Expl0520: Aldrich Ames, Maulwurf des CIA

Ein Geheimdienst funktioniert ganz anders als in James-Bond-Filmen. Wenn er überhaupt funktioniert. Denn sooo viel Tolles können sie ja nicht aufweisen. Speziell die CIA hat eine Geschichte von Imkompetenz und tragischem Scheitern. Die Geschichte von Aldrich Ames belegt das sehr deutlich.


Download der Episode hier.
Quelle zum Abstimmungsverfahren: „The Women Who Caught Aldrich Ames“ von IntlSpyMuseum
Sehr spannend! Vor allem die Q&A am Ende!
Opener: „1997 Aldrich Ames Interview“ von US Breaking News
Closer: „Sesame Street: The Spy Who Loved Cookies“ von Sesame Street
Musik: „The Money“ von domr / CC BY-SA 3.0


[toggle title=”Skript zur Sendung”]
Film und Fernsehen macht uns einige Dinge glauben, die mit der Realität wenig zu tun haben. Wir glauben z.b., dass es möglich ist, ein Türschloss mit Handfeuerwaffen aufzusperren. Wir glauben, dass ein Schlag auf den Hinterkopf zielsicher zu einer harmlosen Ohnmacht führt. Und wir glauben auch, dass die CIA ein Geheimdienst ist.

Es ist schwierig zu entscheiden, was wohl der schlechteste Geheimdienst aller Zeiten ist, aber die CIA ist auf jeden Fall ein heißer Kandidat. Dutzende Regierungen wurden gestürzt, gewählte Staatsoberhäupter gemordet, Wahlen gefälscht und das immer mit dem Ergebnis, dass alles immer schlimmer wurde. Es ist keine große Übertreibung, die CIA trage die Schuld an der momentanen Lage im Nahen Osten. Sie stürzte – und das ist hochoffiziell – den demokratisch gewählten Premier Mohammad Mossadegh. Und ließ stattdessen den Shah eine Autokratie errichten. Das erst brachte in Folge den Fundamentalisten Ayatollah Chomenei an die Macht.

Die CIA war weder in der Lage, den Zusammenbruch des Ostblocks vorherzusagen, noch den Fall der Mauer. Das haben die überbezahlten Agenten, genau wie wir, bei CNN im Fernsehen erfahren. Alle Berichte aus der Schlussphase des Kalten Kriegs überschätzten bei weitem das Potenzial der Sowjetunion oder dann Russlands. Drei Präsidenten, Ronald Reagan, George W. Bush und Bill Clinton erhielten hauptsächlich Berichte zur Sowjetunion, dem Ostblock und der DDR, die sich der KGB und Konsorten selber – speziell für sie – ausgedacht hatten.

Und das lag nicht zuletzt an Aldrich Ames, der Stimme aus dem Opener. Der den USA keinen Schaden zugefügt haben will, wie er in diesem Interview erklärt. Dabei ist er der größte Maulwurf in der Geschichte der Central Intelligence Agency.

Dabei war er nicht einmal ein guter Spion. Aber seine Geschichte wirft ein hübsches Licht auf die Möglichkeiten des finanziell am besten ausgestatteten Geheimdienstes der Welt. Mr. Ames begann seine Karriere beim CIA im zarten Alter von 16 Jahren. Kein Witz, in den Sechzigern heuerte der CIA Schüler für Ferienjobs an und so kam es, dass auch Aldrich geheime Akten sichtete und für die Archive sortierte und markierte. Es war 1967, Computer waren nicht zur Verfügung.
Klar, alles auf denkbar niedrigster Geheimhaltungsstufe, aber doch der Anfang seiner Karriere.

Die Uni taugte dem jungen Aldrich nicht besonders und nach drei Jahren kehrte er zum CIA zurück und arbeitete als Anstreicher und Handwerker für die Agentur. Fünf Jahre später schloss er seine Geschichtsstudium doch noch ab und nahm an einem „Career Trainee Program“ teil. Das gelang ihm akzeptabel, auch wenn schon zu diesem Zeitpunkt in seinen Akten vermerkt wurde, dass er wohl ein Alkoholproblem hat.

Beim Feldeinsatz pfuschte er sich so durch und war nicht weiter zu gebrauchen. Es mag am Alkohol gelegen haben, aber habt ihr schon einmal von einem Agenten gehört, der melden muss, er hätte die Aktentasche mit den geheimen Unterlagen leider versehentlich in der U-Bahn vergessen? Am Schreibtisch aber erzielte er leidliche Ergebnisse, auch wenn sich die Hinweise auf seinen übertriebenen Alkoholkonsum häuften.

Den Höhepunkt seiner Karriere erreichte er mit einem hohen Job in der Abteilung „Gegenspionage Sowjetunion“. Das klingt beeindruckend, aber man könnte das eine horizontale Beförderung nennen. Die Gegenspionage, die noch unter dem legendären James Jesus Angleton die Agentur auf Jagd nach Maulwürfen durcheinanderwirbelte, war eigentlich erledigt und veraltet. Denn all’ die Jahre voller betriebsamer Geheimdienstarbeit im Inneren der Agentur hatten nur zu Mißtrauen, Paranoia und falschen Ergebnissen geführt. Aber man hatte nicht einen einzigen Maulwurf gefunden.

Und in dieser Abteilung, die also Doppelagenten innerhalb der CIA auffinden sollte, arbeitete nun Aldrich Ames. Und ihm ging es gut dabei. Prächtig sogar! Der Mann, der offiziell von der Agentur einen Lohn von $ 5000,- vor Steuern erhielt, prosperierte. Der Mann, der damit angab, sein Frühstück in flüssiger Form zu sich zu nehmen, zahlte die 50.000 $ teure Scheidung von seiner Frau aus der Portokasse.

Und ließ sich seine vom Kettenrauchen gelben Zähne teuer überkronen. Und heiratete eine junge Schönheit aus Kolumbien, deren Hobby das Shoppen war. Und kaufte sich einen Jaguar für $ 50.000,-. Und eine Haus für eine halbe Million, die er – hassunichgeshen – bar bezahlte. Er trug nur noch maßgeschneiderte Anzüge. Aber das alles fällt in der Agentur keinem weiter auf. Wohl die reichen Schwiegereltern aus Kolumbien, so heißt es bei den Kollegen.

Während der Verwandlung von Aldrich von einer hässlichen Raupe zu einem adretten Schmetterling fliegen aber über Jahre die wichtigsten Doppelagenten der CIA in der Sowjetunion auf. Selbst heute wissen wir keine genauen Zahlen, aber mindestens 20 Agenten – darunter hochrangige Militärs und Geheimdienstler – wurden von der KGB verhaftet. Und wahrscheinlich die Hälfte davon hingerichtet.

Nach einiger Zeit konnte die CIA das nicht mehr richtig vertuschen und musste dem Buchstaben des Gesetzes Folge leisten. Das heißt konkret: Das FBI holen. Der Innengeheimdienst der USA ist nämlich für die Verfolgung von Maulwürfen IN der USA zuständig. Beide Dienste hassen sich inbrünstig seit jeher. Ein CIA-Agent aus dem Team der Maulwurfjäger verglich die Tatsache, dass die CIA nun alle Akten öffnen musste, mit einem „widernatürlichen Geschlechtsakt.“

Da sitzen nun die Ermittler beider Geheimdienste zusammen. Alle Akten sind gesichtet. Alle Verdächtigen haben Lügendetektortests bestanden. Zehn Agenten beider Dienste sitzen da unter Leitung von Sandy Grimes und wissen nicht weiter. Denn es sind immer noch 160 Verdächtige auf dieser verdammten Liste. Nach sieben Jahren Arbeit. Würden sie jetzt in allen Fällen Ermittlungen einleiten, würde das nicht nur den CIA zerstören – wahrscheinlich könnte sich der gesuchte Maulwurf letztendlich sogar noch absetzen. Was tun, sprach Sandy? Welche Methode könnte man anwenden, um diese Liste einzudampfen?
Da gibt es sicher tolle Agententricks, oder? 1993, da gibt’s doch schon Computer! Da gibt’s doch schon Apples Newton, da gibt’s Windows NT, da gibt’s Doom und Myst – da kann man doch was hacken, oder?

Äh. Na ja. Wie soll ich’s sagen… Kurz ausgedrückt: Nö. Die Maulwurfjäger haben aber doch eine Idee: Wir stimmen einfach ab! Gesagt, getan! Jeder der Anwesenden bekam einen Zettel und sollte seine Hauptverdächtigen in absteigender Reihenfolge anonym aufschreiben. Der erste Kandidat bekam fünf Punkte, der zweite vier und so weiter.

Hauptverdächtiger nach der ersten Runde war unser neureicher Aldrich Ames. Mit nur 21 Punkten. Aber die nächsten Kandidaten kamen nur auf siebzehn, sechzehn und fünfzehn Punkte. Und so bestimmten die teuersten Geheimdienste der Welt, wenn sie ab jetzt beschatteten. Per Abstimmung. Glaubt ihr nicht, die Geschichte? Die Quelle ist Sandra Grimes selber und ihr könnt das auf YouTube selber nachhören. Ist sehr spannend, Link auf explikator.de

Von da an war es ein Kinderspiel, denn, wie schon erwähnt, Aldrich war ein lausiger Agent. Das FBI fand in seinem Hausmüll Rechnungen über Rechnungen und ein Farbband seiner Schreibmaschine, mit der sie seine gesamte letzte Korrespondenz nachvollziehen konnten. In seiner Villa fanden sie über 150 Handtaschen seiner Frau, über 500 Paar Schuhe und 160 Paar nagelneuer Strumpfhosen. Außer Einkaufen war ihre einzige andere Tätigkeit, mit ihrer Familie in Bogotá zu telefonieren. Da kamen dann schon einmal Telefonrechnungen von $ 6000,- im Monat zusammen.

Am 21. Februar 1994 wurden die beiden dann festgenommen. Und es wurde ein Deal ausgehandelt. Frau Rosaria Ames musste nur fünf Jahre in den Knast, wegen Steuerbetrug, und konnte sich dann wieder um ihren Sohn kümmern, dafür gestand Aldrich alles.

Im Prinzip hatte er aber das Gefühl, dass er keinen größeren Schaden angerichtet hatte. Die Agenten wären sowieso früher oder später aufgeflogen. Und er selber hat die 2,5 Millionen Dollar gut gebrauchen können, die ihm der KGB im Laufe der Zeit als Bargeld zur Verfügung gestellt hatte.

Rein praktisch hatte Ames und die jahrelange Inkompetenz der CIA dazu geführt, dass man in den USA praktisch nichts wirkich wusste über die Sowjetunion. Aktenkundig ist z.B., dass Ronald Reagan sich in Vieraugengesprächen vehement bei Michael Gorbatschov beschwerte, dass der KGB „spy dust“ verwände. Also „Spionagestaub“. Damit unbescholtene amerikanische Diplomaten in Moskau auf chemischem Wege ihre Spuren hinterliessen – wie hinterhältig ist das denn, bitte! Michail Gorbatschov muss es innerlich zerrissen haben, das zu hören. Denn diese Märchengeschichte hatte man sich beim KGB einfach in einer kreativen Laune sleber zusammen gesponnen. Um die Belastbarkeit der Kontakte zu testen. „Spy Dust“!

Und so sitzt Aldrich Ames immer noch im Gefängnis. Und wird wohl auch nie mehr entlassen werden. Neun Jahre hat er dem KGB alles gesagt, was dieser wissen wollte und in Saus und Braus gelebt. Mittlerweile ist der größte Maulwurf in der CIA 75 Jahre alt und hat auf seine Art doch auch Geschichte gemacht. Eine blutige Geschichte.

Das FBI freute sich natürlich 1994 ein Loch in den Bauch. Wie dämlich waren doch die Kollegen beim Auslandsgeheimdienst! Idioten! Wie konnten die das nur übersehen! Na klar, da mussten wir erst kommen, um da aufzuräumen! Und habt ihr das mit dem „Spy Dust“ gehört?

Doch während die schmucken Agenten da noch sitzen und sich kaputt lachen, waltet und schaltet der allergrößte Maulwurf aller Zeiten gerade in ihren Büros. Robert Phillip Hanssen, sienes Zeichens FBI-Agent richtet noch weit größere Schäden an. Und wurde erst 2001 geschnappt.
Aber das ist eine andere Geschichte, aber genauso unglaublich. Denn auf Platz 3 der schlechtesten Geheimdienste steht nämlich das FBI, knapp hinter dem MI:5. Aber zu James Pfuscher und Trottel Bond kommen wir in einer anderen Sendung.
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