Expl0548: Depression und Statistik

Immer mehr Menschen werden depressiv. Und immer mehr Kinder. Das dürfen wir immer wieder lesen, hören oder sehen. Eben, weil alles immer schlimmer wird. Ist doch klar! Klar schon, aber wahr ist es halt sooo nicht.


Download der Episode hier.
Opener: What is depression? Von Helen M. Farrell / TED-Ed
Closer: The Simpsons: Happy Pills von Juraca
Musik: „Docteur (2016)“ von niais gourous / CC BY 3.0


[toggle title=”Skript zur Sendung”]
Ihr kennt die Meldungen selber: Immer mehr Menschen werden depressiv, immer mehr Kinder werden depressiv, immer mehr Frauen werden depressiv, immer mehr Fehltage durch Depression, die Leistungsgesellschaft macht depressiv, das Gesundheitswesen, die Medien und am Schluss gar Sonneneruptionen.

Als Durchschnittslieschen Normalotto hat man in Deutschland eine Chance von 4 zu 1 einmal im Leben eine Depression erleben zu müssen. 20% aller Menschen sind davon also irgendwann betroffen. Das ist besorgniserregend, klar. Es sind nämlich depressive Menschen, die sich umbringen, nämlich 15% der Erkrankten.

Die Depression ist mit weitem Abstand die Königin der psychischen Erkrankungen. Anpassungsstörungen, Neurosen, Somatosen und Alkoholismus zusammen gerechnet können da nicht mithalten. Und weil das in den Betrieben Fehltage produziert und damit der Wirtschaft schadet, blickt so langsam auch die Politik auf diese ganzen Statistiken.

Steht zumindest im Koalitionsvertrag der Satz, dass keiner länger als einen Monat auf einen Therapieplatz warten muss. Denn eine Statistik der Bundespsychotherapeutenkammer hatte 2013 ergeben, dass man auf ein Erstgespräch bei einem Psychotherapeuten drei Monate warten muss und auf einen Therapiebeginn noch einmal so lange. Im Durchschnitt. Daher die Fehltage im Betrieb, daher der wirtschaftliche Schaden und daher die Willensbekundung der Regierung.

Es ist also etwas faul im Staate Dänemark und in allen anderen westlichen Gesellschaften angeblich auch. Die Depression, so liest man, sei auf dem Vormarsch, weil unsere Welt immer stressiger wird. Rollenbilder sind im Schwanken, der Anpassungsdruck wird immer größer, Jobs sind immer unsicherer und überhaupt: Der Druck nimmt zu. Alles so stressig! Und dann kann man halt nicht mehr. Dann kriegt man einen Burn-Out. Was auch nur ein anderes Wort für Depression ist.

Ich bekomme jeden Mal, wenn Medien zu so einem einhelligen Urteil finden, starke Skepsis-Anfälle. Irgendwie schreiben dann immer alle voneinander ab, so mein Eindruck. Letztes Jahr berichteten z.B. viele Medien – zumindest alle üblichen Verdächtigen – wie die Anzahl der Depressionen bei Kindern explodiert. Sich in zehn Jahren verdreifacht habe. Noch vor 50 Jahren gab es das aber praktisch nicht! Achtung! Weltuntergang! Mobbing, Computer, Smartphones, Leistungsdruck!

So ein Umgang mit Statistik ist ausgesprochen unlauter. Vor 50 Jahren gab es keine relevanten Fälle von kindlicher Depression, das stimmt wohl. Weil man Kinder nicht auf Depressionen untersucht hat! Kinder- und Jugendpsychiater oder -therapeuten ist ein Berufsstand, den es überhaupt erst seit 1993 gibt!

Und vor 1983 gab es im International Catalogue of Dieseases, im ICD, noch nicht einmal eine Diagnose für psychische Störungen des Kindes- und Jugendalters! Kinder hatten einfach keine psychischen Störungen. Das war allen klar. Basta.

Doch mittlerweile gibt es den Berufsstand der Kinder- und Jugendpsychiater und -therapeuten, wenn auch bei weitem noch nicht genug verbreitet. Denn die müssen ja erst einmal raus aus den Unis und den langwerigen Fortbildungen und sich niederlassen. Man wünscht sich staatlicherseits 29 dieser Spezialisten je 100.000 Jugendlich. 70% aller Kreise liegen immer noch deutlich darunter. Und immer noch 15 Kreise haben überhaupt niemanden mit dieser Ausbildung zur Verfügung.

Für Kinder und für Jugendliche kann man sich nur wünschen, dass diese Lücken sich füllen. Und solange es mehr Psychiater und Therapeuten werden, so lange werden auch die Zahlen für depressive Kinder und Jugendliche steigen.

Sind aber, von diesen Formalien abgesehen, die aber die ganze Statistik kaputtmachen, nun mehr oder weniger junge Menschen davon betroffen? Das ist das Problem: Das können wir halt nicht sagen. Wir wissen es nicht! Und darum ist es eben unlauter, so etwas zu behaupten.

Die Anzahl an diagnostizierten Depressionen nimmt auf jeden Fall zu. Und eben auch die Anzahl der Fehltage. Aber: Wie im Beispiel mit den Kindern und Jugendlichen, kann es auch hier einfach auch sein, dass wir das halt öfter diagnostizieren als früher.

Weil es für uns nicht mehr so schlimm ist, depressiv zu sein oder gewesen zu sein. Weil wir ein Verständnis dafür entwickeln, dass es sich dabei nicht um ein persönliches Versagen handelt, sondern um eine Krankheit.

Und damit auch eine Krankheit des Körpers. Depressive sind nicht einfach nur traurig, wir können auf Bildern zeigen, wie ihr Gehirn anders versorgt wird mit Stoffen, die für eine ausgeglichene Psyche wichtig sind. Und je mehr sich dieses Wissen durchsetzt, desto eher sind Menschen auch bereit, diese Diagnose zu akzeptieren. Und das ist eine gute, keine schlechte Nachricht.

Oder Ärzte sind mittlerweile auch eher bereit, das zu diagnostizieren. Statt ihren Verdacht hinter Rückenschmerzen, Kreislaufbeschwerden oder ähnlichen Scheindiagnosen zu verstecken. Auch bei den Erwachsenen, nicht nur bei den Kindern, könnte es ganz gut sein, dass nicht mehr Menschen depressiv werden, sondern nur die Diagnose öfter gestellt wird.

Die Tatsache, dass die Selbstmordzahlen seit 1974 Jahr für Jahr zurückgehen, sind da durchaus ein Indiz. Denn es sind depressive Menschen, die sich umbringen. Wenn wir das aber rechtzeitig erkennen und behandeln, können wir helfen.

Und es gibt in diesen Statistiken noch viele andere Dinge, die immer wieder erwähnt werden. Immer wieder auftauchen. Und die wahrscheinlich auch so nicht stimmen. Die von genau dem gleichen Wahrnehmungsproblem ausgelöst werden.

Zum Beispiel werden am häufigsten Menschen im Gesundheitswesen an Depressionen krank, Menschen, die im Bauwesen arbeiten, aber am seltensten. Das kann man so deuten, dass es halt furchtbar stressig ist, kranke Menschen zu behandeln, und Ärzte und Schwestern daran ausbrennen. Während die Arbeit am Bau gesund ist. Frische Luft. Man macht etwas mit den Händen. Klare Arbeitsverhältnisse.

Aber, merkste selber, oder? Sooo wird es wohl nicht sein. Viel wahrscheinlicher ist es, dass Menschen, die in ihrer Ausbildung gelernt haben, was eine Depression ist, sich auch eher deswegen behandeln lassen. Denn es ist eher akzeptiert.

Auf dem Bau wahrscheinlich eher nicht. Und noch mehr: Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass man mit einer leichten bis mittelschweren Depression am Bau besser durch den Tag kommt als im Operationssaal. Just my five Cent…

So ähnlich ist es mit einem anderen Bias, den man oft liest. Nachweislich leiden Menschen in den höheren Bildungsschichten seltener an Depressionen als in den niedrigen. Man könnte jetzt daraus folgern, dass schlechte Berufschancen und ein niedriges Einkommen depressiv machen. Und Bildung wohl glücklich macht. Auch das liest man.

Aber auch hier wird umgekehrt ein Schuh draus. Depressiv zu sein macht es wahrscheinlich schwierig bis unmöglich, eine höhere Ausbildung überhaupt durchzustehen und sich im Konkurrenzkampf durchzusetzen. Wenn eine Therapie sechs Monate Wartezeit hat, dann ist das schon einmal ein ganzes Semester, da wird’s dann langsam schwierig in Beruf und Studium.

Es ist auch hier das Problem: Verlieren Menschen erst die Hoffnung und werden dadurch depressiv? Oder haben sie keine Hoffnung, weil sie depressiv sind? Und nicht einmal darauf kann man eine eindeutige Antwort geben. Aber muss man auch nicht. Helfen muss man.

Ooch, immer keine Antworten! Wie blöd! Werden jetzt also immer mehr Menschen depressiv oder nicht? Kann man das nicht einfach beantworten, bitte?

Ganz ehrlich: Mir persönlich würde es ja so richtig gut in den Kram passen, wenn es so wäre. Wenn unsere moderne Leistungsgesellschaft die Menschen nachweislich krank machen würde. Und der blöde Konsumismus. Die ständige Wahl, das ständige perfekt-sein müssen, die ständige Selbstkritik, die wir alle dauernd pflegen. Wenn Depressionen die Kehrseite einer individualistischen Gesellschaft wären.

Denn auch das wird oft genug behauptet. Und passt ja nicht nur mir gut in den linksintellektuellen Kram. Aber die Wahrheit ist: Man kann das nicht ernsthaft so behaupten! Wir können das nicht wirklich an unseren Statistiken erkennen. Wir messen nur Diagnosen und Therapien, nicht Erkrankungen. Nicht Kranke.

Laut der WHO, der Weltgesundheitsorganisation, waren 2015 weltweit 121 Millionen Menschen depressiv. Habe ich gelesen. Das erinnerte mich an eine andere Zahl und ich habe ‘mal gegoogelt…

Da gab es doch so eine internationale Psychiatertagung… In New York… Ja, hier: „Depression ist die verbreitetste Krankheit der Welt! Mit über 100 Millionen Betroffenen weltweit!“ Haben die in der Pressemitteilung geschrieben. Das war im Oktober 1970. Vor 46 Jahren. Zu einem Zeitpunkt, als Kinder und Jugendliche noch nicht einmal diagnostiziert oder gezählt wurden.

Lassen wir also die Kritik an der Zivilisation. Glauben wir den Dystopien lieber nicht. Sorgen wir lieber dafür, dass die Regierung ihr Versprechen von 2014 Wahrheit werden lässt. Damit die Betroffenen schnell Hilfe bekommen. Das ist das Wichtigste. Statistik hilft da nicht.
[/toggle]