Expl0524: Das Discounter-Problem

Ich esse gerne. Ich koche gerne. Ich kaufe gerne ein. Ich verdiene mein Geld hauptsächlich deswegen gerne. Und darum kaufe ich nicht bei den Discountern. Nicht bei Aldi, Lidl, Netto oder Penny. Nicht aus moralischen Gründen, sondern aus ästhetischen. Discounter machen die Welt hässlicher.


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Beitragsbild: Von Kira Nerys aus der deutschsprachigen Wikipedia, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1043125
Opener: „My First ALDI Shopping Trip EVER!“ von Pennies into Pearls
Closer: „Wurstfachverkäuferin“ von Helgeshow
Musik: „Shakira (2007)“ von Die promovierten Praktikanten / CC BY-ND 3.0


[toggle title=”Skript zur Sendung”]
Ich habe ein Discounter-Problem. Weil ich da nicht einkaufe. Meine Entscheidung. Könnt ihr machen, wie ihr wollt. Ich mach’s nicht. Dazu habe ich natürlich eine private Geschichte und eine, die mit der Lust am Leben zu tun hat.

Die private Geschichte geht so: Vor zwanzig Jahren hat meine Firma Geschäfte mit Aldi gemacht. Wir haben da Software hinverkauft. Es war das Multimedia-Zeitalter, noch vor dem Internet und man erwarb seine Daten noch vorzugsweise per CD-ROM.

Und die bestellten Stückzahlen waren so gigantisch, dass unserem Bankbetreuer der Sabber aus den Mundwinkeln lief. Ein erfahrener Kollege hat uns dringend abgeraten. „Des lauft oamei guat, vielleicht auch zwoamei. Spätestens beim vierten Mal ghörst Du Aldi und dann machst Kopfständ und trinkst Buttermilch, wenn die Dir pfeifen!“

Hat er gesagt. Und so war’s dann auch. Um Aldi beliefern zu können, mussten wir erst einmal einen großen Kredit aufnehmen. Denn als Lieferanten mussten wir alles vorfinanzieren. Denn Zahlungsziel ist 120 Tage. Und das Rückgaberecht beträgt 100%. Wenn Dein Zeuch sich gar nicht verkauft, hast Du als Lieferant Pech gehabt. Eigentlich ist das ein Kommisionsgeschäft, wenn man es genau betrachtet. Aldi hatte seinen Umsatz schon gemacht, bevor er uns zahlen musste. Im Prinzip hatten wir dem Discounter einen Warenkredit über mehrere Millionen Mark gegeben.

Und mit jedem der Folgedeal wurde auch konsequent an unserer Gewinnspanne geschraubt. Um dauerhaft mit dem Konzern zusammen zu arbeiten, wurde dann eine sogenannte „Gläserne Kalkulation“ gefordert. Das heißt, auf alltagsdeutsch: Aldi hätte dann unsere Gewinnspanne festgelegt.

Wären wir nicht so doof gewesen, aus anderen Gründen schon vorher pleite zu gehen, wären wir in eine hundertprozentige Abhängigkeit geraten. Und so geht das den Anbietern, die da die wechselnden Angebote hinverkaufen auch heute noch. Das ist das eine. Meine Privatsache.

Aldi z.B hat heute über 4200 Filialen in Deutschland, aber auch in Großbritannien, den USA oder Australien läuft das Geschäft ausgezeichnet. Im Ausland ist sogar das Image toller als hier in Deutschland. Denn hier kaufen zwar alle dort ein, aber eine Aldi-Tüte ist alles andere als ein Status-Symbol. Anders in Südkalifornien, wie die begeisterte Mutter im Opener ja schon verriet.

Die Marktforschung bestätigt das auch. Alle Einkommens- und Bildungsschichten kaufen bei Aldi, die Besserverdiener sind sogar die größte Einzelgruppe. Und das alles natürlich nur, weil man da angeblich Qualität zu den niedrigsten Preisen bekommt.

Die Legende geht so: Aldi macht keine Werbung. Die haben keine Regale, sondern stellen einfach Kartons hin, das spart Personal. Weil sie nur wenige Produkte haben – z.B. nur einen Kakaopulver – können sie größere Mengen kaufen und kriegen die Sachen dann günstiger. Und das geben sie an den Kunden weiter, statt sich zu bereichern, wie die Supermärkte. Und in Wirklichkeit sind da die Markenprodukte versteckt dahinter. Das SIND Bahlsen-Kekse, aber halt inkognito. Warum sollte man also woanders kaufen?

Und genau da fallen mir viele, viele Gründe ein. Denn ich liebe Essen. Und kochen. Und auch einkaufen. Genau genommen ist das der Hauptgrund, warum ich überhaupt arbeite. Denn auf Mietzahlungen könnte ich glatt verzichten…

Und dann soll ich meine Kröten in einem hässlichen Discounter lassen? Wenn ich da schon reinkomme, geht’s mir schlechter. Die Räume sind hässlich, die Beleuchtung ist schrecklich, überall sind lieblos Kartons hingeworfen. Es ist kein Personal da, wenn man eine Frage hat. Und wenn man jemanden erwischt, dann haben die keine Ahnung.

Überhaupt: Die Menschen, die da arbeiten müssen, das sind die, die für die niedrigen Preise leiden müssen. Denn dadurch, dass da sowenig Personal ist, arbeiten die alle immer unter Druck. Alle Discounter kontrollieren ihr Personal nach Geschwindigkeit. Mit Kameras, auch in der Umkleide, mit geheimen Testverkäufern. Aldi Süd hat mit 1800 Filialen und geschätzten 15 Milliarden Umsatz z.B. immer noch keinen Betriebsrat. Und man wird niemanden im Verkauf finden, der da irgendwann in Rente geht. Bevor Ansprüche entstehen, wird man raus expediert.

Die andere Art, wie wir zu so niedrigen Preise kommen, ist die entstehende Billig-Spirale. Alle, alle müssen mitziehen. Denn in Wirklichkeit kann man auch bei Edeka oder Tengelmann genauso preisgünstig einkaufen wie bei Aldi, Netto, Penny oder Lidl. Man muss nur die No-Name-Produkte kaufen. Die richten sich auf den Cent genau nach den Discountern.

Der Schokopudding mit Sahne kostet überall 19 Cent. Bei allen vier Discountern und als No-Name-Label. Und in allen dieser Produkte ist alles Mögliche drinnen, aber garantiert keine Schokolade. Ein Prozent Kakaopulver reicht nämlich gesetzlich schon, um das Ding so nennen zu dürfen. Das Pseudo-Nutella kostet überall € 1,29 und der Billig-Champagner € 12,99. Überall.

Denn machen wir uns nichts vor: Jaja, da sind die tollen Schokokekse, dort der berühmte Sekt und jetzt auch noch die Bioware. Aber das ist, genau wie die tollen Wochenendangebote, natürlich eine Mischkalkulation. Die Qualität kann selbst bei den riesigen Aldi-Bestellmengen nicht gut sein. Aber ein TK-Hühnchen für € 2,- oder ein natives Olivenöl für € 4,- kann einfach keine Qualität sein. Das ist unmöglich. Ein Huhn zu füttern, bis es essbar wird, kostet in Deutschland einfach € 4,- und die Oliven für ein Liter Öl alleine, ohne Pressung oder Personal, kosten in Italien schon € 7,-

Und bei diesen Mengen, die möglichst billig produziert werden, werden wir auch immer Skandale haben. Das waren die Scampis, die von Sklaven – keine Übertreibung! – in Thailand produziert wurden, das waren die Würmer im Lachs, da waren die Burger aus Pferdefleisch, das waren Listerien-Bakterien in Wurst und Schinken, Mineralöl in Hühnereiern, gepanschte Weine, Plastikteile in Tiefkühlröstis… die Liste lässt sich beliebig fortsetzen.

Das liegt nicht an den Discountern selber, in der Regel beschweren die sich bei der Presse lautstark, dass sie selber von den Lieferanten betrogen wurden. Das liegt an dem Preisdruck. Um für die Preise, die der Discount verlangt, produzieren zu können, müssen die Hersteller an der Qualität sparen, das ist zwingend logisch.

Aber die Qualität scheint zu genügen. Aldi verkauft in Deutschland den meisten Wein, die meisten Molkereiartikel und Kaffee und Konserven und Süßigkeiten und Backartikeln oder – mittlerweile – die meisten Bioprodukte! Und diese Dominanz bezahlen wir alle.

Fragt einfach ‘mal einen Milchbauern hier im Oberland – ich kann euch Adressen geben – was der so von den Discountern hält. Die Preise, die für einen Liter Milch gezahlt werden, können nur durch riesige Betriebe erzielt werden, die ihre Kühe als Milchmaschinen ein Leben lang im Stall halten.

Oder fragt mal einen Bäcker, was im Laufe seines Lebens so aus seinem Beruf geworden ist. Bäcker gibt es gar nicht mehr wirklich. Es gibt Minijobber, die Tiefkühlprodukte in einen Heissluftofen schieben. Und es gibt die beliebten Backautomaten bei Aldi und Lidl. Da ist alles immer frisch, heißt es. Und da kostet dann die Breze, die ein Bäcker gar nicht unter 50 Cent anbieten kann, ohne draufzuzahlen, halt nur billige 29 Cent.

Also, nachdem wir die Milchbauern und die Bäcker abgeschafft haben, werden die Discounter als nächstes auch noch die Metzger abschaffen. Oder kleine Brauereien, örtliche Mineralwasserproduzenten, regionale Spezialitäten – all das verschwindet auch gerade, wir können gemeinsam zukucken. So wie sie eben auch die Fachverkäufer schon fast eliminiert haben. Jeder Arbeitsplatz im Discounter kostet uns als Gesellschaft in Wirklichkeit mehr Jobs bei Lieferanten und Herstellern und der kleinen Konkurrenz, als dadurch geschaffen werden.

Und die Kosten für die höheren Staatsausgaben, die dadurch entstehen, dass es nur noch Billigjobs im Lebensmittelgewerbe gibt, zahlen wir alle. Genauso wie wir alle für Hartz IV und Arbeitslosengeld aufkommen müssen, dass uns all’ diese Berufsbilder kosten, die es nicht mehr wirklich gibt.

Aber die Bio-Artikel! Ja, die Bioartikel. Wenn das Bio-Siegel der EU drauf ist, dann ist das auch Bio, da gibt es nichts zu rütteln. Auch wenn das halt das Siegel mit den geringsten Ansprüchen ist. Und das die Ware aus allen Herren Ländern kommt, statt aus der Region, muss einen ja nicht stören. Auf Dauer werden aber bei den Bio-Artikeln genau die gleichen Mechanismen greifen. Und die Qualität wird sinken.

Ich will mein Geld nicht in einen Laden tragen, bloß, weil er billig ist. Lieber esse ich weniger, aber gut. Dann achte ich eben darauf, dass ich nichts kaufe, was ich nicht wirklich brauche. Und ich kaufe gerne bei Menschen, denen ihr Job wenigstens einigermaßen Spaß macht. Mit denen man auch ‘mal ratschen kann. Und die wissen, was sie da verkaufen.

Jeder darf das aber halten, wie er will. Das soll kein moralischer Zeigefinger sein, den ich hier schwinge. Es geht mir um Lebensgenuss. Um Ästhetik. Wenn ich hier, beim Käseladen um die Ecke kaufe, dann macht das mein Leben schöner. Kaufe ich halt ein Stück, rede über Herkunft und Geschmack, während es mir runtergeschnitten wird. Und freue mich auf dem Nachhauseweg schon drauf. Mir scheissegal, dass ich für das gleiche Geld statt 200 Gramm Käse bei Aldi ein Kilo in Plastik eingeschweißten Billig-Gouda bekommen hätte.
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