das ist die Coriolis-Kraft und die führt dazu, dass sich dieses Tropengewitter immer schneller und schneller dreht. Und weil die Hurricanes sich auf der Südhalbkugel bilden, sind sie alle, wie die Milchsäuren in zu teuren Joghurts, linksdrehend. Hurricanes drehen sich gegen den Uhrzeigersinn.

Ähnliche Prozesse gibt es auch auf dem Land, ohne große Wassermengen. Das nennt man dann Tornado und nicht Hurricane.

So, so viel zu den Basics, so einfach erklärt, dass es auch ein AfD-Wähler kapieren könnte.

Und weil es so viele Hurricanes gibt und manchmal sogar mehrere gleichzeitig, ist man dazu übergegangen, ihnen zur leichteren Unterscheidung Namen zu geben. Bis man sich da auf eine Vorgehensweise geeinigt hatte, war es ein langer Weg.

Erst hat man die Wirbelstürme nach dem phonetischen Alphabet der Navy der 50er durchbenannt. Also Able, Baker, Charlie und so weiter. Dann wählte man Frauennamen. Seit 1960 war das für jedes Jahr eine Liste von 21 Namen. Denn mehr Hurricanes hatte es noch nie in einem Jahr gegeben.

Seit 1979 gibt es männliche und weibliche Namen im Wechsel. Und zwar auch welche mit französischen oder spanischen Wurzeln. Heutzutage gibt es sogar sechs dieser Listen, die man jährlich wechselt. Die Liste von diesem Jahr ist also die gleiche wie 2010.

Zusätzlich streicht man Namen, wenn ein Hurricane zu schlimme Folgen hatte. Einen Hurricane „Katrina“ oder „Ivan“ wird es nicht mehr geben. Der neunte Hurricane des Jahres 2016, also der mit „I“ hieß nicht mehr „Ivan“, sondern „Igor“. Sollten die Namen in einem Jahr ausgehen, was bisher nur einmal, im Jahr 2005 passiert ist, dann macht man mit dem griechischen Alphabet weiter. Alpha heißt also der 22. Sturm einer Saison und Beta der 23.

Das ist also der Stand der Dinge. Im Jahre 2014 haben nun Kiju Junga, Sharon Shavitta, Madhu Viswanathana und Joseph Hilbed ein Paper veröffentlicht. In den „Proceedings of the National Academy of Sciences“. Das trug den Titel: „Weibliche Hurricanes sind tödlicher als männliche.“

Das müsste genauer heißen „Hurricanes, denen wir rein zufällig weibliche Vornamen gegeben haben“, weil Tropenstürme ja nicht über Chromosomen verfügen. Aber die Intention ist klar.

Die haben alle Hurricanes zwischen 1950 und 2012 ausgewertet und kommen zu dem Schluss, dass die mit weiblichen Vornamen mehr Verwüstung anrichten und mehr Todesopfer fordern, als ihre Macho-Geschwister. Und zwar zwei- bis dreimal soviel.

Das liegt nicht daran, dass die weiblichen Hurricanes intensiver wären, oder bösartiger oder vielleicht gar Penisneid empfinden. Sondern es liegt daran, dass sich die Menschen bei einem Hurricane der „Daisy“ heißt, nicht so bedroht fühlen wie bei einem der „Damien“ benannt wurde.

Das ist der gelebte gender-bias in unseren Köpfen. Diese dumme, alte Welt der festgeschriebenen Geschlechterrollen, die wir nicht so schnell loswerden.

Die Studie hatte aber leider auch einige Mängel, auf die sehr schnell hingewiesen wurde. Denn die Forscher hatten eben auch die Hurricanes vor 1979 eingebaut, als eben noch alle dieser Wirbelstürme Weibchen waren. Und das ist wichtig, weil Hurricanes im Laufe der Zeit immer weniger Opfer forderten. Weil wir uns effektiver vorbereiten können und sie früher erkennen.

Aber, hätten die Kritiker die Studie weitergelesen, wären sie zu dem Teil gekommen, in dem die Forscher Experimente durchgeführt haben um ihre These zu stützen. Sie haben einfach Männer und Frauen per Fragebogen gefragt, welche Hurricanes sie als gefährlich einstufen würden und welche nicht.

Und was dabei rauskam, war sehr eindeutig. Hurricanes, die Alexandra hießen, wurden als weniger gefährlich eingestuft als ihre Namensvetter mit dem Namen Alexander. Auch Christopher war gefährlicher für die Probanden als Christina.

Frauen sind halt nicht so gewalttätig. Weniger brutal. Frauen sind Frauen. Männer sind Männer.

Aber Hurricanes sind halt auch Hurricanes. Und denen ist es völlig wirst, ob wir sie nach Menschennamen, Zahlen, chemischen Elementen oder den Schlümpfen benennen.

Hurricanes sind der wissenschafliche Beleg dafür, dass der ach-so-schlimme „Gender-Wahnsinn“ Menschenleben retten kann. Sorry, AfD.
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