Expl0546: Die Meditationsstunde

Meditation zu lehren ist keine leichte Sache. Denn jeder, der so einen Kurs besucht, hat da ganz eigene Vorstellungen. So eben auch Holger, der Frühpensionär. Seine erste Stunde verläuft ganz anders als erwartet. Geht dem Lehrer übrigens auch so…


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Musik: „Resolutions (2011)“ von Hemmingbirds / CC BY-NC-SA 3.0


[toggle title=”Skript zur Sendung”]
S: Gut, noch drei Sekunden halten die Position. Und eins, und zwei und drei. Sehr gut. Jetzt können Sie einfach lockerlassen. Sehr schön. Gut. Äh, der Herr in der hinteren Reihe, wie war doch Dein Name?
H: Ich bin der Holger.
S: Sehr gut. Schön, Holger. Das mit dem Lockerlassen sollte nicht heißen, dass wir uns hinlegen. Vielleicht bemerkst Du, dass die anderen Teilnehmenden auch noch alle stehen.
H: Ach so. O.k. Moment. So! Jetzt stehe ich wieder. Tut mir leid. Mein Fehler. Ich hab’ so etwas noch nicht gemacht, so ein Meditieren.
S: Das macht gar nichts. Freut mich, dass Du das jetzt in Deinem Leben verwirklichen willst. Vielleicht lassen wir den Holger in die erste Reihe vor, meine Lieben? Danke, vielen Dank…
H: Hallo! Sehr angenehm. Holger Profittlich mein Name. Bis zu meiner Pensionierung war ich im Außendienst einer berühmten deutschen Staubsaugerfirma.
S: Das ist interessant, aber gar nicht wichtig hier bei uns.
H: Ja, dann hatte ich einen Burnout und bin jetzt in Frühpension.
S: Schön. Wir fahren jetzt in der Grundhaltung mit der Meditation fort.
H: Und meine Therapeutin meinte, das wäre hier das Richtige für mich.
S: Und wir hören auf zu reden und konzentrieren uns auf den natürlichen Strom unseres Atems.
H: Ach so. Nicht reden. O.k. Hab’s kapiert!
S: Und wir atmen tief durch die Nasenflügel ein… Wir halten den Atem in der Körpermitte… Und atmen durch den leicht geöffneten Mund wieder aus. Und wieder einatmen. Den Atem kurz halten. Und ausatmen. Wir spüren den Atem in unserem Körper. Der Atem schenkt uns seine Kraft. Im Ausatmen geben wir unsere Lasten an das Universum. Mit dem ersten Schrei beginnen wir zu atmen und hören ein Leben lang nie mehr aus. Holger! Was ist? Sie werden ja ganz rot! Holger! Einatmen! Einatmen! Atmen Sie wieder ein!
H: (ausser Atem) Gott sei Dank! Das war anstrengend! Mir ist schon ganz schwarz vor Augen geworden.
S: Einfach immer natürlich weiteratmen, Holger. Wir versuchen nicht, den Atem zu kontrollieren. Wir atmen ganz natürlich, wie das unser Körper von uns fordert. Selbst, wenn ich nicht die Anweisung gebe, niemals das Atmen aufhören, o.k.?
H: O.k. Gut. Werde ich mir merken. Gut. Weil, entspannend ist das so nicht gewesen, das kann ich Ihnen sagen…
S: Nun gehen wir wieder in die Grundhaltung. Ein bisschen mehr in die Knie gehen, Holger. Nein, nicht soweit. Bloß nicht strammstehen wie ein Soldat. Gut so. Und das Becken ein bisschen vorschieben. Nicht so weit. Einfach ein bisschen kippen. Damit Du nicht so ins Hohlkreuz fällst. Schon besser. Und die Hände einfach baumeln lassen. Nicht schaukeln, einfach hängen lassen. Gut, aber die Schultern lassen wir oben. Wir bleiben gerade stehen. Gut. Aber nun wieder ein bisschen in die Knie gehen. Nein, nicht soweit. Gut. So bleiben. Nicht bewegen. Das ist ungefähr die Grundhaltung, Holger. Und atmen! Weiteratmen! Der Brustkorb darf sich schon bewegen!
H: Ach so, ich dachte schon…
S: Nicht soviel denken, einfach da sein.
H: Klar. Da sein. Wo denn auch sonst? Gell? Im Hier und Jetzt sein, gell? Geht ja auch gar nicht anders.
S: Nein, geht nicht anders. Wir wollen jetzt eine kleine Meditationsreise machen. In unserem Geist. Schließt bitte alle ‘mal die Augen. Wir stehen, ganz entspannt in der Grundhaltung da und fühlen unseren Atem. Bei jedem Ausatmen geht eine Entspannungsbewegung durch den Oberkörper bis in die Körpermitte. Bei jedem Einatmen nehmen wir die Energie des Universums auf und werden immer wacher. Immer ruhiger und immer entspannter.
H: Ich kann das spüren!
S: Schön, Holger. Wir halten aber bei dieser Übung das Schweigen ein. Einverstanden!
H: Ach so. O.k. Tut mir leid. Ich habe ja so etwas noch nicht gemacht.
S: Kein Problem, Holger. Wir bleiben in unserer Konzentration. Wir haben die Augen geschlossen und atmen entspannt ein. Und aus. Aus atmen wir auch. Wir atmen ein und aus. Ja, Holger?
H: Wie? Jetzt soll ich wieder etwas sagen?
S: Einfach natürlich weiteratmen. Wir stehen hier. Wir stehen jetzt. Wir stellen uns vor, wir stünden auf einer weiten Wiese. An einem angenehmen Frühlingstag. Es ist nicht zu kalt und nicht zu warm. Wir stehen auf dieser Wiese. Ein Hauch eines Frühlingswinds umspielt uns zärtlich. Wir hören nur das Zwitschern der Vögel und das Brummen der Bienen.
H: Bienen, das ist gar nicht gut. Ich bin allergisch gegen Bienen. Also gegen die Stiche. Gegen Bienenstiche bin ich allergisch.
S: Gut, Holger, keine Angst. Wir stehen also auf der Wiese und wir hören nur das Zwitschern der Vögel und das Brummen der Fliegen. (verwirrt) Nee, das ist auch nicht gut. Wir hören halt nur das Brummen der Vögel. Nein, das Zwitschern. Wir hören nur das Zwitschern der Vögel…. (wieder ruhig) Und wir atmen ein und aus. Ganz ruhig. Gut. Die Sonne scheint und wärmt uns und der Himmel ist blau. Wir stehen schon lange auf dieser Wiese, denn wir sind ein Baum.
H: Wir sind alle EIN Baum?
S: Denn jeder von uns ist ein Baum.
H: Ah, dann sind wir ein Wäldchen, verstehe.
S: Jeder steht auf seiner Wiese. An einem Ort, den jeder für sich selber definiert. Du bist ein Baum, Holger. Die Zeit hat für uns keine Bedeutung. Wir leben nur im Hier und Jetzt. Wir wachsen ganz langsam.
H: (kichert)
S: Holger, warum kicherst Du?
H: Ich habe Eichhörnchen. Das kitzelt.
S: Du hast Eichhörnchen? Dann… dann… dann sei lieber ein Nadelbaum, Holger. Die haben keine Eichhörnchen. O.k.? Und immer ans Atmen denken!
H: Ein Nadelbaum.
S: So stehen wir da. Eine leichter Wind kommt auf. Und er bewegt unsere Äste und Blätter sanft.
H: Und meine Nadeln?
S: Holger, versuche einfach den Wind zu spüren. Spürst Du den Wind auf Deiner Haut?
H: Um ehrlich zu sein, nein.
S: O.k. Warum nicht?
H: Weil ich ein Weihnachtsbaum bin und bei mir zu Hause im Wohnzimmer stehe. Und da geht kein Wind.
S: Im Wohnzimmer stehst Du?
H: Einem Ort, den ich selber definiert habe.
S: Ein Weihnachtsbaum… (seufzt)
H: Wobei… Einmal, vor ein paar Jahren… Als der Rosenkohl nicht so richtig gar gekocht war…
S: Was war da?
H: Da hat’s schon so etwas gegeben wie Wind. (kichert)
S: Was?
H: Mehr so Winde sozusagen. Der Baum hat auf jeden Fall ganz schön Nadeln verloren. Soll ich mir das vorstellen, wie ich Nadeln verliere?
S: Nein! Das sollst Du nicht! Meine Therapeutin hat mir diese Übung gezeigt und bis jetzt hat die bei jedem gewirkt! Außer bei Holger Prolittfich nicht.
H: Profittlich. Holger Profittlich.
S: Seit 15 Jahren unterrichte ich Meditation. Hunderte Menschen waren das. Alle spüren den Wind. Bloß Holger Profittlich verliert seine Nadeln!
H: Ach, soll ich doch? Ich meine, die Nadeln verlieren. Soll ich meine Nadeln verlieren?
S: Nein! Du sollst nicht Deine verdammten Nadeln verlieren! Und Du stehst auch nicht im Scheiss-Wohnzimmer! Und es gab auch keinen fucking Rosenkohl!
H: O.k. o.k. Dann stehe ich halt auf einer Wiese. Trotz der Gefahr mit den Bienen. Ich stehe auf einer Wiese…
S: Auf einer grünen Wiese! Der Himmel ist scheisseblau und die beschissenen Vögel, die zwitschern! Und Du atmest ein und aus, verstanden, Holger Profittlich!
H: Ja, ja, ja. Schon gut. Ich atme ein und aus. Ganz entspannt. Im Hier und Jetzt.
S: Ganz entspannt! Im Hier und Jetzt!

(Pause)

H: Weswegen haben Sie denn eigentlich eine Therapie gemacht!
S: (schreit) Gegen meine Wutausbrüche! Und das hat auch ganz prima geholfen. Ich bin ja so etwas von verdammt entspannt! Und so etwas von im Hier und Jetzt, das kannst Du Dir gar nicht vorstellen, Holger Profittlich!
H: Gut. Dann hat sich das ja gelohnt. Freut mich. Ist der Kurs jetzt aus? Aber… Was ist denn? Sie weinen ja. Warum schaut ihr mich alle so an? Na ja. Also… Hmm.. Ich, ich gehe dann ‘mal, o.k.? Ich habe echt viel gelernt, vielen Dank. Immer ans Ein- UND ans Ausatmen denken, z.B. Bis dann! Nächste Woche am gleichen Ort? Gleiche Uhrzeit?
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