Expl0521: Das Dudelradio

Keine hundert Jahre ist das Radio erst alt. Und es hatte tolle Zeiten. Es war wichtig. Aber seit den Sechzigern geht es bergab. Heute klingen die Alltags-Radiosender alle gleich, spielen die gleiche Musik und sagen die gleichen Sachen. Woran liegt das? Kann man da ‘was machen?


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Opener: „Erste deutsche Rundfunksendung aus dem Vox Haus“ von RMK Records
Closer: „Funkmeßwagen“ von Oğuz Kocaer
Musik: „I Can Hear Your Voice (2015)“ von John Alexander / CC BY-SA 3.0


[toggle title=”Skript zur Sendung”]
Im Opener hörten wir die allererste Ansage des allerersten Radiosenders in Deutschland. Das war am 29. Oktober 1923 und die allererste Rundfunkanstalt hatte damals genau 0 zahlende Hörer. Es ist also nicht einmal hundert Jahre her, als das Radio geboren wurde. Eine Zeitlang war das ein richtig wichtiges Medium. Und ich war auch immer treuer Anhänger. Aber jetzt ist Radio einfach scheiße.

Wenn man mich fragt, warum ich den Explikator mache, dann ändert sich meine Argumentation auch immer ein bisschen. Das Therapeutische ist jetzt nicht mehr so wichtig wie BHW. Kurz für: Beste Hörer der Welt. Aber eines bleibt: Als Radiofan konnte ich dem ständigen Verfall nicht mehr zuschauen. Speziell das Morgenradio hat mich zur Verzweiflung gebracht. Und das Formatradio. Das Dudelradio. Die Tatsache z.B., dass man im Auto in jedem Bundesland die Auswahl aus mehreren Musiksendern hat, aber es völlig egal ist, wo man ist: Klingt alles gleich scheiße.

Zwei Sachen noch vorneweg, bevor ich in Schwung komme: Sooo pauschalisiert stimmt das natürlich nicht. Es gibt immer noch Rundfunksendungen, die gut sind. Die hole ich mir halt mittlerweile als Podcast. Das Alltagsradio ist es, das schlecht geworden ist. Das Musikradio. Das, was man früher nebenbei hören konnte, ohne wahnsinnig zu werden.

Das wäre die eine Sache. Und dann sollte nicht unerwähnt bleiben, dass das Radio in meiner Jugend auch scheiße war. Da gibt es nichts zu verbrämen. Nichts zu verschönern. Als ich Kind und Jugendlicher war, war das ganze Medium schon im Niedergang begriffen.

Machen wir das doch schnell ‘mal geschichtlich geordnet, das ist einfacher. Erst gab es in Deutschland ein freies Radio. So 12 Jahre ungefähr. Dann kamen die Nazis und schalteten die Sender alle gleich. Das Radio wurde zu ihrem allerwichtigsten Propagandawerkzeug.

Dann hatten die Alliierten das Sagen und die vergaben Rundfunklizenzen in ihren besetzten Gebieten, wie es ihnen Spaß machte. Darum haben wir hier auch in den meisten Bundesländern eigene Sender. Um zu verhindern, dass die Sender zu politisch wurden, haben wir dann auch ein kompliziertes Rundfunkgesetz bekommen.

Aus den Sendern wurden Rundfunkanstalten. Und besonders der Ausdruck „Anstalt“ gibt schön wieder, wie diese Sender so funktionierten. Es waren und sind riesige Behördenapparate, wo im Prinzip Beamte arbeiteten. Und arbeiten. Die hatten dann Berufsbezeichnungen wie “Hauptabteilungsleiter unterhaltendes Wort“ oder “Zeitfunkredakteur“. Kann man sich nicht vorstellen, was solche Leute machen. Viel werden sie ja auch nicht gemacht haben…

Regelmäßig hat dann die “Kommission zur Feststellung des Finanzbedarfes des öffentlich-rechtlichen Rundfunks“ die Rundfunkgebühren erhöht. Wurden ja auch von Jahr zu Jahr mehr Frührentner, die da versorgt und abgelöst werden mussten. Das wurde dann von der Politik jedes Mal durchgewunken.

Der gesellschaftliche Deal war folgender: Ihr vom Radio entsorgt für uns ungeliebte Parteileichen, die dann im Rundfunkrat noch ein Gnadenbrot verdienen können. Und das nach Parteiproporz gerecht verteilt. Und weil diese Politiker sich meistens einen Dreck für das Radio interessierten, konnte man in den Rundfunkanstalten auch machen, was man wollte.

Die Anstalten sind nämlich eigentlich gesetzlich verpflichtet, unabhängig von Politik und Wirtschaft ein vielfältiges und umfassendes Programm anzubieten und eine kulturelle Grundversorgung der Bürger zu garantieren. Aber wegen dieser Behördenstrukturen interessierte das keinen wirklich.

Und eine Zeitlang funktionierte das ja auch prächtig. In den Fünfzigern und frühen Sechzigern waren die Radioanstalten tatsächlich Kulturförderer. Sie waren die größten Konzertveranstalter, bezahlten Komponisten großzügig und versorgten ganz alleine eine ganze Riege an deutschen Autoren, die von Lesungen und Hörspielen leben konnten.

Dann kam das Fernsehen und auf einmal begangen die Einnahmen immer weniger zu werden. Dem Adenauer war dann die ARD irgendwann zu sozialistisch und zu einseitig, also wurde auch noch das ZDF aus der Taufe gehoben.

Das war dann dem Helmut Kohl auch zu sozialistisch und zu einseitig, also hob der Dicke mit dem Alten, Leo Kirch, zusammen die Privatsender aus der Taufe.

Einen Schritt zurück nochma: Wie ich Jugendlicher war, gab es in allen Bundesländern bereits mehrere Sender pro Anstalt. Und überall gab es diesen einen Musiksender mit den Servicenachrichten. Verkehr, Fahndungsdurchsagen, Reisemeldungen, einmal die Stunde Nachrichten und dazwischen Musik. Das Alltagsradio eben. Das überall lief, wo Menschen sich nicht zu sehr konzentrieren mussten.

Und das war damals scheiße. Was da tagsüber lief, waren deutsche Schlager und Volksmusik. Punkt. Aus. Und Humor war sowieso generell verbannt. Radio war staubtrocken und langweilig. Darum hörte man als Jugendlicher auch AFN oder BFBS. Das war locker, da gab es zeitgemäße Rock- und Popmusik. Aber man verstand nichts.

Für uns in Bayern kam dann Thomas Gottschalk. Kein Witz. Egal, was der Mann macht, meine Generation wird ihm alles vergeben. Pop nach Acht war das einzige Format, dass man außer den Amis oder den Briten hören konnte. Er spielte unsere Musik, redete unsere Sprache und war witzig und spontan. Als die Platte „Jazz“ von Queen neu auf den Markt kam, spielte er das Album durch, ohne auch nur einmal in einen Titel reinzuquatschen. Das war Radio-Anarchie, denn natürlich hatten wir alle daheim die Kasettenrekorder laufen. Und das wusste natürlich auch Herr Gottschalk.

Mit den Privaten war nun plötzlich die Hoffnung da, dass alles endlich besser wurde. Lizenzen gab es damals für ein Appel und ein Ei. Und die neuen Macher waren völlig überfordert. Alle Radiomenschen aus den „Anstalten“, die noch selbstständig zum Ausgang rollen konnten, bekamen sofort neue, bessere Jobs. Und noch einmal genau soviel völlig ahnungslose Quereinsteiger.

Das war krude und chaotisch und ein paar Jahre auch echt lustig. Und natürlich liefen den Öffentlich-Rechtlichen die Hörer in Scharen weg. Nicht weil die neuen Sender so toll waren, die waren mies. Aber die Anstalten waren halt noch mieser.

Die Goldgräberzeiten waren schnell vorbei. Und weil es private Sender waren, die sich durch Werbung finanzieren müssen, begann bald die Gleichschaltung. Dieses Mal nicht durch die Nazis oder die Politik, sondern durch die Kapitalisten und die Marktforschung.

Formatradio heißt übersetzt ein Radio, dass sich nach Marktforschung ausrichtet. Um so einen möglichst breiten, durchschnittlichen Geschmack zu treffen. Damit sich Werbetreibende dort heimisch fühlen können. Umfragen erzeugen eine Reihe an Titeln, die gespielt werden können. Alles, was aneckt oder schwierig zu hören ist, fliegt raus. Schon lange nichts mehr Neues von Robbie Williams gehört? Nur den alten Scheiss? Das liegt daran, dass der allen zu schwierig geworden ist. Denn eigentlich macht er schon noch Platten. Aber die hört man halt nicht mehr im Radio.

„Ihr habt ja immer weniger Hörer“, sagte dann der Rundfunkrat zu den Radiosendern. „Dann braucht ihr ja nicht mehr so viel Geld“. Aktuell zahlen wir ja alle € 17,50 Rundfunkbeitrag. Davon gehen genau € 2,16 an den Hörfunk. Gerecht verteilt an alle Sender aller Anstalten.

Weswegen dort immer weniger von den grauen Herren arbeiten. Also jenen Beamten, die schon zu arthritisch waren, um noch den Ausgang zu finden. Stattdessen wird die Arbeit heute von sogenannten „Freien“ gemacht. Das ist ein anderes Wort für die Kaste der Dalit. Der Unberührbaren. Der Heloten. Denn Geld verdienen die Autoren, Komponisten, Musiker und die zahllosen Praktikanten beim Rundfunk eigentlich nicht mehr.

Klar. Eine Festanstellung beim öffentlich-rechtlichen Hörfunk gibt es schon. Doch. Gibt es.
Aber es können ja schließlich nicht alle als Hausmeister arbeiten.

Und deswegen haben die öffentlich-rechtlichen Sender einfach das Mißerfolgs-Modell der Privaten abgekupfert. Computer stellen jetzt die Sendelisten zusammen. Beim öffentlich-rechtlichen HR3 z.B. hatten nur 100 Musiktitel im Jahre 2015 fast die Hälfte des Airplays, insgesamt wurden nur 1200 verschiedene Titel gespielt. Es gibt immer noch Radiofans, die das nachrechnen.

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die überall gleichen Ansagen, Sprüche und Vokabeln auch digitalisiert sind und endlich der Computer alles zusammenmischt. „Mit den heißesten Hits aus den 80ern, 90ern und von heute“ reicht ja textlich eigentlich schon fast. Wenn man das zwischen Werbung, kostenlosen Blitzermeldungen und der immer gleichen Musik einfach dauernd wiederholt: Merkt eh’ keiner!

Doch es gibt nicht nur schlechte Nachrichten zum Radio. Denn mit Podcasts gibt es eine völlig kostenlose, meist werbefreie Alternative im Internet. Podcasts sind das Piratenradio von heute. Das letzte der Medien, die noch frei und unabhängig von Plattformen und staatlicher Kontrolle ins WWW veröffentlichen. Frei Schnauze.

Und es ist ein Leichtes, sich da ein unterhaltsames, informatives, individuell zugeschnittenes Programm zusammen zu basteln. Die eigenen Interessen können noch so ausgefallen sein, ich wette, es gibt eine Internet-Radiosendung dazu, einen Podcast.

Und das Angebot ist gar nicht mehr so schwer zu sichten, es gibt längst gute Alternativen zu iTunes. Ich habe drei gute Verzeichnisse und eine coole Podcast-Suchmaschine auf explikator.de verlinkt.

Also, sagt es weiter: Das Radio ist tot. Es lebe das Radio!
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