Expl0542: Tabbys Stern

Kein Jahr vergeht ohne, dass die Presse eine neue Erde ausruft. Oder einen weiteren Pseudo-Beweis für außerirdisches Leben druckt. Das sorgt für Klicks, das verkauft Zeitungen. Aber verdeckt, wie im Fall von Tabbys Stern, oft die eigentliche faszinierende Entdeckung.


Download der Episode hier.
Opener: „The most mysterious star in the universe | Tabetha Boyajian“ von TED
Closer: „So you’re telling me there’s a chance“ von evilwhitey98
Musik: „If Only (2015)“ von Devon Elizabeth / CC BY 3.0


[toggle title=”Skript zur Sendung”]
Noch im Jahre 1995 wusste kein Mensch auf unserem kleinen Ball, ob andere Sonnen als eben die unsrige überhaupt Planeten haben. Es könnte durchaus sein, dass so ein Planetensystem wie unsere Milchstraße die große Ausnahme im Weltall ist. Das ist ungefähr zwanzig Jahre her.

Mittlerweile wissen wir von tausenden von anderen Planeten, die direkt nachgewiesen werden konnten und die Vermutung liegt nahe, dass die allermeisten Sonnen auch Planeten um sich kreisen haben. Wenn ihr also nachts in den Himmel blickt, dann könnt ihr euch vorstellen, dass zu jedem dieser Lichtpunkte auch noch um die vier Planeten gehören.

Und einige davon sind natürlich auch in habitablen Zonen. Also in einem Abstand zur Sonne, dass es weder zu heiß oder zu kalt ist. Die Wahrscheinlichkeit, dass es auf keinem, aber auch wirklich keinem dieser Planeten Leben gibt, ist ziemlich gering. Wie gering wissen wir nicht genau, dazu verstehen wie noch zu wenig über die Entstehung des Lebens.

Aber sollte die Wahrscheinlichkeit nur bei einem Abermilliardstel liegen, wären das auch schon Milliarden von Planeten auf denen es Leben gäbe. Und seien es eben auch nur Mikroben.

In zwanzig Jahren hat sich also unser Bild des Universums drastisch verändert. Und einer der Gründe dafür heißt Kepler. Nicht der Astronom Johannes Kepler, obwohl: der auch, aber das Weltraumteleskop mit seinem Namen.

Ein anderthalb Tonnen schweres Fernrohr, dass vom Weltall aus vier Jahre lang das Sternbild des Schwans genauer angeschaut hat. Die Sonnen dort sind alle so um die 1400 Lichtjahre von uns entfernt. Und Kepler hat sich die Helligkeitswerte von 140.000 dieser Sonnen angeschaut und gespeichert.

Die Idee ist es, Planeten nachweisen zu können, die an ihren Sonnen vorbeifliegen. Wenn z.B. die Erde an unserer Sonne vorbeizieht, dann verdunkelt sie diese für einen Betrachter im Sternbild des Schwans dabei ein wenig. Ungefähr 0,1% sinkt dabei die Helligkeit. Passiert das zweimal in regelmäßigen Abständen, dann gilt ein Planet als nachgewiesen.

Aber mit den Gesetzen die Johannes Kepler im 17. Jahrhundert beobachtet hat, können wir aus diesen Daten auch noch mehr erschließen. Aufgrund der Verdunkelung können wir den Abstand und die Größe des Planeten berechnen. Wissen wir den Abstand und die Größe der Sonne, können wir etwas darüber aussagen, wie heiß oder kalt es dem beobachteten Planeten so ist. Oder eben vor 1400 Jahren war, um genau zu sein.

So viele Daten lieferte uns das Teleskop, bis es leider nicht mehr so richtig funktionierte, dass die Auswertung der Daten ein großes Problem wurde. Denn das sollte sich schon ein Mensch anschauen, bevor man die nächste neue Erde ausruft. Denn genau so haben die Medien meistens auf die Meldung eines neuen Planeten im habitablen Bereich berichtet.

Wie managet man das am besten? An der Yale-Universität in New Haven, Connecticut dachte man sich, das lagern wir aus. Das crowdsourcen wir sozusagen. Das können interessierte Laien für uns erledigen, denn da gibt es genug. Und kaum war das Projekt gestartet, gelang es Kian Jek und Robert Gagliano schon, den ersten Planeten in den Daten auszumachen.

Der trägt also seit dem Oktober 2012 den Namen PH-1. Für Planet Hunters Nummero Uno. Und er befindet sich auch in einem interessanten System. Zentral ist da ein Doppelstern, also zwei Sonnen, die von PH1, der sechsmal so groß ist wie die Erde und einem weiteren Doppelstern umkreist werden.

Da haben wir also eine Haufen Daten vom Teleskop Kepler und viele Laien, die diese Daten durchsuchen. Und da war eine Sonne besonders auffällig. Die trägt den Namen KIC 8462852. Weil man sich das aber nicht so richtig gut merken kann, hat sich „Tabbys Stern“ als Bezeichnung durchgesetzt.

Denn Tabetha Boyajian veröffentlichte als erste die komischen Daten, die diese Sonne produzierte. Irgendetwas verdunkelt die Helligkeit, aber was bitte? Das können nicht einfach normale Planeten sein, die da brav und vorhersehbar um ihre Sonne kreisen. Wie erwähnt würde der Transit der Erde vor der Sonne eine Verdunkelung von 0,1 % ausmachen.

Aber bei Tabbys Stern passieren ganz andere Dinge. Am 5. März 2011 reduzierte sich die Helligkeit innerhalb eines Tages um rund 16 %. Einen ganz Tag lang, bevor sie wieder zu 100% zurückfand. Dann, am 28. Februar 2013 erneut eine Reduktion um rund 1,5 %, langsam für drei Tage. Dann die nächste Verdunkelung um 22% für zwei Tage, rund 10 Tage später eine weitere um 3% und kurz darauf eine weitere um 8%, aber dieses Mal für 37 Tage. Und die Normalisierung dauerte hierbei wiederum Tage. Wie etwas das schnell vor die Sonne kommt, dann stehen bleibt und langsam verschwindet.

Das alles ist äußerst seltsam. So ein Phänomen kommt in den ganzen Keplerdaten – 140.000 Sonnen – nicht ein weiteres Mal vor. Spannend genug eigentlich, aber so richtig populär wurde Tabbys Stern erst, als die Aliens auftauchten. Das war natürlich nicht in Tabbys Paper, in dem sie die Ergebnisse ihrer Arbeit und zwanzig weiterer Astronomen formuliert hat. Denn das fand in dieser Form keinerlei weitere Beachtung.

Doch dann gab es da ein Interview mit Tabby und Jason Wright, in dem Letzterer den Satz sagte: „Aliens should always be the very last hypothesis you consider.” Außerirdische sollten immer die letzte Hypothese sein, die man berücksichtigt. Aber das war genug. Die Hypothesen überstürzten sich.

Das kann kein natürlicher Mond sein, darin waren sich bald alle einig. Das muss etwas Künstliches, etwas nicht Natürliches sein – so verhält sich doch kein richtiger Planet!

Es müssten Superstrukturen sein, von einer außerirdischen Zivilisation gebaut. Die könnten dann eben beschleunigen oder bremsen, wie sie wollten. Oder es ist eine Dyson-Sphäre. Noch besser!

Dysonsphären entstammen der Science-Fiction-Literatur. Nämlich aus Olaf Stapledons Science-Fiction-Roman Star Maker aus dem Jahr 1937. Den las dann ein gewisser Freeman Dyson und formulierte folgende These: Wenn eine Sonne nachlässt, dann würden überlegene Zivilisationen da sicher eine Art Kugel drumrumbauen, um auch wirklich noch alle Energie abzukriegen. Das sei wahrscheinlich und müsste sich im Infrarotbereich des Lichts nachweisen lassen.

Wir müssten also nur das Weltall nach solchen Dyson-Sphären duchsuchen, die ihre Sonnen ganz oder teilweise abschirmten und würden so auf die Außerirdischen stoßen.

Und jetzt ist es jedem Lokalreporter und Voluntär klar: Wir haben hier eine Dyson-Sphäre gefunden! Wir sind auf eine Superzivilisation gestoßen im Sternbild des Schwans! Tabbys Stern beleuchtet intelligentes Leben! Tadaaa!

Und so wurde Tabbys Stern berühmt. Und diese These vom Nachweis außerirdische Technologie wird das Internet auch nie mehr verlassen. Eben so wie eben auch Impfen Autismus verursacht oder Elvis noch lebt.

Ist ja auch in Ordnung, irgendwie. Wenn es halt Aliens braucht, um Menschen für die Astronomie zu interessieren, was soll’s? Es ist aber ein bisschen schade, dass die spannenden Thesen, die eine wirklich wissenschaftliche Betrachtung produzieren, nicht irgendwo Erwähnung finden.

Denn eine Dysonsphäre oder riesige Raumschiffe werden nicht für das Phänomen verantwortlich sein. Das Infrarot-Spektrum ist nämlich rund um KIC 8462852 völlig unauffällig. Und auch, als SETI – also „Search for Extraterrestrial Intelligence“ seine Teleskope auf den Stern richtete, zeigten sich keinerlei Radiosignale, die aber eine entwickelte Zivilisation unweigerlich produzieren würde.

Ein bisschen wahrscheinlicher, wenn auch nicht gerade ein zwingender Verdacht, ist z.B. die Möglichkeit, dass wir rein zufällig einen interplanetaren Unfall beobachtet haben. Wie damals, als ein Planet von der Größe des Mars auf der Erde einschlug und dabei unseren Mond produzierte.

Das sollte genug Kometen und Gesteinsbrocken verschiedenster Größe produzieren, die so ein unregelmäßiges Verhalten erklären könnten.

Aliens haben wir schon wieder nicht gefunden, aber dafür den rätselhaftesten Stern, den Menschen je beobachtet haben. Eben Tabbys Stern. Und das sollte doch genug sein, oder?
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