Expl0526: Krise der Filmmusik

Mein Leben ist ja soweit ganz prima gelaufen. Aber es wäre schon toller gewesen, wenn es einen Hintergrund-Soundtrack gehabt hätte. So wie bei Indiana Jones oder bei James Bond. Die Soundtracks moderner Filme habe ich mir gar nicht mehr gemerkt. Hat das einen Grund? Und was könnte das sein?


Download der Episode hier.
Beitragsbild: By Leah Gallo – Author, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=48099731
Opener: „How Film Scores Play with Our Brains“ von Now You See It
Closer: „One Note Song – Tenacious D“ von Logans super awesome channel
Die Themes aus der Episode:
Star WarsIndiana JonesPink PantherBeverly Hills CopJames BondHarry PotterRocky 2Superman
Die fabelhaften Videos von „Every Frame A Picture“:
Marvel Symphonic Universe“: The Marvel Symphonic Universe
Hollywood Scores & Soundtracks: What Do They Sound Like?
Musik: „Glitter Bomb“ von Juanitos / CC BY 3.0


[toggle title=”Skript zur Sendung”]
Was hat die Menschheit je erfunden, was es wert wäre, auch nach unserem Untergang erhalten zu bleiben? Jetzt mögen die einen sagen: Thunfisch-Pizza, andere vielleicht Tetris und die wieder anderen – also noch einmal andere als die anderen – Heftpflaster. Mögen sie.

Ich finde, das Tollste, was wir so hingekriegt haben, ist die Musik. Zugegeben, Sprache ist auch eine tolle Sache. Sonst gäbe es ja auch nicht diese kleine Sendung. Und irgendwie ist es auch toll, dass es so viele Sprachen gibt. Auch, wenn das zu diplomatischen Verwicklungen führen kann.

Aber wir haben ja auch eine zweite Sprache erfunden, die universell ist. Und die besonders gut geeignet ist, um Emotionen auszudrücken. Ja, sogar noch mehr: Um Emotionen in uns zu erzeugen. Und das ist natürlich die Musik. Und die funktioniert immer noch genauso gut, wenn nicht sogar besser als schon immer.

Deswegen ist die Geschichte des Films auch eine Geschichte der Musik. Das fängt mit den Pianospielern an, die live, im Kino, das stumme Geschehen auf der Leinwand musikalisch unterstützten, geht über den „Jazz Singer“, dem ersten Tonfilm, in dem es natürlich um Musik ging und nicht um Dialog, zu den Klassikern der Filmgeschichte.

Einige Filme sind so sehr mit ihrem Soundtrack, ihrem Score, ihrer Musik verbunden, dass wir das gar nicht trennen können. In jedem von uns ruhen Dutzende von Musikfetzen, die für immer mit einem bestimmten Film, für immer mit den Figuren, für immer mit einer bestimmten Seh-Erfahrung verbunden sind.

Darum an dieser Stelle – quasi als Beleg dieser These – ein kleines Quiz. Ich spiele euch berühmte Themes vor, nur ein paar Sekunden. Und auf völlig abwegigen Instrumenten und behaupte, ihr erkennt die alle!

Was ist dieses Trompetenstück?
Star Wars – Das war supereinfach, oder?
Was spielt die Klarinette hier?
Indiana Jones – Der Wunschsoundtrack meines Lebens!
Nun kommt die Ocarina:
Pink Panther – das ist alles zu einfach.
Dann, passend zu den Achtzigern auf einem Instrument der Achtziger namens „C64“
Beverly Hills Cop – das ist die echte 8-Bit-Musik!
Bleiben wir doch bei Computern. Das nächste Theme wird von 8 Floppylaufwerken gespielt:
James Bond – der Agent, der zuviel Filme machte.
Jetzt ein bisschen schwerer. Sehr passender Sound aber, den die Weingläser da machen:
Harry Potter
Natürlich gibt es praktisch jede Melodie der Welt auch auf Ukulele:
Rocky 2 – „Eye of the Tiger“
Und zuletzt, am schwierigsten, obwohl es auf Gitarre ist:
Superman – der von 1978 natürlich. Der echte Supermanfilm!

Das bringt uns gleich zum Kern des Problems: Könnt ihr mir zum neuen „Batman V Superman“-Film einen Soundtrack summen? Nein? Oder zu irgendeinem Film aus dem Marvel Cinematic Universe? Captain America? Avengers? Thor? Deadpool? Iron Man? Ant-Man? Spiderman?

Nichts? Na gut, dann nehmen wir die Oscar-Preisträger der letzten Jahre. Die Oscars für die beste Filmmusik gingen an – bitte daran denken: Ihr sollt einfach die Musik oder nur das Theme mitsummen, ok?

2010: The Social Network
2011 The Artist
2012 Life of Pi
2013 Gravity
2014 The Grand Budapest Hotel
2015 The Hateful Eight

Und? Auch nur ein Musikfetzen? Irgend etwas? Ich persönlich musste die Liste der Preisträger bis 1997 zurückscrollen, da war es nämlich Titanic. Klar, irgendwie gab’s da etwas bei „Up“ und natürlich etwas beim „Herrn der Ringe“, aber ich habe beides nicht mehr hinbekommen. Kann natürlich auch an mit liegen.

Die Filmmusik ist in einer tiefen Krise. Das fiel zuerst Ben Walsh im Independent auf, in einem Artikel aus dem Jahre 2011. Und seitdem hat sich die Diskussion nur vertieft. 2014 gab es dazu einen schönen Artikel im Guardian. Das war damals, weil von „Gravity“ – Preisträger 2013 – eine Version völlig OHNE Soundtrack auf der BlueRay veröffentlicht wurde.
2015 legte Esquire noch einmal nach. Und letztes Jahr der berühmte Ennio Morricone.

All’ diese Quellen kamen zu einem ähnlichen Urteil. Schuld sind natürlich die Studios, die bei der Musik am Budget sparen. Statt John Williams oder Ennio Morricone ein Orchester bespielen zu lassen, bucht man lieber Hans Zimmer, dessen Schüler irgend etwas Generisches, Elektronisches erzeugen, das irgendwie immer gleich klingt und immerhin an Orchesterklang erinnert.

Das stimmt natürlich. Aber warum machen die das? Auch das ist schnell geklärt: Weil sich mit der Filmmusik kein Geld mehr verdienen lässt. Weil wir alle keine Filmmusik mehr kaufen. Brav, auf CD oder gar Vinyl. Weil wir mit dem Internet die Musikindustrie kaputt gemacht haben.

Das ist das alte Henne und Ei-Problem und vielleicht nicht tief genug analysiert. Ich habe mir auf YouTube für diese Sendung die Soundtracks der Oscarpreisträger angehört. Oder die angeblichen „Themes“ zu Cap America oder Iron Man. Das ist einfach keine wirkliche Musik mehr. Und darum kaufe ich mir die auch nicht. Auch nicht als Download.

Brian Satterwhite, Taylor Ramos und Tony Zhou vom fabelhaften YouTube-Kanal haben dazu auf YouTube zwei Videos veröffentlicht. Mit ihrer ganz eigenen Theorie. Die sie auch wunderbar belegen. Schuld sind laut „Every Frame A Painting“ – so der Name des Channels – die neuen technischen Möglichkeiten.

Durch den Einsatz von Computern ist es heute spielerisch leicht, schon beim Schneiden einen Temp-Track zu unterlegen. Das ist ein provisorischer Ersatz für die spätere Musik. Und da verwendet man dann natürlich Musik, die es schon gibt. Meinetwegen Klassiker oder eben Musik aus anderen Filmen, die eine ähnliche Szene schon musikalisch begleitet haben.

Liegt ja auf der Hand. So sitzen dann Regisseur und Cutter im Studio und schneiden vor sich hin. Und sehen und hören die Szene, die sie bearbeiten, Hunderte Male. Und, mehr noch, sie können einfach gar nicht anders, als dann die Szene zur Musik zu schneiden.

Weswegen dann der Auftrag an die Musiker lautet: Macht mir genauso etwas wie die Temp-Musik. Halt aber bitte so, dass keine Urheberrechtsklagen kommen, bitte schön. In ihrem Video „Marvel Symphonic Universe“ haben sie da einige schöne Beispiele gesammelt, die ihre These prima untermauern.

Hier z.B. Musik aus „Transformers: Revenge of the Fallen“ von 2009
Und hier Musik aus „Thor“ von 2011
Eine Variation dazu dann bei „Captain America: Winter Soldier“ von 2014
Die fast gleich wieder in „Mad Max“ von 2015 auftaucht.

Die Filmmusik befindet sich also wirklich in der Krise. Aber ich denke, die Macher irren sich völlig, diese urmenschliche Kunstform so zu vernachlässigen. Erstens verdient ein guter Soundtrack ein Leben lang sein Geld – nicht umsonst sind überall ständig irgendwelche Orchester damit beschäftigt, John Williams oder Ennio Morricones Musik aufzuführen. Und zweitens schafft eine originale und originelle Musik eine unauslöschbare Bindung zu einem Film.

Die Themes mit den komischen Instrumenten aus meinen Beispielen, die begleiten mich ein Leben lang, und das auch in Form unerwünschter Ohrwürmer. Aber sie sorgen auch dafür, dass ich in jeden James Bond, jeden Star Wars, jeden Indiana Jones und in jeden Harry Potter laufe.

Noch mehr: Ich habe sogar jeden Rocky-Film und jeden Pink Panther gesehen, sogar die mit Steve Martin.

Und wenn dann endlich das Theme kommt, die Erkennungsmelodie, die neuronal fest in mein Hirn geschweißt ist, dann freue ich mich wie ein Kleinkind.
(summt Indiana Jones und aus)
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