Expl0537: Die Nachtigall. Und die Lerche.

m heutigen Hörspiel hat sich Stefan endlich seinen Traum erfüllt! Er hat bei der Agentur gekündigt und lebt jetzt als freier Dichter. Schon seit sechs Monaten. Aber die Arbeit an der Lyrik gestaltet sich schwerer als erwartet…


Download der Episode hier.
Beitragsbild: Von Nachtigall_(Luscinia_megarhynchos).jpg: J. Dietrichderivative work: Bogbumper (talk) – Nachtigall_(Luscinia_megarhynchos).jpg, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7284693
Musik: „I Don’t Care (2010)“ von Ay – 14ice / CC BY-NC-ND 3.0


[toggle title=”Skript zur Sendung”]
P: Was kann man über eine Nachtigall sagen? Was macht diesen Vogel aus? Warum verehren wir diesen Vogel nur so? Na klar, wegen des Gesangs. Ist ja logisch. Weil die Nachtigall halt so schön singt. Also: Die Nachtigall und ihre Melodie… Hmm…
Der Nachtigallen Melodie, die Taube, die erfährt sie nie…
Das ist ja furchtbar…
W: Schatz?
P: Ach, hast Du mich erschreckt! Was ist denn?
W: Warum erfährt das die Taube nicht?
P: Na, weil sie taub ist! Komische Frage!
W: Ich wollte nur fragen, ob Du auch eine Tasse Kaffee willst?
P: Eine Kaffee?
W: Oder einen Tee vielleicht?
P: Meinst Du Rilke hat Kaffee getrunken? Hm?
W: Oh, da wär ich mir ja fast sicher.
P: Wieso?
W: Na, in Backnang gibt’s das Café Rilke.
P: Was? Stimmt, der Kuchen war lecker…
W: Willst Du vielleicht auch ein Stück Kuchen dazu?
P: Wenn Du so fragst…
W: Kommt gleich!

P: Also, wo war ich stehen geblieben? Bei der Nachtigall und ihrem Gesang. Genau. Und bei Tauben. Lassen wir das. Was ist eigentlich an dem Gesang so besonders? Schauen wir doch einmal in der Wikipedia…
„Es singen nur die Nachtigall-Männchen. Der Gesang der Nachtigall ist reich, wohltönend und laut und wird von Menschen als sehr angenehm und schön empfunden.“
Aha. Die Weibchen singen nicht. Hilft das weiter? Mal schauen…
„Der Nachtigall hat eine Frau, doch ihr Gesang ist eher mau.“
Nein, das klingt eher nach Ringelnatz wie nach Rilke. Hm.
„Der Nachtigall Gesang klingt reich, wie war das mit der Taube gleich…“
Mein Gott, das ist jetzt nicht mehr Ringelnatz, das ist ja eher Otto Waalkes!
W: Hier ist der Kaffee. Kuchen haben wir keinen mehr. Und die Post habe ich auch mitgebracht.
P: Muss das sein? Das ist alles andere als inspirierend!
W: Bist Du noch nicht weiter mit Deinem Gedichtband?
P: Natürlich nicht! Wenn ich auch dauernd gestört werde!
W: Seit sechs Monaten? Wenigstens eine Zeile?
P: Eine Zeile macht noch kein Gedicht. Hey! Das ist gut, das muss ich sofort aufschreiben!
W: Na gut, aber ein halbes Gedicht, wenn ich Deine Zweizeiler hier alle so sehe…
P: Du weißt einfach die Kunst nicht zu würdigen! Wenn Rilke mit Dir verheiratet gewesen wäre…
W: Wärst Du halt in der Agentur geblieben. Die haben Deine Texte zu würdigen gewusst!
P: Pah! Sprüche für Zahnpasta, Zwiebeln in der Tube und Anti-Fusspilz-Schuheinlagen!
W: „Käse gehört auf den Teller!“ Hat Dir sogar einen Preis eingebracht.
P: Widerlich! Keiner wusste meine Begabung da wirklich zu schätzen, Du irrst Dich, wie immer!
W: Na gut, dann lasse ich Dich ‘mal wieder dichten, ich muss noch packen.
P: Ja, lass’ mich…
Lass’ mich hier liegen, rette Dich selber!
Also. Zurück zur Nachtigall. Oder lassen wir das besser. Seit ich in der Wikipedia gelesen habe, dass die Spinnen frisst, ist mir die Lust auf Nachtigallen irgendwie vergangen…
Was gibt es denn noch an Vögeln? Die Lerche zum Beispiel. Es war die Lerche und nicht die Nachtigall! Hehe. Die Lerche singt auch schön.
„Die Lerche übt ihren Ruf, den schönen,
auch daran muss man sich gewöhnen…“
Oh, mein Gott – das ist ja schon wieder Waalkes! Jetzt sei romantisch, Stefan! Romantisch! Ich spüre genau, wenn die ersten Zeilen geschrieben sind, dann bricht der Damm, dann fliesst es nur so, dann sprudelt es aus mir heraus! Dann wird die Welt schon sehen!
„Keiner dichtet über Lerchen lieber als die… Gummibärchen?“
Fuck, fuck, fuck! Ich kann nur Schwachsinn, oder?
Jetzt also noch einmal mit ganzer Kraft: Was berührt mich tief, was macht mich wirklich traurig? Das hat ja nichts mit Vögeln zu tun. Na ja, irgendwie schon. Aber nicht mit der Tiergruppe…
Die ist mir eigentlich wurst. Wie z.B. Fische auch. Hm.
„Vogel, Fisch und auch der Lurch, sind beim Dichten ziemlich durch.“
W: Übrigens habe ich doch noch ein Stück Kuchen gefunden! Ist zwar schon älter…
P: Ich will keinen Kuchen! Ich will ein Gedicht!
W: Hey, sorry! Ich kann nichts dafür, dass die Lyrik tot ist!
P: Die Lyrik ist nur tot, weil keiner mehr dichten kann! So wie Rilke das konnte!
W: Unsinn! Du mit Deinen Reimen – jeder kann Reime finden, das ist kinderleicht!
P: Dann mach’ doch! Mach’ doch! Mach’ ein Gedicht über die Nachtigall!
W: Fein. Wie wäre es mit: „Die Nachtigall, die singt zwar schön, doch Du solltest zur Arbeit gehen.“
P: Was? Warum sollte ich mich ausbeuten lassen? Nein, es gibt so vieles, was man in Gedichten ausdrücken müsste! Die Natur, die… die… die Pflanzen! Und die Tiere!
W: Doch alle Tiere der Nation, zahlen Dir kein Pfenning Lohn!
P: Geld! Es geht also um Geld! Ich soll also wieder in der Agentur arbeiten, hm? Die werden mich ganz schön auslachen, dass kann ich Dir sagen! Die halten mich doch jetzt schon für einen Versager!
W: „Keiner hält Dich für’ne Niete, zahlst Du ausnahmsweise Miete.“
P: Aber, nur wegen des Geldes… Ich will lieber leben wie, wie, wie Schiller, oder wie Rilke…
W: „Du lebst zwar so wie die Idole, doch leben wir von meiner Kohle.“
P: Geld, Geld, Geld! Ich hasse diese kapitalistische Leistungsgesellschaft!
W: „Da sagst Du wirklich etwas Wahres, die Stadtwerke aber, die wollen Bares.“
P: Als wir noch Sex miteinander hatten, hättest Du nie so mit mir geredet!
W: „Unsere Beziehung ist schon lange aus, und darum werf’ ich Dich jetzt raus!“
P: Was? Du willst, dass ich ausziehe? Einfach so? Ohne jede Vorwarnung?
W: „Du hast wieder nichts geahnt? Ein Dutzend Mal hab’ ich gemahnt!“
P: Gut! Ich gehe! Dann geh’ ich halt!
Du wirst schon sehen, was Du davon hast! Wenn ich dann ‘mal berühmt bin…
W: Das wäre wirklich sehr zu hoffen, denn viele Rechnungen sind offen.
P: Ha. Gut. Na, aber ich muss noch packen, und so…
W: Verzögere den Auszug nur, Dein Koffer steht schon auf dem Flur.
P: Wow, Du hast das alles so geplant?
W: Das kann ich wirklich nicht bestreiten, darf ich Dich zur Tür begleiten?
P: Hah! Dann geh ich halt! Lebe wohl!
W: Dann wünsch ich Dir ein tolles Leben, wir könn’ ja bald mal einen heben.
P: Niemals! Und hör auf mit dem Dichten!
W: Der Ratschlag ist gar wunderlich, war das nicht meiner, grad, an Dich?
P: Du bist eine lausige Dichterin!
(Türe knallt!)
W: Da geht er hin, der arme Troll. Ich finde ehrlich: Das ist toll.
Denn seit er nur noch Dichter war, hat er sich immer aufgeführt wie das letzte Arschloch…
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