Expl0527: Bletchley Park

Wann begann eigentlich das Informationszeitalter? Diese Aufzeichnung beweist: Das Informationszeitalter begann, als Winston Churchill im Jahre 1940 Bletchley Park besuchte und sich die Arbeit von Alan Turing zeigen ließ. Hörspielfolge.


Download der Episode hier.
Musik: „This Is Jazz Manouche (2015)“ von MagikStudio / CC BY-NC-ND 3.0


[toggle title=”Skript zur Sendung”]
AT: Willkommen in Bletchley Park, Herr Churchill! Es freut uns alle sehr, dass die britische Regierung unsere Arbeit endlich ernst nimmt. Und wir sind uns sicher, ganz sicher, dass wir in diesem Krieg einen wichtigen Beitrag leisten können.
WC: Schon gut, Herr Turing, schon gut. Wir können jede Hilfe gebrauchen, die wir bekommen können. Wir Briten müssen jetzt zusammenhalten. Alle Anstrengungen sind wichtig. Bevor wir diesen Krieg gewinnen, wird es viel Blut, Schweiß und Bier brauchen.
AT: Bier, Sir? Es wird Bier brauchen?
WC: Klar. Es braucht immer Bier. Oder Gin. Übrigens, haben Sie irgendwo einen Aschenbecher?
AT: Einen… Aschenbecher… Nein. Äh, reicht vielleicht diese Tasse?
PH: Hey, das ist meine Tasse!
AT: Herr Premierminister, das ist Peter Hilton. Mathegenie.
WC: DOC, NOTE: I DISSENT. A FAST NEVER PREVENTS A FATNESS. I DIET ON COD. Steht da auf der Tasse.
PH: Ja, Herr Churchill. Das ist das längste Palindrom der Welt. Habe ich erfunden.
WC: Palindrom?
PH: Ja, Sir, kann man vorwärts oder rückwärts lesen, bleibt immer gleich.
WC: Ach so. Wie „Geist ziert Leben, Mut hegt Siege, Beileid trägt belegbare Reue, Neid dient nie, nun eint Neid die Neuerer, abgelebt gärt die Liebe, Geist geht, umnebelt reizt Sieg.“
PH: Äh. Moment. Ja stimmt…
AT: Und ist 70 Zeichen länger als Dein Palindrom, Du Wicht!
WC: Meine Herren, ich muss schon sehr bitten. Sie haben mich doch nicht hierher bestellt, weil sie mit dem Geld der britischen Steuerzahler hier Wortspielchen erfinden?
AT: Nein, Sir. Nein, natürlich nicht. Äh, wir haben einen wesentlichen Durchbruch erzielt.
WC: Schön. Und der wäre?
AT: Wir haben eine Maschine gebaut.
PH: Den ersten Computer der Welt!
AT: Die erste Turing-Maschine der Welt, um genau zu sein.
WC: Das ist ja schön. Eine Turing-Maschine. Was macht die denn so, Herr Turing?
AT: Die ist in der Lage, komplexeste Berechnungen in kürzester Zeit durchzuführen.
WC: Das ist ja schön. Das habe ich gelesen. Ein großer Rechenschieber. Wie heißt der?
AT: Ja, äh. So ähnlich. Hilton, holen Sie Colossus rein.
PH: Sofort. Ein Moment.

Peter Hilton verläßt den Raum und kommt mit einer Tastatur zurück, die er kompliziert mit drei Kabeln an einen kleinen, grünen Bildschirm anschließt.

WC: Das ist Colossus? Ich verstehe, dass ist ein ironischer Name, oder? Britischer Humor, verstehe. Denn das ist ja keine große Maschine, die kann man ja tragen! Wie praktisch!
PH: Das ist nur die Steuerung, Sir. Die Eingabeeinheit. Und das Display. Sehen Sie diese Kabel, Herr Premierminister?
WC: Sehe ich.
PH: Die gehen rüber zu Gebäude 3, da steht die eigentliche Maschine.
AT: Und in Gebäude 4 und 5 auch.
PH: Und dann auch noch in Gebäude 6.
AT: Ja, stimmt. Und auch noch in Gebäuden 12, 13, 14, 15 und 16.
PH: Ja, nicht zu vergessen. Und dann noch im Herrenhaus selber…
WC: Gut. Reicht. Vielen Dank! Was ist also an eurer Riesenmaschine dran! Ich habe nicht ewig Zeit!
AT: Ja, Sir. Herr Premierminister. Sagt Ihnen „Enigma“ etwas?
WC: Ja, das ist die Codemaschine der Nazis. Unknackbar. Haben uns die Amerikaner gegeben. Ach, was wäre der Krieg ohne die Amerikaner..
AT: Sir, bis jetzt sind die Amerikaner noch gar nicht in den Krieg eingetreten.
WC: Stimmt. Stimmt. Also, was hat Enigma mit Colossus zu tun?
PH: Kurz gesagt können wir mit diesem Computer…
AT: Mit dieser Turing-Maschine.
PH: …den Code der Enigma knacken.
AT: Und damit können wir alle Nachrichten der Deutschen entschlüsseln. Und hier auf diesem Bildschirm lesen.
WC: Aber… Das… ist ja großartig! Können Sie das demonstrieren?
AT: Hilton, können wir das demonstrieren?
PH: Na klar. Ich bin mir sicher. Gleich. Wenn eine Nachricht kommt. Dann, wahrscheinlich…
AT: Hilton?
PH: Ja, Alan. Also in ein paar Minuten…
WC: Gibt es in Bletchley Park eigentlich so etwas wie…
PH: Jetzt!
WC: Whiskey?
PH: Gerade kommt eine Nachricht rein! Direkt an Adolf Hitler!
AT: Und, können wir die entschlüsseln!
PH: Natürlich. Da kommt die Entschlüsselung schon rein!
WC: Das ist ja fantastisch! Und was ist der Inhalt der Nachricht?
PH: „7 Zentimeter mehr in einer Woche. Dank unseres neuen Wundermedikaments, dass Wissenschaftler für unmöglich hielten…“
WC: Sieben Zentimeter? Was für sieben Zentimeter? Was sollen sieben Zentimeter?
PH: Moment, da kommt ein Bild dazu!
WC: Das dauert aber lange.
PH: Bilder dauern immer länger…
WC: Und was ist das, was wir….
PH: Oh.
AT: Ähem…
WC: Ach so. Verstehe. Na gut. Dass der Führer in diesem Bereich Probleme hat, ist für uns nichts Neues. Das hat der Geheimdienst schon 1923 rausbekommen.
AT: Ja, also für den Inhalt der Nachrichten können wir ja auch nichts.
WC: Tja. Dann werden wir wohl unsere Anstrengungen in andere Bereiche lenken müssen. Tut mir sehr leid, aber wir müssen Bletchley Park schließen.
AT: Aber, Sir. Herr Premierminister. Die Kommunikation des Feindes abzuhören ist doch wesentlich für den Krieg!
WC: Schon, Herr Turing. Schon. Aber wir müssen sparen. Wir brauchen alles, was wir an finanziellen Reserven haben, um Flugzeuge zu bauen und Schiffe und Panzer und Gewehre und Bier.
AT: Bier?
PH: Moment, ich glaube, der Computer…
AT: Die Turing-Maschine…
PH: Ja, genau! Wir haben gerade eine Nachricht bekommen, die unsere Probleme alle lösen könnte!
AT: Wie das?
WC: Ja, wie das?
PH: Hier bietet uns jemand 20 Millionen Pfund. Nur für uns!
WC: 20 Millionen Pfund! Aber damit könnten wir ja den ganzen Krieg bezahlen! Und jedem Briten noch ein, zwei Bier spendieren! Wer ist der Spender?
PH: Ein Prinz. Ein Prinz aus Nigeria. Alles, was wir tun müssen, ist unser Konto angeben.
WC: Wirklich! Also, dieser Computer ist ja…
AT: Turing-Maschine!
WC: …eine tolle Sache! Also: Winston Churchill, Premierminister und Verteidigungsminister, IBAN GB9009 – 25 mal die Null und eine Eins am Schluss…
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