Expl0543: Bad News

Das mit meinem News-Junkie-Dasein habe ich ja vor kurzem schon einmal zugegeben. Aber nicht nur, dass ich einigermaßen clean bin: Mittlerweile gibt es sogar mindestens zwei alternative Angebote, um ein objektiveres Bild auf die Welt zu gewinnen.


Download der Episode hier.
Opener: „Bad News Commercial – Saturday Night Live“ von Saturday Night Live
Musik: „Burning Bright“ von Jon Maurer / CC BY-NC-ND 3.0


[toggle title=”Skript zur Sendung”]
Ich hab’ ja jetzt wirklich ein neues Handy. Kein Scherz. Android. Jepp. New hot shit. Und da ist, wie es sich gehört, einiges an sogenannter Bloatware drauf. Aber zum Beispiel auch die GoogleNews-App. Die einem den ganzen Tag News aufs Display pusht. Das erinnert mich an Zeiten meiner Abhängigkeit. An meine Zeit als News-Junkie. So ganz bin ich davon nicht genesen, die gleichen Mechanismen im Hirn springen sofort wieder an.

Aber nach längerem Entzug – ohne News-Apps, ohne Tageszeitung und ohne Zeit, Spiegel, Süddeutsche und ähnlichem- nach diesem cold turkey frage ich mich schon, was diese eigentlich mit mir zu tun hat. Mit meinem Leben. Vielleicht bin ich ja ein absoluter Ignorant, aber wenn ich da so durchscrolle… Ohne jede Personalisierung. Nur das, was ein Google, das mich nicht kennt, für relevant hält. Hört mal…

„TV-Duell zur US-Wahl: Hillary Clinton gewinnt gegen Donald Trump“
„Chemnitz: Verdächtiger Syrer in Leipzig gefasst – Landsmann fesselte ihn.“
„Santos spendet Preisgeld für Opfer des Bürgerkriegs“
„Entwarnung: Boateng-Einsatz nicht in Gefahr“
„Galaxy Note 7: Macht es überall Kawumm?“
„Grill den Henssler erntet Kritik für neue Jury, Regeln und Studio“
„Billy Bush: NBC suspendiert Moderator aus frauenfeindlichem Trump-Video“
„Mann verprügelt Mutter, Kind alarmiert Polizei“
„Sozialhilfe: Ausgaben stiegen 2015 um fast fünf Prozent“
„Aldi greift Amazon mit eigenem eBook-Store an.“
„Trauer um Regisseur Wajda: Ein umstrittener Meister“
„ZeroMQ-Schöpfer Pieter Hintjens ist gestorben“
„Mobile Zukunftsvisionen: Die spektakulärsten Studien vom Autosalon Paris“
„Adam sucht Eva 2016: Sex zwischen Sarah Joelle Jahnel und Daniel Köllerer?“
„Ärzte in Indien entfernen Mann seinen 18 cm langen Schwanz“
„Ketogene Diät: Auf Kohlenhydrate besser nicht verzichten“
„Moderator Frank Buschmann wechselt zu RTL“

Wow. Das war aufregend. Aber die Wahrheit ist: Nichts davon interessiert mich. Nichts. Nichts davon hat unmittelbar mit meinem Leben zu tun. News machen mich nicht glücklicher. Und ich war schwer-abhängig. Es ging einst sogar so weit, dass ich mich – wurstegal, wo – nach einiger Zeit auf’s Klo zurückgezogen habe, um heimlich die News zu checken…

Angeblich, so liest es, würden einem News ja so eine kleine Dopamin-Belohnung verpassen. Und DAVON würde man abhängig. So ähnlich wie von Joggen oder Eiskrem oder von Kaffee. Weil man eine kleine Belohnung bekommt. Das Hirn. Eine Prise Dopamindroge.

Aber in Wirklichkeit produzieren die ganzen News auf Dauer ein sehr diffuses Lebensgefühl. Kein glückliches. Nichts ist wirklich, alles kann sich sofort wieder aktualisieren. Und vor allem sind die Nachrichten, die es oft nach oben schaffen – in der Timeline aber auch im Gehirn, meistens die schlechten Nachrichten.

Die News, die haben dazu geführt, dass die meisten Menschen Angst haben vor dem Terrorismus. Aber natürlich nicht vor’m Duschen. Islamismus ist auf einmal die größte Bedrohung für den deutschen Wohlstand, dabei sind im Hintergrund die Banken schon wieder dabei, unser aller Geld zu verzocken.

Wachstumsraten und Geschäftsklimaindizes kann man gut in Neuigkeiten gießen, Gedanken darüber, ob das ganze Wirtschaftssystem nicht vielleicht absurd geworden ist, haben in Newstickern keinen Platz. Passen da nicht rein.

Ein Kopf-an-Kopf-Rennen um die Präsidentschaft, das ist interessant, das ist spannend. Seitdem ich amerikanische Präsidentschaftswahlen verfolge, waren es IMMER Kopf-an-Kopf-Rennen. Immer. Und ich bin mir sicher, dass das eigentlich gar nicht stimmt. Statistiken, Zahlen, Umfragen, das kann man alles schön drehen und wenden. Würde uns Donald Trump überhaupt interessieren, wenn die News berichten würden, dass er von Anfang an keine Chance hatte?

Nein, es muss Spitz-auf-Knopf stehen, es muss haarscharf sein, damit wir uns dafür interesieren. Es muss um Leben oder Tod gehen.

Was haben wir noch an News? Unternehmen kämpfen um unsere Kohle, so wie anscheinend Aldi und Amazon. Auf dem Autosalon weden Dinge vorgeführt, die aber eh’ niemals nicht auf der Strasse fahren werden. Wann wurde das erste elektrische Auto vorgeführt? Etwas, das wir so langsam echt gut gebrauchen könnten? Ratet mal! 1890! Vor 126 Jahren.

Irgendwelche Prominenten haben Sex. Oder trennen sich. Oder wechseln den Sender. Übrigens alles Prominente, die ich überhaupt nicht mehr kenne. Klar, ich kenne Brad & Angelina, aber ich kenne sie halt auch so etwas von überhaupt nicht und gar nicht und habe keine Ahnung und werde kein Urteil fällen, dass mit deren Eheglück und wer mit wem Sex hat, so etwas von eiskalt am Arsch vorbei geht…

Und dann noch die Prominenten, die sterben. Oder schon gestorben sind. Die leichten News. Die News, die schon die unbezahlten Volontäre abwickeln dürfen. „Du, Lars, jetzt ist der David Bowie doch tot. Kannst Du den Nachruf updaten und dann posten? Danke!“

Wow. Das alles soll ich jetzt alles wieder lesen und mich damit beschäftigen, bloß wegen ein bisserl Dopamin. Und die wirklich schlechten Nachrichten waren noch gar nicht dabei. Heute war ein glücklicher Tag für GoogleNews. So weit. Bis zu diesem Zeitpunkt, als ich das alles eintippe.

Die meisten Menschen haben das Gefühl, dass Nachrichten zu schlecht sind. Die meisten Menschen glauben, es gäbe auch vielmehr Positives zu berichten. Und dass die Medien schuld sind an der allgemeinen Angst, der Hysterie und dem Gefühl, dass wir in ganz besonders schlimmen Zeiten leben.

Ich glaube das auch. Aber ich möchte heute ausnahmsweise eine Lanze brechen für die Volontäre, die kleinen freien Mitarbeiter und die Normalo-Redakteure, die so einen Nachrichtenstrom, wie ihn mir Google auf’s Handy strömt, verantworten.

Die machen das nicht aus bösem Willen. Unsere Angst vor dem Islam kann politisch instrumentalisiert werden und wird auch politisch instrumentalisiert. Von praktisch allen Parteien. Aber das ist nicht etwas, dass einem Verschwörungsplan entspringt. Niemand steuert das.

In einem Wettbewerb um Klicks und um Leser wäre das auch wirklich nicht machbar.

Es ist ein ökologisches, ein evolutionäres System, dass wir uns selber gebastelt haben. Das wir so geschaffen haben, weil wir das so wollten.

Das beginnt damit, dass wir auf schlechte Nachrichten schneller und intensiver reagieren als auf gute. Das hat mit dieser Tod-und-Leben-Sache zu tun. Das macht unsere Amygdala von selber. Eine der News von Google könnte ja sein: „Achtung! Hinter Dir im Busch ist ein Säbelzahntiger!“

Albern, aber wahr. Wir können die negativ belegten Reizwörter „Tod, Vergewaltigung, Hass, Mord, Krieg usw.“ messbar schneller wahrnehmen, schneller lesen als „Liebe, Zärtlichkeit, Zuwendung, Geburt und Frieden“.

Weil unser Gehirn immer noch in der Rolle eines Jägers, eigentlich mehr noch in der Rolle eines Jägers ist.

Aber wir haben auch eine Situation geschaffen, in der der kurze, der billige, der schnelle Klick wichtig ist. So wie eben früher die Titelseite einer Zeitung. Da hat sich nicht viel geändert am Inhalt und an der Technik – das war schon vor mehr als hundert Jahren im Prinzip nicht anders.

Das Internet, die Push-Technologie und die social media haben das nut noch einmal verschärft. Haben den Kontrast auf dieses Bild erhöht. Alles noch eine Portion greller gemacht.

Das Wirtschaftsmodell ist: Deine Headline muss so griffig sein, dass Du den Artikel anklickst. Weil Du dann vielleicht, ganz vielleicht auch auf die Werbung klickst, die auf dieser Nachrichtenseite ist. Denn nur diese Werbung verdient das Geld.

Ich finde, wir können in Wirklichkeit dem Journalismus nicht die Verantwortung zuschieben. Weil wir gerne auf Buzzwords reagieren. Die armen Volontäre trifft nicht wirklich die Schuld.

Wir sollten einfach die News-Apps löschen.

Es gibt mittlerweile durchaus Alternativen, denn, so wie es uns allen geht, so geht es auch Journalisten. Ich würde gerne zwei Plattformen erwähnen, die Journalismus anders verstehen.

Da wäre zum einen piqd.de. „Kuratoren aus Journalismus, Wissenschaft und Politik empfehlen und kommentieren die besten Inhalte im Netz. Erfahre, was sich zu lesen lohnt und warum.“ Hier werden von Kuratoren – also Menschen, die die Artikel schon einmal lesen und vielleicht mehr Ahnung haben, wichtige Publikationen verlinkt. Mit einer Erklärung, warum diese Veröffentlichung für einen wichtig sein könnte. Sozusagen eine Hemmschwelle mehr als ein Push auf dem Handy.

Und dann eine Plattform, die ich auch unterstütze, mit dem Namen, „Perspective Daily“. Direkt von der Website: „Wir schreiben Artikel mit Blick nach vorn. Wir sprechen nicht nur über Probleme, sondern fragen täglich: Wie kann es besser werden? Unsere Beiträge vermitteln Zusammenhänge und diskutieren Lösungen. Gemeinsam mit euch natürlich! Das erste konstruktive, lösungsorientierte und werbefreie Online-Medium in Deutschland wird allein durch Mitglieder ermöglicht.“
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