Expl0547: Ohrenschmalz. Gott erhalt’s!

Ungefähr alle vier Jahre lande ich im Behandlungsstuhl eines HNO-Arztes, weil ich mir einen Ohrenschmalzpfropf entfernen lassen muss. Überproduktion, so die Diagnose. Trotzdem, wenn man so darüber nachliest, ist Ohrenschmalz eine richtig tolle Sache. Ein nützliches Wunderwerk des Körpers.


Download der Episode hier.
Bildbeitrag: „You Shouldn’t Have: Great Gifts“ von Paul Townsend / CC BY-ND 3.0
Musik: „Deaf Day (Sun-J)“ von SUN-J & BOOGGIE / CC BY 3.0


[toggle title=”Skript zur Sendung”]
Hallihallo!

Und was sieht Rick, wenn er in die Ohren schaut? Ohrenschmalz. Einer Körpersubstanz, die wir alle nicht so wirklich appetitlich finden. Sondern eher ekelhaft. Ich hab’ im Laufe der Recherche z.B. ein Ohrenschmalzpfropf-Entfernungsvideo gesehen… Das werde ich nie ungesehen machen können…

„Der menschliche Körper, meine Damen und Herren!“ Ich finde es faszinierend, wie unser Verhältnis zum eigenen Körper so ist. Die Haare zum Beispiel. Sind sie noch am Kopf befestigt, pflegen wir sie mit Shampoo, Conditioner, Festiger, Haarspray, Gel, Bier, Eiweiß oder Himbeermarmelade. Nee, das nicht. Haare sind, am Kopf befestigt, sogar sexy.
Aber! Lösen sich bei der aufwendigen Pflege einzelne Haare und fallen gar ins Waschbecken, ekeln wir uns bei der Entfernung. Vor den gleichen Haaren. Nicht mehr sexy. Mehr kotzy.

Und natürlich ist das bei allen anderen Körperabsonderungen auch so. Das wir nicht unseren Kot bestaunen oder begeistert – bis auf wenige, sehr befremdliche Ausnahmen – unseren Urin trinken, lässt sich ja noch ganz gut erklären. Denn das sind mehr oder weniger die Stoffe, die unser Körper einfach nicht verwenden will oder kann, also weit weg damit. Ungesund.

Aber auch der Schweiß hat kein besonders gute Image, obwohl er zur Temperaturregulierung so richtig unentbehrlich ist. Schwitzen wir, weil wir Gewichte im Fitness-Studio stemmen, dann turnt das ja noch den einen oder die andere an, aber so ein richtig feuchter Händedruck… Igitt.

Und dem armen, armen, unschuldigen Ohrenschmalz geht es auch nicht besser. Im Gehörgang versteckt ist es noch zu tolerieren, aber wenn es im Außenohr sichtbar wird – Pfui Spinne! Dabei ist es wirklich eine tolle Sache, dieses Ohrenschmalz, dass der Wissenschaftler Cerumen nennt. I heart cerumen!

Darum haben das schließlich auch alle Säugetiere in Verwendung. Schnabeltiere, Pangolin, Schwein und King Kong: Alle haben Ohrenschmalz. Denn es hat viele nützliche Funktionen.
Zum einen ist es das natürliche Schmiermittel des Ohrs. Es verhindert, dass unser Gehörgang austrocknet. Würden wir über kein Ohrenschmalz verfügen, würden wir nach einiger Zeit nicht nur echte Schmerzen haben, sondern auch taub werden. Und dann den Gleichgewichtssinn auch noch verlieren. Farewell Hammer, Amboss uns Steigbügel!

Und zum zweiten ist es auch ein antibakterieller Schutzwall. Nicht nur, weil es insgesamt leicht säuerlich ist, sondern vor allem, weil es ein natürliches Antibiotikum enthält, nämlich Lysozym. Das ist ein breit erforschtes Enzym, dass wir Menschen mittlerweile auch einsetzen um Bier zu brauen oder Käse zu reifen. Auf der Zutatenliste heißt es E1105.

Überhaupt: Was für ein eindrucksvoller Mix da in diesem Ohrenschmalz ist! Es enthält:
Kohlenwasserstoffe,
verschiedene Squalen – das sind natürliche Antioxidantien,
Wachsestern – daher die Konsistenz,
Triglyceriden,
Cholesterin und Cholesterinester,
zahlreiche freien Fettsäuren,
Hydroxysäuren und eine ganze Reihe von Peptiden.

Insgesamt enthält Ohrenschmalz 1000 verschiedene Inhaltsstoffe. Seine Zusammensetzung, seine Farbe und seine Konsistenz erlauben einen sehr gründlichen Einblick in den Gesundheitszustand des Körpers. Diese Form der Diagnose wird gerade im Moment breit erforscht. Vielleicht müssen wir irgendwann nur eine Ohrenschmalzprobe beim Internisten abgeben.

Außerdem transportiert Ohrenschmalz, drittens, natürlich auch Schmutz aus dem Ohr. Oder Hautschuppen. Oder andere Dinge, die da nichts zu suchen haben. Denn es gibt einen natürlichen Kreislauf. Der Körper verwendet modifizierte Schweissdrüsen im Ohr – die Glandulae ceruminosae – um ständig neuen Nachschub zu produzieren. Und wenn wir unsere Kiefer bewegen, egal ob wir etwas essen oder reden oder nur Kaugummi kauen – wird es nach außen transportiert.

Das bekommt man in Wirklichkeit nicht mit, normales Duschen oder Gesichtwaschen reicht völlig, damit da nicht ekelhafte Substanzen zurückbleiben. Es gibt keinen Grund irgend etwas zu unternehmen, um in diesen natürlichen Vorgang einzugreifen.

Und schon gar keinen gar auf Wattestäbchen zurückzugreifen. Jeder HNO-Arzt kann das bestätigen. Q-Tips haben überhaupt nichts im Ohr zu suchen. Das ist eine sichere Methode einen Ohrenschmalzpropf zu basteln, der dann mechanisch vom Arzt entfernt werden muss. Das ist zwar auch nicht schlimm, aber ein sehr seltsamer Vorgang. Und vorher kann einem recht schwindlig werden und recht schwerhörig. I know what I’m talking about.

Vielleicht auch deswegen vermarktet die Firma Q-Tip ihre Wattestäbchen auf ihrer Homepage nicht einmal mehr mit dieser Funktion. Vielmehr steht da zu lesen, dass Q-Tips „AMERICA’S ULTIMATE HOME AND BEAUTY TOOL“ seien. Sieh’ da.

Ach, und dann wollen wir noch eine wichtige Funktion, viertens, nicht vergessen. Der gute, alte Ohrenschmalz verhindert recht gut, dass irgendwelche Insekten sich in unserem Ohr einsiedeln. Das scheint ja irgendwie eine große, unbewusste Sorge zu sein. Denn sonst hätten wir nicht eine ganze Insekten-Ordnung der Neoptera „Ohrwürmer“ getauft. Oder Ohrzwicker. Oder Ohrbeisser. Oder ear wigs. Oder ear worms. Oder perce-oreille. Oder auricula.

Dabei sind die armen Tierchen da völlig umsonst seit Jahrtausenden unter Verdacht, die interessieren sich nämlich in keinster Weise für das menschliche Ohr. Gärtnern gilt er als Nützling, denn mit den kleinen Zangen beißt er nicht in Ohren, sondern in Schmetterlingsraupen oder Blattläuse.

Ein dreifach Hoch also auf das Ohrenschmalz. Partyfact zum Schluss: Ohrenschmalz kommt beim Menschen in zwei verschiedenen Formen vor. Zum einen der feuchte Typ, den wir alle kennen und meinen und mittlerweile, nach dieser Sendung, hoffentlich auch schätzen. Diese wachsartige gelbe bis bräunliche Masse. Aber zum anderen gibt es auch eine trockene Form. Die ist weiß und kommt nur in Ostasien vor oder bei den Ureinwohnern Amerikas.

Weil aber die wachsartige Form sich dominant vererbt, haben zum Beispiel in Europa oder Afrika unter 3% der Menschen die trockene, weiße Form. Die irgendwann ganz ausgestorben sein wird.

Soviel zum Ohrenschmalz.
Nächste Woche geht es dann um Eiter.
Wenn das nicht wirklich Morgenradio 2.0 ist, oder?
Nee, nee, nicht weggehen! War nur ein Scherz!
Nächsten Montag geht es um Kaffee, o.k?
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