Expl0551: Das Brummton-Phänomen

Manchmal wird mir der ständige Autolärm in München zu viel. Es gibt nicht einen Ort in der ganzen Stadt, an dem man KEINE Autos hört. Aber vielleicht ist dieses Hintergrundrauschen ja auch ein guter Schutz vor dem rätselhaften Brummton-Phänomen.


Download der Episode hier.
Beitragsbild: By I, Zeality, CC BY 2.5, Link
Opener: „Electrical hum sound effect“ von Jojikiba
Musik: „Our Place (2015)“ von Arrow & Olive / CC BY-SA 3.0


[toggle title=”Skript zur Sendung”]
Taos. So heißt eine kleine Stadt mitten im Wilden Westen. Eigentlich wäre sie selber eine Sendung wert. Denn Taos ist DER Fleck in Amerika, der am längsten besiedelt ist. Das liegt an den Anasazi-Indianern, die hier im 10ten Jahrhundert zwei große Pueblos aus Lehmziegelsteinen gebaut haben.

Darum entstand hier ein Handelsposten der Spanier und aus dem dann ein kleines Städtchen. Auf die Indinaer folgten die Spanier. Denen folgten die Mexikaner, auf die Mexikaner die Texaner und auf die Texaner folgten die Hippies. Denn einige Szenen aus „Easy Rider“ spielen in dem hübschen Örtchen.

Jetzt ist Taos vor allem dafür bekannt, dass sich berühmte Menschen dort einen Altersruhesitz zulegen. Wie z.B. Donald Rumsfeld oder Julia Roberts. Doch wirklich bekannt geworden ist Taos nicht für sein hübsches Aussehen, sondern für sein Brummen. Im Englischen „The Taos Hum“. Im Deutschen heißt dieses seltsame Phänomen schlicht „Das Brummton-Phänomen“.

Es war im Jahre 1989, als einige Bürger des Örtchens in New Mexiko über ein komisches Brummen klagten. Ein ständiges, nerviges Geräusch, als ob ein weit entfernter LKW im Leerlauf vor sich hin dieselt. Oder ein sehr, sehr alter Kühlschrank, der langsam seinen Geist aufgibt.

Das Geräusch trat immer nachts auf und war für die Betroffenen natürlich sehr quälend. Wenn man ständig so ein Brummen hört, kann einen das schon wahnsinnig machen. Kennt jeder, der schon einmal Tinnitus erfahren hat.

Weil in der Nähe von Taos auch militärische Anlagen sind, war die ganze Affäre dem amerikanischen Staat aufwendige Untersuchungen wert. Aber egal, wo man forschte und bohrte und fragte und untersuchte: Es konnte nirgends eine Erklärung für das tiefe Brummgeräusch gefunden werden. Die leitenden Wissenschaftler Joe Mullins und James Kelly veröffentlichten 1995 in „Echoes“ ihren Abschlussbericht. 2% der Einwohner hörten diesen Brummton, keine These zur Entstehung konnte verifiziert werden. Ein ungeklärtes Rätsel.

Doch Taos sollte nicht alleine bleiben. Mittlerweile gibt es den Auckland-Hum, den Windsor-Hum, den Bristol-Hum und so weiter und so fort. Betroffen sind kleinere Orte oder Vorstädte in der ganzen westlichen Welt. Seit 2001 auch deutsche Gemeinden, den Anfang machte Herrenberg im Schwarzwald. Als ein älteres Pärchen berichtete, dass es wegen dieses nervigen Brummens vom Ort wegziehen will, meldeten sich sofort 30 weitere Betroffene.

Weil Deutsche Deutsche sind, gründete sich stante pede die „Interessengemeinschaft zur Aufklärung des Brummtons e. V.“ oder kurz: die IGZAB. 1500 Betroffene sollen sich schon hilfesuchend an den Verein gewandt haben.

Weil Deutsche Deutsche sind, kam der Brummton auch vor Gericht. In Baden-Württemberg kam es zu einer Anzeige gegen Unbekannt wegen Körperverletzung. Deswegen beschäftigte sich im Ländle auch der Landtag mit der Sache und ließ alle 13 betroffenen Gemeinden untersuchen. Aber auch in Deutschland blieben die Untersuchungen ohne Erklärung.

Mittlerweile sind so viele Menschen von dem Phänomen betroffen, dass man einiges Gemeinsames zum gespentischen Brummton sagen kann. Oder besser über die vom Brummen im Kopf Betroffenen.

Wie schon erwähnt, tritt es meistens in kleinen Gemeinden auf. Der Hintergrundlärm in unseren Städten scheint einen gewissen Schutz darzustellen. Maximal 2% der Bevölkerung können das Phänomen wahrnehmen, das immer zeitgleich an einem Ort beginnt und aufhört. Das sind meistens Menschen, die älter als 50 Jahre sind. Kinder und Jugendliche sind noch nie betroffen gewesen.

Der Ton liegt meistens im Bereich zwischen 10 und 50 Hertz, ein sehr, sehr tiefer Ton also. Bei bestimmten Kopfbewegungen hört der Ton auf. Wenn man verreist und wieder nach Hause zurückkehrt, hat man erst einmal ein paar Tage Ruhe.

Betroffen ist hauptsächlich Nordamerika, Europa und Australien. In Afrika und Asien z.B. gibt es praktisch kein Brummton-Phänomen.

Seit über 27 Jahren also wird der Westen von einem Geräusch geplagt, für das es momentan noch keine Erklärung gibt. Von den möglichen Gründen zähle ich ein paar auf, ihr könnt euch dann selber ein Lösungsmodell zusammenbasteln.

1) Die Betroffenen sind alle psycho. Das Brummton-Phänomen erklärt sich als eine Mischung aus Tinnitus und Massenhysterie. Denn ein akustisches Erlebnis im Kopf ohne äußere Gründe ist qua definitionem ein Tinnitus. Regt euch nicht auf, hört nicht so genau hin, dann geht das schon vorbei. Hilft natürlich den Betroffenen nicht wirklich.

2) Irgendeine Technologie, die wir verwenden, produziert Wellen, die in den Köpfen der Betroffenen wie ein Brummen klingen. Das können Radios sein oder Handys oder Trafostationen oder Maschinen. Weil es sozusagen eine Nebenwirkung der erzeugten Technologie ist, können wir das nicht dokumentieren oder finden. Hilft auch nicht.

3) Die Außerirdischen sind in Wirklichkeit schon da. Und deren Kommunikation findet eben in diesen tiefen Frequenzen statt, die Menschen normalerweise nicht hören können. Oder die Aliens führen auf diese Art geheime psychische Experimente mit uns durch. Oder wahlweise das CIA, der Mossad oder die Illuminati. Wozu und warum und weshalb bleibt uns verborgen. Darum ja „geheim“. Hilft auch nicht.

4) Wenn die Erde sich dreht, dann reiben die Erdschollen aneinander. Und das produziert eben manchmal seltsame Geräusche. Oder es sind die Planeten in ihrer Gesamtheit, deren Bewegungen manchmal Frequenzen erzeugen. Weil sich da irgend etwas überlagert. Manchmal. Nur an bestimmten Orten. Erst seit 1989. Hilft auch nicht.

5) Wie jeder weiß, ist die Erde ja innen hohl. Und auf der Innenseite unserer hübschen blauen Kugel leben entweder die Reptiloiden oder die Nazis. Oder der CIA, der Mossad und die Illuminati. Und wenn die da bestimmte Dinge tun, vielleicht Raumschiffe bauen oder ins Autokino gehen, dann hört man das halt auf der anderen Seite. In Herrenberg zum Beispiel.

6) Es sind arme, verlorene Seelen, die in einer Welt zwischen Tod und Erlösung vor sich hin geistern. Und wenn die Smalltalk betreiben, dann brummt es. Oder wenn sie auf die andere Seite wollen.

7) Oder aber, und das ist meine Lieblingstheorie bisher: Felsen sind gar nicht leblose Brocken Gestein. Felsen leben! Bloß sehr, sehr langsam. Und wenn die sich unterhalten, entstehen tiefe Töne, die nur die Sensibleren unter uns hören können. Vielleicht war das in Herrenberg 2001 nur so eine Art Talk-Show für Felsen? Könnte doch sein.

Aber Spaß beiseite. Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Wir müssen seit 1989 eben mit dem Brummton-Phänomen leben. Und für die Menschen, die betroffen sind, ist das natürlich nicht lustig. Das sind auch nicht alles Esoteriker oder Spinner oder Hypochonder oder psychisch instabile Typen und Typinnen.

Und es wäre schon wünschenswert, wenn wir eine Erklärung finden könnten. Wenn die Wissenschaft einen Hebel ansetzen könnte. Denn nur, wenn wir wissen, was der wirkliche Grund ist, können wir wirklich helfen.

Die Immobilienpreise waren übrigens in Taos 1989 von dem Brummen durchaus auch betroffen. Aber es ist nicht so, dass die in den Keller gegangen wären, weil die Bevölkerung massenweise die Flucht ergriffen hätte. Nee, der kurze Medienrummel hat im Gegensatz eher zu einer deutlichen Preiserhöhung geführt. Sollten in Wirklichkeit fiese Makler…

Ach, lassen wir die Spekulationen lieber!
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