Expl0536: Der müde Kinosommer

Hier habe ich ja schon oft gejammert, dass Hollywood wohl ein Rezept zum Gelddrucken gefunden hat. Und dass dieses Rezept auch Sequel um Sequel bedeutet. Aber diesen Sommer hat das überhaupt nicht geklappt. Was hat sich geändert?


Download der Episode hier.
Opener: „Ellen Announces ‘Finding Dory‘“ von TheEllenShow
Closer: „Jaws 19 – Trailer“ von Universal Pictures Home Entertainment
Musik: „Cinema (2008)“ von MACHUN / CC BY-NC-ND 3.0


[toggle title=”Skript zur Sendung”]
2015 war ein Kino-Rekordjahr. Weswegen auch der Sommer 2015 ein Rekordsommer war. Traditionell platzieren die amerikanischen Studios ihre Blockbuster entweder in den Sommer oder so um Weihnachten herum. Das hat den Grund, dass die armen Amerikaner sonst nie Urlaub haben und darum weniger ins Kino gehen können. Und obwohl sie mittlerweile mehr Geld im Ausland verdienen, richtet sich Erfolg oder Misserfolg für die Studios immer noch nach dem domestic gross. Nach den US-Dollars.

Aber diesen Sommer ist irgendwie ganz schön viel schief gegangen mit den gängigen Filmrezepten. Ich hatte ja schon fast den Eindruck, es gäbe jetzt ein verlässliches Konzept für den filmischen Erfolg. Das ging irgendwie so: Wir machen hauptsächlich Fortsetzungen. Von Genres, die schon viele Fans haben. Dann hauen wir noch einmal das das Doppelte der Produktionskosten ins Marketing. Und füttern das Internet bröckchenweise mit Teaser um Teaser, mit Trailer um Trailer.

Und das hat ja auch gut geklappt. Ist jetzt aber vielleicht der Bogen überspannt, der Shark gejumpt, hat’s dem Fass die Krone ins Korn geworfen? Funktioniert das nicht mehr mit den Fortsetzungen und den sogenannten Filmuniversen? Drei Probleme scheint es da zu geben.

Da wäre erstens eben diese seltsame Idee von Filmuniversen. So wie das „Marvel Cinematic Universe“ eben. Diese Vorstellung, dass alle Filme eines Studios zusammenhängen sollten. Ein Konzept, dass eben auch aus den Comics stammt. Bei Marvel spielen alle Filme in einem Universum und erzählen im Hintergrund eine große Geschichte, so ist das gemeint. Weswegen auch eine Daredevil-Serie auf Netflix irgendwie mit dem dritten Reboot von Spiderman nächstes Jahr zusammenhängt.

Aber andere kriegen das nicht so richtig gebacken. Weder die Hasbro Film Group, die das gerne für ihre Franchises Transformers und GI Joe hätte, noch eben der alte Erzrivale DC. Es klingt lustig, das über einen Film zu sagen, der weltweit 730 Millionen Dollar verdient hat, aber: Suicide Squad war ein Flop. Sein Breakeven war wahrscheinlich so bei 540 Millionen, also hat er zwar durchaus ein bisschen Geld in die Kasse gebracht.

Aber er hat seine Besucher enttäuscht entlassen. Das hätte der Blockbuster dieses Sommers werden sollen, aber er hat dem Image des DC Universums nur geschadet. Mehr noch als das „Batman v Superman“ schon getan hatten. Die hatten schon das gleiche Problem. Beide Filme eröffneten fantastisch, aber sobald die Mundpropaganda eingesetzt hat, gingen die Fans nicht mehr ins Kino. Wenn nächstes Jahr „Wonder Woman“ und „Justice League“ genauso laufen, dann war es das wohl für DC im Kino.

Da wäre zweitens die Tatsache, dass Filme heute schon so angelegt werden, möglichst viele Sequels und Spin-Offs zu produzieren. Das hat in diesem Sommer ein paar Mal genau nicht geklappt.

„Warcraft“ ist überall, außer in China, grandios in die Hosen gegangen. „The Legend of Tarzan“ hat zwar 380 Millionen Dollar gemacht, das ist aber bei 180 Millionen Produktion auch nicht genug, denn das Marketing kostet mittlerweile ja sogar mehr als die Produktion.

Man sieht es Filmen wie z.B. den „Nice Guys“ oder eben „Warcraft“ zu deutlich an, dass schon der erste Teil für die Fortsetzung gebaut ist. Am Ende verlässt man das Kino und hängt irgendwo im Luftleeren.

So geht das nicht. So fängt man keine Serie an! Mit einem zweiten „Weißen Hai“ oder einem zweiten „Krieg der Sterne“ hat bei der Produktion sicher niemand gerechnet. Und eben auch nicht mit einem zweiten „Iron Man“. Marvel hatte damals alles, wirklich alles, auf diese eine Karte gesetzt. Wäre der Film gescheitert, gäbe es heute kein Marvel mehr. Schon vorher auf die mögliche Filmserie zu schielen, scheint nicht so das richtige Rezept zu sein, seine Schreiber zu motivieren.

Da wäre dann das dritte Problem. Das mit dem Schielen. Anscheinend drückt es auch ziemlich auf die Kreativität der Macher, wenn man gleich das chinesische Publikum mit berücksichtigen soll. Der zweite Teil von „Now You See Me“ spielt gleich zu großen Teilen in China und bei dem zweiten „Independence Day“ wurden gleich chinesisch-sprechende Darsteller eingebaut. Und mit „Moon Milk“ zum ersten Mal ein chinesisches product placement prominent platziert.

Hat beiden Filmen aber nicht besonders geholfen. Klar ist China ein Riesenpublikum. Aber wie man international erfolgreiche Filme macht, sollte man vielleicht den Chinesen überlassen, Jackie Chan kriegt das z.B. mit relativ kleinem Budget ganz gut hin…

Nach den drei Problemen gibt es vielleicht auch ein bisschen Hoffnung. Denn es könnte sein, dass einfach das Konzept mit den ewigen Fortsetzungen nicht mehr funktioniert. Wenn man nämlich ‘mal von dem Riesenerfolg von „Finding Dory“ absieht, der in Amerika im Sommer lief, hat das sonst dieses Jahr nicht so gut hingehauen.

Da wären zum Beispiel die furchtbaren „Ninja Turtles“, deren zweiter Teil den Franchise hoffentlich wieder beerdigt. Oder der zweite Teil von Tim Burtons „Alice“, von dem hier schon viele gar nichts mehr mitbekommen haben. Oder der zweite Teil von „The Huntsman“ – dieser furchtbaren Action-Version von allen möglichen Märchen. Oder der ach-so-vielte Teil der X-Man, der nicht nur von den Machern, sondern fühlbar auch von den Darstellern recht lieblos hinschlonzt wurde. Oder der dritte Teil vom rebooteten „Star Trek“. Simon Pegg, was hast Du gemacht? Und zueltzt: Habt ihr mitbekommen, dass es schon wieder eine Fortsetzung von „Ice Age“ gab? Ich nämlich nicht so richtig…

Die Erfolge dieses Jahr, wenn man von „Captain America“ und „Finding Dory“ absieht, waren neue Filme. Und bisher eigenständige Filme. „Pets“ zum Beispiel oder „Zootropolis“ oder, vor dem müden Filmsommer, „Deadpool“, „Dschungelbuch“ und „The Revenant“, letzterer gleich mit einem Oscar für Leo oben drauf.

Der Frühling war also im Kino in Ordnung, der Sommer ist nüscht jewesen, im Herbstwinter bekommen wir dann Harry Potter und noch einen Star Wars – bin gespannt, ob diese Dauerfortsetzungen funktionieren oder eher auch einen schalen Geschmack hinterlassen.

Oder eben Marvel. Das Studio begibt sich nächstes Jahr gleich mit drei Filmen ins Rennen, wir werden dann sehen, ob die Zuschauer wirklich die alten Rezepte über haben, oder ob dieser Sommer nur ein statistischer Ausreißer war. Könnte ja auch sein.

Ich habe aber die Hoffnung, dass die Fortsetzerei vielleicht schon ihren Höhepunkt gesehen hat.

Denn Serien sind eigentlich nicht der Grund, sich in ein Kino zu bewegen, eine Kinokarte zu kaufen und vielleicht noch völlig überteuertes Popcorn überall zu verteilen.
Denn Serien können andere besser. In dem, was einmal Fernsehen hieß, bei HBO, Netflix oder bei Amazon z.B., da sitzen Leute, die Serien mittlerweile echt gut hinkriegen. Gute Autoren, gute Regisseure und gute Kameraleute.

Dafür gehen wir nicht ins Kino. Sondern wir wollen für zwei Stunden unsere Realität hinter uns lassen und in eine neue, interessante Welt schlüpfen. Nicht in eine Serie. Oder?
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