Expl0525: Unbeachtete Kriegsfolgen

Als kleiner Junge hätte ich ja gerne Spielzeugsoldaten gehabt. Aber meine Eltern sind Kriegskinder und hatten jeden Grund, dass keine gute Idee zu finden. Erst als Erwachsener wurde mir bewusst, wie komplex und weitreichend die Folgen eines Kriegs sein können. Und das wir viele dieser Folgen einfach verdrängen. Hier ein paar Beispiele zum Ersten Weltkrieg.


Download der Episode hier.
Opener: „How did the war start? – Blackadder Goes Forth“ von MangoMarcus101
Musik: „Origins: Rap Battle – WW1 Uncut“ von BBC


[toggle title=”Skript zur Sendung”]
Die Darstellung historischer Prozesse folgt ja oft einem klassischen Muster: Da ist Großereignis A, das führt zur Revolution B, die führt dann dazu das in C auf einmal D regiert, was unweigerlich zum Krieg E überleitet.

Vielleicht hat diese Wahrnehmung damit zu tun, wie wir Geschichte lehren. Oder dass sich viele Menschen nur für die großen, einschneidenden Ereignisse erinnern. Vielleicht wollen wir ja die Geschichte auch als etwas voller plötzlicher Einschnitte, überraschender Revolutionen und unberechenbaren Herrschern empfinden.

Aber in Wirklichkeit tritt jede Ursache, jede Verschiebung eine ganze Perlenreihe an Wirkungen los. Welche davon in Zukunft welche Auswirkungen haben, das können wir nicht ahnen. Weil Geschichte halt oft nur im Rückblick Sinn macht. Wenn „Sinn“ nicht sowieso ein falscher Begriff ist.

Nehmen wir als Beispiel heute einmal den Ersten Weltkrieg. Der vielleicht für Europa einschneidender war als der Zweite. Auf jeden Fall empfinden unsere französischen Nachbarn das so. Da ist das der große Krieg. Was hatte dieses Ereignis so an Folgen, an die man zuerst gar nicht denken würde?

Lassen wir gleich solche Theorien weg, die das sagen: Die deutsche Armee, ungeschlagen im Feld, vom Dolchstoss der Demokratie verraten. Das ist Nazipropaganda. Oder aber: Der Friedensvertrag von Versailles und die Reparationszahlungen haben zu Hitler und dem nächsten Krieg führen müssen. Weil das auch Quatsch ist.

Klar, der Versailler Vertrag war kein diplomatischer Geniezug. Selbst die Alleinschulds-Hypothese ist so nicht richtig. Auch wenn Deutschland mit Kaiser Wilhelm II. einfach einen besonders dummen und unfähigen Herrscher am Start hatte. Und die Reparationszahlungen sind ja jetzt abgeleistet. Übrigens erst seit 2010. Das diese letzte Zahlung von 75 Millionen Euro niemand in Deutschland mitbekommen hat, ist ein ausgesprochen gutes Zeichen.

Und lassen wir auch die unmittelbaren Folgen weg. Wie z.B., dass es im Grenzgebiet zwischen Deutschland, Frankreich und Belgien immer noch zu Toten kommt, die auf Minen treten. Das es einen ganzen Landstrich in Frankreich gibt, die Zone Rouge, die immer noch nicht bewohnbar ist.

Schauen wir auf die Konsquenzen, die wir schon wieder vergessen haben.

Da wären als erstes Edward Snowdon und Chelsea Mannings. Also nicht die Personen an sich, sondern das Gesetz, dass es der amerikanischen Regierung einfach erlaubt, jemanden ohne Prozess in den Knast zu stecken. Das hat sich Woodrow Wilson ausgedacht. 1917. Wegen des Ersten Weltkriegs. Denn zu viele amerikanische Medien – und zuviele Amerikaner – hatten einfach keinen Bock auf Krieg. Also erließ er den „Espionage and Sedition Act“. Vor hundert Jahren. Noch heute die rechtliche Grundlage für die Verfolgung von „Landesverrätern“.

Dann gäbe es noch den ungarischen Nationalismus. Den erklären wir uns heute gerne mit dem Sozialismus, doch die Wurzel ist eher der Vertrag von Trianon. Mit dem ersten Weltkrieg ging auch die K.u.K-Monarchie unter. Und Ungarn verlor zwei Drittel seines Staatsgebiets. Die Ungarn, die danach plötzlich in Rumänien, Tschechien oder dem ehemaligen Jugoslawien lebten, haben sich nur schwer oder gar nicht integriert. Eine der Forderungen der Fidesz ist deswegen, wörtlich: Nieder mit Trianon! Großungarn wollen wir zurück!

Das ist natürlich hanebüchen, deshalb jetzt: Champagner! Wir alle wissen, nur der Sekt, der in der Champagne hergestellt wird, ist auch Champagner. Der Rest ist eben Sekt oder gar nur Schaumwein. Und das ist so, weil es im Friedensvertrag von Versailles so festgelegt ist. In den USA ist das anders. Da kann man sich mit billigem „champagne“ einen Rausch ansaufen, wann immer man Lust hat. Denn, entgegen der Meinung von Rechtspopulisten: Die USA hat den Versailler Vertrag nie ratifiziert. Der blieb da im Kongress stecken. Tatsächlich hat die Weimarer Republik mit den USA 1921 einen kleinen, privaten Friedensvertrag unterzeichnet.

Auch wenig bekannt ist die Tatsache, dass es vor dem Ersten Weltkrieg an den europäischen Grenzen so zuging, wie zu den besten Tagen des Schengen-Abkommens. Man musste beim Grenzübertritt nicht seinen Reisepass zeigen, weil es die nämlich noch gar nicht gab. Zumindest von 1860 bis 1914 waren die Grenzen in Europa offen. Dann kam der Krieg und mit ihm der Pass. Erfunden haben ihn die Briten mit dem „British Nationality and Status Aliens Act“ von 1914. Statt eines Fotos gab es eine detaillierte Beschreibung des Passbesitzers, aber ansonsten ist es das Ausweispapier, wie wir es heute im Prinzip immer noch kennen.

Jetzt gilt es als nächstes, Haltung zu bewahren. Denn ohne den ersten Weltkrieg gäbe es kein Pilates. Das heißt nach dem Deutschen mit dem selbigen Nachnamen. Joseph Pilates. Der entschloss sich 1913 nach England auszuwandern. Dort schlug er sich mit Gelegenheitsjobs durch, bis er 1914 interniert wurde. Wie alle anderen Deutschen in Großbritannien auch, die nicht wirklich wichtige Jobs hatten. Dort entwickelte er ein Fitness- und Gymnastikprogramm, dass eben für seine Mithäftlinge und ihn zugeschnitzt war, die nur den ganzen Tag rumsitzen konnten. Wie wir heute vor’m Rechner. Damit sie trotzdem eine gute Körperhaltung behielten, gibt es Pilates.

Die Republik Irland gäbe es auch nicht ohne den Ersten Weltkrieg. Anders als die Nordiren hatten die ihm Süden nicht die geringste Lust, für die verhassten Engländer in den Krieg zu ziehen. Das sorgte für böses Blut auf der grünen Insel. Besonders als man 1916 in Dublin die Republik von Irland ausrief und die Insel sich dann 1921 endgültig in eben diese Republik und Ulster teilte. Das führte zu Terror und Bürgerkrieg und ist im Prinzip, obwohl die meisten Terroristen, die sich als IRA bezeichneten, die Waffen abgegeben haben, immer noch nicht völlig vorbei.

Und dann wäre da noch die ISIS. Oder allgemein die politische Lage im Nahen Osten und in Arabien. Denn nicht nur die K.u.K-Monarchie ging 1918 unter, sondern auch das ottomanische Reich. Und das haben dann die Briten und die Franzosen mit dem Lineal neu organisiert. Das hatten sie schon heimlich 1916 mit dem Sykes-Picot-Abkommen ausgehandelt. Das das nicht wirklich schlau war, wussten schon Zeitgenossen. Lawrence von Arabien z.B. Der auch vor dem Wahhabismus und den Saudis gewarnt hatte. Denn die Macht Saudi-Arabiens innerhalb der arabischen Welt liegt in diesem Abkommen begründet.

Das ist uns in Europa schon lange nicht mehr gegenwärtig, das ist für uns schon hundert Jahre her. „Sorry für den Kolonialismus, war nicht so gemeint!“ Doch im Nahen Osten erinnert man sich noch allzu gut. Eines der ersten Videos der ISIS aus dem Jahre 2014 zeigt einen Bulldozer, der einen Grenzposten zwischen Syrien und Irak einreißt. Und auf dem Boden liegt ein Poster. Auf dem steht „Nieder mit Sykes-Picot!“

Für viele, viele Araber ist Sykes-Picot die größte Demütigung der Geschichte. Auch für vernünftige, aufgeklärte, nicht-militante Araber und das sind viele. Im Nahen Osten und Arabien ist Sykes-Picot bedeutender als die Kreuzzüge, die auch gerne bemüht werden. Und viele, viele Araber empfinden die Nationen, die Franzosen und Briten da mehr oder weniger frei erfunden haben – eben Syrien, Palästina, Irak, Libanon – als etwas Unarabisches, etwas Aufgezwungenes. Und da haben sie im Prinzip auch recht.

Wir haben also unbewohnbare Regionen in Frankreich, Landesverräter-Gesetze, Nazis in Ungarn, Reisepässe, eine immerwährende Krise im Nahen Osten, die Republik Irland aber auch Champagner und Pilates als unmittelbare Folgen des Weltkriegs, an die niemand mehr so richtig denkt.

Jedes Ereignis in der Geschichte löst eine Kaskade von Entwicklungen aus. Und diese Ketten lassen sich nicht vorhersagen oder prognostizieren. Wir erkennen sie erst im Rückblick.

Darum machen Vergleiche in der Historie oft so wenig Sinn. Wir befinden uns nicht in einer Situation ähnlich wie 1914, 1933, 1939 oder meinetwegen 1989. Die AfD ist nicht die NSDAP, Donald Trump nicht Hitler, Erdogan kein ottomanischer Sultan. Wir befinden uns in einer Situation nach 1914, 1933, 1939 und 1989 und damit unter ganz anderen Bedingungen. Und müssen unsere eigenen Lösungen finden.

Das, zumindest das, kann man aus Geschichte lernen.
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