Expl0532: Leberkäs-Semmel-Pendeln

Es wäre gut, wenn sich in der modernen Medizin Jahrhunderte alte bayerische Traditionen mit modernen Erkenntnissen vereinen könnten. Oder? Wenn man so darüber nachdenkt: Vielleicht doch eher nicht. Nein. Besser nicht. Hörspielfolge.


Download der Episode hier.
Beitragsbild: By Kobako (photo taken by Kobako) [CC BY-SA 2.5], via Wikimedia Commons
Musik: „Tea and You“ von Chick & Soup / CC BY-NC-SA 3.0


[toggle title=”Skript zur Sendung”]
D: (murmelt gereizt)
P: (hüstelt)
D: (murmelt weiter)
P: (hüstelt lauter)
D: (mumelt lauter)
P: (hustet laut)
D: Was gibt’s?
P: Hallo, Herr Doktor!
D: Hallo, Herr Patient!
P: Also, am Empfang war niemand und im Wartezimmer auch nicht…
D: Da sind sie einfach hier ins Behandlungszimmer, stimmt’s?
P: Ja, stimmt. Hätte ich das nicht sollen? Es ist nur, weil bei mir so viel los ist…
D: Ach, was. Passt schon. Setzen Sie sich, von mir aus.
P: Hier, auf den Stuhl?
D: Ja, aber nur wenn es ihr Zustand auch erlaubt!
P: Äh, klar. Danke.
D: Was fehlt uns denn?
P: Ich, also mir, also, ich habe da dieses Problem…
D: (leise) Jetzt geht’s wieder los…
P: Wie bitte?
D: Nichts, nichts, nichts. Fahren Sie nur fort!
P: Also gut. Also, seit zwei Tagen habe ich, wie schon erwähnt, dieses Problem. Und es zeigt sich keinerlei Veränderung…
D: (leise) Das ist ja wieder einmal typisch…
P: Hm. Gibt’s da irgendein Problem, Herr Doktor?
D: Was? Bei mir? Ein Problem? Nein! Ich habe kein Problem! Haben Sie ein Problem?
P: Es ist nur, weil Sie immer so vor sich hin…
D: Wissen Sie, wie lange ich diese Praxis schon habe?
P: Nein. Ich habe keine Ahnung. Ich bin hier im Gebäude erst seit sechs Monaten.
D: Sie Glücklicher! Ich sitze hier schon seit 9 Jahren fest! Neun Jahre! Stellen Sie sich das einmal vor!
P: O.k. Ich stelle mir also vor meinem geistigen Auge neun Jahre vor. Neunmal Silvester, neunmal Sonnwend…
D: Neun Jahre lang sitze ich hier und die Menschen kommen ‘rein und labern mich mit ihren Problemen voll!
P: Probleme. Ich verstehe. Ich versuche mir, neun Jahre Probleme vorzustellen…
D: Ich meine, als ob ich keinerlei Probleme hätte! Meinen Sie, irgend jemand hat mich nur einmal – ein einziges Mal, irgendeiner – gefragt, wie es mir denn geht?
P: Niemand?
D: „Herr Doktor, jetzt genug von mir. Wie geht es denn Ihnen?“
P: Keiner?
D: „Mir fehlt eigentlich nichts, ich wollte nur einmal schauen, ob es Ihnen gut geht“ Zum Beispiel.
P: Nie passiert?
D: Nicht einmal! Die kommen hier alle rein mit einer Erwarutngshaltung, das können Sie sich nicht vorstellen! Bloß, weil sie gerade heftig bluten oder keine Luft kriegen oder keinen Herzschlag mehr haben, muss ich meine Gefühle zurückstecken!
P: Das kann schwierig sein.
D: Und ob das schwierig sein kann! „Doktor, mich kitzelt es so komisch am großen Zeh!“ oder „Doktor, ist das ein Problem, wenn der Ausschlag nach Leiche riecht?“ oder „Doktor, ich glaube, Sie haben den falschen Finger amputiert!“
P: Ich kann das verstehen, Herr Doktor.
D: Keiner fragt ‘mal: Wie war ihr Tag, Herr Doktor!
P: Wie war ihr Tag, Herr Doktor?
D: (atmet schwer) Ach, kommen Sie. Sie verarschen mich doch nur!
P: Das tu’ ich nicht.
D: Klar tun Sie das!
P: Tu’ ich nicht!
D: Wenn ich nicht hier völlig durchgedreht wäre, dann hätten Sie einfach weiter…
P: Doktor, atmen Sie tief durch! Ganz ruhig!
D: Atmen? Ja, atmen. (atmet tief durch)
P: Sehen Sie? Geht doch schon besser?
D: Ja, geht schon.
P: Sie müssen wissen, dass es immer weiter geht. Auch wenn es dunkel aussieht…
D: Dunkel? Das ist kein Wort, das stark genug wäre…
P: …so kommt doch der nächste Tag bestimmt. Es ist die Sonne, die den Schatten erzeugt.
D: Bitte?
P: Schließen Sie die Augen und denken Sie an eine wunderschöne Landschaft!
D: Was? Nein, das mache ich jetzt nicht, Herr…
P: Gründler. Ich bin ihr Nachbar hier im Ärztehaus. Gleich über Ihnen.
D: Aha. Im dritten Stock war ich noch nicht. Was machen Sie?
P: Ich kümmere mich um die Seele der Menschen.
D: Sie sind Psychotherapeut?
P: Das könnte man so sagen. Aber nicht im klassischen Sinne.
D: Ach so. HPG?
P: Woher kennen Sie meinen Spitznamen?
D: Man nennt Sie Heilpraktikergesetz?
P: Wie? Ach, nein! Hans-Peter Gründler! HPG. Mit dem Heilpraktikergesetz hat meine Tätigkeit nichts zu tun. Wissen Sie denn, wer das gemacht hat?
D: Ein weiser Guru? Oder Satan?
P: Adolf Hitler hat das gemacht. Ganz schlecht für das Karma.
D: Ah ja. Mhm. Kann ich mir vorstellen. Wegen der Autobahn und so, stimmt’s?
P: Genau!
D: Ja, Herr HPG. Sie erwähnten, Sie hätten es eilig…
P: Ja, ich habe das Wartezimmer voll! Spirituelle Lebensberatung ist in unserer Gesellschaft einfach eine Marktnische.
D: So so. Na, was fehlt uns denn?
P: Sie sollten einmal vorbeischauen, Herr Doktor. Gerade Gewaltbereitschaft und Aggression lassen sich sehr gut behandeln! Und unser Gespräch von gerade ist praktisch schon eine Anamnese. Da sparen sie sich glatt € 50,- wenn ich sie behandele!
D: (zuckersüß) Wirklich? Wenn das nicht ein Schnäppchen ist! Wenn man dann noch draufschlägt, dass ich für ein ausführliches Patientengespräch ganze acht Euro bekomme, dann ist das doch eine Win-Win-Situation!
P: Genau! Immer das Positive sehen! Das ist der richtige Geist, Herr Doktor! Schön, dass ich Ihnen helfen konnte!
D: Und was ist Ihr Problem, Herr HPG?
P: Na ja, ist nichts Ernsthaftes. Ich habe mich vor zwei Tagen geschnitten, da am Finger.
D: Wo? Ich kann nichts erkennen.
P: Na, hier! Sehen Sie? War beim Öffnen der Post. Ein Briefumschlag.
D: Ah ja. Jetzt kann ich’s sehen. Mit der Brille.
P: Auf jeden Fall beunruhigt es mich, dass sich die Wunde nicht schließt.
D: Hat es denn geblutet?
P: Geblutet? Nein, dann wäre ich sofort gekommen! Aber irgendwie setzen die Heilkräfte der Natur nicht ein. Vielleicht, weil der Umschlag vom Finanzamt war?
D: Na, geben Sie her, das haben wir gleich. Schließen Sie die Augen, bitte…

(Pause)

P: Sie, Herr Doktor? Ich will ja nicht neugierig sein, aber warum machen Sie das?
D: Was meinen Sie? Ich behandele Sie!
P: Mit einer Wurstsemmel?
D: Eine Leberkäs-Semmel, um genau zu sein.
P: Und warum wackeln Sie damit über meiner Hand rum?
D: Das ist nicht wackeln, das ist Pendeln.
P: Wurstsemmel-Pendeln?
D: Leberkäs-Semmel-Pendeln. Uralter bayerischer Schamanismus. Jahrtausendelange Tradition.
P: Wirklich?
D: Glauben Sie mir. Das lernen wir im Medizin-Studium.
P: Und. Das hilft?
D: Na ja, in Ihrem Fall ist es nicht ganz das Optimale. Eigentlich wäre Salami-Semmel-Pendeln das Non-Plus-Ultra. Aber ich hoffe, dass die ätherischen Öle des süßen Senfs einen ähnlichen Zweck erfüllen wie die Salami…
P: Salami wäre besser…
D: Ja, denn in Salami ist ja bekanntlich Esel drin.
P: Und das ist gut?
D: Ja, denn Esel sind im Bayerischen das Totemtier ihres Berufsstands.
P: Aaach. So so. Moment…
D: (inkantiert) WenndSunscheescheintscheintdSunschee…
P: Sie verarschen mich? (Pause) Sie machen sich über mich lustig! (Pause) Das ist unerhört!
D: Und? Spüren Sie schon etwas?
P: Ich verbiete mir das! Sie Kurpfuscher!
D: Wenn Sie beim Rausgehen am Empfang Ihre Adresse angeben könnten. Für die Privatrechnung!
P: Sie werden noch von mir hören!
D: Und machen Sie die Tür zu, wenn Sie rausgehen!
(Türe knallt)
D: Ach so. Am Empfang sitzt ja niemand.
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