Expl0535: Das Sykes-Picot-Abkommen

Einer meiner Lieblingsfilme aller Zeiten bleibt ja „Lawrence von Arabien“. Auch wenn ich weiß, wir unhistorisch er zum Teil ist. Im Lebenslauf von E.T. Lawrence spielt das sogenannte Sykes-Picot-Abkommen eine entscheidende Rolle. Und die heutigen Probleme im Nahen Osten haben immer noch damit zu tun.


Download der Episode hier.
Opener: „Sykes-Picot Agreement in Lawrence of Arabia“ von Donna O.
Closer: „”Is that a desert country” – Lawrence of Arabia“ von Awesome Movie Clips
Musik: „Iraq Boogie (2009)“ von Tali and Johnny / CC BY-NC-SA 3.0


[toggle title=”Skript zur Sendung”]
Hach, Lawrence von Arabien. Was für ein toller Film. Finde ich. Auf jeden Fall hat er mich früher sehr beeindruckt. Ich musste dann natürlich alles über diesen Lawrence wissen. Angefangen bei seinem Buch „Die Sieben Säulen der Weisheit“. Bis zu den Geschichten und der Geschichte dahinter.

Wie so oft stellt sich heraus, dass es halt alles nicht so war. Nicht so, wie Lawrence das selber beschreibt und noch weniger so, wie es der Film beschreibt. Nur eines sei erwähnt, weil besonders falsch: Auda abu Tayi war ganz sicher nicht ein gieriger, egoistischer Straßenräuber wie ihn Anthony Quinn im Film darstellt. Eher ein intelligenter Führer seines Volkes. Akabas Eroberung geht mehr auf sein Konto als auf das des Engländers mit Namen El Awrence.

Aber jetzt sind wir ja schon mitten drin. Der Film ist nur wichtig, weil das sogenannte Sykes-Picot-Abkommen da eine wesentliche Rolle spielt. Dieses Vertragsstück ist wichtig, weil es mitverantwortlich ist für die heutige Situation im Nahen Osten. Dort weiß man sehr genau, von was die Rede ist, wir hier haben das ein bisserl verdrängt.

Aber spätestens seit 2014 ist es wieder prominenter geworden. Als der Kopf der ISIS, Kalif Abu Bakr al-Bagdadi posaunte: „Unser Vormarsch wird nicht stoppen, bis wir den letzten Nagel in den Sarg der Sykes-Picot-Verschwörung geschlagen haben!“

Also, von vorne angefangen. „Lawrence von Arabien“ spielt hauptsächlich vor ziemlich genau 100 Jahren. Europa war im Krieg und die ganze Welt irgendwie auch. Auf der einen Seite hauptsächlich Deutschland und Österreich-Ungarn, auf der anderen hauptsächlich England, Frankreich und Russland. Zu diesem Zeitpunkt. Aber auf Seiten der beiden bärtigen Kaiser Wilhelm und Franz-Josef war da noch „der Türke“. Wie man damals sagte. Oder „Der kranke Mann am Bosporus“. Oder das ottomanische Reich, um genauer zu sein.

Das herrschte über das Gebiet, das wir heute großzügig „Naher Osten“ nennen seit mehreren hundert Jahren. Egal, ob man in Jerusalem, Beirut, Mosul, Damaskus oder Bagdad war, man war im Ottomanischen Reich. Auch wenn da eben nicht hauptsächlich Türken lebten, sondern eben Araber.

Nationalstaaten und nationale Identitäten waren dieser Kultur fremd. Man verstand sich nicht zuerst als Araber, sondern man war z.B. Teil des Beduinenstammes der Howeitat. Und Muslim. Auf keinen Fall war man Iraker, Syrier, Libanese oder Jordanier. Und da hatte man auch kein Bedürfnis danach. Wozu auch?

Nun führten die Briten, Franzosen und Russen also irgendwie auch gegen das Ottomanische Reich einen Krieg. Und auch nicht. Man machte das eher so nebenbei, um Ressourcen zu schonen.

Gott sei Dank gab es da den Sheriffen von Mekka, mit Namen Hussein ibn Ali. Der wollte die Gelegenheit nutzen, die Türken aus dem Nahen Osten rauszuwerfen. Einen Aufstand anzetteln.

„Danke für das Angebot!“ murmelte man in Europa. Und: „Mach’ ‘mal mit Deinen Beduinen, was so geht, wir helfen Dir dann fei auch!“ „Na gut“, meinte Hussein, „aber dann kriegen wir ein arabisches Reich im Nahen Osten, o.k.?“ „Na klar, ausgemacht! So machen wir das! Pfadfinder-Ehrenwort!“ meinten dann die Briten.

Doch das war nicht die Absicht. Wie im Opener angedeutet, gab es da diesen jungen britischen Abgeordneten mit Namen Mark Sykes, der sich Gedanken machte, wie denn das ottomanische Reich nach seinem Untergang verteilt werden sollte zwischen Briten, Franzosen und Russen. Ein Riesengebiet mit 20 Millionen Menschen. Und Erdöl. Und er löste das Problem einfach mit einem Lineal und Bleistift auf einer Karte.

Auf französischer Seite stimmte ein anderer Diplomat namens François Georges-Picot für die französische Regierung zu. Lassen wir die Russen einmal weg, denn die flogen mit der Oktoberrevolution 1917 von der Party und sollten kein Stück mehr vom Kuchen abbekommen.

Von diesem geheimen Abkommen, dass den Vereinbarungen zwischen Hussein und dem Briten McMahon widersprach, wusste aber natürlich auch Lawrence von Arabien. Doch siehe da – auch durch Lawrence Hilfe – gelang es den Aufständischen unerwarteterweise, ihren Teil des Abkommens einzuhalten.

Man schwächte im Guerilla-Krieg die Osmanen ganz erheblich, sprengte Bahnen und eroberte wichtige strategische Punkte, wie eben z.B. Akabar. Etwas, womit die Imperialisten im fetten Europa nicht gerechnet hatten. 1918 schließlich zogen die arabischen Einheiten auf den Tag genau mit den Briten in Damaskus ein.

Feisal I., Sohn des Hussein ibn Ali, reiste 1919 noch zur Pariser Friedenskonferenz, um den berechtigten Anspruch ein großarabisches Reich aus den Trümmern zu bauen, durchzusetzen. Was wenig bekannt ist: Die Araber, deren Übersetzer bei diesen Verhandlungen übrigens unter anderem Lawrence war, waren durchaus bereit den jüdischen Einwanderern Israel zu überlassen. Das ist das Faisal-Weizmann-Abkommen von 1919.

Geschickt lavierte Feisal I. also mit den Siegermächten und hätte beinahe Frankreich und Großbritannien entzweit. Doch wie meinte dann der britische Premier David Lloyd George zu seinem französischen Kollegen Georges Clemenceau, “Die Freundschaft Frankreichs ist uns zehn Syrien wert.”

Das Sykes-Picot-Abkommen wurde durchgesetzt. Und zwar durchaus mit militärischer Gewalt. Als die arabischen Stämme 1920 ihre Unabhängigkeit ausriefen und Feisal gerade zum Trotz zum König krönten, wurde das als Aufstand verstanden und brutal niedegeschlagen.

Die Briten hatten sich aus dem Kuchen den Teil mit dem Öl herausgeschnitten und gingen bei ihrem Teil des Aufstands im heutigen Irak genauso brutal zur Sache. „ “In den letzten Tagen gab es Blutvergießen, Zerstörung von dicht bevölkerten Städten und Entweihung heiliger Orte, die die Menschheit weinen lässt”. Ein journalistischer Text aus dem Nahen Osten, wie wir ihn heute auch kennen. Doch hier ist nicht die ISIS gemeint, sondern die Briten.

Ohne Sykes-Picot und der Schamlosigkeit und Eigennützigkeit der Europäer gäbe es heute kein Jordanien, kein Libanon, kein Syrien oder keinen Irak. Und selbst die Probleme um Israel wären heute wahrscheinlich ganz andere, wäre man seinen Versprechen treu geblieben.

Wir Europäer werden uns früher oder später dafür entschuldigen müssen. Keine Gruppe von Staaten hat in der Geschichte der Moderne so viele Kriege, Bürgerkriege, Umstürze und Terroranschläge erlebt wie diese Kunstgeschöpfe der beiden Diplomaten mit Namen Sykes und Picot.

Es sei aber auch erwähnt, dass Sykes-Picot jemandem wie Bagdadi nur als Propaganda-Instrument dient. An der Dauerkrise ist nicht nur dieses Abkommen schuld.

Denn weder Europäer, Russen oder Amerikaner haben aufgehört, sich im Nahen Osten immer wieder einzumischen und dabei meistens zum Schlechten. Auch die arabischen Eliten haben versagt, das Erdöl hat die Machtverhältnisse in die Hände von Fundamentalisten verschoben, den Saudis und der Islamismus folgt sowieso ganz eigenen Zielen, die nur oberflächlich religiös sind.

Aber ganz am Anfang dieser Staatengebilde stand vor ziemlich genau hundert Jahren dieser Satz: „”Ich würde eine Linie ziehen vom E von Acre bis zum letzten K von Kirkuk”. Der ist uns sogar wörtlich überliefert.

Danach war auf einmal eine Linie im Sand.
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