Expl0553: Die züchtige Hausfrau

Und am sechsten Tage schuf Gott den Menschen. Als Mann und als Hausfrau schuf er sie. Oder nicht? Tatsächlich ist „Hausarbeit“ ein Begriff der Moderne. Und die Vorstellung, die Frau wäre besser zum Putzen, Bügeln, Waschen ausgestattet als der Mann das Ergebnis von 200 Jahren bürgerlicher Propaganda.


Download der Episode hier.
Opener: „Alte Werbung Dr. Oetker – Pudding & Backin“ von Einkaufsnetz
Closer: „The Simpsons – Homer gives Bart advice on women“ von letsbepandas
Musik: „Kesse Sohle (2015)“ von Old Slush / CC BY-SA 3.0


[toggle title=”Skript zur Sendung”]
Hallihallo!

Und drinnen waltet
Die züchtige Hausfrau,
Die Mutter der Kinder,
Und herrschet weise
Im häuslichen Kreise,
Und lehret die Mädchen
Und wehret den Knaben,
Und reget ohn’ Ende
Die fleißigen Hände,
Und mehrt den Gewinn
Mit ordnendem Sinn,
Und füllet mit Schätzen die duftenden Laden,
Und dreht um die schnurrende Spindel den Faden,
Und sammelt im reinlich geglätteten Schrein
Die schimmernde Wolle, den schneeigten Lein,
Und füget zum Guten den Glanz und den Schimmer,
Und ruhet nimmer.

Hach. Die schöne, kitschige Bilderwelt des Bürgertums. Von unserem Schiller 1799 im „Lied von der Glocke“ bedichtet. Über zweihundert Jahre haben Konservative ihre Wertvorstellungen aus diesem Lieblingsgedicht der Deutschen bezogen.

Die züchtige Hausfrau also. So wie die Natur das eben angelegt hat. Wie es Gottes Plan war.
Es liegt auf der Hand: Frauen bekommen die Kinder, ziehen sie groß und kümmern sich um alles, was es eben in einem Haushalt zu tun gibt. 1799 war das noch ein leidlicher Aufwand, denn vor dem Kochen musste man anfeuern. Vor der Milch gab es das Melken. Und Waschen war harte körperliche Arbeit. Da haben es die Hausfrauen heute doch richtig gut!

Dieses Bild von der Aufgabenverteilung beherrscht unsere Gesellschaft heute noch. Nicht nur in heimlichen Idealen von konservativen Geistern in konservativen Parteien. Sondern auch als Fakt. Längst ist die Zeit vorbei, wo ein Arbeitergehalt „in der feindlichen Welt“ für den Unterhalt einer Familie genug war. Das reicht heute gerade ‘mal für die Miete.

Und längst ist auch die Zeit vorbei, wo Frauen die schlechtere Ausbildung hatten. Mittlerweile ist eher das Gegenteil der Fall. Auch wenn wir in Deutschland hinterherhinken hinter Skandinavien oder Frankreich: Die meisten Mütter arbeiten. Ist so. Punkt.

Und jetzt kommt der Haken. Die meisten Mütter arbeiten UND sind immer noch Hausfrauen. Putzen, Spülen, Aufräumen, Waschen und Bügeln bleibt in beinah 80% der Familien, in denen beide Partner Einkommen haben, immer noch automatisch Frauensache.

Und NUR Hausfrau sein, das geht auch nicht mehr. Wie dichtet noch 2005 Thomas Gsella in der Süddeutschen:

„Ihr Tun hat keinen edlen Klang und ward kaum je bedichtet. Doch ist ihr Ruf weit unterm Rang des Werks, das sie verrichtet. Bereits um zehne steht sie auf und muss gleich nach dem Brunchen und noch im selben Schichtverlauf vier Gurkenmasken panschen. Weich legt sie für den Rest des Tags sich hin und lauscht verloren dem Surren des Maschinenparks sowie der Vibratoren.“

Wir kommen von den überlebten Rollenbildern immer noch nicht weg. Und Friedrich Schiller trifft keine allzu kleine Schuld. Wir haben Frau und Waschen, Frau und Putzen undsoweiter zu einem Gesamtbild verschmolzen. In unseren Köpfen.

Doch eines stimmt halt dabei vorne und hinten nicht: Die Hausfrau ist nicht so alt wie die Menschheit. Die Hausfrau ist eine Erfindung der Moderne. Die Verknüpfung von Haushalt und Frau ist das Ergebnis von 200 Jahren gesellschaftlicher Propaganda. Wie überhaupt die Vorstellung, was eine Familie so zu sein hat.

Deren genaue Beschreibung ist nämlich im agrarischen Europa völlig wurst gewesen. Familie war kein wichtiger Begriff. Wichtiger war der Familienhof. Und natürlich wurde in unserem Klima jede Hand gebraucht, um überhaupt zu überleben. Natürlich arbeiteten Frauen auf dem Feld. Die Arbeiten waren verteilt, aber gleichwertig.

Denn Erwerbsarbeit und Hausarbeit zu trennen, machte überhaupt keinen Sinn. Das wäre niemandem eingefallen.

Noch irrsinniger hätte man die Vorstellung empfunden, Kinder aufzuziehen, wäre Arbeit. Säuglinge wurden gegautscht, d.h. auf Bretter gefesselt und mitgeführt. Nicht einmal das Stillen war der Mutter alleine vorbehalten. Und wenn die Gören selbständig gehen konnten, dann mussten auch sie mit Hand anlegen. Kindheit gab es nicht.

Das ändert sich alles erst im späten sechzehnten Jahrhundert. Der Begriff „Hausfrau“ taucht dann erst überhaupt auf. Aber das bedeutet etwas völlig anderes. Die Hausfrau war die Herrin des Hauses, die Chefin. Auf größeren Landgütern sozusagen Hausbeamte.

Der Begriff „Hausarbeit“ ward da aber noch bei weitem nicht erfunden. Denn das Schillersche Frauenbild entsteht nicht auf dem Land. Das entsteht in den Städten. Im Bürgertum. Die Frauen von Händlern, die wurden die ersten „Hausfrauen“. Und zu Beginn war das immer noch eine Machtposition.

Erst mit der Reformation, dem Calvinismus und besonders dem Puritanismus, der als erstes die hausfraulichen Ideale formuliert, ändert sich das. Erst jetzt wird der öffentliche Raum und der private Raum getrennt. Und die Arbeit der Frau verschwindet aus der Öffentlichkeit. Findet heimlich in den trauten vier Wänden statt. Und natürlich unbezahlt. Und keine Kohle heißt auch keine Macht.

Diese sogenannte bürgerliche Revolution, erfindet die Mär, dass Hausarbeit natürliche Frauensache ist. Es ist der Handel und das Handwerk, mithin der Kapitalismus und im logischen Schluss besonders die Industrialisierung, die die Frauen in die Küchen verband. Und sie zweihundert Jahre lang, Stück für Stück, ihre Rechte kostet.

Frauen verlieren das Verfügungsrecht über ihre Mitgift, sie verlieren das Recht, Handel zu treiben oder überhaupt Besitzungen zu haben. Das wird so etwas von selbstverständlich, dass es in unserer Bundesrepublik bis 1962 Frauen ohne Zustimmung des Mannes nicht einmal ein Konto eröffnen konnten! Kein Scherz.

Aber in der neuen bürgerlichen Gesellschaft des achtzehnten Jahrhunderts gab es immer noch die Frauen des alten Typs. In den unteren Ständen, bei den Arbeitern und den Bauern, änderte sich erst einmal nicht viel. In der französischen Revolution sehen wir die berühmte Marianne die Barrikaden erstürmen, während aber die Ehefrauen der Vordenker daheim mit Hausarbeit beschäftigt wurden.

Der Kapitalismus braucht noch eine Weile, bis er die Vorzüge in der Unterdrückung der Frau als Hausfrau erkennt. Am Anfang sind auch Frauen Menschenmaterial, das man verheizt, wie die Kinder eben auch. Arbeitskräfte allesamt. Und auszubeuten, so gut es nur geht.

Doch die Menschenopfer werden einfach zu groß. Das Elend in den überfüllten Mietskasernen, die Krankheiten, der Dreck und der Hunger fordern zu viele Opfer. Wollte man die Arbeiterschaft nachhaltig ausbeuten, dann musste man etwas an den Umständen ändern. So sank die Qualität an den Fließbändern, den Bergwerken und den Manifakturen einfach zu deutlich.

Erfunden ward die Kindheit. Kindererziehung wird ein Job. Gestillt wird selber. Die Kinder müssen zur Reinlichkeit trainiert werden, vor der Onanie bewahrt werden und zu Disziplin, Fügsamkeit und Rationalität gedrillt werden. Der Struwelpeter illustriert und diese Änderungen heute immer noch gut.

Tatsächlich dauert es bis 1864, bis wir zum ersten Mal den Vorwurf geschrieben sehen, Frauen mit Job wären unweiblich. Unartgerecht. Wir lesen bei Knittingham über die verwahrlosten Frauen auf dem Land: „Das, was Sitte und Anstand der Landmädchen vor allem zerstört, scheint mir in ihrem Gefühl der Ungebundenheit zu liegen. Und das haben die Frauen dadurch, daß sie eine bezahlte Arbeit haben … Alle Verdienstmöglichkeit gibt den Frauen einen vulgären Charakter, in ihrer Erscheinung und in ihren Verhaltensweisen, während Abhängigkeit im Unterhalt von dem Mann die Quelle allen bescheidenen und freundlichen Umganges ist.“

Um die Jahrhundertwende ist es dann geschafft: Es ist in den Köpfen der Menschen etabliert, dass Arbeit, Einkommen und Selbständigkeit keine Eigenschaften einer Frau sind. Hausfrau sein ist fraulich. Weiblich. Gott gegeben. Sexy.

Zweihundert Jahre hat es gedauert, bis das Ideal aus Schiller’s Glocke sich in allen Schichten durchgesetzt hatte. Zweihundert Jahre Entmächtigung und Unterdrückung der Hälfte der Population.

Vielleicht dauert es auch 200 Jahre, das in den Köpfen wieder zu ändern. Das ist schon frustrierend. Aber auf der anderen Seite: Kaum war das Biedermeier, das viktorianische Zeitalter überstanden, standen schon die ersten Frauen für ihre Rechte auf. Die Sufragetten, die ersten Frauenrechtlerinnen im heutigen Sinne.

Dann kann es jetzt nur noch maximal noch einmal 100 Jahre dauern, bis Männer und Frauen sich zu gleichen Teilen selbstverständlich die Hausarbeit und die Erwerbsarbeit teilen.

Der Countdown läuft auf jeden Fall.
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