Expl0544: Des Führers Dealer

Weder war Goebbels ein rhetorisches Genie, noch Himmler ein logistischer Alleskönner, noch Adolf Hitler der größte Feldherr aller Zeiten. In den Reigen tumber Mittelmäßigkeit fügt sich auch des Führers Leibarzt, Theo Morell, der nicht viel Ahnung davon hatte, dass er seinen „Patienten A“ langsam vergiftete.


Download der Episode hier.
Opener: „Adolf Hitler Hates Being Compared To Donald Trump“ von Team Coco
Closer: „The Guten Tag Hop-Clop (Will Ferrell Version) Full“ von CopyrightFTWorld’s channel
Musik: „Théo (2010)“ von Alex Pardossi / CC BY-SA 3.0


[toggle title=”Skript zur Sendung”]
Kennt ihr auch so Menschen, die irgendwie jeder sofort mag? Die in einen Raum kommen und plötzlich verbessert sich die Stimmung? Wie wenn solche Menschen nach Regenbogen und glücklichem my little ponies riechen würden. Alle mögen ihnen nahe sein, alle wollen mit ihnen bekannt sein. Kennt ihr das?

Genau so ein Mensch war Theo Morell nicht. Er war klein, stark übergewichtig, stank bösartig aus dem Mund und nahm es mit der Körperhygiene nicht so genau. Keiner in seinem Umfeld konnte ihn leiden, seine Kollegen hielten ihn für einen Quacksalber. Trotzdem war Theo Morell der Mensch, mit dem Hitler in seinen letzten Lebensjahren die allermeiste Zeit verbrachte.

Mehr als mit seiner Eva Braun, dem Wehrmachtsstab, Goebbels, Traudl Jung oder irgend jemand anderem. Denn Theo Morell war Hitlers persönlicher Wunderarzt. Und das ist bei jemandem, der so hypochondrisch und krank war wie eben der Führer eine wichtige Position.

Dabei war Morells Karriere lange unauffällig gelaufen. Er studierte Medizin und machte seinen Doktor in München. „Sechzehn Fälle von verschleppter Querlage und ihre Behandlung in der Universitäts-Frauen-Klinik zu München“ so hieß seine Doktorarbeit 1913. Dann kam der Krieg, im Jahre 1920 die Hochzeit mit Honi Moller und dann der Facharzttitel. Den er sich einfach selber verliehen hatte.

Doch seine Praxis für Haut- und Geschlechtskrankheiten in Berlin lief ganz prima. Er behandelte bald viele einflussreiche Menschen. Ob das Juden waren oder nicht, war dem strammen Deutschnationalen dabei aber egal. Tripper war eine verbreitete Geschlechtskrankheit, die zwar schon mit Antibiotika behandelt wurde. Doch das Mittel der Wahl waren damals Sulfonamide, die nicht so optimal wirkten. Da waren Morells Geheimtinkturen erfolgversprechender. Und so gewann der kleine Mann einen gewissen Ruf.

Doch mit der Machtergreifung blieb bald die jüdische Kundschaft aus und der Praxis am Kurfürstendamm in Berlin ging es nicht so gut. Das änderte sich erst, als Theo der NSDAP beitrat. Und eines Tages steht ein gewisser Herr Hoffmann aus München auf der Warteliste. Ein guter Bekannter des Führers. Hoffmann ist der Mann, der die berühmten Fotos gemacht hat, in denen Hitler seine Gestik einstudierte. Hoffmann ist der Mann, der Hitler in der Osteria Bavaria in der Schellingstraße, bei mit ums Eck, Eva Braun vorgestellt hatte.

Und auch Hoffmann hatte ein kleines Problem da unten. Mit einer Gonokokkeninfektion des unteren Urogenitaltraktes. Dem weichen Schanker. Der Gonnorhoe. Na ja, Heinrich Hoffmann hatte halt auch Tripper. Und Dr. Morell behandelte den wohl recht erfolgreich.

Denn 1936 nimmt ihn Hoffmann mit zu einem privaten Termin auf dem Berghof. Wo er den Führer höchstpersönlich kennenlernen sollte. Man kommt ins Gespräch über verschiedenste Wehwehchen und Morell verspricht dem Gröfaz dessen Hautekzem behandeln zu können.

Das gelingt wohl auch ganz gut, denn bald eröffnet der Reichskanzler ihm sein allergrößtes Problem. Unbeherrschbare Flatulenzen. Darmwinde. Blähungen. Nach jeder Mahlzeit muss sich der Führer auf einen Balkon, eine Terasse oder an einen anderen Ort zurückziehen, um erst einmal ordentlich zu furzen.

Das ist nicht nur lästig und schmerzhaft, sondern steht natürlich auch der Diplomatie im Wege. Denn gerade beim Nachtisch lässt sich doch besonders trefflich darüber philosophieren, wie man möglichst viele Untermenschen entsorgt.

Auch da weiß Theo Morell Rat. Und verschreibt Dr. Küsters Verdauungspastillen. Und zwar nicht eine oder zwei, sondern so viele wie nötig. Bald hat Hitler seine Tagesdosis auf 16 Stück angehoben, denn irgendwie wirken diese Bonbons. Dass sie auch Strychnin beinhalten war wohl sowohl dem Patienten wie dem mutmaßlichen Facharzt entgangen.

Wer heilt, hat recht, so sagt man ja gerne. Ab 1937 ist Morell Hitlers Leibarzt und ab 1940 auch der alleinige medizinische Betreuer des Führers. Die Verdauungsprobleme bleiben aber weiterhin bestehen. Mag mit der selbstverordneten Diät des angeblichen Genies zu tun haben. Denn seit 1931 ernährt sich Hitler fast fleischfrei. Von verschiedenen Gemüsepürees, von Torten und von Haferflocken.

Um die dauerhafte Verstopfung in den Griff zu bekommen, verschreibt Morell bald Eupaverin. Ein Krampflöser, den wir mittlerweile Moxaverin nennen. Kein leichtes Kaliber und auch das wird chronisch vom Leibarzt überdosiert.

Und dann wäre da noch diese Müdigkeit am Morgen, diese Schwierigkeit in die Gänge zu kommen, könnten wir da nicht etwas tun? Auch da hat der Doktor ein Wundermittelchen. An jedem Morgen rührte er aus Wasser und einem Pülverchen, dass er in einer Goldfolie eingewickelt hatte eine Mixtur zusammen, die er dann injizierte. Und schon war der Führer fit und energiegeladen.

Ernst-Günther Schenck war ein hoher SS-Offizier und ein Arzt und auch er konnte unseren Doktor mit dem Aussehen eines Juden – Zitat – nicht besonders leiden und stahl ein paar Gramm des Wundermittels, um es untersuchen zu lassen. Es war Pervitin. Panzerschokolade. Meth-Amphetamin. Heutzutage würden wir wohl Crack sagen.

Bald ergänzte der Doktor seine Kur noch um Kokain, dass er dem Führer in die Augen tropfte. Aber nicht einen Tropfen, so wie es damals durchaus üblich war, sondern 10. Eine zusätzliche Portion musste dann auch noch geschnupft werden, um die Nasenschleimhäute zu beruhigen und die Stimme zu glätten.

Und dann wäre da noch ein anderes Problem, Herr Doktor. Auch eines da unten. Irgendwie macht mein Dings nicht so richtig mit und mir gelingt es nicht so richtig, die Eva zu beglücken. Wenn sie wissen, was ich meine… Der kleine Adolf salutiert nicht richtig. Will nicht stramm stehen. Verstehen Sie?

Auch da hat Dr. Morell ein Wundermittelchen. Ein Mischung aus Testosteron und Stierhoden-Extrakten, die er sich selber ausgedacht hat. Und dem Führer vor jeder Liebesnacht in den kleinen Führer appliziert.

Die Liste ließe sich noch beliebig erweitern. Der Leibarzt macht Hitler Stück für Stück zu einem Junkie. 2012 wurden die amerikanischen Verhörprotokolle veröffentlicht. Zwei Jahre konnte man ihm keine unmittelbaren Kriegsverbrechen nachweisen, man musste ihn gehen lassen.

Denn eigentlich hat er der alliierten Agenda ja irgendwie gedient. Am Schluss bekam Hitler, noch in den allerletzten Tagen im Führerbunker einen Mix von 79 verschiedenen Medikamenten verabreicht. Das meiste davon als Injektion entweder intravenös oder intramuskulär.

Hitler war nicht nur von Amphetaminen, Kokain, verschiedenen Opioiden und Barbituraten abhängig, sondern auch von all’ den komischen Wundermitteln, die sein Leibarzt sich für ihn persönlich ausgedacht hatte. Und von der Möglichkeit, seinem Doktor jeden Tag für Stunden vorjammern zu können.

Am Ende war Hitler ein Wrack. Entweder hoffnungslos überdreht und hyper, wie ihn Mussoline beschrieben hat, oder lallend, zitternd und apathisch, wie das Guderian geschildert hat. Sein Gesicht und die gesamte linke Körperhälfte waren praktisch vom Strychnin gelähmt und er schwankte zwischen weinerlichem Selbstmitleid und mörderischem Hass.

Einige Tage vor dem Selbstmord traf dann dieser Hass auch den Doktor selbst. Der Gröfaz hatte Angst, von ihm betäubt zu werden und in Kriegsgefangenschaft zu geraten. Das Schicksal von Mussolini war ihm nur zu bewusst, der ist einen recht erbärmlichen Tod gestorben.

„Sie denken, ich bin verrückt! Sie werden mir Morphin verabreichen! Verschwinden Sie von hier, Sie sind gefeuert! Und legen Sie diese Uniform ab! Gehen Sie nach Hause, Sie Verräter und erzählen Sie niemandem, Sie hätten je etwas mit mir zu tun gehabt!“

Laut eigenen Aussagen erleidet Herr Doktor Morell in diesem Augenblick einen Ohnmachtsanfall. Ab da beginnt seine persönliche Leidensgeschichte. Dr. Morell wird krank und verstirbt 1948 an den Folgen eines im Jahre zuvor erlittenen Schlaganfalls.

Dr. Theo Morell, Hitlers Drogendealer. Einer der mittelmäßigen, unbegabten und wahrscheinlich nicht besonders intelligenten Menschen, die der ehemalige Gefreite Schicklgruber so zielsicher um sich versammelt hatte.

Es waren nicht Genies und geniale Rhetoriker, nicht Ausnahmebösewichter oder teuflische Verschwörer, die die Katastrophe des Dritten Reichs organisiert haben. Deutschland hatte vielmehr beschlossen, sich von ehrgeizigen, mittelmäßigen Holzköpfen in den Untergang führen zu lassen, die allesamt ohne die NSDAP keine Chance in einer normalen Zivilgesellschaft gehabt hätten.

Ganz egal, ob sie nun Hitler, Himmler, Goebbels oder eben Theo Morell hießen. Der Mann, der in die Geschichte eingehen sollte als der Arzt, der in bester Absicht den Führer vergiftet hat.
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