Expl0554: Kindisches Kino?

Kinobesuch ist Eskapismus. Die Gesellschaft wird immer kindischer. Menschen nach ihrer Midlife-Crisis kauen Popcorn und kucken Superheldenfilme. Die Popkultur infantilisiert sich. Sagt Simone Pegg. Finde ich auch! Aber – nur so ein Gefühl – das müssen wir uns vielleicht genauer anschauen!


Download der Episode hier.
Opener: „Stephen Fry on Political Correctness and Clear Thinking“ von The Rubin Report
Closer: „Simon Pegg Shows Off His 12 Stages Of Drunkenness“ von Team Coco
Musik: „Pachelbel Canon in D Major – the original and best version“ von Voices of Music


[toggle title=”Skript zur Sendung”]
„Hallo, ihr Lieben! Ich find euch alle so toll! Ihr seid voll die guten Hörer und ich find’ das voll krass! Wir sind voll die Familie und die, die wo andere Sendungen hören, die sind einfach voll blöd!

Heute hab’ ich ‘mal gedacht, ich rede einfach über das Zeug, dass ich gerade eben im Drogeriemarkt gekauft hab’, o.k.? Ist voll der heiße Scheiss!

Und dann rede ich noch über die Teenage Mutant Ninja Turtles. Das macht man so, wenn man über 50 ist. Seid ihr dabei? Voll geil, oder! Mann, ich bin so aufgeregt!“

Hm. Hm. Hm. Manchmal, nur manchmal, frage ich mich, ob etwas dran ist an dem Vorwurf, dass unsere Gesellschaft infantilisiert. Immer kindischer wird.

Vom Medienphilosophen Jean Beaudrillard stammt genau diese Prognose: Der Kapitalismus infantilisiert uns absichtlich. Er wird uns die Wirklichkeit als zu gefährlich und kompliziert verkaufen und uns stattdessen kindliche Vergnügen bereiten. Zur Ablenkung.

Unser Geld nehmen für die Dinge, die wir schon als Kinder toll fanden. Damit wir nicht darauf aufmerksam werden, dass wir uns eigentlich gesellschaftlich engagieren sollten.

Das kann man diskutieren. Und genau das hat Simon Pegg vor kurzem getan. Mit diesen Worten von Beaudrillard warnte er auf seinem Blog vor der Infantilisierung der Popkultur. Und nicht zuletzt natürlich wegen des ganzen Hypes um die Superheldenfilme.

Denn Superhelden sind ja nicht für Erwachsene erfunden worden, sondern für Kinder und Jugendliche. Das muss man vielleicht noch historisch ergänzen, wenn man die ganzen Fotos von Conventions sieht, wo mittelalte Menschen ihre Bäuche in Superheldenkostüme quetschen.

Ich finde das einen interessanten Gedanken. Einer, der mich auch schon länger beschäftigt. Denn das Rollenbild „Erwachsener“ haben wir ja irgendwie abgeschafft. Heute ist man Kind, dann vierzig Jahre Jugendlicher und dann ist man altes Eisen.

Überprüfen wir das doch einfach mit einem direkten Vergleich. Nehmen wir die amerikanischen Kinocharts. Aus diesem, unserem Jahrzehnt und schauen wir uns einmal die erfolgreichsten Filme bisher an. Und überlegen uns dabei: Sind das erwachsene Filme? Oder sind das Filme für Jugendliche?

Nummer Eins: Star Wars: Episode VII – Erwachen der Macht (2015)
Nummer Zwei: Jurassic World (2015)
Nummer Drei: Marvel’s The Avengers (2012)
Nummer Vier: Finding Dory (2016)
Nummer Fünf: Avengers: Age of Ultron (2015)
Nummer Sechs: The Dark Knight Rises (2012)
Nummer Sieben: Die Tribute von Panem – Catching Fire (2013)
Nummer Acht: Toy Story 3 (2010)
Nummer Neun: Iron Man 3 (2013)
Nummer Zehn: Die Tribute von Panem (2012)
Nummer Elf: Captain America: Civil War (2016)
Nummer Zwölf: Frozen (2013)
Nummer Dreizehn: Harry Potter und die Heiligtümer des Todes – Teil 2 (2011)
Nummer Vierzehn: Despicable Me 2, Ich – Einfach unverbesserlich 2 (2013)
Nummer Fünfzehn: The Secret Life of Pets, Pets, (2016)

Das ist schon sehr ernüchternd. Scheint wohl etwas dran zu sein an dem Vorurteil. Wir haben hier fünf Mal Superheldenfilme, fünf Animationsfilme, also Computer-Zeichentrickfilme, dreimal Verfilmungen von Jugendbüchern und oben drauf noch Star Wars und als Verzierung ein paar Dinosaurier.

Na gut. Aber, um jetzt ein objektives Urteil zu fällen, sollten wir das mit früher vergleichen. Früher, vor der Jugendkultur am besten. Als es wahrscheinlich noch Erwachsene gab. Da müssen wir weit zurückgreifen, ich denke, wir nehmen am besten die Fifties.

Nummer Eins: Susi und Strolch (1955)
Nummer Zwei: Peter Pan (1953) – Walt Disney
Nummer Drei: Die zehn Gebote (1956)
Charlton Heston als Moses in einem Cecil B. Demille-Epos. Dauert über drei Stunden. Oscar. Hat ein G-Rating. Ist aber sicher kein Kinderfilm.
Nummer Vier: Ben-Hur (1959)
Noch mehr Sandalen. Noch mehr Charlton Heston. Elf Oscars. Auch kein Kinderfilm.
Nummer Fünf: Dornröschen (1959) – Walt Disney
Nummer Sechs: In achtzig Tagen um die Welt (1956)
DIE Jules-Verne-Verfilmung mit David Niven. Und Fernandel. Fünf Oscars. Lustiger Familienfilm.
Nummer Sieben: Das ist Cinerama (1952)
Das ist interessant! Ein Episodenfilm, der die Möglichkeiten des Cinerama demonstrieren sollte. Ein Durchbruch für diese Kinotechnik sollte das werden. Alle waren schwer beeindruckt. Aber der Standard hat sich nicht durchgesetzt. Erwachsener Inhalt, für Kinder langweilig.
Nummer Acht: Die größte Show der Welt (1952)
Wieder Cecil B. Demille. Wieder Charlton Heston. Dieses Mal ein Epos um die Welt des Zirkus. Drama, Liebe, Technicolor. Wieder kein Kinderfilm. Auch wenn es der erste Film war, denn das Kind mit Namen Stephen Spielberg je gesehen hat.
Nummer Neun: Das Gewand (1953)
Wieder Sandalen, wieder Bibel, wieder Überlänge. Dieses Mal aber mit Richard Burton. Und einem Cameo von Jesus Christus himself. Kein Kinderfilm.
Nummer Zehn: Aschenputtel (1950) – Walt Disney
Nummer Elf: Die sieben Weltwunder (1956)
Eine Dokumentation! Kuck an! Lowell Thomas hat hier die Liste der Weltwunder aufgefrischt und reist in diesem Film um die ganzeWelt und erklärt dabei. Kein Kinderfilm.
Nummer Zwölf: Quo Vadis (1951)
Noch mehr Sandalen. Ich höre hier einmal auf. Den kennt ihr ja sicher auch. Das ist der Film, in dem Peter Ustinov zu Klängen der Harfe das Brennen Roms bejault.

So. Das hätten wir hinter uns. Und auf den ersten Blick scheint Simon Pegg ja irgendwie recht zu haben. Klar, hier haben wir einen Haufen Filme, die nur für Kinder gedacht sind. Vier Stück von zwölf. Und Familienfilme, in die man Kinder oder Jugendliche mitnimmt. Der Rest sind Filme, die für ein erwachsenes Publikum gemacht sind.

Und tatsächlich, wenn man sich die veränderte Demografie in den USA anschaut, dann gehen Menschen zwischen 25 und 39 immer seltener ins Kino. Die Erwachsenen. Die unter 20 und über 40 dafür umso mehr. Noch nie sind in den USA so viele Menschen über 50 ins Kino gegangen wie 2015.

Und, noch ein Detail: Die Filme auf der Liste aus den 2010ern enthält verdammt viele PG-13-Filme. Nämlich alle Jugendbuch- und Superheldenstoffe. Selbst „Frozen“ ist für einen Zeichentrick mit PG – elterliche Aufsicht – erstaunlich hoch geratet.

Aber darum geht es Simon Pegg ja nicht. Es geht ja nicht darum, dass Kinder ins Kino gehen, sondern, dass Erwachsene kindische Filme kucken. Der Vorwurf, der sich dahinter verbirgt, ist der gute, alte Eskapismus-Vorwurf. Der ist so alt wie das Kino.

(in französischem Dialekt) „Ah! Typisch, diese Brüder Lumiere! Da fährt dieser Zug also in den Bahnhof La Ciotat ein und wir sitzen alle im Kino und sind gefesselt und abgelenkt, weil diese Bilder so berauschend sind. Aber hat sich schon irgend jemand die Frage gestellt, warum so viele Züge in französische Bahnhöfe hereinfahren und so wenige – viel zu wenige – wieder heraus?“

Lenkt das nicht zu sehr von der Realität ab, das Kino? Ich denke, das tut es. Absolut. Das ist seine große Stärke. Aber: Wenn wir uns die Liste aus den 50ies anschauen, dann ist das der ganz große Eskapismus. Sandalen, Sandalen, Märchen, Zirkus, Sandalen. Ich sehe da nicht den Kalten Krieg verhandelt oder den Konflikt um Korea. Nicht die Segregation der Afro-Amerikaner, nicht die Gleichberechtigung der Frau.

Und genau solche Themen leistet das Kino heute auch nicht. Wenn man Simon Pegg heißt und mittlerweile halt Hollywood-Kino macht. Ich finde aber, in Europa ist das alles ein bisschen anders. Etwas erwachsener. Und selbst in Deutschland hatten wir ein tolles Kinojahr. Sowohl „Toni Erdmann“ als auch „Tschick“ sind fantastische Filme. Erwachsene Filme, intelligente Filme.

Ich mag ja Superhelden, aber einen Toni Erdmann würde ich zum Immer-Wieder-Kucken jederzeit auf die Insel mitnehmen, einen Iron-Man-3 eher nicht.

Also, Simon Pegg, ich bin Deiner Meinung. Aber wir irren uns halt.
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