Expl0539: Von Indien zum Mars

Die Vorstellung einer Geisterwelt, in der wir nach dem Tode weiterleben, finde ich ja furchtbar. Aber noch vor 100 Jahren war Spiritismus noch sehr verbreitet. Und ein Fall – der von Hélène Smith – ebnete der modernen Psychologie auch einen Stück des Weges.


Download der Episode hier.
Closer: „ALL HAIL PRESIDENT KANG!“ von fullspeccydominance’s channel
Musik: „Hélène (2015)“ von Spleen l’ancien / CC BY-NC-SA 3.0


[toggle title=”Skript zur Sendung”]
Das Marsianisch aus dem Opener kann eventuell anders ausgesprochen werden. Sorry. Als der Psychologe Theodore Flournay diesen Text von Cagliostro diktiert bekam, hatte er nur einen Notizblock zur Verfügung. Diktiergeräte gab es noch nicht, außer auf dem Mars, denn man schrieb damals so ungefähr das Jahr 1896.

Die Psychologie war noch eine sehr, sehr junge Wissenschaft. Einige Jahrzehnte alt. Dafür, dass Depressionen schon im Papyrus Ebers beschrieben werden – einem der ältesten Texte der Menschheit – haben wir in der Moderne furchtbar lange gebraucht, eine Vorstellung von der Bedeutung der Psyche zu gewinnen.

Unsere Geschichte heute spielt also in diesen Anfangstagen. In einer Welt in der Seancen, Geisterbeschwörungen, Mesmerismus, Hypnose, Hellseherei, Theosophie und Hellseherei nicht nur sehr populär waren, sondern durchaus ernsthaft diskutiert wurden. Von Ausdrücken wie „Psychoanalyse“ dagegen hatte noch niemand gehört, dieser Ausdruck wird gerade erst erfunden.

Und sie spielt in Genf. Die Geschichte. Das war nun schon 80 Jahre Teil der Schweiz und eine wohlhabende Stadt obendrein, hauptsächlich durch die Uhrenindustrie und als internationaler Finanzplatz. Dort lebt und arbeitet Catherine-Élise Müller in einem großen Handelsgeschäft. Mit 30 Jahren schließt sie sich einem spiritistischen Zirkel an. Klingt jetzt nach Hexenzirkel, das Geisterbeschwören war aber damals ein beliebter bürgerlicher Zeitvertreib. Ein bisschen anrüchig klar, aber auch deswegen sehr aufregend.

Schon nach kürzester Zeit stellt sich heraus, das Catherine-Élise eine Naturbegabung ist. Sie fällt verlässlich und schnell in tiefe Trancen. Plötzlich scheint sie einzuschlafen und sinkt in ihrem Stuhl zusammen. Nach einiger Zeit richtet sie sich auf und öffnet die Augen. Ganz anders sieht sie auf einmal aus. Sie ist nicht mehr die wunderschöne junge Frau mit den schwarzen Haaren und den wachen, dunkelbraunen Augen. Ganz erschlafft saß sie da, den Kopf eingeknickt und es spricht eine männliche Stimme aus ihr.

Nämlich die Stimme von Leopold. So heißt ihr Führer durch die Geisterwelt. Der durch sie spricht. Er hat in einem zwei Jahre langen Prozess alle anderen Geister, die von Catherine-Élise Besitz ergriffen, verdrängt. Denn Leopold ist nur sein Geistname. Er war in unserer Sphäre einst bekannt als Alessandro Graf von Cagliostro. Der endlich seine geheime Liebe wieder gefunden hatte, nämlich seine liebe, wunderschöne Marie-Antoinette.

Ja, genau. Die mit „Wenn sie kein Brot haben, sollen sie halt Kuchen essen.“

Und die Wiedergeburt dieser Frau – der wir nebenbei erwähnt die Tatsache verdanken, dass sich hier in München jedes Jahr alle Besucher als Bayern verkleiden – die Wiedergeburt dieser französischen Königin, das ist nun unser Medium von Genf, unsere Catherine-Elise.

So eindrucksvoll sind die Seancen mit Leopold und Marie-Antoinette, dass Mlle. Müller bald ihren Zirkel leitet und sehr bekannt wird in Genf. Von Marie-Antoinette besessen, schreibt sie Briefe in Französisch, die genau in der Handschrift der Königin verfasst waren!

Mehr wird bald offenbar: Denn sie war, wie ihr ihr Leopold offenbart, in einem anderen Leben eine berühmte indische Prinzessin. Simandini hieß sie. Die elfte Frau des indischen Prinzen Sivrouka Nayaka aus dem 15ten Jahrhundert. Und wenn sie Simandini ist, dann spricht sie fließend altes Sanskrit. Was natürlich niemand im Zirkel verstand…

Nach ihren Geisterreisen wacht unsere Heldin wieder auf und kann sich an nichts erinnern. Es war, als ob sie schlafgewandelt wäre. Dieses Phänomen interessiert bald auch die Psychologen der Universität Genf. Denn Trancen wurden damals als provozierte Somnanbulie verstanden, als ein Zustand, der tatsächlich dem Schlafwandeln entsprach.

Und so kommen bald interessierte Wissenschaftler zu Besuch bei den Seancen, allen voran Professor Theodoré Flournay. Fünf Jahre lang wird er Catherine-Élise begleiten, ihr helfen und alles dokumentieren. Er lädt auch andere Wissenschaftler ein, wie z.B. den berühmten Sprachwissenschaftler Ferdinand de Saussure, einer der Begründer der modernen Linguistik. Der soll sich dieses Sanskrit, dass Helene da sprach, bitte mal genauer anschauen.

Welche Helene? Helene Smith wird der Name sein, den Professor Flournay verwendet, um die wahre Identität von Mlle. Müller zu verbergen. Ein Standard in der psychologischen Forschung.

In der Zeit, die der Wissenschaftler und das Medium gemeinsam verbringen, geht die Reise weiter.

Nach dem französischem Hof und dem alten Indien geht es ab zu den Planeten. 1877 waren die berühmten Marskanäle beschrieben worden und es war weder esoterisch noch unwissenschaftlich, wenn man 1895 glaubte, dass auf dem Mars eben auch intelligente Wesen lebten.

Und durch Helene erfahren wir auch von den Marsianern. Leopold hat sie auf den Mars gebracht, wo ein anderer Führer, der verstorbene Sohn der Madame Mirbel sie begleitet. Madame Mirbel ist schon seit Jahren regelmäßige Teilnehmerin an Helenes Seancen und sehr erfreut von ihrem Sohn zu hören. Auch wenn der als Geist nun „Esenale“ heißt.

Die Marsianer schauen aus wie Asiaten, tragen weite Kleidung und haben Hunde. Aber diese haben statt eines Hundekopfs eher etwas wie einen Kohlkopf. Klar, sie apportieren brav, dienen den Marsianern aber auch als Diktiergeräte, weil sie sich alles merken können. Und sprechen können. Die Marsmännchen und Weibchen haben schwebende Autos und bauen Gebäude auf langen Stangen.

Bald spricht und schreibt Helene natürlich auch Marsianisch. Etwas, was irgendwie so klingt wie das, was ich im Opener wiedergegeben habe. Denn diese Worte stammen aus dem Buch, das Professor Flournay 1900 veröffentlichen wird.

„Von Indien zum Planeten Mars – Ein Studienfall des Somnanbulismus in Verbindung mit Glossolalie“.

Dieses Werk wird die Zusammenarbeit von Flournay und Helene beenden. Denn der Psychologe äußert den Verdacht, dass sowohl dass alte Sanskrit als auch das Marsianisch dem Unbewussten von Helene entspringen. Im schlafwandlerischen Zustand würden sich vergessene Erinnerungen und Erfahrungen in ihr wieder zu etwas Neuem verbinden. Das sie – ohne es zu merken – ihrem Publikum erzählt, um deren Erwartungen zu erfüllen.

Flournay prägt dafür einen neuen Ausdruck: Kryptomnesie. Vergessenes, was überraschend wiederkehrt. Schon einmal eine tolle Idee gehabt, aber dann erzählen euch die Freunde, dass man das schon einmal so formuliert hat? Oder von einem verlorenen Gegenstand geträumt, der dann genau an dem Ort war, von dem man geträumt hat? Kryptomnesie.

In dem Buch unterstellt der Prfessor Helene keinerlei Bösartigkeit. Sie hatte ja schließlich die Wissenschaftler nicht eingeladen, die waren selber gekommen. Und sie verdiente auch an ihren Seancen keinen Rappen. Die Trance widerfuhr ihr eben und sie hatte eine reiche Phantasie und war wohl hochintelligent.

Heute würden wir härter urteilen, als Flournay das getan hat, der noch in einer Welt lebte, in der Spiritismus alltäglich war. Auch Ferdinand de Saussure bleibt in seinem Urteil seltsam zwiespältig. Helenes Altindisch war zwar sicher kein Sanskrit und auch kein Hindu, aber es zeige doch sehr deutlich die Struktur und die Grammatik einer echten Sprache. Nichts an der Sprache wäre „Anti-Sanskrit“ oder Anti-Indo-Germanisch per se. Auffallend sei nur, dass niemals der Buchstabe „f“ vorkommt…

„Von Indien zum Planeten Mars“ war ein großer Erfolg in der wissenschaftlichen Welt. Und auch in der nicht-wissenschaftlichen Welt. Helene Smith wurde ein bekannter Name. Ruckzuck gab es Übersetzungen in andere Sprachen. Und einGerichtsverfahren. Denn Helene war der Meinung, sie hätte auch Urheberrechte an dem Werk, schließlich war mehr als die Hälfte des Inhalts ihrem Geist entsprungen.

Doch sie sollte sich bald keine Sorgen mehr ums Geld machen müssen. Eine reiche Amerikanerin stellte sie quasi ein, damit sie sich ihren Seancen und der neu-entdeckten Leidenschaft zur Malerei widmen konnte. Die modernen Maler, die sich Surrealisten nannten, verehrten ihre Bilder, in denen sie genau das darstellte, was sie auf ihren Geisterreisen erlebte.

Helene inspirierte nicht nur Flournay, die Surrealisten und ihre reiche Mäzenin, sondern auch Sigmund Freud und Carl Gustav Jung. Letzterer war sehr enttäuscht, dass nicht er „Von Indien zum Planeten Mars“ übersetzen durfte und veröffentlichte 1905 eine eigene Arbeit zur Kryptomnesie.

Helene Smith, eine der Schlüssel zur modernen Psychologie. Aus einer Zeit als die Grenze zwischen unserer Sphäre – und auch der Ratio – und der Geisterwelt, in der die Seele zu herrschen schien – noch Gegenstand von Vertragsverhandlungen war.

In diesem Sinne: Dode ne haudan te meche metiche Astane ke de me veche! Oder so…
[/toggle]