Expl0529: Apokryphen

Na klar: Jeder Glaubende zweifelt an seinem Glauben. Ab und an. Umso besser, wenn regelmäßig irgendwelche Evangelien auftauchen, die das Christentum anscheinend auf den Kopf stellen. Aber die meisten dieser Apokryphen haben es aus gutem Grund nicht in das Neue Testament geschafft, wie ein paar Beispiele verdeutlichen.


Download der Episode hier.
Opener: „Rowan Atkinson Live – Amazing Jesus“ von Rowan Atkinson Live
Closer: „Louis CK – Bush & Jesus“ von Louis CK Full Interviews
Musik: „Das Kleben der Rebellen“ von Bob


[toggle title=”Skript zur Sendung”]
Wenn man sich offen als Christ bezeichnet, aber hauptsächlich atheistische Freunde hat, bekommt man immer wieder süffisant Lesetipps empfohlen. Das reicht von trivialen Romanen von z.B. Dan Brown bis zu gerade brandaktuellen neuen, angeblich uralten Evangelien. Im Christentum gibt es nämlich eine große Zahl an Schriften, die nicht in den sogenannten „Kanon“ aufgenommen wurden.

Die meisten davon sind Apokryphen, ein Ausdruck aus dem Griechischen, der ungefähr „verborgen oder dunkel“ bedeutet. Hui! Mystisch! Und weil viele Menschen ja vermutet, dass die Kirchen die „echte Wahrheit“ vor den Menschen verbergen wollen, tauchen in regelmäßigen Abständen irgendwelche uralten Schriften auf, die die gesamte christliche Lehre auf den Kopf stellen würden. Aber unterdrückt wurden und werden.

Denn die verschwörerischen Kirchenväter haben das verhindert. Und diese Werke verboten. Damit wir alle brave Christenschafe werden. „Lies’ das Evangelium des Hans-Dieter, dann wird Dein dämlicher Glauben aber so etwas von ins Wanken geraten!“. So wahrscheinlich meistens die Motivation meiner Literatur-Empfehlenden.

Die sind dann in der Regel enttäuscht. Wir haben im Christentum ja viel Scheiße gebaut, ungelogen, aber gerade die Exegese und speziell die historisch-kritische Methode ist eine kulturelle Leistung, die ich so bisher in keiner anderen Religion kennengelernt habe. Keine Schriften sind verboten und gerade auf die Apokryphen richtet sich der Forscherblick recht genau.

Die enttäuschende Wahrheit ist: Die meisten der Texte, die es nicht in die Bibel geschafft haben, hätten es auch wirklich nicht verdient. Ich persönlich würde ja durchaus gerne die Offenbarung des Johannes rausnehmen – die hat schon viel Unheil angerichtet – und stattdessen von Erich Fromm „Die Kunst des Liebens“ aufnehmen, aber das ist leider nur meine Meinung. Eine Einzelmeinung.

Um diese Behauptung zu bebildern hier einige Beispiele aus solchen Apokryphen. Ihr könnt dann selber urteilen, ob es schlau war, diese Texte außen vor zu lassen oder nicht.

Da gibt es z.B. das Evangelium des Barnabas. Das wird gerne von Muslimen ins Feld geführt. Denn es steht in hohem Maße in Übereinstimmung mit dem Koran. Jesus droht hier jedem, der ihn „Sohn Gottes“ nennt. Das sei er nicht! Und er stirbt auch nicht am Kreuz, sondern – aufgrund einer Verwechslung – Judas Iskariot. Das passt gut zur Sure 4, 157. Besonders offensichtlich wird der Text islamisch, indem er Mohammed als den „Größeren“ ankündigt, der nach Jesus kommen wird. Das gibt ihm eine sehr deutliche Alleinstellung. Insgesamt ist der Text voller historischer und geographischer Fehler und Ungenauigkeiten und lässt sich mit ziemlicher Gewissheit ins fünfzehnte Jahrhundert datieren. Womit es dieses Evangelium genau genommen nicht einmal in den Rang einer Apokryphe schafft.

Aus dem zweiten Jahrhundert stammen aber die Petrus-Akten, die speziell im Orthodoxen und Koptischen recht beliebt waren. Ich mag die auch. Vor allem die Geschichte des Zauberer-Wettkampfs. Petrus – ja, der Petrus – battlet sich da mit Simon Magus. Das ist eine historische Figur, kommt auch in der Apostelgeschichte vor, und sozusagen der erste Häretiker mit Klasse. Petrus bekommt also den Job zugeteilt, diesen Simon Magus zurechtzuweisen. Das macht der Apostel, indem er einem Straßenköter die Fähigkeit gibt zu sprechen. Soll doch der Hund den Zauberer herausfordern!

„Hey, Simon, Petrus schickt mich. Der will sich mit Dir Zauber-Battlen!“
„Hey, Hund, sag’ dem Zottelgreis, dass ich nicht zuhause war.“
„Hey Simon! Bist Du blind? Ich bin ein dummes Tier und rede mit Dir! Lässt Dich das unbeindruckt?“

Frei übersetzt, aber werktreu, versprochen. Es kommt aber doch zum Fight. Simon beginnt erst einmal ‘rumzufliegen wie Superman. Petrus soll das nachmachen, kriegt’s aber nicht hin. Dann betet er zu Gott, Magus möge doch bitte ‘mal so richtig auf die Schnauze fallen und sich die Beine dabei an drei Stellen brechen. So kommt’s dann. Das öffnet allen Anwesenden die Augen. Petrus nimmt dann den ersten Stein und alle Zuschauer steinigen den Häretiker spontan zu Tode.

Dann gibt es auch Akten zum Apostel Johannes, die sind auch schön. Meine Lieblingsstelle: Der gute Johannes kommt nachtens in einem – wörtlich – lausigen Hotel unter und kann nicht schlafen. Weil es so viele Bettwanzen hat. Also wird’s Zeit für ein Wunder! Der Apostel befiehlt dem Ungeziefer, es möge sich gefälligst benehmen. Im Ernst. Geknickt verlassen die Parasiten mit hängenden Wanzenschultern dann das Etablissement. Und warten vor der Tür bis zum Morgen, bis Johannes ausgeschlafen hat. Den rühren die gehorsamen Wanzen irgendwie. Und weil sie so brav waren, lässt er sie alle wieder rein! Das ist doch gelebte Nächstenliebe, oder?

Auch sehr schön ist das Kindheitsevangelium des Thomas. Nicht zu vergessen mit dem Thomasevangelium. Das war einst sehr populär. Eines der beschriebenen Wunder findet sich auch im Koran wieder. Der einjährige Jesus sitzt in einem Weiher und spielt so vor sich hin. Aus Ton formt er Vögelchen und bläst ihnen Leben ein. Ein anderer Junge stört sein Spiel, weil er mit einem Stock Wellen schlägt. „Mögest Du verdorren wie ein Strauch!“ meint Voldemort – äh, ich meine Jesus dann. Und so kommt’s dann auch. Der Störer verdorrt und geht von hinnen.

Später rempelt ihn ein anderes Kind an. Klar, damit hat es auch sein Leben verwirkt und fällt nachdem es von Jesus verflucht wurde, tot um. Die Dorfbewohner meinen dann bald zu Joseph, ob dr seinen Adoptivfilius nicht etwas zügeln könne, denn so langsam gehen die Kinder aus…

Diese zögerliche Kritik ficht unseren Jesus-Rambo aber nicht an. Weder entschuldigt er sich, noch bereut er seinen Amoklauf. Stattdessen schlägt er das halbe Dorf mit Blindheit. Das wäre doch an Weihnachten mal eine Alternative zum Krippenspiel, oder? Mehr so eine Terminator-Version.

Aber, eine „Game of Thrones“-Variante hätten wir auch noch . Das wäre das Evangelium des Pseudo-Matthäus. Das stammt aus dem sechsten Jahrhundert und war zu seiner Zeit sehr populär. Die meisten Marienlegenden wurzeln genau dort. Oder auch Ochs und Esel an der Krippe, die finden sich im Neuen Testament nämlich gar nicht.

Die coolste Geschichte aber ist eine andere. Auf der Reise müssen Maria, Joseph und der einmonatige Jesus in einer Höhle Unterschlupf suchen. Weil ja Herodes alle Babies abschlachten lässt, und das will man ja verständlicherweise irgendwie vermeiden. Sonst wäre das Neue Testament ja eher eine Kurzgeschichte.

Dummerweise haben die Eltern aber übersehen, dass die Höhle voller riesiger, feuerspeiernder Drachen ist. Kann schon einmal passieren. Aber ein Fehler, den viele Reisende nur einmal machen. Der Ausdruck für solche unerfahrenen Touristen in der Sprache der Drachen ist, glaube ich, Falafel.

Doch die Tatzelwürmer haben die Rechnung ohne Baby-Jesus gemacht. Obwohl er erst vier Wochen alt ist, jumpt er der Mama aus den Armen und geht entschlossenen Blickes auf die Drachen zu. So entschlossen, so herrisch und so ausdauernd starrt er den Lindwürmer in die Pupille, dass diese ängstlich das Weite suchen. Baby-Jesus bleibt natürlich cool; er dreht sich kess um. Er sieht, wie seine Mama vor Entsetzen schlottert – kann man ihr ja wohl auch kaum vorwerfen. Und meint nur stoisch: „Halte mich nicht einfach für ein Kind, Mom!“ Dann zündet er sich lässig eine Marlboro an und… Nein, sorry, das mit der Zigarette habe ich mir ausgedacht…

Das waren jetzt nur Auszüge aus den verbreiteteren Apokryphen. Viele der anderen Texte sind nur in Fragmenten erhalten. Oder sind noch weniger relevant. Oder noch weniger witzig. Aber keiner der Texte, die zumindest ich so kenne, ist so toll, dass er es verdient gehabt hätte, kanonisiert zu werden.

Selbst nicht das Evangelium des Thomas, in dem es durchaus tolle Zitate gibt. Aber halt auch nicht mehr. Das ganze Buch sind nur 114 Zitate, die da ein bisschen leer rumhängen. Logion also Spruch 41 z.B. heißt einfach „Werdet Vorübergehende!“ Issja nett, aber ohne eine Geschichte drumherum ein bisserl schwer zu deuten. Was das ganze Werk einfach unbrauchbar macht. Und das ist noch einer der wichtigsten Texte dieser Gattung.

Auch, wenn ich selber lange etwas Anderes glauben und finden wollte: Die Apokryphen sind der falsche Ort, um da Wesentliches zu finden. Schon gar nicht die „wahre Lehre Jesu“. Die noch nicht von weltverschwörerischen Kirchenoffiziellen verwässerte. In Wirklichkeit haben die Alten bei der Auswahl keine schlechte Arbeit geleistet.

Das ist natürlich ernüchternd. Aber wenn ihr das nächste Mal von einer Schrift hört, die ‘mal wieder den christlichen Glauben erschüttern soll, dann könnt ihr die Schnappatmung gleich einstellen. Das passiert wahrscheinlich wieder ‘mal nicht. Schade, irgendwie…
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