Expl0533: Ig-Nobelpreis 2016

Warum Wissenschaft im Ruf steht so bierernst und seriös zu sein, ist mir nicht klar. Die meisten Wissenschaftler, die ich kennengelernt habe, waren durchaus humorbegabt. Darum ist auch der Ig-Nobelpreis jedes Jahr ein Marketing-Höhepunkt für die Wissenschaft an sich. So wie 2016 auch. Hier einige der Preisträger.


Download der Episode hier.
Studie zu den 1000 Lügnern hier und zum Bullshit hier.
Musik: „Nevertheless“ von Derek Clegg / CC BY-NC-SA 3.0


[toggle title=”Skript zur Sendung”]
Ca. 2 Wochen vor den „echten“ Nobelpreisen wird traditionell der Ig-Nobelpreis verliehen. Und das seit 1991. Bei uns in der Presse heißt der auch gerne „Anti-Nobelpreis“. Warum das so ist, ist mir völlig schleierhaft. Viele „echte“ Nobelpreisträger nehmen an der Veranstaltung teil. Sie hat keinerlei Anti-Charakter. Manchmal liest man auch „Spaß-Nobelpreis“, das trifft es schon eher, aber ist halt ein bisschen Holzhammer.

Ich habe das schon einmal detaillierter in Folge 287 erklärt. Kurz gesagt, sind die meisten Arbeiten durchaus richtige Forschung, bloß vielleicht manchmal erst auf den zweiten Blick. Dieser Preis soll, laut der „Nature“ zuerst zum Lachen, dann zum Nachdenken bringen.

Freilich: Einer der Preise ist immer komplett satirischer Natur, zugegeben. Im ersten Jahr, 1991, erging der an Edward Teller, dem Motor hinter der Entwicklung der Wasserstoffbombe. „Für seinen lebenslangen Einsatz, die Bedeutung von ‚Frieden‘ nachhaltig zu verändern“. Jetzt, 2016 erhielt Volkswagen diesen Preis. Und zwar für „die Lösung des Problems überhöhten Schadstoffausstoßes von Kraftfahrzeugen in Test-Situationen.“ Tscha, Schaden und Spott und so…

Bringt uns gleich zum nächsten Preisträger: Der geht an ein buntes Psychologen-Team unter der Leitung von Evelyne Debey, die 1000 Kreter befragten, wann sie wieviel… Moment, kleiner Fehler: Die 1000 Lügner befragten, wann sie wieviel lügen. Es stellte sich heraus, dass Lügner klein anfangen – „Ich war das nicht! Sie war’s! – und dann immer häufiger diese erfolgreiche Taktik anwenden. Mit steigender Tendenz, bis sie erwachsen werden. Dann nimmt die Häufigkeit langsam wieder ab.

Wie das Team die Antworten der Lügner verifizierte, ist ein komplexer Prozess, das Paper ist auf explikator.de verlinkt. Interessant ist die Studie vor allem deshalb, weil so viele Untersuchungen in der Psychologie an willigen Studenten ausgeführt werden. Also Menschen auf dem Höhepunkt ihrer Lügenlaufbahn…

Der Preis für Medizin ging an ein deutsches Team unter Leitung eines Mannes, der wahrscheinlich Mel Brooks und besonders „Space Balls“ verflucht. Denn er heißt Christoph Helmchen. Die haben nachgewiesen, dass unser Hirn echte Probleme mit seinem Spiegelbild hat. Eine Beobachtung, die ich auch jeden Morgen mache. Die Erkenntnis: Juckt es einen am rechten Arm, kann man das lindern, indem man sich vor einen Spiegel stellt und den linken Arm kratzt. Weil unser Hirn das nicht richtig zusammenbastelt.

Das klingt auch erst einmal lustig, aber ich könnte mir vorstellen, dass das für jemanden mit Ekzemen oder Neurodermitis ganz praktisch sein kann, oder?

Der Preisträger in der Kategorie „Fortpflanzung“ ist Ahmed Shafik von der Universität in Kairo. Leider ist er schon 2007 verstorben, hat wohl länger gedauert, seine Arbeit anzuerkennen. Herr Schafik hat sich interessiert, wie sich bestimmte Textilien auf die Fruchtbarkeit auswirken. Dazu hat er winzige Suspensorien aus Baumwolle, Polyester oder Wolle angefertigt und die seinen Testobjekten ums Gemächt gebunden.

Winzig waren diese Eierwärmer, weil die Testobjekte Ratten waren. Das ist also der lächerliche Teil: Wir stellen uns einen Forscher vor, der männlichen Ratten einen Hodenschutz anzieht. Ist ja ein drolliges Bild. Das Ergebnis ist auch interessant: Ratten, die einige Wochen einen Polyester-Beutelchen um die Hoden trugen, wurden unfruchtbar. So wie in: Kein einziges Spermium mehr im Ejakulat.

Das könnte erklären, warum die Geburtenrate in westlichen Ländern in den Siebzigern so dramatisch zurück gegangen ist… Ja, stimmt schon. Die Anti-Babypille könnte auch damit zu tun haben…

Den Preis im Bereich „Biologie“ teilen sich zwei Briten. Beide haben sich darauf spezialisiert, Tiere zu verwirren. Immer wieder liest man ja von Forschern, die unter Tieren lebten und von diesen dann als ihresgleichen angenommen werden. Schimpansen, Gorillas, Wölfe oder gar Löwen sind dabei aber eigentlich schon ausgelutscht. (Hab’ ich das gesagt?)

Charles Forster hat unter Dachsen als Dachs gelebt und unter Ottern als Otter. Komplett mit auf dem Rücken schwimmen und rohen Fisch essen. Noch weiter ist Thomas Thwaites gegangen. Der hat sich Prothesen gebastelt und einen speziellen Helm und einen künstlichen Magen, um unter Ziegen als Ziege zu leben.

Komplett mit Grasen, Brautwerbung und Köpfe-aneinander-hauen. Wie er das mit dem künstlichen Magen hinbekommen hat, habe ich leider nicht rausbekommen. So wie es aussieht, muss man dazu sein Buch kaufen: „Ziegenmann. Wie ich einen Urlaub vom Menschsein nahm.“ Welche Erkenntnisse für die Menschheit seine sechs Tage als menschlicher Wiederkäuer gebracht haben, das wird wohl auch in diesem Buch verborgen sein.

Womit wir bei der Literatur wären, auch da wurde ein Preis vergeben. An Fredrik Sjöberg, richtig: Aus Schweden. Der hat gleich drei Bücher über das Sammeln toter Fliegen geschrieben, sagt die Jury. Das ist natürlich auszeichnungswürdig. Weil es so kurios ist. Spaß-Nobelpreis, haha…

Die Bücher heißen übrigens „Der Rosinenkönig: oder Von der bedingungslosen Hingabe an seltsame Passionen“ und „Die Kunst zu fliehen: Vom Glück, sich in kleine Dinge zu versenken und große Kontinente zu entdecken“ und „Die Fliegenfalle. Über das Glück der Versenkung in seltsame Passionen, die Seele des Sammlers, Fliegen und das Leben mit der Natur“.

Das Letzte habe ich gelesen und es geht nur an der Oberfläche um das Sammeln von Fliegen. Fredrik Sjöberg ist ein wirklich toller Essayist und das Buch gehört eher in dem Bereich „Philosophie“. Amazon hat es bei „Lebensführung“ eingelistet.

Der Friedens-Ig-Nobelpreis geht an Gordon Pennycook, James Allan Cheyne, Nathaniel Barr, Derek Koehler und Jonathan Fugelsang. Die haben ihre Arbeit „Über das Wahrnehmen und Erkennen von pseudo-tiefgehendem Bullshit“ getauft.

Dazu haben sie einen Generator gebaut, der sinnlose Postkartensprüche aus bestimmten Reizwörten bastelt. Dann entstehen so scheinbare Weisheiten wie „Die Ganzheit besänftigt die unendlichen Erscheinungen.“ Die Erkenntnis der Forscher: Je mehr Menschen bereit sind, z.B. an Übernatürliches zu glauben, desto eher erkennen sie auch in dem Computer-Bullshit Sinn.

Fleißig Hörende kennen die Studie schon, sie tauchte in der Folge 346 auf, genannt „Der Brigelli-Effekt“. Ich bin da hin- und hergerissen. Ich habe sie mir gerade noch einmal angeschaut, verlinke ich auch auf explikator.de – aber die Autoren verwenden selber zum Teil so hochtrabende Formulierungen, dass sich in mir so ein seltsamer Meta-Bullshit-Verdacht aufbaut…

Ein wirklich schöner Preis geht nach Japan. An Atsuki Higashiyama und Kohei Adachi. Die beiden Forscher haben ihre Arbeit der Frage gewidmet, ob wir die Welt anders wahrnehmen, wenn wir uns vorbeugen und sie durch die Beine betrachten. Das ist sehr Ig-Nobelpreis-verdächtig. Und trotzdem interessant.

Denn die Forscher konnten nachweisen, dass wir auf diese Art tatsächlich eine veränderte Tiefenwahrnehmung haben. Dinge erscheinen, durch die eigenen Beine betrachtet, kleiner, als im Normalstehen.

Und wer jetzt denkt, dass wäre keine ernsthafte wissenschaftliche Forschung, der sei hiermit darauf hingewiesen, dass unser bodenständiger Herman von Helmholtz – jemand, der wirklich nicht im Ruf steht, besonders satirisch begabt gewesen zu sein – solche Untersuchungen schon vor mehr als hundert Jahren durchgeführt hat.

Mir persönlich ist ja der Ig-Nobelpreis lieber als sein Vorbild. Smoking, Abendkleid, Könige und viel Geld – das passt weniger zum wissenschaftlichen Geist als die Frage, wie die Welt wohl anders ausschaut, wenn man sie durch die Beine betrachtet.
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