Expl0538: Auswandern?

Jeder hat sich schon einmal überlegt, wie es wäre, woanders zu leben. Nicht in diesem Wetter, nicht in dieser Art von Gesellschaft und nicht in diesem Stress. Darum wandern, so kann man lesen, jedes Jahr 800.000 Menschen aus Deutschland weg. Aber das ist, wenn man hinschaut, gar kein Grund zur Panik.


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Beitragsbild: Von Andreas TrepteEigenes Werk, CC BY-SA 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6303289
Musik: „Hansi Wahnsinn (2011)“ von Pa of Sash / CC BY-SA 3.0


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Habt ihr auch manchmal die Nase voll von Deutschland? Diese ständige Hysterie, die ständige Angst vor Veränderung, die verschwitzten Stammtischphilosophen, die hier das Sagen bekommen, dieser Mangel an Intellektualität und an Solidarität und – nicht zuletzt – an guten Tomaten?

Da gibt es auf einmal wieder diese braune Suppe, die kann man nicht einfach wegdiskutieren. Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Zukunftsangst und Pessimismus ergeben dieses eklige Gebräu am rechten Rand. Peenemünde z.B. Auf Usedom. 46,8% AfD und 5,6% NPD. Eine braune Mehrheit – das ist schon beängstigend.

Anscheinend gibt es bei uns so ca. ein Viertel bis zu einem Drittel, das gerne wieder die 50er zurück hätten. Wo alles seine Ordnung hatte. Mama daheim, Papa geht arbeiten. Zwei brave Kinderchen und keine Ausländer. Und Ephraim Langstrumpf ist noch Negerkönig von Taka-Tuka! Jawoll! So gehört sich das! Issja auch alles so verwirrend hier: Transgender, Neuland Internet, Veganer, Islamismus und die Scheidung von Waschbrett Pitt und Angelina Jolie.
Das muss man doch einmal sagen dürfen!

Aber es gibt auch ganz andere Dinge, die irgendwie störend sind. Da war zum Beispiel diese Umfrage unter deutschen Studenten, was denn so ihre Anstellungswünsche wären. Unsere Avantgarde, unsere Besten, unsere Hoffnung! Und die größte Gruppe wollte: Einen Job beim Staat. 30% der 4500 Befragten wollten am liebsten Beamte werden. Wegen der Sicherheit des Arbeitsplatzes und dem guten Gehalt, sagen’ se. Nix Rebellion, oder was?

Aber – unter uns: Nur ZU verständlich. Die großen Firmen haben oft Dreck am Stecken oder ein kleines bis mittleres Imageproblem. Abgasfälschung, Sklavenarbeit, Steuerbetrug, Lohndumping, you name it. Und mittlere Unternehmen, Familienbetriebe, die gibt es immer weniger. Und die kleinen Startups oder die Unternehmensgründer mit Ideen und Pfiff, die sind selten. Und der Job dort natürlich riskant.

Und dann noch die unleugbare Tatsache, dass es in Deutschland echt keinen Spaß macht, in die Wissenschaft zu gehen. An Hochschulen. Denn unterhalb einer Professorenstelle gibt es eigentlich kaum noch feste Anstellungen an den Universitäten. Eine Karriere in der Wissenschaft heißt heute: Jahrelanges Nomadentum von Post Doc zu Projektarbeit zur befristeten Stelle, meistens mit einem Zweijahresvertrag. Bevor man erst einmal vierzig wird, lässt sich das Leben aber so nicht so richtig planen – Familie ade!

Darum wandern besonders viele Menschen mit einer höheren Bildung aus. Denn im Kern ist Deutschland – auch nach dem letzten Jahr – immer noch ein Auswanderungsland. Sagt die FAZ, sagt der Spiegel und die Neue Zürcher Zeitung auch. Deutschland blutet aus, die Elite läuft weg! Jedes Jahr wandern über 800.000 Menschen aus. Liest man auch immer wieder, z.B. in der Welt. Aber das stimmt nicht so gaaanz…

Denn genau betrachtet sind es nur ca. 150.000 Auswanderer mit deutschem Pass. Darum sind die Auswanderungsländer vor allem Polen, Rumänien, Italien, Bulgarien, Spanien oder Griechenland. Es sind also 650.000 Gäste in Deutschland, die jedes Jahr wieder heimkehren. Und klar nimmt diese Zahl von Jahr zu Jahr zu. Denn die fühlen sich zusehends unwillkommener hier. Trotzdem sind das eigentlich eher Fortzieher als Auswanderer, da haben wir wohl eine sprachliche Unschärfe.

Die Auswanderer mit dem deutschen Pass, die zieht es auch völlig woanders hin, sagt die Statistik. Die meisten zieht es nämlich in die Schweiz. Dann folgt die USA, Österreich, England, Türkei, Spanien, Frankreich, Polen und Australien. Und das – diese 150.000 – sind auch die mit der höheren Bildung, siebzig Prozent dieser Auswanderer haben mindestens Abitur. Zehn Prozent gar einen akademischen Rang.

Da offenbaren sich Motivationen. Uns fliehen die Ärzte, die Wissenschaftler, die Unternehmer! Auswanderer haben Bildung, Auswanderer haben Geld! Und uns lassen sie hier liegen, retten nur sich selbst. Oder? Wir, wir, wir brauchen Rückholprogramme! Sofort! Anreize für junge Akademiker! Gesetze, um das zu verbieten! Sagt z.B. die Zeit oder das Handelsblatt – denn das Ausgewandere gefährdet unser Wachstum! So geht das ja nicht! Wir haben in euer Studium investiert und ihr lasst uns einfach mit Peenemünde alleine, oder was?

Tscha. Erst einmal tief durchatmen. Tee trinken. Zahlen anschauen. Nachdenken. Denn Deutschland ist weder ein Ein- noch ein Auswanderungsland. Eher ein Aufregungsland. Die 150.000 Auswanderer sind keine Gefahr für unseren Wohlstand, kein Grund, Hamsterkäufe zu tätigen. Denn bis jetzt noch ziehen wir lässig auch so viele Menschen mit Bildung an – die müssen wir nur halten.

Es ist heute völlig normal, dass sich eine akademische Karriere nicht nur an der Universität vor Ort abspielt, sondern eben auch international stattfindet. In den USA sind, besonders in den MINT-Fächern, die ausländischen Studenten bei weitem die Mehrheit, in einigen Fächern über 90%. Der ganze wissenschaftliche Betrieb würde ohne diesen Austausch nicht mehr funktionieren.

Und das gilt für die Wirtschaft auch. Die globale Verzahnung großer Firmen, die sogenannte Globalisierung eben, sorgt genau wie in der Wissenschaft dafür, dass heutige Lebensläufe nicht mehr nur den Geburtsort aufführen.

Darum kommen nämlich die meisten auch wieder zurück. Und deren Erfahrungen sind für uns Daheimgebliebenen kein Verlust, sondern ein Gewinn. Das sind nicht die Feigen oder Ideenlosen. Das sind keine Landesverräter und die beuten unser Bildungssystem nicht aus. Sondern das ist mittlerweile fast schon die Norm und nicht die große Ausnahme.

Wenn wir uns jetzt alles in allem noch einmal genau anschauen, dann bleiben zwischen 15.000 und 20.000 Menschen mit deutschem Pass übrig, die eben nicht mehr zurückkehren. Die können wir dann von mir aus Auswanderer nennen. Die ziehen dann in die Schweiz, zu ihrem Schwarzgeldkonto oder in den Süden, weil das besser für ihr Rheuma ist.

Eine noch kleinere Gruppe sind dann die „echten“ Auswanderer. Die woanders hinziehen, weil es da besser ist für sie. Zum Beispiel weil denen die Entwicklung in Deutschland tatsächlich Angst macht. Denn man kann auch einen deutschen Pass haben und eine Kippah tragen oder dunkle Haut haben oder einen türkischen Nachnamen. Alles nicht so toll in Pennemünde. Um diese Gruppe sollten wir uns mehr Sorgen machen, als um die Besserverdiener und die Wohlstandsrentner. Oder die Studenten und Angestellten.

Und ganz zuletzt kommt dann die Gruppe, zu der auch ich gehöre. Wahrscheinlich keine eintausend Menschen im Jahr. Wir, die wir das ganze System ablehnen. Wir, die wir die Leistungsgesellschaft verweigern und zum Beispiel lieber einen Podcast machen. Wir, die wir den Konsum verweigern, der den Planeten auszehrt.

Wir, die das Abenteuer suchen und die Begegnung mit einer Kultur, die völlig anders ist. Wir, die wir Neues zu erfahren suchen und uns penibel vorbereiten. Die seltsame Sprache der Eingeborenen lernen oder wie man Dinge mit den eigenen Händen selber macht.

Wir, die echten Aussteiger!

Jawohl, ich bin bereit! Ich werde auswandern! In eine Kultur die völlig anders ist, wie hier im piefigen Oberbayern! Auf! Der Sonne nach! In die Freiheit! Nach Österreich! Leb’ wohl, Deutschland!
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