Expl0530: Der Kollaps der Bronzezeit

Archäologe, das wäre doch auch ein Beruf gewesen, oder? Nicht so wie Indiana Jones, mehr so ein Vergangenheitsdetektiv. Wie z.B. kam es dazu, dass das stabile Netzwerk der bronzezeitlichen Hochkulturen im Mittelmeer in nur fünfzig Jahren nur noch Schutt und Asche war?


Download der Episode hier.
Opener: „We are the Pirates – Kids Pirate Song | Songs for Children“ von Bounce Patrol Kids
Closer: „Cartman – Sea People and Me“ von toxzik
Musik: „”Hurrian Hymn No. 6″ (c.1400 B.C.E.)“ von DamianMusicChannel4


[toggle title=”Skript zur Sendung”]
Früher war alles besser. Sogar die Nostalgie war besser! Vor dem Informationszeitalter war das Atomzeitalter. Das war besser. Noch besser war das Industriezeitalter. Oder… das Biedermeier. Die haben sich wiederum nach dem Mittelalter gesehnt. Das Mittelalter nach der Antike, die Antike nach der Eisenzeit und die Eisenzeit nach der Bronzezeit.

In der Bronzezeit finden wir keine Texte mehr, in denen steht: „Boah! Die Steinzeit, die war viel cooler! So ohne Häuser! Ohne Metall! Voll die Paläo-Diät tagein, tagaus!“ Es muss also in der Bronzezeit wirklich toll gewesen sein. Gebietet die Logik.

Schauen wir also einmal zurück, so ungefähr in das Jahr 1200 v.u.Z. Die Hochkulturen von denen wir hier reden, liegen alle im östlichen Mittelmeerraum. Man hat sich da mittlerweile arrangiert. Da sind die Großmächte der Ägypter und der Hethiter, die nach jahrzehntelangem Krieg zu einem Status Quo gefunden haben.

Dann gibt es noch die Assyrer und die ganzen Mykener und Minoer. Die Kultur gedeiht, die Architektur macht große Fortschritte, man hat Literatur und Musik und tauscht sich rege über ein komplexen Handelsnetz aus. Dazu gibt es noch unzählige Stadtstaaten, die vom allgemeinen Wohlstand profitieren.

So wie zum Beispiel Ugarit, eine Hafenstadt, die im heutigen Syrien liegen würde. Dort lebt und waltet man schon lange hinter sicheren Mauern, die um das Jahr 6000 v. Chr. errichtet wurden. Bei Ausgrabungen dort wird klar, wie international man da aufgestellt war. Außer drei städtischen Bibliotheken gab es noch zwei private. Schriften in sechs verschiedenen Schriftsystemen und Sprachen wurden da gesammelt.

Man war hochgradig vernetzt, verzahnt und voneinander abhängig. Wir würden heute sagen: Globalisiert. Vor 3200 Jahren. Das garantierte einigermaßen Sicherheit und einigermaßen Frieden, auch wenn die Sitten allgemein rauher waren. Meinen auf jeden Fall die Sklaven.

Doch dann kommt es plötzlich zum Kollaps. Und das in einem sagenhaften Tempo. Die oben beschriebene Idylle findet in ungefähr fünfzig Jahren ihr komplettes Ende.
Das Reich der Hethiter ist Vergangenheit, die Hauptstadt Hattuscha liegt in Schutt und Asche. Die Mykener sind vertrieben und auch Mykene ist eine Ruine. Ägypten überlebt die Katastrophe, aber wird sich nie mehr ganz zu alter Größe aufschwingen können.

Und auch das schöne Ugarit, dass da ohne militärischen Schutz lag, ist für immer Vergangenheit.
Dieser Kollaps wird die Menschheit um Jahrhunderte zurückwerfen, in vielen Regionen wird man das Schreiben und Lesen völlig neu erfinden müssen. Statt Palästen baut man über Jahrhunderte Festungen, statt Handelshäfen Mauern.

Der spontane Untergang der bronzezeitlichen Hochkulturen ist ein umfangreicherer und plötzlicherer Einschnitt als der Untergang Roms es später sein wird. Das Gesicht des östlichen Mittelmeers wird sich mehr ändern, als sich Westeuropa durch die Völkerwanderung verändert hat.

Wir wissen von dieser Katastrophe von zahlreichen Fundorten. Überall Ruinen, verkohlte Städte, Leichen mit gebrochenen Knochen und die Überreste von großen Kulturen. Mykene, Tarsos, Theben, Tylos, Byblos, Knossos, Aschkalon, Troja und Ugarit, alles in Trümmern. Um nur die Städte zu nennen, deren Klang uns heute noch etwas sagt.

Was hier passiert ist, dass wissen wir immer noch nicht genau. Zu wenige schriftliche Notizen liegen uns vor, zu Vieles ist von Legenden umnebelt und zu viele neue Völker haben das Andenken an die Vorgänger nicht bewahrt.

Und jede neue Zeit neigt dazu, ihre eigenen Antworten darauf zu formulieren. Natürlich, um da Parallelen auf die heutige Zeit zu konstruieren.

So liest man gerade gerne, dass es ein plötzlicher Klimawandel war und damit verbunden eine große Dürre. Nicht die bösen Seevölker. Da gibt es auch durchaus Quellen dazu und auch geographische Daten. Speziell die Hethiter erbaten von ihren Nachbarn große Getreidespenden, die sich auch bekamen. Klimaschwankungen werden wohl eine Rolle gespielt haben. Aber die sorgen nicht dafür, dass sich Menschen in Festungen verschanzen.

Und dann hätte es große, unkontrollierbare Menschenströme gegeben. Nachtigall, ich hör’ Dir jetzt schon trapsen: Das könnte den Rechten Europas gerade in den Kram passen. Die bösen Asylanten und nicht die Seevölker. Und tatsächlich hat es auch wirklich eine richtig gehende Völkerwanderung gegeben, auch das lässt sich gut nachweisen. Wir wissen aber nicht, ob das nun der Auslöser der Katastrophe war oder eben das folgerichtige Ergebnis.

Und dann wird auch noch die Globalisierung ins Feld geführt. Und nicht die bösen Seevölker. Die Hochkulturen seien in so hohem Maße voneinander abhängig gewesen, dass die Schwäche des einen sich wie in einem Dominoeffekt immer weiter auf alle ausgewirkt hat. Auch das mag für den einen oder anderen ein politisch ausnutzbares Potenzial haben. Und es ist auch nicht falsch.

Etwas unpopulärer ist mittlerweile die These, die wir vorher lange Jahrhunderte pflegten: Es waren eben doch die Seevölker. Die hätten da rumgefreibeutert und geplündert und erobert und Schutt und Asche hinterlassen. Auch dafür haben wir zahlreiche Quellen. In einem Brennofen im einst schönen Ugarit fand man z.B. eine Nachricht. Der Herrscher forderte da seinen Lehnsherren auf, ihm Truppen zu schicken, weil gerade ungünstigerweise kein Militär vor Ort sei. Und gestern hätten schon sieben Schiffe der Seevölker beträchtlichen Schaden angerichtet. Aber die Nachricht hat Ugarit nicht mehr rechtzeitig verlassen, liegt immer noch im Postamt, sozusagen.

Es gibt keinen Zweifel: Diese Seevölker gab es. Und wahrscheinlich sind sie auch für einen Großteil der Ruinen verantwortlich. Denn Hunger bricht keine Knochen und Völkerwanderung brennt keine Städte nieder.

Das Problem mit den Seevölkern ist halt, dass wir immer noch nicht genau wissen, wer das so war. Die gängige Theorie geht von einem lockeren Verband mehrerer Völker aus. Das wären dann die Vorfahren der Etrusker, Sarden, Lykier, Phönizier, Philister und der Griechen der späteren Antike gewesen, die Danäer und Achäer. Aber woher kamen die? Von den Inseln, wie die Ägypter meinen? Aus Anatolien? Sind sie von Westen nach Osten gezogen? Oder andersrum? Wissen wir nicht.

Auf jeden Fall haben sie erst in noch schmäleren Verbänden die kleinen Vasallenstaaten angegriffen und am Ende – im Großverband – gar die Großmacht Ägypten. „Keiner hat vor ihnen Bestand gehabt“, schreiben uns gleich zwei Pharaonen mit Namen Ramses in die Geschichtsbücher.

Die Taktik war wohl Folgende: Mit ihren schnellen Schiffen anlegen, plündern, brandschatzen und rauben und waren schon wieder weg, bevor es jemand gemerkt hat. Kaum gepanzert und leicht beweglich hatten sie bisher die schwer gepanzerten Armeen der Streitwagenvölker der Hethiter und Ägypter immer ausgehebelt.

Denn ihre kurzen Speere waren eine relativ neue Waffe. Speere bleiben auch gerne einmal in Pferden stecken. Und ohne Pferd steht so eine Streitwagenfahrer relativ schutzlos auf dem Schlachtfeld herum. Das war aber die Elite, die Ritter, der Adel der damaligen Zeit.

Ramses III. – oder eher seine Genräle – erkannte dann die Schwäche der Seevölker. Und das war wohl die Seefahrt. Klingt komisch, ist aber so. Im Nildelta kam es zur Schlacht. Mittlerweile waren die Invasoren eine bedrohliche Großmacht. Doch der Pharaoh ließ sie gar nicht erst an Land, sondern spickte die Fremden vom Ufer aus mit Pfeilen.

Nach dieser Niederlage ist nicht mehr von einer Bedrohung durch die Seevölker die Rede. Doch bis zu diesem Zeitpunkt ist der Schaden schon angerichtet gewesen. Die alte Hochkultur der Bronzezeit war vorbei. Die Gottkönige waren nicht mehr nötig.

Es würde bald die Eisenzeit beginnen. Ein kultureller Neustart am Mittelmeer. Streitwägen werden unwichtig, Bronzeschwerter Küchenmesser. Palaststädte wichen Handelsorten. Fort sind die Hethiter, die Minoer, die Mykener und die Kanaaniter. Oder die mehrstöckige Architektur und viele der Schriftsprachen.

In das Machtvakuum treten die modernen Griechen, die Phönizier, die Philister, die Phryger, die Aramäer, die Skythen und viele andere neue Völker. Ohne diesen Kollaps auch später kein Judäa und kein Rom und damit auch keine CDU. Aber das ist zu weit gedacht, sorry…

Und, auch interessant: Keine Bittgebete. Das erste schriftliche Bittgebet der Menschheit gilt den Göttern Ägyptens, sie mögen doch bittschön den Betenden und Ägypten vor den Seevölkern schützen. Eine neue Vorstellung, dass Götter solche Dinge leisten können.

So war das. Da ging sie also hin, die einzig echte, gute, alte Zeit. Jahrtausende lang aufgebaut, in fünfzig Jahren kaputt. Ein kompliziertes System, das sicher den einen oder anderen Schlag weggesteckt hätte, aber unter dem Druck von Klimaschwankung, Völkerströmen und technologischen Änderungen kollabiert ist. Das war alles der Amboss. Die Seevölker waren der Hammer.

Was sind die Parallelen heute? Was folgern wir für uns daraus? Äh… Hmm… Da fällt mir nichts ein. Zweimal täglich Zähneputzen? Zwiebeln nur mit Taucherbrille schälen? Oder einfach keine unzulänglichen Korrelationen basteln?

Lassen wir das. Hören wir lieber Musik aus dieser Zeit. Kein Witz. Die ältesten Musiknoten der Welt fand sich im einst schönen Ugarit. In den Ruinen. Mit einer Erklärung, wie man die Noten liest und wie man die Lyra dazu spielt. Hier also die hurritische Hymne Nummer sechs. 3600 Jahre alte Musik – fantastisch. (Moderatorenstimmer) Hier auf Explikator exklusiv die oldest Oldies! Und das Beste aus der guten alten Bronzezeit! Besser wurde es nie mehr!
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